Mein Blick auf den Journalismus
Hören wir endlich auf, die falschen Fragen zu stellen!
Benjamin Piel sagt: "Es ist unsere Entscheidung. Wir sind nicht die Opfer eines großen Wandels." (Foto: Thorsten Jander, Bearbeitung: journalist)

In unserer Serie "Mein Blick auf den Journalismus" fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Benjamin Piel kann das Gerede vom Untergang nicht mehr hören. Der Chefredakteur des Mindener Tageblatts sagt, es gebe nur eine einzige wichtige Frage: "Sind wir bereit, unser Bestes zu geben – für das, was den Menschen wichtig ist?" Benjamin Piel hat vier Dinge aufgeschrieben, die Lokaljournalismus einzigartig machen.

von Benjamin Piel

Der Journalismus lebt. Und wie. Aber er ist nicht aus sich selbst heraus lebendig und nicht zum Selbstzweck. Er ist es nur dann, wenn wir ihn leben – und zwar für die und mit den Menschen. Tun wir es nicht, sind Lokalmedien bald mausetot.

Es ist unsere Entscheidung. Wir sind nicht die Opfer eines großen Wandels. Wir sind höchstens die, die so getan haben, als sei alles wie immer. Und die sich nun wundern, wie falsch es war, sich zu ducken, weiterzumachen und zu hoffen, der Sturm ziehe vorüber. Der Wind ist da, und er bleibt. Wenn wir geschickt die Segel setzen, wird er uns in die Zukunft bringen statt uns umzuwerfen.

Das Internet hat uns alles kaputtgemacht? Die Menschen verstehen nicht, wie wichtig wir sind? Niemand ist bereit, Geld für unsere Arbeit auszugeben? Das sind die falschen Fragen. Ich kann das Gerede vom Untergang nicht mehr hören. Denn es gibt nur eine einzige Frage, die wirklich zählt: Sind wir bereit, unser Bestes zu geben – für das, was den Menschen wichtig ist?

Viele Jahre lang war diese Frage irgendetwas zwischen unwichtig und egal. Die gedruckte Zeitung war ein Ort für alle. Dieses Konzept hat vor 30 Jahren viel Sinn ergeben. Denn die Lokalzeitung hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie war alternativlos aus sich selbst heraus und weitestgehend unabhängig von ihrem Inhalt. Die Verleger hatten das Monopol der Druckmaschine. Sie allein konnten journalistische und werbliche Inhalte auf Papier bringen und in zehntausende Briefkästen stecken.

Dieses Privileg machte es zwar nicht vollständig gleichgültig, was in der Zeitung stand. Aber es führte dazu, dass der Inhalt nicht das entscheidende Kriterium war. Wer keine Zeitung las, war abgeschnitten vom Informationsfluss der Region. Lokalzeitungen waren relevant durch ihre bloße Existenz. Und so konnten sich die Zeitungshäuser nicht retten vor Menschen, die in ihrem Produkt vorkommen wollten – ob per Zeitungsinhalt oder Anzeige.

Beides hat sich geändert. Denn das Monopol der Druckmaschine existiert zwar fort, es hat aber an Wert verloren. Bis an die Grenze der Bedeutungslosigkeit heran und über sie hinaus.

Das liegt zum einen daran, dass viele Menschen sich vom Papier entfremdet und mit dem Handydisplay vermählt haben. Es hat seine Ursache aber auch darin, dass das publizistische Vorrecht der Verleger gefallen ist. Jeder, der ein Handy hat, ist zum Publizisten geworden. Das gilt für Einzelpersonen, die auf YouTube oder Instagram ganz ohne Verlagsinfrastruktur hunderttausende Menschen erreichen können. Es gilt aber auch für Vereine, Parteien, Verbände, Gruppierungen, Aktivisten, Klubs, Sportgruppen und was es sonst nicht so alles gibt im lokalen Gefüge. Im Gegensatz zu früher: Da gab es nur einen einzigen Kanal: die Lokalzeitung.

Inzwischen haben die Vereine, Parteien, Verbände, Gruppierungen, Aktivisten, Klubs und Sportgruppen ihre eigenen Kanäle, die sie pflegen und bespielen. Und zwar so, wie sie wollen. Das ist bequemer, schneller, günstiger, kontrollierbarer. Der Fußballverein präsentiert sich mit hochklassigen Fotos bei Instagram. Die Schützen haben eine Facebook-Seite mit hunderten Freunden. Die Umweltschützer haben sich auf Twitter eine beachtliche Reichweite erarbeitet. Und für viele sind private WhatsApp-Gruppen Orte geworden, an denen sie ihre Informationen bekommen.

Sie alle sind auf uns als Vermittler kaum bis gar nicht mehr angewiesen. Je jünger die Nutzer, desto deutlicher der Effekt. Das ist für den Lokaljournalismus ein schwerwiegendes Problem. Denn der Inhalt, Wert und Anspruch vieler Zeitungen endete bis vor einigen Jahren in etwa am selben Punkt wie die Flut der hereingereichten Texte und Bilder. Wäre unsere Funktion, zu veröffentlichen, was andere eingesendet haben, hätten wir bald jede Bedeutung verloren.

Die frohe Botschaft ist: Es war oft nicht Lokaljournalismus, was wir da taten, es war irgendwas mit Wörtern und Uhrzeiten. Im Umkehrschluss: Wenn wir mehr als je zuvor das tun, wofür wir eigentlich Journalisten sind, dann ist unsere Aufgabe nicht überflüssig.

Das führt zur Frage, was Lokaljournalismus einzigartig macht. Im Kern sind das – neben vielem anderen – vier Dinge: recherchieren, präsentieren, kommentieren und orientieren.

1. Wir recherchieren

Mit jedem Meter, den der hereingereichte Text an Fahrt verliert, gewinnt die Recherche an Bedeutung. Denn der tief recherchierte Inhalt ist, was wir exklusiv anzubieten haben. Je öfter wir das zeigen, dokumentieren und belegen können, was hinter den Dingen liegt, je präziser wir ans Licht holen, was sich bisher im Verborgenen abspielte, desto eher werden Menschen bereit sein, für diese exklusive Arbeit Geld zu bezahlen. Das klingt einfach, ist aber nicht zuletzt deshalb eine Herausforderung, weil Recherche für viele Lokaljournalisten eine kleinere Rolle gespielt hat, als gemeinhin anzunehmen sein könnte. Wessen Aufgabe es bisher war, hereingereichte Texte von grottenschlecht in schlecht zu verwandeln, wird es schwer haben, mal eben in den Recherche-Modus zu wechseln. Redaktionen brauchen Recherchetraining, Fortbildungen, Begleitung, Kooperationen mit anderen Redaktionen und Partnern sowie Teamarbeit, um exklusive Inhalte zu erzielen.

Wir beobachten in Minden, dass diese Inhalte mit großem Interesse belohnt werden. Wir haben zusammen mit dem Recherchenzentrum Correctiv für die Reihe „Wem gehört Minden?“ den Wohnungs- und Immobilienmarkt unter die Lupe genommen. Das Interesse an den Beiträgen war dann besonders hoch, wenn Missstände Thema waren oder bisher unbekannte Dinge ans Licht kamen. Das schmuckeste Gebäude der Stadt gehört der Bank of Montreal? Welche Inhaberfamilie verbirgt sich hinter dem größten Vermieter der Stadt? Welche Strategie verfolgt die amerikanische Investmentfirma, die ein früheres Einkaufszentrum vor sich hingammeln lässt? Wir haben darauf Antworten gefunden und ein hohes Interesse daran beobachtet.

Diese Beobachtung machen wir immer wieder, seitdem wir uns Nutzerdaten genauer anschauen und daraus Rückschlüsse ziehen, welche Themen warum funktionieren und wo wir am Ball bleiben und weiterdrehen sollten. Welche bessere Nachricht könnte es für Journalisten geben: Wenn wir Fakten checken, Journalismus machen, wenn wir das tun, was unsere Arbeit am meisten ausmacht, dann sind viele Menschen am ehesten bereit, dafür Geld auszugeben. Was für eine Wertschätzung unserer Arbeit! Das kann niemand außer uns – da kann uns kein Algorithmus ersetzen.

2. Wir präsentieren

Wir haben die Fähigkeit, Themen so zu zeigen, zu erzählen, zu schildern und so nachzuzeichnen wie niemand sonst vor Ort: brillant in Wort, Bild und Bewegtbild. Eine lebendig erzählte Reportage, eine messerscharfe Analyse, ein hinterfragender Kommentar, eine unterhaltsame Glosse, ein kritisch nachhakendes Interview – das sind Formate, die uns unterscheidbar machen vom Beliebigen. Das können wir immer noch am besten. Eine andere Beobachtung, die wir machen: Beiträge verkaufen sich nicht nur dann besonders gut, wenn wir Inhalte aufwendig recherchieren, sondern auch besonders wertig in Text und Bild präsentieren. Wenn wir textliche und optische Genussmomente bieten, dann ist den Menschen das etwas wert. Wenn wir ihnen etwas hinschludern, ist das Interesse klein. Und zwar zu Recht.

3. Wir kommentieren

Im Lokaljournalismus wurde vielerorts über Jahre hinweg eher scheu, manchmal auch gar nicht kommentiert. Sich mit Namen und Bild mit den lokalen Entscheidern anzulegen, das schien es nicht wert zu sein. Und es war vielleicht auch nicht das, was die Leser als Erstes erwarteten. Das hat sich geändert. Wenn wir unsere Leser und Nutzer heute fragen, was sie von uns erwarten, dann kommt eine Antwort überraschend oft: Wir mögen nachhaken, hinterfragen, kritisieren, nicht locker lassen, denen auf den Pelz rücken, die etwas zu sagen haben. Das ist eine Funktion, die viele mit den Zeitungshäusern verbinden. Während das Lokalradio eher unterhaltenden Charakter hat und einen launigen Start in den Tag liefert, erwarten die Menschen von den Lokalzeitungen mehr Mut, mehr Einmischung, mehr Rückgrat.

Wenn wir beliebig sind, finden die Menschen uns auch beliebig. Wenn wir aber allen Mut zusammennehmen und nicht vor der lokalen Elite kuschen, dann schätzen viele das. Es geht nicht um Kritik als Selbstzweck, nicht um Nörgelei und die Suche nach dem Haar in der Suppe. Es geht darum, dass wir zum Wohl der Region und ihrer – ganz normalen – Menschen unsere Rechte als Journalisten wahrnehmen und Pressefreiheit mehr sein lassen als ein Wort, das gut klingt.

4. Wir orientieren

Menschen möchten sich in ihrem Lebensumfeld zurechtfinden und aufgehoben fühlen. Dieses Bedürfnis können wir mit unserer Arbeit bedienen. Oft sind es viel einfachere Dinge, die die Menschen von uns erwarten als wir von uns selbst. Da ist den Leuten das scheinbar banale Ende des beliebtesten Dönermanns der Stadt oft wichtiger als das schicke Onlineprojekt, an dem wir seit einem halben Jahr arbeiten und einen Preis dafür erhoffen. Unsere Vorstellung von Relevanz und dem, was die Menschen als wichtig empfinden, klafft manchmal ganz schön weit auseinander. Diese Lücke sollten wir schließen.

Die Menschen haben Fragen, die uns trivial und geistlos erscheinen mögen, die in Wahrheit aber handfest, greifbar und lebensecht sind: Wer ist eigentlich der Inhaber des neuen Restaurants an der Ecke? Wie ist er nach Deutschland gekommen? Warum schließt das älteste Jeansgeschäft der Stadt? Und wie fühlt sich eigentlich der Inhaber? Wann startet wo und warum die nächste Baustelle? Wieso hakt es bei der Abholung der Gelben Tonne und wie will der Entsorger das Problem lösen? Warum ist es eigentlich so schwer mit dem ÖPNV von A nach B zu kommen und ginge das nicht auch leichter?

Diese Themen haben unmittelbar mit dem Leben der Menschen zu tun und funktionieren deshalb besonders gut. Das klingt einfach, und das ist es auch – wenn wir uns nicht mit unserem falsch verstandenen Anspruch im Wege stehen, solche Themen seien doch zu werblich, zu popelig, zu banal. Die Menschen werden es uns danken, wenn wir über unseren Schatten springen und das bedienen, was sie nun einmal in der Breite interessiert.

Wir sind keine Opfer. Der Lokaljournalismus lebt – wenn wir ihn leben. Für die und mit den Menschen vor Ort.

Benjamin Piel (35) volontierte bei der Schweriner Volkszeitung und wechselte 2012 zur Elbe-Jeetzel-Zeitung, die er später leitete. Seit Juni 2018 ist Piel Chefredakteur des Mindener Tageblatts. 2014 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin
Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine
Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater
Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt

 

Die Redaktion - 9.10.2019