Anabel Hernández
„Bewaffnete kamen in mein Haus“
Die Journalistin Anabel Hernández kommt aus Mexiko-Stadt: "Die Regierung gab mir eine kugelsichere Weste - als Warnung." (Foto: Jan Söfjer)

Anabel Hernández schreibt über das Drogengeschäft der Kartelle in Mexiko und wie die Regierung darin verwickelt ist. Dafür erhielt die 47-Jährige nun den Freedom of Speech Award der Deutschen Welle.

Interview von Jan Söfjer

journalist: Wie war Ihre Kindheit?
Anabel Hernández: Das stärkste Symbol meiner Kindheit war mein Vater. Er kam aus einer sehr armen Bauernfamilie, aber er hatte die Gelegenheit, zur Schule und zur Universität zu gehen. Als er als Ingenieur und Geschäftsmann erfolgreich wurde, kehrte er in seine Gemeinde zurück und versuchte, Dinge zu ändern, die er als ungerecht empfand. Er half den Menschen, Strom und Wasseranschlüsse zu bekommen. Und er half ihnen gegen die korrupte Regierung. Ein Kind in dieser Umgebung zu sein macht einen zu einer anderen Art von Person.

Im Dezember 2000 wurde Ihr Vater entführt und ermordet. Warum?
In dieser Zeit wurden viele Geschäftsleute gekidnappt, um Lösegeld zu erpressen. Auch weniger reiche Geschäftsleute aus der Mittelschicht wie mein Vater. Als wir zur Polizei gingen, sagte uns ein Polizist: „Wenn ihr Gerechtigkeit wollt und den Mann finden wollt, der euren Vater umgebracht hat, müsst ihr dafür bezahlen.“ Aber wir wollten nicht bezahlen. Gerechtigkeit kann man nicht kaufen.

Machen Sie Ihre Arbeit auch, um Ihren Vater zu ehren?
Es war für mich furchtbar frustrierend, meinen Vater nicht beschützen zu können. Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht in der Lage war, für Gerechtigkeit zu sorgen. Aber durch meine Arbeit kann ich jeden Tag anderen Gerechtigkeit bringen – und so auch meinem Vater.

Dafür wurden Sie massiv bedroht.
Vor meiner Tür wurden abgetrennte Tierköpfe in einer Schachtel abgelegt. In einem Restaurant hielten zwei Männer meiner Nichte eine Pistole an den Kopf. 2016, kurz vor Erscheinen meines Buchs über das Verschwinden der 43 Studenten in Iguala, gab mir die Regierung eine kugelsichere Weste – als Warnung, dass ich zu weit gegangen sei. Und einmal kam ein Trupp Bewaffneter in mein Haus, um mich zu töten. Ich war aber nicht da.

Waren das Mitglieder der Drogenkartelle?
Nein. Ich hatte nie Probleme mit den Kartellen. Es waren Männer der Regierung in meinem Haus. Sie waren wütend wegen meines Buchs „Narcoland“.

Sie deckten darin Kontakte zwischen den Kartellen, der Politik und den Sicherheitsorganen auf. Denken Sie nicht, dass Politiker und Behördenmitarbeiter auch zum Teil unter Gewaltandrohung zur Korruption gezwungen werden?
Das ist eine große Lüge. Ich schreibe gerade ein Buch darüber. Wer ist der Boss von wem? Arbeitet die Regierung für das Kartell oder das Kartell für die Regierung? Die meisten Offiziellen in Mexiko sind korrupt, weil sie das Geld wollen.

Sieben Journalistenmorde gab es in diesem Jahr bereits in Mexiko. Unterstützt Ihre Familie Ihre Arbeit noch?
Ein Teil, ja. Aber meine Familie ist ermüdet. Schon mit mir zusammen in einem Restaurant oder bei einer Feier zu sein, hat alle angespannt. Deshalb verließ ich Mexiko und lebe seit eineinhalb Jahren in Europa.

2018 wurden in Mexiko mehr als 33.000 Menschen ermordet. Warum ist Mexiko ein so gewalttätiges Land?
Weil überall auf der Welt Konsumenten Drogen aus Mexiko kaufen oder Drogen, die von den mexikanischen Kartellen gehandelt werden. Und es ist nicht nur die mexikanische Regierung, die die Kartelle schützt. Die Kartelle beliefern Länder in der ganzen Welt. In Südamerika, Kanada, Australien, Afrika, USA, Asien: überall. Weil Menschen in der Welt zu hohen Preisen Drogen kaufen, sterben Menschen in Mexiko – nicht, weil wir Mexikaner verrückt sind.

Info
Anabel Hernández, 47, kommt aus Mexiko-Stadt. Seit eineinhalb Jahren lebt sie in Europa. Sie arbeitet unter anderem für die amerikanische Huffington Post, die italienische Zeitung La Repubblica, die brasilianische Publica und nun auch für die Deutsche Welle.
 

Die Redaktion - 17.7.2019