70 Jahre DJV
Tarifarbeit für Journalisten
Eine der größten Streikaktionen von Journalisten aus dem Jahr 1990.(Fotos: Manfred Scholz, Udo Milbert)

Auch wenn der DJV bei seiner Gründung noch nicht den Untertitel „Gewerkschaft“ trug, so bildete doch die Tarifarbeit von Anfang an einen Schwerpunkt. Der journalist präsentiert einige Schlaglichter aus 70 Jahren.

von Monika Lungmus

Zeitungen
Im April 1951 handelt der DJV mit den Zeitungsverlegern einen Entwurf für den ersten bundesweit geltenden Gehaltstarifvertrag für die Redakteure an Tageszeitungen aus. Doch innerhalb des DJV gibt es Kritik, vor allem aus dem süddeutschen und südwestdeutschen Raum, wo wesentlich höhere Gehälter gezahlt werden. Man befürchtet, dass eine Absenkung folgen könnte. Die Verhandlungen werden fortgesetzt und mit kleinen Korrekturen zum Abschluss gebracht. Am 15. August 1951 wird schließlich das erste Tarifvertragswerk für Journalisten im Nachkriegsdeutschland unterzeichnet. Es umfasst neben dem Mantelvertrag auch einen Gehaltstarifvertrag und Regelungen über Mindesthonorare für freie Mitarbeiter. Der damalige DJV-Vorsitzende Helmut Cron erklärt, mit dem Abschluss sei es „zum ersten Mal in der deutschen Pressegeschichte“ gelungen, „die Grundlagen für eine bessere Existenzsicherung vieler Journalisten zu schaffen“. Ein Jahr später beginnt der DJV mit den Tarifverhandlungen für den Rundfunk.


Zeitschriften
Schwieriger gestalten sich die Tarifverhandlungen für die Zeitschriftenredakteure. Im Oktober 1952 fordert der DJV den Verlegerverband erstmals zur Aufnahme von Tarifverhandlungen auf - und läuft damit vor die Wand. Die Zeitschriftenverleger lehnen ab, weil sie in „sozial-rechtlichen“ Fragen nicht zuständig seien. Es dauert noch fast 20 Jahre, bis der erste Manteltarifvertrag unterschrieben ist; er tritt am 1. Januar 1974 in Kraft. Der erste Gehaltstarifvertrag ist im September 1977 unter Dach und Fach und gilt ab 1. Januar 1978. Zeitschriftenredakteure sind im Gehalt deutlich schlechter gestellt als ihre Zeitungskollegen: Zeitungsredakteure in besonderer Stellung verdienen damals zwischen 3.438 DM und 4.124 DM, Zeitschriftenredakteure kommen dagegen nur auf 2.600 DM bis 3.400 DM.


Freie Journalisten
1978 ist das Jahr, in dem erstmals der Tarifvertrag für arbeitnehmerähnliche Freie an Tageszeitungen in Kraft tritt. Für freie Journalisten, die nicht unter den Tarifvertrag für Arbeitnehmerähnliche fallen, also nicht von „ihrem“ Verlag wirtschaftlich abhängig und deshalb sozial schutzbedürftig sind, haben DJV und dju mit dem BDZV die gemeinsamen Vergütungsregeln vereinbart, die für Texte seit Februar 2010 und für Fotos seit Mai 2013 gelten. Für die Freien bei Zeitschriften ist es bis heute nicht gelungen, gemeinsame Vergütungsregeln aufzustellen.


Bildschirmarbeit
Als in den 70er Jahren die neue Technik in die Verlags- und Druckwelt drängt, sind nicht nur die Schriftsetzer in Sorge. Da die Schreibmaschinen jetzt zunehmend durch Bildschirmgeräte ersetzt werden und die Bleisatztechnik von der elektronischen Satzherstellung abgelöst wird, sehen sich auch die Journalisten bedrängt. Sie fürchten, jetzt technische Dienste übernehmen zu müssen. Am 20. März 1978 einigen sich DJV und IG Druck und Papier mit den Arbeitgeberverbänden auf einen Tarifvertrag über die Einführung und Anwendung rechnergesteuerter Textsysteme. Dieser sogenannte RTS-Vertrag soll zum 1. April 1978 in Kraft treten. Er sichert die Weiterbeschäftigung der Schriftsetzer und legt fest, dass die Bildschirmarbeit von Redakteuren nur zum Lesen und Redigieren verlangt werden darf und nur in bestimmten Fällen die Eingabe eigener Texte erfolgen kann.


Arbeitszeitregelung
Schon in den 50er Jahren ist die Mehrarbeit der Redakteure ein Thema. Aber erst im Oktober 1976 kommt ein Manteltarif zustande, der ab 1977 eine Mehrarbeitsregelung einführt und damit die Anarchie beendet. Schon bald wird indes die Forderung nach einer echten Arbeitszeitregelung lauter. Ab März 1980 laufen die Verhandlungen um einen neuen Manteltarif. Journalisten unterstützen die Tarifkommission erstmals durch Arbeitsniederlegungen. Am 23. November 1980, nach neun Verhandlungsrunden, steht der neue Tarif für die Zeitungsredakteure, der eine Fünf-Tage-Woche auf Basis von 40 Wochenstunden einführt. Die Fünf-Tage-Woche soll ab 1. Juli 1981 gelten; für die Einführung der 40-Stunden-Woche gilt ein Stufenplan bis zum 1. Januar 1984. „Damit konnte der wohl umstrittenste Manteltarifvertrag in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Presse vereinbart werden“, berichtet der journalist.


Ausbildung
1973 hat der DJV einen ersten Entwurf für einen Ausbildungstarifvertrag ausgearbeitet, der die unverbindlichen Richtlinien für Redaktionsvolontäre an Tageszeitungen aus dem Jahr 1969 ablösen soll. Doch die Verhandlungen werden 1974 abgebrochen. Einige Jahre später startet der DJV einen zweiten Anlauf. Bereits nach der ersten Tarifrunde im Jahr 1981 erteilen die Verleger weiteren Verhandlungen eine Absage. Stattdessen präsentieren sie 1982 eigene „Grundsätze für ein Redaktionsvolontariat“, die Teil des jeweiligen Arbeitsvertrags sein sollen. Als Reaktion darauf wird der erste bundesweite Ausbildungskongress veranstaltet, zu dem 400 Volontäre und Redakteure nach Köln kommen. Doch bis es zum Ausbildungstarif kommt, vergehen noch Jahre. Erst nachdem es 1990 zu den bislang größten Streikaktionen in der Geschichte des bundesdeutschen Journalismus kommt, bei denen auch die 35-Stunden-Woche gefordert wird, stimmt der BDZV am 28. Mai 1990 zu. Der Ausbildungstarif für die Volos an Zeitschriften tritt am 1. Oktober 1990 in Kraft. Er wird später sogar für allgemeinverbindlich erklärt. Für ARD und ZDF ist bereits 1984 ein Ausbildungstarifvertrag vereinbart worden.


Privater Rundfunk
Nachdem 1984 mit PKS (später: Sat.1) und RTL die ersten privaten Fernsehsender gestartet sind, nimmt der DJV auch die Tarifarbeit für den Privaten Rundfunk auf. Für die Journalisten, die bei den größeren Sendern beschäftigt sind, kann er am 15. Mai 1991 den ersten Manteltarifvertrag mit dem TPR aushandeln. Es brauchte allerdings 16 Verhandlungsrunden. Der Tarifvertrag tritt am 1. Juli 1991 in Kraft. Der Manteltarifvertrag mit der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR), in dem die kleineren Rundfunksender organisiert sind, wird ein gutes Jahr später geschlossen. RTL und Sat.1 sind inzwischen nicht mehr im TPR organisiert.


Rückschläge
Ab Mitte der 90er Jahre beginnt der Abwehrkampf. Es wird für die Gewerkschaften immer schwieriger, die Forderungen nach Absenkung des bisher erreichten Tarifniveaus abzuwehren. Bei den Verhandlungen über einen neuen Manteltarif für die Tageszeitungen gelingt es dem BDZV, erste Abstriche bei der Berufsjahrstaffel durchzusetzen: Die beiden höchsten Gehaltsgruppen werden zum 1. Januar 1998 gekappt; die Berufsjahrstaffel endet künftig mit der Gehaltsgruppe 15. bis 19. Berufsjahr. Auch bei der Jahresleistung wird gestrichen; sie wird ab 1998 auf 95 Prozent abgesenkt. Weitere Einschnitte folgen. So wird ab 2007 eine neue Struktur in der Gehaltsstaffel eingeführt: Die letzte Gehaltserhöhung gibt es jetzt im 11. Berufsjahr. 2014 erfolgt eine weitere Absenkung: Die Gehaltsgruppen werden so gestreckt, dass neue Redakteure erst mit dem 15. Berufsjahr das Gehalt erreichen, das nach der alten Struktur ab dem 11. Berufsjahr gezahlt wurde.

Monika Lungmus ist Redakteurin beim journalist. Twitter: @MLungmus

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Die Redaktion - 1.11.2019