Homöopathie-Kritik
Arzneimittelhersteller schickt Anwaltsschreiben zum konstruktiven Austausch
Hevert geht per Anwaltsschreiben gegen Homöopathie-Kritiker vor. Eine Verlagssprecherin nennt das "konstruktiven Austausch". (Screenshot: journalist)

Die Arzneimittelfirma Hevert geht mit Anwaltsschreiben gegen Kritiker der Homöopathie vor. Eine Firmensprecherin spricht von „konstruktivem Austausch“. Die Wirkung der Anwaltsschreiben geht bei den kritisierten Journalisten allerdings nicht über einen Placebo-Effekt hinaus.

von René Martens

Die Formulierung „konstruktiver Austausch“ ist durchaus dehnbar. Vielleicht liegt Annegret Lauerburg, die Sprecherin der Hevert-Arzneimittel GmbH, also nicht ganz falsch, wenn sie gegenüber dem journalist sagt: „Wir bemühen uns um einen konstruktiven Austausch mit dem Journalisten Bernd Kramer.“

Dieser „Austausch“ ging allerdings von einem von der Firma beauftragten Anwalt aus. Mitte Mai bekam Bernd Kramer eine Mail, sie bezog sich auf einen Beitrag von ihm, der zuvor in der taz erschienen war. Kramer hatte unter dem Titel „Das weiße Nichts“ kritisch über Homöopathie geschrieben. Hevert hat unter anderem homöopathische Arzneimittel im Sortiment.

In dem Schreiben des Anwalts heißt es: „Wir sind beauftragt, Sie aufzufordern, pauschale, die Homöopathie abwertende Äußerungen in jeder Form, einschließlich von Veröffentlichungen zukünftig zu unterlassen.“ Diese könnten „von Adressaten Ihres Artikels sogar als Boykottaufruf verstanden werden, das Ansehen aller homöopathischer Arzneimittel schädigen“ und so in den „Gewerbebetrieb unserer Mandantin eingreifen“. Man könnte sagen: Konstruktiv geht anders.

Um die Firma Hevert oder eines ihrer Produkte geht es in Kramers taz-Beitrag mit keinem Wort. Das gilt auch für einen anderen Text, den Hevert zum Anlass für ein anwaltliches Eingreifen nahm. Anfang Mai hatte die Rheinpfalz die Homöopathie-Kritikerin Natalie Grams gefragt: „Wirken Homöopathika?“ Die Buchautorin antwortete: „Nicht über den Placebo-Effekt hinaus. Alleine das Gefühl, dass man gut behandelt wird, führt zur Verbesserung der Symptome.“ Hevert forderte eine Unterlassungserklärung, die Grams nicht abgab. Kramer, der sich mit keiner konkreten Forderung, sondern bloß Muskelspielerei konfrontiert sieht, sagt, er habe der Kanzlei geschrieben, er nehme die Mail an ihn als „Meinungsäußerung“ zur Kenntnis.

Warum geht Hevert gegen Kritiker vor, die gar nicht Hevert kritisieren? Seit Monaten beobachte man „mit Sorge, wie in Deutschland in den sozialen Medien, aber auch in der Presse und im Fernsehen gegen die Homöopathie gehetzt wird“, sagt Sprecherin Lauerberg. Hetze? Angesichts dessen, dass es sich um ein Firmen-Statement handelt, ein irritierender Begriff. In Großbritannien gehe „die Politik wegen unbegründeter Diskreditierungen“ gegen Homöopathie vor, so Lauerberg. Damit dies nicht auch in Deutschland geschehe, wehre sich die Firma „auf juristischem Weg gegen ungerechtfertigte Diskreditierungen von Homöopathie“.

Bernd Kramer sah sich im Nachgang des Artikels mit mehreren Angriffen konfrontiert: Der bayerische Landesverband des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte schickte einen – auch online veröffentlichten – „Protestbrief“ an die Chefredaktion der taz. Auch der Bundesverband Patienten für Homöopathie trat in Aktion, er recherchierte einen Fall aus dem taz-Text nach und zimmerte daraus einen „fehlerhaften Blogbeitrag“, wie Kramer sagt.

Das Milieu schießt ohnehin aus vielen Rohren: 2018 berichtete Buzzfeed Deutschland über ein „ein Netzwerk von rund 70 Bots“, das auf Twitter „Stimmung für Homöopathie“ mache. Bereits 2012 hatte die Süddeutsche Zeitung darauf hingewiesen, dass ein Betreiber mehrerer Blogs von sechs Herstellern homöopathischer Produkte insgesamt 43.000 Euro pro Jahr erhalte, damit er „die Kritiker ihrer Produkte anschwärzt“. Eine der an der Finanzierung beteiligten Firmen: Hevert.

Die Redaktion - 8.7.2019