Tagesspiegel / Metoo
Internes Frühwarnsystem
Konsequenz nach Belästigungsvorwürfen: Der Tagesspiegel hat Christine Lüders als externe Ombudsfrau berufen. (Foto: journalist)

Sexuelle Belästigung beim Tagesspiegel? Ende Mai wurden Vorwürfe gegen einen langjährigen Redakteur laut. Die Chefetage zog Konsequenzen: hausinterne Vertrauenspersonen und eine Meldeplattform sollen künftig Vorfälle dieser Art verhindern. Als externe Ombudsfrau wurde Christine Lüders berufen.

von Monika Lungmus

Nachdem Ende Mai aufgrund einer Recherche von Buzzfeed News Deutschland bekannt geworden war, dass ein langjähriger Redakteur des Tagesspiegels offenbar mehrere Frauen bedrängt und belästigt hat, sind die Chefs des Medienhauses in die Offensive gegangen. „Nach dem ersten Schock wollen wir nun mit einem mehrstufigen Angebot sicherstellen, dass Fälle von unangemessenem Verhalten und sexueller Belästigung nicht mehr passieren“, sagt Anna Sauerbrey. Die Ressortleiterin Causa/Meinung wurde im September 2018 in die Chefredaktion berufen. Dem journalist sagt sie, die Chefredaktion habe viele Gespräche im Haus geführt. Sie selbst habe sich gemeinsam mit Ulrike Teschke aus der Geschäftsführung mit den Frauen aus Redaktion und Verlag getroffen. „Wir haben diskutiert, wie sich grenzüberschreitendes Verhalten in Zukunft vermeiden lässt.“

Frauen stellen inzwischen etwa 50 Prozent der Belegschaft. „Auch auf der Ressortleiter-Ebene ist inzwischen die Hälfte der Stellen mit Frauen besetzt“, so Sauerbrey. Als Reaktion auf die Vorfälle hat die Chefredaktion nun ein Frühwarnsystem mit drei Wegen erarbeitet. Demnach wird es mit Christine Lüders eine externe Ombudsfrau beim Tagesspiegel geben, die nicht in die hausinternen Strukturen eingebunden ist und somit völlig unabhängig agieren kann.

Lüders leitete von 2010 bis 2018 die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und ist seit ihrer Pensionierung als freie Beraterin unterwegs. „Aus meiner Sicht die Idealbesetzung“, so Sauerbrey. Die Pädagogin stehe als Ansprechpartnerin für Betroffene zur Verfügung, sammle Hinweise und prüfe, ob diese ein Muster aufweisen, das auf strukturelle Probleme hindeutet. „Im Zweifelsfall schlägt sie sofort Alarm.“ Wobei die Anonymität auf Wunsch gewahrt bleibe. Lüders hat sich Anfang Juni bei einer Betriebsversammlung der Belegschaft vorgestellt.

Neben der externen Ombudsfrau gibt es auch interne Vertrauenspersonen, mit denen sich Betroffene besprechen können. „Dieser Wunsch kam von den Frauen“, erzählt Sauerbrey. „Die Frauen hatten auch gefordert, dass die Vertrauenspersonen gewählt werden sollen.“ Die Wahl fand am 12. Juni statt. Gewählt wurden drei Frauen und ein Mann. Die Vertrauenspersonen sollen nun zunächst im Umgang mit Betroffenen geschult werden. Christine Lüders soll außerdem die gesamte Belegschaft im Erkennen von und im Umgang mit sexueller Belästigung schulen; die Leitungsebene wird gesondert in ausführlicheren Seminaren geschult. „Es ist wichtig zu erkennen, an welchem Punkt grenzüberschreitendes Verhalten beginnt“, sagt Sauerbrey. Das gelte auch für Vorgesetzte.

Das dritte Angebot in dem Drei-Wege-System ist eine Meldeplattform, die völlige Anonymität gewährleistet und Anfang Juli startet. „Kein Absender, der hier einen Hinweis gibt, ist erkennbar. Die Kontakte lassen sich nicht zurückverfolgen“, sagt Sauerbrey. Nur Christine Lüders werde sich auf der Plattform einloggen können.

Zum Fall selbst wollte sich der Tagesspiegel nicht äußern. „Ich kann Ihnen nur sagen, dass der Beschuldigte weiterhin freigestellt ist“, erklärt Sauerbrey. Eine abschließende Klärung gebe es noch nicht. „Sobald das Verfahren abgeschlossen ist, werden wir redaktionsintern informieren“, so Sauerbrey.

Die Redaktion - 28.6.2019