Werkstatt Web-Reportagen
Serie: Wie Web-Reportagen entstehen
Studierende der Hochschule Hannover haben sich 17 große Web-Reportagen genauer angeschaut. (Foto: journalist)

Journalistik-Studierende der Hochschule Hannover wollten wissen, wie in deutschsprachigen Onlineredaktionen aufwendige Longform-Stücke entstehen. Sie haben Geschichten hinter den Web-Geschichten recherchiert, und das Ergebnis bietet aufschlussreiche Einblicke in die Praxis des digitalen Storytellings. Unsere 17-teilige Serie zu Web-Reportagen.

von Stefan Heijnk

Das Intro saugt den Betrachter förmlich in die Geschichte: Das Aufmacherbild zeigt eine winterweiße, alpine Eislandschaft aus der Vogelflugperspektive. Da ist nichts als Schnee und Eis und ein auffälliges, kreisrundes, großes Loch im schneebedeckten Boden. Dann die erste Blende: Ein Mann seilt sich ab in einen halbdunklen Schlund. Die zweite Blende: Ein Mann zwängt sich auf Knien durch einen stockfinsteren Kanal, in dem das dünne Licht seiner Helmlampe über kristallglatte Eiswände springt. Willkommen im Plaine-Morte-Gletscher, hoch über dem Berner Oberland in der Schweiz und geschätzte 50 Meter tief unter tonnenschwerem, langsam dahinfließendem Eis.

So beginnt die Web-Reportage „In eisigen Tiefen“, die der freie Journalist und Bergsteiger Dominik Osswald und sein Team für den Tages-Anzeiger in Zürich produziert hat. Das Longformstück wurde 2017 mit dem Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Multimedia“ ausgezeichnet – und wer es sich anschaut, muss den Eindruck gewinnen, dass hier gleich ein ganzer Trupp Multimedia-Profis am Werk war.

Tatsächlich lagen die Dinge wohl doch etwas anders: Zum Schluss hatte zwar fast ein Dutzend Menschen an der Produktion der Web-Reportage mitgewirkt – Höhlenforscher, Programmierer, Drohnenpiloten, Kameramänner. Die finanziellen Mittel allerdings sahen eher bescheiden aus. Etwa ein Drittel der Kosten steuerte die Tages-Anzeiger-Redaktion bei, so Osswald. Die anderen zwei Drittel kamen von Sponsoren. "Alle, die daran mitgearbeitet haben, haben das letztlich gratis gemacht."

Das Beispiel wirft ein Schlaglicht auf den Alltag in deutschsprachigen Onlineredaktionen. Ohne erhebliches individuelles Engagement scheinen multimediale Longformstücke oft kaum möglich zu sein. Jedenfalls ist das in etlichen der 17 Geschichten hinter den Web-Geschichten zu erspüren, die von Journalistik-Studierenden der Hochschule Hannover recherchiert und aufgeschrieben wurden (Übersicht am Ende dieser Seite).

Insgesamt formt sich in den Hintergrund-Storys ein Bild, das zwar in keiner Weise repräsentativ sein kann oder will, das aber doch einen Eindruck davon vermittelt, wie es um die Praxis der Longform-Produktion aktuell bestellt ist. Die Details dieses Bildes sehen so aus:

  • Die redaktionelle Kompetenz im Digital Storytelling entwickelt sich in den Redaktionen, abhängig von den vorhandenen Ressourcen, in deutlich unterschiedlicher Geschwindigkeit. Das ist kaum verwunderlich: Spiegel, Zeit, die Süddeutsche Zeitung bieten seit Jahren eigene Abteilungen für die Produktion aufwendigerer Multimedia-Geschichten auf. In regionalen Zeitungsredaktionen hingegen scheint das nur ausnahmsweise der Fall zu sein. Ablesen lässt sich das beispielsweise an den gängigen Zeitfenstern für die Recherche: Die Spiegel-Redakteure Alexander Epp und Roman Höfner etwa reisten für ihre „Das Hass-Netzwerk“-Geschichte zehn Tage durch die USA, von Santa Ana nach Denver und schließlich nach Atlanta. Auch die freie Journalistin Christina Schmidt und die Fotografin Maria Feck hatten für ihre „Schweigen ist Tod“-Geschichte im Spiegel zehn Vor-Ort-Tage in Grönland, um dort den Gründen für die weltweite höchste Suizidrate nachzugehen. Andernorts muss hingegen schon mal der Jahresurlaub investiert werden, damit ein Longform-Projekt verwirklicht werden kann.
     
  • Das Storytelling-Tool Pageflow hat den handwerklichen Zugang für die redaktionelle Praxis deutlich vereinfacht und ermöglicht multimediales Erzählen auch ohne tiefgehende Programmierexpertise. Das Programm ist relativ komfortabel, einfach zu bedienen und ermöglicht ansprechende, digitale Longformstücke ohne aufwändigen Technik-Invest. Eingesetzt wird das Erzähl-Werkzeug beispielsweise bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und beim Weser-Kurier. 
     
  • Nicht ganz überraschend: Die „Snowfall“-Geschichte der New York Times aus dem Jahr 2012 ist so etwas wie die Referenz in der Evolution digitaljournalistischer Langformen. Komplexe Multimedia-Storys gab es zwar auch vorher schon, auch bei der New York Times selbst. Doch die Geschichte über ein tödliches Lawinen-Unglück in den Rocky Mountains im Nordwesten der USA ist als formprägender Impuls in etlichen Longforms wiederzuerkennen – jedenfalls im Portfolio der von den Studierenden aufgenommenen Geschichten.
     
  • Digital Storytelling-Projekte sind in aller Regel eine arbeitsteilige Teamarbeit. Onlinejournalistische Workflows ähneln deshalb auch eher den Produktionsabläufen in Fernsehredaktionen. Koordination ist besonders wichtig. Etwa wenn es darum geht, die inhaltlichen Teile angemessen zu gewichten. Oder den Erzählstil einer Geschichte zu harmonisieren, wenn mehrere Autoren daran mitwirken. Einzelkämpfer-Projekte kommen zwar vor, sind im multimedialen Erzählen jedoch Ausnahmen. Nora Burgard-Arp beispielsweise ist eine solche Ausnahme mit ihrem in Eigenregie erstellten, preisgekrönten Web-Projekt über das Thema Magersucht.
        
  • Redaktionelle Content-Management-Systeme waren (und sind) immer noch ein limitierender Faktor fürs Digital Storytelling. Das, was für eine Geschichte in der multimedialen Mischung und im Layout vielleicht wünschenswert ist, kann mit den gängigen Software-Tools zuweilen einfach nicht umgesetzt werden. Technische Restriktionen sind Alltag.
     
  • Digitales Storytelling kann Gerüchten, die sich im Web wahnsinnig schnell verbreiten und massenwirksam werden können, eine gut recherchierte Faktenberichterstattung entgegensetzen. Die Mittel dazu sind vorhanden – wie das Beispiel der Krautreporter-Geschichte zeigt über die angebliche Messer-Attacke eines Grundschülers mit Migrationshintergrund auf zwei seiner Mitschüler. Vor allem an dieser Geschichte lässt sich gut erkennen, dass digitaler Journalismus etwas Fließendes ist: Recherche und Berichterstattung begleiten das Thema für eine begrenzte Zeit, docken gewissermaßen an das Ereignis an, stellen das Wichtigste zuerst in kurzer Form dar, werden dann ausführlicher, um sich schließlich wieder davon zu lösen. Journalismus in digitalen Medien ist Journalismus im Fluss. Permanent.

Stefan Heijnk ist Journalistik-Professor an der Hochschule Hannover. Er hat das Werkstatt-Projekt initiiert und betreut.

Hier die Übersicht der einzelnen Beiträge:

Teil 1: Expedition: "Abstieg in einen Gletscher" (von Annika Spohn)

Teil 2: Nazi-Gruppe: "Der pure weiße Hass" (von Luisa Ziegler)

Teil 3: Amoklauf in München: "Eine Metageschichte aus 113.000 Tweets" (von Lea Thomas)

Teil 4: Anorexie: "Magersucht hat viele Gesichter" (von Jessica Orlowicz)

Teil 5: Datenjournalismus: "Landeier und Stadtkinder" (von Lukas Beckmann)

Teil 6: Messer-Attacke an Chemnitzer Grundschule?: "Nicht ganz die Wahrheit" (von Celina Riedl)

Teil 7: Suizid: "Reden ist Gold" (von Chiara Thies)

Teil 8: 24 Stunden in einer Klinik: "Von Nachtwächtern und Seelsorgern" (von Alicia Lippke)

Teil 9: Flüchtlingslager: "Wie die Spinne im Netz" (von Loki Maring)

Teil 10: Antarktis: "Reise zum (fast) südlichsten Punkt der Erde" (von Lea Kraft)

Teil 11: Menschenschmuggel: "Einen Unsichtbaren finden" (von Cornelia Bertram)

Teil 12: Matterhorn-Besteigung: "Mit den Füßen am Abgrund" (von Laura Beigel)

Teil 13: Beirut: "Ein Wahnsinn ohne Straßennamen" (von Gina Briehl)

Teil 14: Flüchtlingsrettung: "Sie nannten sie Schwester" (von Jenny Häusler)

Teil 15: Kolumbien: "Drei Perspektiven aus einem polarisierten Land" (von Marie Schiller)

Teil 16: Myanmar: "Einlaminierte Tote lügen nicht" (von Jan Sadler)

Teil 17: Hannover 96: "Eine Jugenderinnerung zum Leben erweckt" (von Ben Kendal)
 

 

Die Redaktion - 29.4.2019