70 Jahre DJV
Das erste DJV-Ehrenmitglied

Theodor Heuss war Schwabe und Zigarrenraucher. Und er war Publizist und Politiker. Vor allem aber war er dies: erstes Staatsoberhaupt der neuen Bundesrepublik und erstes Ehrenmitglied des neu gegründeten Deutschen Journalisten-Verbands.

von Monika Lungmus

Die erste ordentliche Hauptversammlung des DJV war ein großes Ereignis: 77 Gäste aus Presse und Politik werden zum abendlichen Empfang am 9. März 1951 in Bonn erwartet: darunter die Präsidenten des Bundestags und Bundesrats, Fraktionsführer der Parteien, Bundesminister und Staatssekretäre. Mit dabei sind auch Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss.

Letzterer spielt für die rund 70 Delegierten eine ganz besondere Rolle - nicht nur weil er sie am nächsten Vormittag zu einer ungezwungenen Gesprächsrunde zu sich in die Villa Hammerschmidt einlädt, sondern weil Heuss ebenfalls Journalist ist. Bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten hat er für die Rhein-Neckar-Zeitung politische Leitartikel geschrieben. Dem Journalistenberuf ist er nach wie vor eng verbunden, was sich auch in seiner Mitgliedschaft beim Landesverband in Württemberg-Baden (heute: Baden-Württemberg) ausdrückt. Zur Gründung des DJV im Jahr 1949 schickt Heuss seinen „herzlichen Glückwunsch“ und schreibt: „Das offene und unbefangene Verhältnis zwischen einer freien Presse und den Organen der Staatlichkeit in ihren verschiedenen Stufungen gehört zu den Voraussetzungen einer gesunden und lebenskräftigen Demokratie. Sie zu schaffen bleibt unsere gemeinsame Aufgabe und Pflicht.“ Für den damaligen DJV-Vorsitzenden Helmut Cron ist es mithin eine besondere Ehre, Heuss die erste Ehrenmitgliedschaft im Verband anzutragen.

„Von Haus aus bin ich, und zwar sehr bewusst, Journalist.“

Tatsächlich begriff sich Heuss stets als Journalist. Reiner Burger hat sein journalistisches Berufsleben in seiner 1999 veröffentlichten Dissertation „Theodor Heuss als Journalist“ detailliert dargestellt. Heuss zeigte zwar schon als Schüler auch ein starkes politisches Interesse, aber er betätigte sich eben auch früh im Journalismus ein. Im Grunde war er beides: Politiker und Publizist. Die Wahl zum obersten Staatsoberhaupt erlebte er deshalb als tiefgreifenden Einschnitt, denn das Amt forderte von ihm ja tagespolitische Enthaltsamkeit. Am Tag nach der Wahl sagte er zu einem Reporter: „Von Haus aus bin ich, und zwar sehr bewusst, Journalist.“

Seinem Freund und Förderer Ernst Jäckh teilte er mit: „Ich bin doch im Kern so sehr Publizist, dass es mir heimlich leid tut, dass ich über die Problematik der Präsidentenwahl nicht einen ausgezeichneten Leitartikel schreiben konnte.“  Und an Rudolf Pechel, den Herausgeber der Deutschen Rundschau, schrieb er: „Sie können sich denken, dass der in mir schlummernde Publizist das neue Amt mit Resignation angetreten hat. Aber es gibt Situationen, denen man nicht ausweichen kann.“

Theodor Heuss, am 31. Januar 1884 in Brackenheim bei Heilbronn geboren, orientiert sich politisch an dem evangelischen Theologen und liberalen Politiker Friedrich Naumann und schließt sich zunächst dem von Naumann gegründeten Nationalsozialen Verein an. Auf dessen Bitte hin übernimmt er 1905, noch während des Studiums der Nationalökonomie, das er mit einer Promotion abschließt, eine Redakteursstelle bei der Zeitschrift Die Hilfe. Diese propagiert den sozialen Liberalismus – ganz im Sinne des Gründungsherausgebers Friedrich Naumann.

1912 wird er Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung. Zusätzlich arbeitet er für die politisch-literarische Wochenzeitschrift März, die der liberal-bürgerlichen Tradition der März-Revolution von 1848 folgt. Weitere Stationen sind die Deutsche Politik (1918 bis 1922) sowie die Deutsche Nation (1923 bis 1926). Zudem wirkt Heuss als Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin und publiziert auch in anderen Blättern.

„Das offene und unbefangene Verhältnis zwischen einer freien Presse und den Organen der Staatlichkeit in ihren verschiedenen Stufungen gehört zu den Voraussetzungen einer gesunden und lebenskräftigen Demokratie. Sie zu schaffen bleibt unsere gemeinsame Aufgabe und Pflicht.“

1932 veröffentlichte Heuss ein Buch über Adolf Hitler und dessen antidemokratische Taktik ( Hitlers Weg) - und zieht sich den Zorn der Nationalsozialisten zu. Im Mai 1933 verliert er seine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Politik in Berlin, im Juli 1933 sein Reichstagsmandat als Abgeordneter der Deutschen Staatspartei (früher: Deutsche Demokratische Partei). Er selbst hat zuvor, am 23. März 1933,  – gegen seine Überzeugung, aber aus Fraktionsräson – dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, das den Beginn der Nazi-Diktatur markiert.

Heuss laviert sich durch, so wie viele Journalisten. Doch die Freiräume werden immer kleiner. Er widmet sich der Veröffentlichung verschiedener Biografien (u.a. Friedrich Naumann) und versucht die Hilfe, für die er wieder arbeitet, auf einem Kurs zwischen Kritik und Anpassung zu steuern, schreibt später aber auch für das NS-Blatt Das Reich – wegen der guten Bezahlung. Seit 1941 steht er unter Vertrag der Frankfurter Zeitung, schreibt hauptsächlich über historische und kulturelle Themen. Trotz seiner Zurückhaltung gerät Heuss immer mehr in die Schusslinie der Nationalsozialisten, er veröffentlicht nun unter Pseudonym (Thomas Brackheim).

Nach dem Krieg startet Heuss eine zweite Karriere: Die Amerikaner machen ihn zum Lizenznehmer der Rhein-Neckar-Zeitung – neben Hermann Knorr und Rudolf Agricola. Auf Vorschlag der US-Militärregierung wird er wenig später - am 24. September 1945 - zum ersten Kultusminister Württemberg-Badens ernannt, scheidet aber nach den ersten Landtagswahlen freiwillig wieder aus. Mit der Gründung der FDP am 12. Dezember 1948 wird Heuss deren erster Vorsitzender. Als seine erste Amtsperiode als Bundespräsident endet, wird er am 18. Juli 1954 mit 88 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt.

Zurück zum DJV: Heuss hat bei der ersten ordentlichen Hauptversammlung mächtig Eindruck gemacht. Ernst Müller-Meiningen, ein Journalist aus Bayern, ist schier begeistert von „seinem natürlichen Charme, dem gleichsam schlendernden Kammerspielton, der leisen Ironie“. Im journalist (damals: Der Journalist) schreibt er: „Seine Rede ist ein gescheites, liebenswürdiges Feuilleton“.

„Ich bin selber dafür, dass ein Maximum an Freiheit der Entscheidung für den Redakteur gegeben ist. Ich habe meinen Verleger einmal einfach aus der Redaktionsstube hinausgeschmissen und gesagt: Hier entscheide ich!“

Ein Jahr später zeigt das Ehrenmitglied dem DJV erneut seine Verbundenheit. Heuss spricht vor dem Hintergrund des damals geplanten umstrittenen Bundespressegesetzes über die Frage, ob die sogenannte Selbstkontrolle gesetzlich verankert werden soll oder ob sie lieber frei gestaltet sein soll. Heuss sagt: „Ich selbst bin der Meinung, dass es ein Glück wäre, wenn dieses Problem einer gewissen Selbstkontrolle, von der Presse selber angeregt, in einem freien Verbandsvertrag mit moralischer verbindlicher Kraft gelöst werden könnte. Es ist immer gut, wenn der Staat von diesen Dingen die Finger weglässt, weil er nämlich ganz sicher seine Finger dort hineinklemmt, wo er eigentlich nichts verloren hat.“ 1956 wird der Deutsche Presserat die freiwillige Selbstkontrolle übernehmen; ein Bundespressegesetz wird fallengelassen.

Auch zum Verhältnis zwischen Verlegern und Redakteuren hat Heuss eine klare Meinung. Er sagt bei der Hauptversammlung im Jahr 1952: „Ich bin selber dafür, dass ein Maximum an Freiheit der Entscheidung für den Redakteur gegeben ist. Ich habe meinen Verleger einmal einfach aus der Redaktionsstube hinausgeschmissen und gesagt: Hier entscheide ich!“

Monika Lungmus ist Redakteurin beim journalist. Twitter: @MLungmus

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Die Redaktion - 1.11.2019