24h Europa – The next Generation
60 Protagonisten, 26 Länder, 45 Drehteams
Ein Tag Europa – erzählt durch die Augen junger Europäer. Am 4. Mai zeitgleich bei Arte, RBB, SWR, BR/ARD-Alpha: 24h Europa. (Foto: Tobias von dem Born)

Mit dem "Schwarzwaldhaus 1902" realisierte der Filmemacher Volker Heise 2002 eine Living History, mit "24h Berlin" produzierte er später eine Echtzeit-Doku. Jetzt folgt mit dem Projekt "24h Europa" ein journalistisches Statement gegen das Zerbrechen Europas.

Interview von Jan Freitag

journalist: Herr Heise, seit ihrer Echtzeit-Beobachtung 24h Berlin gelten Sie als Mann für Großprojekte. Hatten Sie je ein umfangreicheres Projekt als 24h Europa?
Volker Heise: Nein. Deshalb haben wir die Aufgaben ja auch auf mehr Schultern als zuvor verteilt. Bei diesem Projekt waren Leute aus so vielen Ländern beteiligt – das konnte ein Regisseur, Autor und Produzent allein gar nicht stemmen.

Wie viele Menschen aus wie vielen Ländern waren es denn?
Bei 60 Protagonisten aus 26 Ländern hatten wir 45 Drehteams im Einsatz, mit denen die Regisseure Britt Beyer und Vassili Silovic aufgrund der Distanzen nur per Skype kommunizieren konnten. Das Verhältnis von Raum und Zeit war hier ebenso neu wie die Verschiedenheit der handelnden Personen.

"Horizontales Erzählen liegt im Trend", sagt Volker Heise (Foto: Ralf Schuster)

Wie trifft man bei rund 750 Millionen Einwohnern auf zehn Millionen Quadratkilometern Fläche eine repräsentative Auswahl?
Gar nicht, von der Repräsentanz mussten wir uns schon deshalb verabschieden, weil es vielleicht für die EU, aber nicht für ganz Europa valide Statistiken gibt. Um den Kreis da einzugrenzen, haben wir einerseits nur Leute unter 30 begleitet, statt wie zuvor von der Wiege bis zur Bahre, und andererseits eher thematisch vorsortiert, also entlang der großen Trends und Themen, mit denen junge Menschen künftig konfrontiert sind.

Zum Beispiel?
Migration jeder Art – von außen, aber auch innerhalb einzelner Länder. Stichwort Landflucht. Auf der Suche nach größtmöglichen Kontrasten sind wir da etwa in Bulgarien fündig geworden, wo es ein Dorf mit nur einem Jugendlichen gab, der alle Vorurteile der Alten abgekriegt hat. Bei einem Trendthema wie Geschlechteridentität dagegen landet man schnell in den Niederlanden, wo wir jemanden auf dem Weg von der Frau zum Mann begleiten, was wiederum nach Russland führt, wo man über abweichende Sexualität nicht mal offen spricht.

Regionales Proporzdenken spielte also keine Rolle?
Man muss schon ein wenig die Waage halten. Auch dahingehend, dass wir Italien nicht nur durch einen Faschisten repräsentiert sehen wollten, was uns die meisten Italiener übel genommen hätten.

Wie verhindert man weitere Klischees wie: "Holland ist modern, Bulgarien rückständig"?
Mit viel Mühe, Kommunikation, Kontrasten. Zwei DJs treten dann eben nicht in Berlin, sondern in der Ukraine auf, wo sie die Frontlinie zwischen Separatisten und Armee überqueren, um in einem Club aufzulegen. Das zeigt die europäischen Bruchlinien auf eine sehr praktische Art.

Darf man das als politisches Statement von 24h Europa verstehen?
Unbedingt. Auf die Frage, was alle Menschen verbindet, gibt es zunächst nur eine Antwort: Sie leben in einem Europa, das kulturell extrem vielfältig, aber auch eng miteinander verbunden ist. Das aufzuzeigen, empfinde ich im Angesicht der Konflikte, die zum Beispiel im Fall des Brexits gerade neu aufbrechen, auch journalistisch absolut geboten.

Wohin führt dieses Format als nächstes – zurück zu 24h Deutschland oder weiter Richtung 24h Erde?
Horizontales Erzählen liegt zwar absolut im Trend, aber ob der Maßstab eher wieder wachsen oder schrumpfen muss, wird sich erst an der Resonanz auf 24h Europa zeigen. Weil der Aufwand so gigantisch ist, betrachten wir vielleicht mal ein Dorf.

Matthias Daniel - 25.4.2019