Karin Schlüter
Qualität in der Timeline
"Heute sieht meine Öffentlichkeit anders aus als Ihre Öffentlichkeit, meine Timeline ist anders als Ihre Timeline", sagt Digitalexpertin Karin Schlüter. (Foto: Sami Skalli)

Die diesjährige Konferenz Besser Online, die am 14. September in Leipzig stattfindet, dreht sich vor allem um Künstliche Intelligenz (KI). Welche Rolle spielt KI im Journalismus? Wie können Journalisten die durch Algorithmen gesteuerte Verbreitung von Informationen für sich nutzbar machen? Der journalist sprach mit Digitalexpertin Karin Schlüter, die bei der DJV-Tagung die Keynote halten wird.

Interview von Monika Lungmus

journalist: Von der ausgebildeten Radiojournalistin zur Digitalexpertin – war das Zufall oder ein bewusster Bruch mit Ihrem Lieblingsmedium?
Karin Schlüter: Das war totaler Zufall. 2001 hat mich jemand gefragt, ob ich Lust habe, an einem Buchprojekt teilzunehmen. Das Thema war „Electronic Business“ und so bin ich dazu gekommen, mich mit dem Internet zu beschäftigen. Und bin dann da hängengeblieben.

Was hat Sie denn so an dem Digitalen fasziniert?
Naja, als Journalistin ist man ja an sich neugierig. Und mir macht es sehr viel Spaß mitzuverfolgen, was passiert, was als Nächstes auf uns zukommt, wie sich die Welt verändert. Ich glaube, es liegt in der journalistischen DNA, sich für diese Entwicklung zu interessieren.

Ihr Motto lautet: „Mit Leidenschaft in die digitale Zukunft“. Was verstehen Sie darunter genau?
Neue Entwicklungen haben ja in der Anfangsphase immer etwas Ungeordnetes. Es gibt vieles, was noch nicht gesellschaftlich ausdiskutiert ist. Gerade das ist spannend. Ich finde es gut, sich dem Neuen zu öffnen und zu versuchen, es positiv für uns Menschen mitzugestalten

Sie unterrichten an der Universität der Künste Berlin in dem Studiengang Leadership in digitaler Innovation. Womit beschäftigen sich die Studierenden?
Die Digitalisierung wird unsere Gesellschaft und die gesamte Arbeitswelt fundamental verändern. Alles verändert sich so stark, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, dass das, was man heute macht, in fünf Jahren noch Bestand hat. In unserem Studiengang geht es darum, wie wir im Chaos führen. Wie gebe ich eigentlich als Führungskraft meinem Team Sicherheit und Orientierung, wenn ich gleichzeitig gar nicht weiß, wo es künftig langgeht?

Eine noch nicht absehbare Umwälzung wird die KI bringen, um die es auch bei der DJV-Tagung Besser Online geht. Wo hat KI bereits den Journalismus verändert?
In verschiedenen Bereichen. Mit Hilfe von KI können beispielsweise Inhalte so erstellt werden, dass die Leser – es gibt Studien dazu – nicht mehr unterscheiden können, ob sie tatsächlich ein Mensch geschrieben hat oder ob ein Programm dahintersteckt.

Sie sprechen vom sogenannten Roboterjournalismus.
Ja, genau. Und der funktioniert überall, wo Daten vorliegen oder Daten leicht erhältlich sind: Wetter-, Verkehrs-, Börsennachrichten. Das ist der eine Bereich. Und das hat den Journalismus heute auch schon verändert. Im zweiten Bereich geht es um kuratierte Inhalte, die Programme personalisiert für die User zusammenstellen. Wenn ich also über verschiedene Timelines auf meinem Handy Informationen erhalte, dann steckt immer KI dahinter. Der Journalist als Gatekeeper und als derjenige, der nach Thema und Relevanz kuratiert, rückt immer weiter in den Hintergrund.

Heißt: Wenn ich mich einmal mit einem Thema befasst habe, dann bekomme ich automatisch eine Auswahl weiterer Themen und vernetze mich immer weiter in diesem Bereich.
Genau. Wenn ich einmal akzeptiert habe, dass wir ein Klimaproblem haben, und ich viel dazu gelesen habe, dann bekomme ich immer mehr Informationen.

In Ihrer Keynote bei Besser Online werden Sie sich damit beschäftigen. Ihr Thema lautet: „Journalismus für eine unsichtbare Öffentlichkeit“ – was muss man sich unter dieser „unsichtbaren Öffentlichkeit“ vorstellen?
Weil Algorithmen in den verschiedenen Timelines oder auf den Plattformen die Inhalte zusammenstellen, kann ich beispielsweise als Journalistin nicht mehr sehen, welche Informationen ein User bekommen hat. Wenn ich früher wissen wollte, wie der Nachrichtentag verlaufen ist, habe ich in eine Tageszeitung geschaut. Heute sieht meine Öffentlichkeit anders aus als Ihre Öffentlichkeit, meine Timeline ist anders als Ihre Timeline. Denn jede Timeline ist hyperpersonalisiert. Sie wissen also nicht, was ich heute mitbekommen habe vom Tag. Sie wissen nicht, ob ich weiß, was Sie wissen.

Dann gibt es noch Communitys wie etwa WhatsApp-Gruppen. Welche Rolle spielen die?
Das wird bezeichnet als Dark Social. Klingt böse, bezeichnet aber nur Bereiche, die öffentlich nicht einsehbar sind. Beispielsweise geschlossene Gruppen, Chats oder Foren. Hier werden viele Links geteilt, Diskussionen geführt und auch Meinungen gemacht. Wenn Sie in einer geschlossenen Gruppe einen eigentlich öffentlichen Inhalt teilen und dort 1.000 Menschen sich dazu austauschen, positiv oder negativ, dann können Sie das als Nichtmitglied der Gruppe nicht sehen. So kommt es dann beispielsweise, dass plötzlich 500 Leute eine Spontandemo machen. Deren Informationen sind auf dem gleichen Stand, basieren auf einer unsichtbaren, zugleich auch öffentlichen Diskussion.

Heißt das, dass sich Meinungsbildung künftig nur noch in sogenannten Filterblasen abspielt?
Meinungsbildung fand immer in Filterblasen statt. Filterblase ist ja erst einmal ein neutraler Ausdruck. Er bedeutet, dass ich ein bestimmtes Segment an Informationen aufnehme. Früher habe ich vielleicht die Tagesschau geschaut und die FAZ gelesen oder eben auch die Bild. Ich habe als Mediennutzer schon immer eine Auswahl getroffen, habe so also immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit bekommen. Heute kann ich in meiner Filterblase eine vielfältigere Auswahl haben. Freunde, Kollegen, Institutionen teilen Links von Quellen, von deren Existenz ich gar nichts wusste. Ich bin eigentlich viel freier, bekomme tiefere Informationen, weil ich einen anderen Zugang habe.

Die KI übernimmt zunehmend die Rolle des Gatekeepers. Wie können Journalisten in diesen neuen unsichtbaren Öffentlichkeiten mitspielen? Durch hohe Qualität. Wenn die Inhalte, die Journalisten herstellen, sehr gut recherchiert, wenn sie einzigartig sind und eine hohe Relevanz haben, werden diese auch geteilt und verbreiten sich dann über die Algorithmen in den Timelines. Diese Inhalte müssen natürlich auch netzaffin gemacht sein. Journalisten müssen also das Handwerkszeug des Digitaljournalismus beherrschen. Wenn ich ein guter Print- oder ein guter Fernsehjournalist bin, bedeutet das ja noch lange nicht, dass ich auch ein guter Digitaljournalist bin. Der Digitaljournalismus hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Ist es so, dass dies bisher von Journalisten nicht zureichend beachtet wird?
Das wird fast gar nicht beachtet. Wenn man sich anschaut, was auf Youtube, auf Facebook, auf Instagram gestellt wird, hat man den Eindruck, die Inhalte werden einfach nur online gestellt. Manchmal werden sie noch anders verpackt. Aber das reicht nicht. Fürs Internet muss anders gedreht, anders getextet werden. Digitaljournalismus ist etwas ganz Eigenes.

Haben Sie da ein positives Beispiel?
Ja, zum Beispiel Quarks vom WDR. Gucken Sie sich mal deren Youtube- und Instagram-Kanäle an. Die machen wirklich Inhalte für das Netz. Oder Zeit Online, die waren überraschend früh im Audio-Bereich unterwegs.

Welche Kernbotschaft möchten Sie Ihren Berufskolleginnen und -kollegen mit auf den Weg geben?
Das Netz ist sehr groß, und es gibt sehr viel Platz für qualitativ hochwertige Inhalte. Es gibt genügend Leser, Hörer und Zuschauer, die Journalismus im Netz zu schätzen wissen, weil der im Gegensatz etwa zu den Informationen der Experten auch eine kritische Einordnung der Sachverhalte bietet. Und mit Hilfe von KI können Sie die Inhalte passgenau an die User bringen.

Und wie kommen journalistische Inhalte nach vorne in die Timelines?
Die KI bewertet, wie die User darauf reagieren. Lesen sie das Angebotene wirklich bis zu Ende? Teilen sie das, kommentieren sie das, schicken sie das ihren Freunden? Wenn ein Journalist eine tiefgehende Recherche gemacht hat oder einen sehr relevanten Artikel, dann wird er sich sehr schnell weiterverbreiten. Deshalb ist Qualität auch so wichtig.

Alle Infos zu Besser Online finden Sie hier.
 

Die Redaktion - 4.9.2019