Werkstatt Web-Reportagen
Der pure weiße Hass
"Wir haben mindestens einen Monat überlegt, wie nähert man sich so einem Menschen am besten an", sagt Spiegel-Redakteur Alexander Epp. (Foto: journalist).

Die Multimedia-Reportage Das Hass-Netzwerk enthüllt die Struktur einer militanten Nazi-Gruppe aus den USA. Ein halbes Jahr lang haben zwei Spiegel-Redakteure recherchiert, Chats infiltriert und den untergetauchten ideologischen Übervater der Gruppe gesucht. Teil 2 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Luisa Ziegler

„Es ist wie in einer anderen Welt. Nur wenige Minuten Fußweg trennen den eingezäunten Apartmentkomplex im Zentrum Denvers von Hochglanzboutiquen und Edelrestaurants, doch von Wohlstand ist hier nichts mehr zu spüren. In unmittelbarer Nähe campieren Obdachlose, auf dem Parkplatz rauchen Menschen Crack.“ Und weiter: „Man spricht miteinander, man kennt sich. Nur der grauhaarige ältere Herr, der um kurz vor 16 Uhr mit einer Einkaufstüte voller Gemüse auf das Tor zuläuft, passt nicht ins Bild. Die Nachbarn würdigt er keines Blickes, grußlos verschwindet er in seiner Wohnung.“

Mit dieser Szene beginnt die Multimedia-Reportage Das Hass-Netzwerk. Es ist der Sommer 2018. Alexander Epp und Roman Höfner sitzen seit Stunden in ihrem Auto auf einem Parkplatz in Denver. Ausgestattet mit Käppi, Sonnenbrille und Kamera, schwitzend in der Hitze, ohne Klimaanlage, denn sie wollen nicht auffallen. Zur Mittagszeit haben sie eine halbe Stunde Pause gemacht. Immer die Angst im Nacken, den Moment zu verpassen. Doch dann, endlich, läuft der Mann vorbei, auf den sie gewartet haben: James Mason, Begründer der Ideologie des „Atomwaffen”-Netzwerks und seit mehr als zehn Jahren untergetaucht. Jetzt haben die beiden Journalisten Gewissheit, dass sie am richtigen Ort sind.

Der zündende Funke

Rückblick: Im Januar 2018 werden die Spiegel-Redakteure Epp und Höfner auf einen Artikel des US-amerikanischen Newsdesk ProPublica aufmerksam. Die Organisation für investigativen Journalismus enthüllt Mitglieder einer Nazi-Gruppe aus den USA, denen fünf Morde zugerechnet werden: die „Atomwaffen Division“. Der Bericht sorgt für Aufsehen und weckt das Interesse der Redakteure. „Der Name ‚Atomwaffen Division‘, was ja ein deutscher Name für eine amerikanische Gruppierung ist, dieses extrem militante Verhalten, und dann in Kombination mit einer Propaganda, die auf hohem Niveau produziert ist, da hat es bei mir aufgeblinkt“, sagt Epp. Zusammen mit seinem Kollegen Höfner beginnt er, lose zu recherchieren.

Über einen Kontakt gelingt es den beiden, ein internes Chat-Netzwerk der Gruppe zu infiltrieren. Zu Beginn ergibt die Recherche ein wirres Bild. Ein dezentrales Terrornetzwerk, das nicht nur Juden, Schwule und Nicht-Weiße hasst, sondern auch Hinrichtungsvideos vom „Islamischen Staat” teilt, Schul-Attentate verherrlicht und Terroristen wie Anders Breivik und die Al-Qaida glorifiziert. Schnell steht für die beiden Redakteure fest: „Das ist nicht irgendeine Alt-Right-Gruppe, sondern das ist total anders. Erst war diese Überforderung da, was macht jetzt Satanismus da drin, warum taucht da Kommunismus auf. Und so wurde das immer konfuser, aber gleichzeitig auch noch interessanter und wichtiger, das zu verstehen“, erinnert sich Höfner.

Die Geschichte gerät ins Rollen. Die Redakteure sammeln Informationen über Social Media, über Foren, über weitere Kontakte. Sie gelangen an Teile des Grundlagenwerks Siege. Sie nehmen Kontakt zu Jake Hanrahan auf, einem britischen Investigativ-Journalisten, der die Gruppierung entdeckt und seine Informationen auch ProPublica zur Verfügung gestellt hat. Langsam kristallisiert sich ein klareres Bild heraus. Es ist das Bild eines Netzwerks, das unter dem Nazi-Deckmantel alles idealisiert, was zerstörerisch ist. „Der pure weiße Hass“, beschreiben es die Redakteure.

Zu Beginn betreiben sie die Recherche noch nebenbei. Sie wollen herausfinden, ob sich die Gruppierung überhaupt als Thema eignet. Doch die Geschichte zieht die Journalisten schnell in ihren Bann. „Ich glaube, das war bei uns beiden gleich so eine Herz-Geschichte. Wir haben uns auch am Wochenende ausgetauscht, mal nachgeguckt, gibt es etwas Neues auf Twitter, einen neuen Account, findet man da noch mehr raus. Es war, auch wenn die normale Arbeit nebenbei lief, schon sehr früh sehr viel“, erzählt Höfner.

Auf den Spuren von James Mason

Nach monatelangem Sammeln von Informationen fliegt er mit Epp nach Amerika. Zehn Tage haben sie dort zur Verfügung, um vor Ort zu recherchieren. Die Reise beginnt in Santa Ana, wo sich der jüngste Mord durch ein „Atomwaffen“-Mitglied zugetragen hat. Blaze Bernstein, ein jüdischer homosexueller Student, wurde hier von einem ehemaligen Klassenkameraden im kalifornischen Borrego Park erstochen. Höfner und Epp versuchen, den Mord zu rekonstruieren. Sie treffen die Mutter des Opfers, sprechen mit den Sheriffs, fahren die Tatorte ab und halten alles mit der Kamera fest.

Dann geht es nach Denver. Hier soll sich der ideologische Übervater des Netzwerks befinden: James Mason, 66 Jahre alt, in seiner Jugend als Mitglied in die „American Nazi Party“ eingetreten. In den 80er Jahren veröffentlicht er seine menschenverachtende Weltanschauung in einem Buch unter dem Titel Siege, ruft darin zum bewaffneten Kampf in dezentralen Terrorgruppen auf. Nachdem das Werk jahrelang kaum Beachtung findet, entdecken es die Mitglieder der „Atomwaffen Division“ bei ihrer Gründung 2015 für sich. Siege ist die Grundlage ihrer Ideologie, James Mason eine Art Vorbild.

Drei Tage haben die Journalisten nun in Denver, um eben diesen Mann zu finden. Außer den „Atomwaffen“-Mitgliedern kennt keiner seinen Aufenthaltsort. Dass Mason nun mit Einkaufstüten voll frischem Gemüse seine Wohnung betritt, ist Reporterglück. Es bedeutet nicht nur, dass die Adresse ihres Kontaktes stimmt, sondern gibt Epp und Höfner auch Sicherheit: „Klingt banal, aber für uns hat es natürlich bedeutet, dass er jetzt anscheinend die nächsten Tage da sein wird. Denn sonst kaufst du kein frisches Gemüse ein.“ Weil die Dunkelheit einbricht und sie Mason bei Tageslicht interviewen wollen, planen die Redakteure eine Kontaktaufnahme für den nächsten Tag.

Mit versteckter Kamera

Um 7.30 Uhr platziert Höfner sich vor der Methodistenkirche, in der Mason Mitglied sein soll. Epp behält währenddessen Masons Wohnung im Auge. Die Redakteure hoffen, ihn nach dem Gottesdienst abfangen zu können. Ein Moment, den sie planen, seit sie Masons Adresse herausgefunden haben: „Uns war schnell klar, wir müssen das so angehen, dass wir das meiste rausholen. Und das wird nicht funktionieren, wenn wir da klingeln und sagen, wir sind vom Spiegel“, sagt Höfner. Epp fügt hinzu: „Wir haben mindestens einen Monat überlegt, wie nähert man sich so einem Menschen am besten an. Macht man das offensiv, crasht man ihn sozusagen, auf die Gefahr hin, dass man einfach nichts aus ihm rauskriegt oder er aggressiv wird. Er hat ja auch ein bisschen was auf dem Kerbholz. Oder macht man es mit versteckter Kamera, macht man es bei ihm zu Hause. Was ist, wenn wir ihn nicht mehr sehen und er nicht mehr rauskommt. Wir hatten alle Eventualitäten im Kopf.“

Tatsächlich kommt es anders, als geplant. Mason verlässt sein Haus in die entgegengesetzte Richtung der Kirche. Epp folgt ihm bis zu einer Bushaltestelle, versucht währenddessen, Kontakt mit seinem Kollegen aufzunehmen. Nach monatelanger Vorbereitung entscheidet nun dessen knappes „Okay“. Epp spricht Mason an, gibt sich als deutscher Tourist aus, kommt mit Mason ins Gespräch. Dann kommt der Bus.

Der Reporter wagt sich weiter vor: „Als Mason in den Bus steigen wollte, habe ich ihn darauf angesprochen, dass er doch James Mason sei. Und das fand er toll, dass ein Deutscher ihn kennt, und hat gesagt, steig doch in den Bus ein, dann können wir ein bisschen reden.“ Mason gibt ihm seine Telefonnummer, schlägt vor, sich später in seiner Wohnung zu treffen. Das jedoch möchte Epp angesichts Masons Vorgeschichte und der lockeren Waffengesetze in den USA vermeiden. Im Bus, an einem öffentlichen Ort und mit seinem Kollegen in der Nähe, fühlt er sich sicherer. Und so löchert er Mason mit Fragen, führt das Interview spontan an Ort und Stelle. Sein anfängliches Unbehagen vergisst er schnell: „Da siegt wirklich die journalistische Neugier und man will wissen, was in diesem Kopf vorgeht, in diesem Mann. Und das auch auf einem Niveau, das nicht irgendwie abfällig ist, abwertend, sondern einfach interessiert.“ Das scheint zu funktionieren. Eine Viertelstunde unterhält sich Epp mit James Mason, ohne dass dieser Verdacht schöpft. Das Gespräch filmt der Reporter mit versteckter Kamera, eine am Knopf, eine am Kaffeebecher. Dann verlässt er den Bus. Die Redakteure haben ihr Ziel in Denver erreicht.

Teamwork in der Produktion

Nach einer letzten Station in Atlanta, wo beide Spiegel-Journalisten die Einschätzung von Experten des Southern Poverty Law Center über die Nazi-Gruppe einholen, geht es zurück nach Deutschland. Dort schließen sie ihre Recherche ab und konzentrieren sich auf die Produktion. Material haben sie mehr als genug: Zehntausende interne Chats, Propaganda-Videos, das Gespräch mit James Mason sowie Interviews mit Experten aus Atlanta und dem Journalisten Jake Hanrahan.

Das grobe Konzept der Geschichte haben die beiden schon während der Recherche im Kopf gehabt: „Es hat sich noch ein bisschen was zurechtgerüttelt, aber wir wussten schon, es wird ein Struktur-Stück, wo man diese Gruppe erklärt. Damit der Leser danach wirklich denkt, okay, ich verstehe, was das ist“, erklärt Epp.

Wie in der Recherche arbeiten Epp und Höfner auch in der Produktion eng zusammen: abwechselnd ordnen sie Material und Informationen, schreiben den Text, schneiden die Videos. Unterstützt werden sie dabei von Spiegel-Kollegen: „Gerade im Multimedia-Journalismus brauchst du Spezialisten jeglicher Art, damit die Geschichte neben dem Informationsgehalt auch visuell gut ist. Das ist dann Teamwork, vielleicht sogar noch mehr als im traditionellen Journalismus, und funktioniert auch nur so“, stellt Epp fest.

In der visuellen Gestaltung entscheiden sich die Redakteure bewusst nur für einen kleinen Teil des gesammelten Materials, um die Reportage nicht zu überfrachten. Auch mit der Präsentation des Materials setzen sich die Journalisten lange auseinander. Statt die Propaganda-Videos im Original zu zeigen, entfernen sie die Musik und branden die Videos als Propaganda. Auch die Fotos ordnen sie in ein eigenes Design aus schwarzen Balken und farbigem Hintergrund ein. „Wir haben uns wirklich bei allem, vom Text bis hin zu den Bildern, Videos, und Bildunterschriften unglaublich viele Gedanken gemacht, wie wir diese Gruppe präsentieren, ohne dass wir sie in irgendeiner Form heroisieren.“

Mit Programmierern und Layoutern erarbeiten sie außerdem die interaktiven Elemente der Reportage. So soll der Nutzer die Möglichkeit haben, den Tatverlauf des Bernstein-Mordes zu verfolgen. Auf einer interaktiven Karte lässt sich außerdem die Verbreitung des „Atomwaffen”-Netzwerkes auf der ganzen Welt nachvollziehen. Elemente, die die Reportage auflockern und ergänzen, die jedoch keinesfalls willkürlich platziert sind: „Am Anfang vom Multimedia-Journalismus war es vielleicht so, dass man gesagt hat, oh cool, wir können so viel, lass uns mal alles ausprobieren“, so Epp. „Aber wir sind mittlerweile der Überzeugung, dass man sich die besten Darstellungsformen raussuchen muss, dass man eine gute Struktur dafür finden muss und den Zuschauer nicht überfordern darf. Denn am Ende steht im Mittelpunkt einfach die Geschichte.“

Gemischte Reaktionen

Nach sechs Monaten Recherche erscheint diese Geschichte auf der Spiegel-Website. Für die Redakteure wird es noch einmal spannend. Denn eine solche Geschichte birgt ein gewisses Risiko. Als Reaktion auf den ProPublica-Artikel gab es aus den „Atomwaffen“-Reihen Morddrohungen gegenüber den Journalisten. Vorsichtshalber sperrt Höfner seinen Twitter-Account. Doch es bleibt still, die beiden erreichen weder Hass-Kommentare, noch Drohungen.

Stattdessen taucht die Reportage in den internen Netzwerken der „Atomwaffen Division“ auf. Ein Mitglied bezeichnet sie laut Epp als „den besten Artikel, den wir ‘so far’ gesehen haben.“ Auch das Video von James Mason wird auf den Seiten geteilt. „Das ist natürlich einerseits skurril, wenn man sich denkt, die laden jetzt diese Videos wieder hoch. Und sagen, guck mal, wie cool James Mason ist.“ Andererseits zeige es, in was für einer kruden Gedankenwelt die Mitglieder lebten.

Die Reaktion löst gemischte Gefühle bei den Reportern aus. „Jetzt kann man natürlich sagen: Blöd, die finden das gut, was wir gemacht haben. Andererseits ist unser Anspruch nicht, polemisch da drauf zu hauen, sondern Fakten zu präsentieren.“ Eine Problematik, mit der Journalisten sich bei derartigen Themen häufig konfrontiert sehen. Denn die Berichterstattung über eine extremistische Gruppe bietet dieser immer auch eine Plattform. Trotzdem sind Epp und Höfner der festen Überzeugung, keine Werbung für die rechtsextreme Gruppierung gemacht zu haben. Aufklärung müsse immer der Sinn von Journalismus sein. „Letztendlich ist für uns der Job, da ein Spotlight draufzusetzen. Die Aufmerksamkeit ist wichtig, um damit umzugehen und im Zweifelsfalle zu verhindern, dass diese Gruppe weiter im Dunklen agiert und irgendwann zu einem Konstrukt anwächst, das nicht mehr im Keim erstickbar ist.“

Die jüngsten Ereignisse bestätigen die Spiegel-Redakteure in ihrem Anliegen. Anfang November 2018 tauchen in der Humboldt Universität in Berlin Rekrutierungsflugblätter der „Atomwaffen Division“ auf. Darauf sind Hakenkreuze zu sehen, die Studierenden werden zur „Vorbereitung auf den Bürgerkrieg“ aufgerufen. Die Spiegel-Redakteure vergleichen die Flugblätter mit den Informationen, die ihnen über den deutschen Ableger der „Atomwaffen Division“ vorliegen. Sie stellen fest: Der Wortlaut ähnelt dem ihrer Quellen. Der Verdacht liege also nahe, dass tatsächlich diese Gruppierung am Werk ist.

Die Geschichte der „Atomwaffen Division“ ist damit wohl noch nicht fertig erzählt.

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Die Redaktion - 29.4.2019