Medienumgang
Der DFB und seine aufmüpfigen Frauen
Die Frauen der Fußballnationalmannschaft haben im Vorfeld der WM mit selbstbewussten Kampagnen für positive Aufmerksamkeit gesorgt. Der DFB vermittelt bei der Autorisierung von Spielerinnen-Interviews mal wieder ein anderes Bild. (Screenshot: journalist)

Der krisengeschüttelte Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat offensichtlich ein Problem mit kritischer Berichterstattung, wenn es um die Emanzipation seiner Frauen-Nationalmannschaft geht. Das zeigen Versuche, Interviewaussagen von Nationalspielerinnen glattzubügeln.

von Thilo Komma-Pöllath

Wie eng die Räume für eine glaubwürdige Berichterstattung im Fußball geworden sind, beweist aktuell ausgerechnet die Frauen-Nationalmannschaft. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft, die noch bis 7. Juli in Frankreich gespielt wird, bekam der Autor vom Hauptsponsor der DFB-Frauen (VW) den Auftrag, ein Feature über die veränderte Wahrnehmung des Frauenfußballs zu schreiben.

Beauftragt war ein dezidiert journalistisches Stück, das auf der Konzernwebsite veröffentlicht werden sollte. Zeitgemäßes, kundennahes, glaubwürdiges Corporate Publishing also. Als Interviewpartnerin wurde Kapitänin Alexandra Popp organisiert, die für ihr offenes Wort bekannt ist. Aktualität hatte das Thema durch einen Imagespot eines weiteren DFB-Sponsors (Commerzbank) gewonnen, der in dem Slogan gipfelte: „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze“. Der Film, der für DFB-Verhältnisse unerhört progressiv daherkam, war ein Hit im Netz.

Der Spot ironisierte all die Vorurteile, denen die Nationalspielerinnen begegnen. Popp fragt zu Beginn: „Weißt du eigentlich, wie ich heiße?“. Aus dem Off heißt es: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt“. Am Ende des Spots: „Unsere Vorbilder? Sind wir längst selbst!“ Über dieses neue Selbstbewusstsein der DFB-Frauen sollte Spielerführerin Popp Ende Mai im Trainingslager am Chiemsee sprechen. Und das tat sie auch, eine halbe Stunde lang, und die innere Überzeugung an ihrer Mission war ihr anzuhören. Popp sprach davon, dass die gesellschaftliche Entwicklung im Fußball, #metoo zum Trotz, stagniere und man sich zuletzt ein bisschen vergessen fühlte. Diese Kritik zielte auf den DFB. Popp machte klar, dass man sich nicht entmutigen lasse, die Spielerinnen seien dabei, „endlich mündig“ zu werden.

Als der Text von der Autorisierung zurückkam, stand nichts mehr davon drin. Die ganze Programmatik des Gesprächs wurde von „Wir wollen echte Augenhöhe und Gleichbehandlung“ auf „Wäre schön, wenn wir etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen könnten“ heruntergepegelt.

Auf Nachfrage bei Annette Seitz, der DFB-Pressesprecherin, wie es zu den Änderungen kam, ob Frau Popp das Interview selbst autorisiert habe oder der DFB, dem die forsche Verbandskritik eventuell zu weit ging – kein Wort. Selbst eine Antwort auf die E-Mail des Autors blieb aus. Der Text erschien am Eröffnungstag der WM, zum Leidwesen des Auftraggebers ohne die inkriminierten Passagen.

Dabei ist das, was Popp erzählt hatte, längst Common Sense im eigenen Team. Torhüterin Almuth Schult hatte bereits Ende April der FAZ ein Interview gegeben, in dem sie – zuweilen wortgleich – monierte, dass es selbst innerhalb des Verbands noch große Vorurteile und eine spürbare Geringschätzung gegenüber dem Frauenfußball gebe und dass sie nicht davon ausgehe, dass der DFB für mehr Gleichberechtigung im Fußball sorgen werde. Die Resonanz war groß.

Wie aber konnte das Gespräch, trotz der eigenen Autorisierungserfahrung, so veröffentlicht werden? Auf Nachfrage bei der FAZ war zu hören, dass der Eingriff in das Interview zunächst „gewaltig“ gewesen sei. Erst als der zuständige Redakteur darauf hinwies, dass man den Text so nicht drucken würde, gab Almuth Schult – wiederum sehr klar – die Originalfassung frei. Die Pressesprecherin verwies darauf, dass sie und andere vom DFB Schult nur beraten, sie selbst letztlich autorisiert hätte.

Die Frage bleibt: Warum sollten Schult wie Popp ihre Forderungen wieder einkassieren, wo es ihnen doch genau darum ging? Die beiden wichtigsten Sponsoren hatten an den kritischen Aussagen der Spielerinnen keinerlei Beanstandung, im Gegenteil, sie nutzten das neue Selbstbewusstsein der DFB-Frauen zur eigenen Imagepflege. Und auch die Bundestrainerin hatte Schult Rückendeckung gegeben.

Es verfestigt sich der Eindruck, dass der DFB seine selbstbewussten Spielerinnenpersönlichkeiten lieber schön brav sähe, um selbst aus der Schusslinie zu kommen. Gut möglich, dass Almuth Schult recht hat: Mit diesem DFB ist Gleichberechtigung im Fußball nur schwer zu schaffen.

Die Redaktion - 1.7.2019