Mein Blick auf den Journalismus
Weg mit den Weisheiten, her mit den Zwischentönen
"Weil es so viele Leute gibt, die derzeit die Welt (und den Journalismus) erklären, habe ich eine kleine Sammlung zusammengetragen: Ratschläge und Weisheiten, die mir begegnet sind", so Barbara Hans. Nicht alle waren gut. (Foto: dpa/Kappeler/journalist)

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Spiegel-Chefredakteurin Barbara Hans sagt: Ein Patentrezept dafür habe sie nicht. Aber sie hat Ratschläge gesammelt. Ratschläge und Weisheiten, die sie selbst oft gehört hat – und die beileibe nicht immer gut waren. Manchmal waren sie sogar richtiger Mist. Vielleicht ist das die größte Erkenntnis: All dieses großspurige „Man-müsste-mal“ und dieses „Auf-keinen-Fall-darf-man-jetzt“ taugen nicht viel. Ein Plädoyer der Zwischentöne.

von Barbara Hans

Wie stellen wir die Qualität im Journalismus sicher? Was können wir lernen aus dem größten Skandal, den der Spiegel in seinen mehr als 70 Jahren erlebt hat? Was darf die Reportage?

Alles wichtige Fragen, gewiss. Allein: Ich kann sie nicht beantworten. Was der Journalismus kann/soll/darf, das wird derzeit ausführlich – und manchmal allzu pauschal – diskutiert. Alle, die auf einen Grundsatztext in der Post-Relotius-Ära hoffen, auf ein entschiedenes „Man müsste mal“, „Man sollte jetzt“, „Auf keinen Fall darf nun“ – die brauchen nicht weiterzulesen. Für diejenigen ist dieser Text vermutlich eine große Enttäuschung.

Der Schock und die Verunsicherung waren nach dem Auffliegen von Relotius‘ Fälschungen groß. Doch zu glauben, dass großer Verunsicherung am besten mit großen Ideen beizukommen ist, ist vermutlich wenig zielführend. Wir können Journalistenpreise abschaffen, die Reportage und Reporter gleich mit; den Journalismus besser machen wird all das vermutlich nicht. Der schnellen Genugtuung, etwas getan zu haben, weicht dann die Erkenntnis, dass es so einfach nicht ist.

Von dem Journalismus zu sprechen, ist vielleicht schon der erste Fehler. Der Journalismus ist bei der dpa ein anderer als beim Westfälischen Anzeiger, ist beim Spiegel anders als bei RTL, ist für die Volontärin anders als für den Chefredakteur. Das ist kein Plädoyer für Beliebigkeit. Es ist allenfalls der Wunsch nach Differenzierung. Plattitüden zu formulieren ist so leicht wie unbefriedigend. Hinter ihnen können sich erst einmal alle versammeln, weil sie keinem wehtun. Große These, großer Applaus. Spannend wird es, wenn man genauer hinschaut. Und überlegt, was diese Weisheiten eigentlich für den Einzelnen bedeuten.

Weil es so viele Leute gibt, die derzeit die Welt (und den Journalismus) erklären, habe ich eine kleine Sammlung zusammengetragen: Ratschläge und Weisheiten, die mir in meinem Berufsleben begegnet sind. Und was ich aus ihnen gelernt habe.

Ratschlag 1: „Meine Frau hat in Ihrem Alter erst mal was Soziales gemacht. Wer so ist wie Sie, der will in Wahrheit gar nicht in den Journalismus und der wird auch nichts im Journalismus.“

Mit anderen Worten: Sie werden niemals eine Hospitanz in unserer Redaktion bekommen. Sie sollten überhaupt keine Hospitanz machen. Versuchen Sie es mit Urban Gardening. Kümmern Sie sich um den Plastikmüll im Meer. Den Weltfrieden. Verkaufen Sie Postkarten für Unicef. Aber bleiben Sie dem Journalismus fern.

Über Jahre ging das so in den Vorstellungsgesprächen, die dieser Kollege führte. Und viele wussten es, auch die Vorgesetzten des Mannes. Es bleibt die Frage, warum Redaktionen als Systeme an Leuten festhalten, die sich größer fühlen, wenn sie sich auf Kosten Schwächerer (Praktikanten, Volontäre, Jungredakteure, Kolleginnen und Kollegen mit befristeten Verträgen, Minderheiten egal welcher Art) erheben.

Wahrscheinlich gibt es in beinahe jeder Redaktion solche Ausfallkandidaten, die Hospitanten verprellen, statt Talente zu fördern. Die das eigene Ego auf Kosten der Volontäre polieren. Die sich mit Recherchen der Praktikanten schmücken. Und die Chance verpassen, die eigenen Routinen zu hinterfragen durch jemanden, der noch nicht seit Jahrzehnten Teil des Systems ist. Meist wissen es alle. Oft genug spricht es keiner an.

Das Fazit: Nicht jeder, der Macht hat, hat recht. Nicht jeder, der paternalistisch tut, taugt zur Vaterfigur. Und auch Idioten haben offenbar Ehefrauen.
 

Ratschlag 2: „Wer in der Konferenz nicht sein Wort machen kann, hat im Journalismus nichts verloren.“

Mit anderen Worten: Es muss schon derbe sein. Wer leise redet, hat auch nichts zu sagen. Wem es um die Zwischentöne geht, der kann ja Theologie studieren.

Als Journalist nicht interessiert zu sein an dem, was jemand sagt, ist nicht nur überheblich, sondern dumm. Leute abzuqualifizieren, zu kategorisieren, sich über sie zu erheben, ist im Kern unjournalistisch.

Es ist diese Attitüde, die dem Journalismus enorm geschadet hat. Denn wenn die, die leise reden, schon in der Konferenz plattgemacht werden, dann werden sie vermutlich selten ihre Themen unterbringen. Dann reproduziert der Journalismus das Immergleiche: den Lautschwätzer, die Luftpumpe, den Großspurigen. Den, der alles kennt, der alles gesehen hat, der alles weiß. Der geht auf Recherche und erklärt seinen Protagonisten die Welt und kennt die Geschichte doch schon vorher. Er wird immer weniger erfahren als derjenige, der auch zuhören kann.

Das Fazit: Unternehmenskultur ist keine Unterrubrik des Feuilletons.
 

Ratschlag 3: „Was Sie studieren ist egal, Hauptsache nicht Kommunikationswissenschaft. Oder Journalistik oder so etwas. Der Vogel kann ja auch einfach fliegen und weiß nicht, warum.“

Mit anderen Worten: Lernen Sie was Ordentliches. Studieren Sie Physik. Biochemie. Musik. Nur beschäftigen Sie sich bloß nicht mit dem Mediensystem, mit Medienethik und Geschäftsmodellen des Journalismus.

Wenn der Vogel wüsste, warum er fliegen kann, würde er dann vom Himmel stürzen? Würde irgendjemand vom Koch verlangen, dass er nichts über seine Zutaten weiß, sondern es Glück oder Zufall ist, ob das Tiramisu gelingt?

Die Mär vom Journalismus als Talentberuf hält sich hartnäckig. Und sie wird munter kultiviert. Doch die Zeiten, in denen Journalismus bedeutete, bei gutem Rotwein drei Tage lang über einer Zeile zu brüten, sind vorbei.

Unabhängig davon, dass die Rotweinnummer auch in der Vergangenheit nur für wenige Alltag war, stimmt der Satz mit dem Vogel heute umso weniger. Beschleunigung – und das betrifft den gesamten Journalismus, nicht nur die digitalen Medien – braucht mehr Reflexion und nicht weniger.

Man muss wissen, was die Entscheidungsgrundlagen sind, wie man mit Trumps Tweets umgehen will und wie mit der AfD. Wir haben bei Spiegel Online im vergangenen Jahr zum Beispiel Schwerpunktkonferenzen und Kamingespräche (ohne Kamin) eingeführt, um abseits der täglichen Nachrichtenroutine über diese Themen zu sprechen, uns und unsere Berichterstattung zu hinterfragen. Das funktioniert ganz gut.

Denn in dem Moment, in dem die Geschichte aufpoppt, muss man umgehend entscheiden. Für den Stuhlkreis bleibt dann keine Zeit. Das bedeutet nicht, dass der Stuhlkreis überflüssig ist. Im Gegenteil. Mehr Tempo braucht mehr Medienethik, nicht weniger. Insofern ist es zwingend, das eigene Tun zu reflektieren: im Rahmen eines Medienstudiums genauso wie im Job.

Das Fazit: Dass der Vogel nicht mehr fliegt, bloß, weil er weiß, wieso er es kann – das ist eine Legende. Und Tiervergleiche sind ohnehin keine gute Idee.
 

Ratschlag 4: „Es ist im Journalismus egal, wie man führt, Hauptsache die Texte kommen bis Redaktionsschluss.“

Mit anderen Worten: Es ist uns als Chefredaktion egal, ob Ressortleiter motivieren oder drangsalieren. Das ist nicht unsere Aufgabe.

Das Fazit: doch. Genau das ist die Aufgabe von Chefredaktionen, die derzeit – egal ob im Überregionalen oder im Lokalen, egal ob in Print, TV oder Hörfunk – den Wandel gestalten müssen. Wollen wir nicht, dass er uns überrollt, dann braucht es

a) Publizistische Kompetenz (statt Buzzwords) und
b) Führungskompetenz.

Das ist mühsam, und es war lange nicht Bestandteil des Aufgabenprofils eines Chefredakteurs. Ich bin von manchen Kolleginnen und Kollegen belächelt worden, als ich eine Coaching-Ausbildung gemacht habe – um Führungsthemen besser zu verstehen, um Konflikte im Team nicht nur zu erkennen, sondern sie im Idealfall zu lösen.

Nur, wenn die richtigen Leute an den richtigen Stellen sitzen, wenn Teams gut zusammengesetzt sind, wenn unterschiedliche Temperamente und Kompetenzen sich ergänzen, sind Redaktionen kraftvoll genug für den Wandel. Die wenigsten Redaktionen werden signifikant wachsen und viele neue Kolleginnen und Kollegen einstellen können. Vielmehr muss die Veränderung mit den Leuten gelingen, die jetzt schon da sind. Das ist oftmals eine komplexe Managementaufgabe. Die ersetzt keineswegs die publizistische Verantwortung. Sie kommt dazu.

Wenn Führungsrollen vor allem Schulterklappen sind, dann wird das nicht reichen. Es braucht Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen, die Kolleginnen und Kollegen fördern, ihnen Freiräume geben, um Dinge auszuprobieren. Dass es im Journalismus noch immer Menschen gibt, die Führung für entbehrliches Gedöns halten, ist ein weiterer Ausdruck der Überheblichkeit der Branche.


Ratschlag 5: „Es ist egal, wenn Sie nicht so firm sind in dem Thema. Wir brauchen einfach dringend noch eine Frau* auf dem Podium. Sie machen das schon!“ [*Kann auch ersetzt werden durch einen Homosexuellen, einen Naturwissenschaftler, einen Mann aus dem Volk].

Mit anderen Worten: Bei uns geht es nicht so zwingend um Kompetenz, sondern um Proporz. Sie sollen einfach einen guten Eindruck machen; dann wirft uns niemand vor, das Podium sei nur einseitig besetzt.

Das Fazit: Als Kirsche auf der Torte macht man selten einen guten Eindruck.
 

Ratschlag 6: „Sie wollen dann wohl keine Kinder. Als Frau in Ihrem Alter in der Chefredaktion.“

Mit anderen Worten: ohne Worte.

Selten habe ich gehört: Oh, der Soundso, der ist ja Vater einer Tochter im Kindergartenalter – ob der sich die Aufgabe des Chefredakteurs zutraut? Kommt der denn in Vollzeit wieder? Und wieso überhaupt „wieder“? War der weg?

Selten auch: Der Soundso, der ist noch nicht so weit, der braucht noch ein bisschen, bevor er in die Führungsrolle geht.

Das Fazit: So lange Kinder Männer sympathisch machen und sie als Führungskraft qualifizieren – und sie bei Frauen zum logistischen Hinderungsgrund erklärt werden – hat unsere Branche noch einiges zu tun. Solange wir über die Arbeitsplätze der Zukunft schreiben und selbst eine Präsenzkultur mit Showsitzen pflegen, auch.
 

Ratschlag 7: „Schreiben Sie so, dass Sie Ihren Protagonisten auch morgen wieder begegnen und ins Gesicht schauen können.“

Mit anderen Worten: Wer sein Gegenüber zur Zitateschleuder degradiert (oder zum Belustigungsobjekt), der hat im Journalismus nichts verloren.

Als Journalist erhebt man sich über seine Protagonisten. Erst aus der Distanz ist es möglich, über jemanden zu schreiben. Doch der Distanz geht die Nähe zwingend voraus. Recherchen brauchen Vertrauen. Im Prozess des Schreibens (und das schließt auch andere publizistische Aufbereitungen ein) entfernt man sich Stück für Stück aus dieser Nähe. Das Einordnen der Zusammenhänge ist immer ein arroganter Vorgang, er hat etwas Anmaßendes.

Wir schreiben über jemanden, wir machen etwas öffentlich, das vorher nicht öffentlich war. Wir nähern uns jemandem und dann brechen wir mit dieser Nähe. Das ist der Vorgang jeder Recherche. Die Nähe braucht Klarheit: Der Protagonist muss wissen, dass wir nicht als Freund zu ihm kommen, nicht als PR-Stratege und nicht als Heilsbringer. Sondern dass wir schlicht Öffentlichkeit ermöglichen. Diese Öffentlichkeit kann freundlich sein und warmherzig oder biestig und ungerecht. Sie kann über den Protagonisten herfallen wie Möwen über das Fischbrötchen.

Wir müssen die Protagonisten darauf vorbereiten. Das ist unsere Verantwortung. Wir wissen viel nach einer Recherche. Wir wägen ab, was wir schreiben und was nicht. Das ist mitnichten Zensur, wie allzu oft gebrüllt wird in den Foren; das ist Kern der journalistischen Aufgabe: die Selektion der Informationen.

Dieser Prozess, das Auf-Distanz-Gehen, das macht unseren Beruf so schwierig und so verantwortungsvoll. Vor allem, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die es nicht gewohnt sind, in der Öffentlichkeit zu stehen.

Natürlich ist es vermeintlich viel leichter, über Menschen zu schreiben, die den eigenen Text nie lesen werden; zum Beispiel, weil sie eine andere Sprache sprechen. Dann muss die eigene Geschichte der Realität der Protagonisten nicht standhalten. In diesem Abgleich zwischen meiner Wahrnehmung als Reporterin und der Eigenwahrnehmung des Protagonisten liegt die gesamte Fragilität des Journalismus. Hier muss er sich beweisen. Und verteidigen.

Das Fazit: Es ist ein schmaler Grat zwischen Distanz und Arroganz auf der einen Seite und Nähe und Opportunismus auf der anderen. Beides verstellt den Blick: Ein Reporter, der nur sich sieht und die eigene Großartigkeit, der verkennt sein Gegenüber, weil er keine Antennen hat für das, was ihm erzählt wird. Wer aber als Reporter die kritische Distanz einbüßt zugunsten einer Symbiose, der sieht ebenfalls nicht das ganze Bild. Der steht zu nah vor der Linse.

Es ist ein Satz, der zugleich verdeutlicht, was das Arbeiten im Lokalen und Regionalen ausmacht: Dort ist es selbstverständlich, dass der Reporter seinen Protagonisten wiederbegegnet. Der Reporter kann nach der Recherche nicht einfach abreisen.
 

Ratschlag 8: „Das iPad wird sich nicht durchsetzen.“

Mit anderen Worten: Man sollte sich immer überraschen lassen.

Es werden viele Sauen durchs Dorf getrieben. Als ich bei Spiegel Online anfing, lasen die Leute die Seite am Desktop, meist bei der Arbeit (morgens nach dem Hochfahren des Rechners, in der Mittagspause und noch einmal vor Feierabend). Und manche lasen Spiegel Online zu Hause am PC im Arbeitszimmer. Dann kam Mobile, und die Devise lautete: kurz schreiben; niemand liest lange Texte auf dem Smartphone. Listicles und Bulletpoints waren auf einmal Stilmittel. Dann kam Seo: Redaktionen versuchten zunächst, wenig subtil Google auszutricksen. Ein Wort fand sich mitunter fünfmal in Thema, Zeile, Vorspann. Dann hieß es: Video löst die geschriebene Geschichte ab. Dann war es VR. Dann hieß es: Die sozialen Medien ersetzen den Journalismus. Oder VR ersetzt den Journalismus. Oder der Journalismus ersetzt sich selbst.

Dann erschien Snow Fall und alles wurde versnowfallt und als Storytelling aufbereitet. Snow Fall war die Adoleszenz des digitalen Journalismus. Einmal zeigen, was man alles kann, bevor man sich emanzipiert. Wir haben Videos, Grafiken, Animationen, Audios in den Text gepackt. Dieses ganz große Gedeck hat auch den Skeptikern gezeigt, dass man im Digitalen sehr wohl an der Dramaturgie der Geschichten arbeiten kann. Dass es im Digitalen nicht nur die schnelle Agenturmeldung gibt, nicht nur das unterstellte Copy-and-paste, sondern ungeahnte Möglichkeiten, die Geschichte erstrahlen zu lassen, indem man die hergebrachten Möglichkeiten der unterschiedlichen Medien miteinander verwebt.

Das war imposant. Die großen Storytelling-Projekte markieren eine wichtige Evolutionsstufe des digitalen Journalismus. Für die normalen Nutzer war diese Protzpublizistik nichts: Sie waren zwar interessiert und beeindruckt, aber rezipiert haben sie das fünfte Video einer Geschichte meist nicht mehr. Die großen Storytellings waren fast eine eigene Kunstform. Sie haben das integrierte Erzählen alltäglich gemacht. Aus den Leuchttürmen ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Das zeigen zum Beispiel die Integration von Audio, die vielen Podcasts und ihr Erfolg. Die Selbstverständlichkeit von Video. Und vermutlich (und hoffentlich!) werden kluge und interaktive Grafiken bald immer selbstverständlicher. Wir sind in einer Post-Snow-Fall-Ära, in der der digitale Journalismus längst ernst genommen wird.

Das zeigt aber auch: Gewissheiten haben im Digitalen eine kurze Halbwertzeit. Der neue heiße Scheiß ist morgen nur noch der Dreck von gestern.

Das Fazit: Man sollte sich alles anschauen, man muss nicht alles mitmachen. Sonst drohen sich Redaktionen zu verzetteln. Es braucht in Redaktionen Experten, die sich mit neuen Technologien beschäftigen, und dann muss in jedem einzelnen Fall die Frage beantwortet werden: Brauchen wir das? Haben wir die richtigen Leute, um es umzusetzen? Passt das zu uns? Und wenn man sich zu einem Test entscheidet, braucht es Klarheit: Was wollen wir lernen und wann ist er erfolgreich oder gescheitert?

Vor allem müssen Redaktionen sich hüten vor den Dingen, die sie nur machen, um sie zu machen. Von der Hysterie der Branche sollte man sich nicht anstecken lassen; auch nicht von der Schadenfreude am öffentlichen Scheitern.

Es geht eben nicht darum, dieselbe Geschichte auf allen Kanälen zu bringen; sondern zu überlegen, welcher Aspekt eines Themas sich möglicherweise anbietet für einen Podcast. Es muss einen Unterschied machen und einen Mehrwert bieten, wenn die Geschichte als Video aufbereitet wird statt als Text. Die Frage nach den Kanälen wird die wohl wichtigste sein in den Redaktionskonferenzen der kommenden Jahre, nun, da integriertes Erzählen alltäglich ist.

Und wenn es einmal schiefgeht, dann bleibt als letzter (beinahe immer gültiger) Rat nur der meiner Großmutter: Kopf hoch, auch wenn der Hals mal schmutzig ist.

Barbara Hans (38) arbeitet seit 2006 im Spiegel-Verlag und hat 2016 die Chefredaktion von Spiegel Online übernommen. Seit Januar 2019 gehört sie zur Chefredaktion des Spiegels. Dieser Text basiert auf einer Rede, die Barbara Hans anlässlich der DJV-Tagung 24 Stunden Zukunft gehalten hat.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin

Die Redaktion - 11.7.2019