Mein Blick auf den Journalismus
"Hört den Leisen zu!"
WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni sagt: Wir müssen besser zuhören und vielfältiger werden. (Foto: WDR/Annika Fusswinkel, Montage: journalist)

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen können. Teil 9: WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni stellt eine „ungesunde Polarisierung“ in der Gesellschaft fest, gegen die man angehen müsse. Ehni beschreibt in acht Punkten, was verantwortlicher Journalismus leisten muss. Sie sagt: Wir müssen zuhören. Wir müssen die Leisen sichtbar machen. Und wir müssen vielfältiger werden.

von Ellen Ehni 

„Wir sind die Guten, die anderen die Bösen. Mit denen reden wir nicht, aber wir glauben, alles über sie zu wissen.“ Das ist das Denkschema „Wir-gegen-Die“. Es gibt Menschen, die nicht mehr mit anderen reden wollen. Die aber trotzdem meinen, viel über andere sagen zu müssen. Oft dominieren Stimmen von den Rändern unsere Debatten, moderate Töne scheinen im Hintergrund. Polarisierung bedeutet die Verstärkung von Meinungsunterschieden, die auch zur Herausbildung zweier Pole führen kann. Dabei ist Polarisierung grundsätzlich ein natürliches Phänomen – die Auseinandersetzung, die Debatte, das Austauschen unterschiedlicher Argumente und das Ringen um den besten Weg – das ist Demokratie pur. Gesunde Polarisierung kann nützlich sein und eine Gesellschaft im besten Sinne voranbringen. Derzeit entwickeln wir uns aber hin zu einer ungesunden Polarisierung.

Um das Phänomen der Polarisierung zu durchdringen, hilft der niederländische Philosoph Bart Brandsma. In einer Gruppe von WDR-Redakteurinnen und -Redakteuren haben wir uns mit ihm intensiv über Polarisierung ausgetauscht, Gründe, Auswirkungen und Gegenmittel – und natürlich auch über die Rolle, die Journalistinnen und Journalisten dabei einnehmen. Laut Brandsma geht es bei Polarisierung immer wieder um das „Wir-gegen-Die-Denken“. Diese Form der Polarisierung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Akteure des einen Pols für sich in Anspruch nehmen, die (vermeintliche) Identität derer am anderen Pol genau benennen und beurteilen zu können. Was meistens ganz freundlich beginne, so Brandsma, könne schnell eskalieren und zur Spaltung der Gesellschaft führen. Die Akteure an beiden Polen sind der Meinung, sie hätten die Wahrheit für sich gepachtet. Diese starke Polarisierung birgt wiederum Gefahren für unser Zusammenleben, vor allem wenn sich mehr und mehr Menschen an den extremen Polen wiederfinden und keine Gesprächsbereitschaft mehr vorhanden ist. Das kann dazu führen, dass Menschen, die sich mit diesen Extremen nicht identifizieren, zurücktreten und verstummen. Die sogenannte Mitte wird stiller.

Brandsma glaubt fest daran, dass Depolarisierung nur gelingen kann, wenn diese Mitte der Gesellschaft gestärkt wird. Wenn diese oft wenig sichtbare Mehrheit gesehen und gehört wird, wenn ihre Geschichten erzählt werden. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Arbeit des Teams von Docupy – ein Projekt, das im WDR gemeinsam mit der Produktionsfirma Bildundtonfabrik entwickelt wurde. Dabei wird ein Thema für mehrere Monate recherchiert, darüber berichtet wird vor allem digital, aber auch linear. Das erste Docupy-Thema war #ungleichland: Wo herrscht in Deutschland Ungleichheit? Wie macht sie sich bemerkbar? Die Recherche zeigte zum Beispiel: Die Reichen setzen sich ab, die Armen sind häufig abgehängt. Die Mittelschicht kämpft, um ihren Status zu halten, statt wie früher durch Arbeit und Leistung den Aufstieg zu schaffen. Was bedeutet das für den Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes? Das haben die Kolleginnen und Kollegen in vielen kurzen Online-Clips und in Dokumentationen für ARD und WDR-Fernsehen aufbereitet – und damit auch der Mitte der Gesellschaft eine Stimme gegeben.

Die Verlockung von Schwarz-Weiß

Bestimmte Sendungen – wie unsere Talksendungen – leben davon, dass kontrovers diskutiert wird und Menschen unterschiedlichster Meinung ins Gespräch kommen. Die jeweiligen Redaktionen entscheiden über Titel und Gästeauswahl. Hier haben wir eine große Verantwortung. Denn es ist dramaturgisch verlockend, ein Thema nach „Schwarz-Weiß-Muster“ zu bearbeiten: über Gegensätze, konträre Positionen, zugespitzte Thesen. Doch die Wirklichkeit ist eben nicht „Schwarz-Weiß“, sondern hat sehr viele Grautöne. Es ist an uns, komplizierte Sachverhalte differenziert und trotzdem spannend aufzubereiten. In unseren Talksendungen diskutieren wir vielfältige Themen – wie Organspende, Klimawandel, Wohnungsnot oder die Frage der Rente. Wir scheuen keine kontroversen Diskussionen, aber es sollen vor allem Argumente ausgetauscht werden, auf deren Grundlage sich die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Meinung bilden können. Dazu müssen wir die Themen herausarbeiten, die die Menschen umtreiben und uns auf die Lebenswirklichkeit der Mitte einlassen.

Eine unserer wesentlichen Aufgaben ist es, die Menschen zu befähigen, gemeinsam in einem sachlichen Diskurs zu bleiben. Das heißt: erst einmal zuhören, sich ausreden lassen und verschiedene Sichtweisen auch aushalten. Und das immer auf dem festen Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

An acht Punkten möchte ich festmachen, wo ich insbesondere unsere journalistische Verantwortung sehe:

1. Zuhören

Wir Journalistinnen und Journalisten müssen raus zu den Menschen, auch in der politischen Berichterstattung. Die Menschen müssen sich in unserem Programm wiederfinden können. Dazu müssen wir ihren Alltag und ihre Sorgen sehen, nicht von oben herab berichten, sondern Sachverhalte gut erklären. Das heißt auch, die Perspektive zu wechseln. Ziel bleibt: Missstände dieses Alltags herauszuarbeiten, den Finger in die Wunde zu legen und die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. Aber auch aufzuzeigen, wo es gut läuft, wo Lösungen gefunden werden, wo Alltag gut funktioniert. Dabei sollten wir transparent machen, warum wir so vorgehen, wie wir vorgehen. Alle Fragen dürfen gestellt werden – auf die Antworten kommt es an.

2. Mehr Grautöne

Wir Journalistinnen und Journalisten sollten den Menschen eine gute Informationsgrundlage geben, auf der sich jede und jeder eine eigene Meinung bilden kann. Wir müssen komplexe Sachverhalte ausführlich erklären und als solche darstellen. Ich erwarte aber, dass wir es uns dabei nicht zu einfach machen. Auch hier gilt: mehr Grautöne. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir uns intensiv mit einem Thema befassen. Nur wer ein Thema so durchdringt, dass er alle Argumente und Positionen kennt und gewichten kann, kann Narrative durchschauen und Meinungsblasen überwinden. Dafür braucht es Kolleginnen und Kollegen mit einer hohen Expertise in ihren Fachbereichen. Dazu brauchen wir Zeit für Analyse, Hintergrund und gute, auch investigative, Recherche – genau das macht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus.

3. Journalistische Prüfung

Wir Journalistinnen und Journalisten sollten beim Umgang mit Studien besonders achtsam sein. Wir sollten lieber einen Schritt zurücktreten, hinterfragen, analysieren. Wir erleben es oft, dass Studien unsere Meldungen und die Debatte in den sozialen Netzwerken bestimmen. Aber auf welcher Grundlage wurde eine Studie erstellt? Genügt sie wissenschaftlichen Kriterien? Welche Agenda hat derjenige, der sie veröffentlicht hat? Das einzuschätzen erfordert wiederum Expertise.

4. Schritt zurücktreten

Wir Journalistinnen und Journalisten sollten nicht sofort über jedes Stöckchen springen. Auch hier gilt: zurücktreten, nachfragen, analysieren. Klar, Hashtags halten das Tempo hoch. Jede noch so spitze Äußerung von Politikern wird gerne weiterverbreitet und findet auf dem Markt der Empörung ihre Interessenten – egal, ob das die Debatte voranbringt oder nicht. Die sozialen Medien sind ein wesentlicher Faktor für die Beschleunigung, ihre Algorithmen befeuern die Dynamik der Erregung geradezu. Aber die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es, ein umfassendes Programm anzubieten, das in erster Linie höchsten journalistischen Standards entspricht. Dabei ist und bleibt höchste Priorität: Qualität. Nur so bildet der Journalismus ein Gegengewicht zu den Algorithmen, die die Menschen einseitig – im Sinne ihres eigenen Weltbilds – bestärken.

5. Digitalen Wandel annehmen

Auch wir Journalistinnen und Journalisten erleben Veränderungen und müssen uns darauf einlassen, dass Altbewährtes infrage gestellt wird. Der WDR beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen des digitalen Wandels – er ist der Grund, warum der Sender umgebaut und für die Zukunft aufgestellt wird. Das kostet Kapazitäten: umschichten, verändern, loslassen. Klar ist: Wir müssen den digitalen Wandel gestalten, unsere Arbeitsweisen anpassen und uns auf Neues einlassen. Nur so können wir den Menschen jeden Tag auf den unterschiedlichsten Kanälen das bieten, was sie vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Recht erwarten: umfassende und verlässliche Information, Orientierung und Erklärung.

6. Vielfältigere Teams

Wir Journalistinnen und Journalisten müssen unsere eigenen Meinungsblasen verlassen. Das fängt bei der Zusammensetzung unserer Teams an: Auch hier sollte sich unsere Gesellschaft spiegeln. Ein vielfältiges Team stellt Fragen aus vielfältigen Perspektiven und betrachtet Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dabei ist Vielfalt selbst vielschichtig – es ist zum Beispiel eine Frage des Geschlechts, der Herkunft, des Glaubens, der Bildung, der Wohnsituation, der Erfahrung, des Alters oder der Sozialisierung. Das klingt selbstverständlich, muss aber auch in den Redaktionen gelebt werden. Das ist eine Herausforderung: Denn je vielfältiger ein Team, umso vielfältiger sind die Meinungen. Die Entscheidungsfindung in einem diversen Team kann komplizierter sein, aber sie kann am Ende zu einem besseren Ergebnis führen, weil mehr unterschiedliche Sichtweisen auf ein Thema berücksichtigt wurden.

7. Mutige Führungskräfte

Wenn es um die Förderung von Vielfalt im Team geht, kommt Chefinnen und Chefs eine besondere Rolle zu. Vielfalt braucht vor allem mutige Führungskräfte, die Potenzial erkennen, Routinen überwinden und neue Wege gehen. Wichtig ist mir, dass sowohl Frauen als auch Männer ihren Job gut mit ihrem Familienleben vereinbaren können. Ich bin nicht die erste WDR-Chefredakteurin, aber ich bin die erste Frau in dieser Position mit zwei kleinen Kindern. Das ist eine Herausforderung, der ich mich jeden Tag aufs Neue stelle. Ich möchte vorleben, dass Familie und Beruf kombinierbar sind. Gleichzeitig möchte ich gerade an die Leserinnen appellieren: Macht euch sichtbar, liebe Frauen, hebt deutlich die Hand, wenn es darum geht, Führungspositionen zu besetzen und nehmt euch euer Stück vom Kuchen.

8. Transparente Fehlerkultur

Wir brauchen eine gelebte Fehler- und Kritikkultur. Denn wir alle machen Fehler – auch im WDR. Diese sollten wir transparent machen. Nur wer mit Fehlern offen umgeht, darf auch andere darauf hinweisen. Wichtig ist, daraus zu lernen und an unserer Kritikkultur zu arbeiten. Damit meine ich uns, aber auch unsere Nutzer und Zuschauerinnen. Hass und Hetze bringen uns nicht weiter, konstruktive Kritik hingegen schon. Unseren journalistischen Standards müssen wir auf jedem Kanal gerecht werden. Egal, ob es sich dabei um einen Kurzbeitrag für Social Media oder um die investigativ recherchierte Fernsehdokumentation handelt.

Diese acht Punkte sind ein Appell an jede Journalistin und jeden Journalisten, sich selbst und die eigenen Routinen zu hinterfragen. Sie sind kein Patentrezept gegen ungesunde Polarisierung. Ein Patentrezept wird es möglicherweise auch nie geben. Denn eine Gesellschaft wandelt sich ständig, und wir wandeln uns mit ihr. Genau dieser Wandel und die Veränderungen, die wir erleben, können Menschen verunsichern. Manche mehr, manche weniger. Manche fühlen sich abgehängt oder stellen sich existenzielle Fragen, die heute womöglich noch weiter gehen als früher. Gerade deswegen ist unser Miteinander so entscheidend. Miteinander reden und einander zuhören. Im Idealfall: jeder mit jedem. Wir Journalistinnen und Journalisten sollten im Gespräch bleiben – mit den Stillen, den Lauten, den Sichtbaren und den Unsichtbaren. Und genau das sollte sich auch in unserer journalistischen Arbeit zeigen. Damit tragen wir unseren Teil dazu bei, die Gesellschaft zusammen und unsere Demokratie stark zu halten.

Ellen Ehni (Jahrgang 1973) arbeitet seit 2004 beim WDR, zunächst als Redakteurin, später als Fernsehkorrespondentin in Paris. 2012 wurde sie Chefin der Programmgruppe Wirtschaft und Recht. Seit 2014 präsentiert sie den Deutschlandtrend und die WDR-Brennpunktausgaben im Ersten. 2016 übernahm sie die Leitung der WDR-Tagesschau- und der Auslandsredaktion. Seit September 2018 ist Ellen Ehni WDR-Chefredakteurin und leitet den Programmbereich Politik und Zeitgeschehen.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
 

Die Redaktion - 11.6.2019