Floskel des Monats
Familiendrama

Dramen und Tragödien gibt es im Theater, in der Glotze – und in den Nachrichtenmedien in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Familien-, Beziehungs-, Ehe- oder Eifersuchts-, garniert mit -drama, -tragödie oder -tat werden unreflektiert gerne verwendet, wenn ein Mann seine Frau und gerne auch seine Kinder abgeschlachtet hat.

455 Opfer von Mord und Totschlag gab es laut BKA in der aktuellen Erhebung. „Vollendet“ gelang es an jedem dritten Tag in Deutschland. Dabei sind vier von fünf Opfern in einer Partnerschaft – gleich welcher Beziehungsart – Frauen. Im nächsten Monat wird die neue kriminalstatistische Auswertung der „Partnerschaftsgewalt“ für das vergangene Jahr veröffentlicht – mit vermutlich ähnlich erschreckenden Ergebnissen.

Absurd wird es, wenn Medien meinen, eine Nationalität und daraus eine Mentalität erahnen zu können. Dann wird aus dem arabischstämmigen Mann, der seine Cousine erstochen hat, ein „Ehrenmord“. Die übernommene Begrifflichkeit legitimiert die Tat als etwas Positives. Und beim Alman, der seine Familie ausgelöscht hat, ist es nur ein Familiendrama. Also quasi ein Ehrenmord – nur ohne Muslime.

Auch für einen „erweiterten Suizid“ sind die Familientragödie und anderen Synonyme nicht geeignet, denn sie beschönigen Tat und Täter und machen die Opfer zu Statisten in einem vermeintlich unausweichlichen Schauspiel. Der „erweiterte Suizid“ wurde übrigens schon vor 13 Jahren zum Schweizer Unwort des Jahres wegen des inneren Widerspruchs gekürt.

Begriffe wie Eifersuchtsdrama, Ehetragödie oder Beziehungstat verbieten sich in journalistischen Texten, denn sie führen in die Irre: Sie verdrängen und ignorieren das strukturelle Problem in allen Bevölkerungs- und Gesellschaftsschichten und tabuisieren zugleich die Taten. Ein Ehedrama impliziert, dass es kein öffentliches Interesse gebe. Da haben sich zwei halt ein bisschen hochgerangelt und dann ist die Situation etwas eskaliert; als gäbe es keine Alternative für den Tod.

„Musste Wibke sterben, weil sich ihre Mutter trennte“, fragte kürzlich ein unbelehrbares Blatt mit großen Buchstaben. Nein, die Tochter musste überhaupt nicht sterben – und weder sie noch ihre Mutter tragen Schuld an dem Mord. Diese unerträgliche Täter-Opfer-Umkehr verharmlost besonders bei schweren Gewalttaten das Verbrechen.

Hilfreich wäre es möglicherweise, den Begriff Femizid für die Tötung von Frauen bewusster zu machen. Kein neues Wort: Im Englischen gibt es ihn seit 200 Jahren. Auch in Südamerika ist er etablierter und akzeptierter als hierzulande und die WHO weist seit vielen Jahren auf das geschlechtsspezifische Problem hin. In Deutschland gibt es immerhin seit 2011 mit einer Änderung der BKA-Statistiken eine adäquate Grundlage, Femizide aufzeigen zu können. Die Bundesregierung weigert sich allerdings noch, Femizid offiziell anzuerkennen und einzuführen.

Der routinemäßige Blick in die Datenbank des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) verrät, dass beispielsweise das Familiendrama erst in den 1990er Jahren – zumindest in diesem Zusammenhang – in Fahrt kam und ihren Höhepunkt vor etwa zehn Jahren hatte. Seitdem werden diese und ähnliche Formulierungen deutlich weniger in den Medien genutzt. Tot zu kriegen sind sie aber nicht.

Eine Partnerschaft kann gewiss zu einem Drama werden, ein Mord hingegen nicht. Familiendrama und die sinnverwandten Wörter sind ungeeignet in der Berichterstattung. Es handelt sich um ein Tötungsdelikt, einen Totschlag oder Mord – bis die Floskel uns mutmaßlich scheidet.

Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 10.10.2019