Werkstatt Web-Reportagen
Eine Metageschichte aus 113.000 Tweets
"Bis heute führe ich Gespräche mit Leuten darüber, was sie an diesem Abend gemacht haben", sagt SZ-Datenjournalist Benedict Witzenberger. (Foto: journalist)

Pro Tag werden rund 500 Millionen Tweets weltweit gepostet. Den meisten wird keine besondere Beachtung geschenkt. Manchmal können sie aber eine große Wirkung haben. Teil 3 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen: Journalisten der Süddeutschen Zeitung haben mehr als 100.000 Tweets ausgewertet, die am Tag des Amoklaufs in München verfasst wurden. Herausgekommen ist die Multimedia-Reportage „Timeline der Panik“.

von Lea Thomas

„Die Stadt war so geschockt von diesem Abend – auch die Tage danach“, erinnert sich Benedict Witzenberger, Datenjournalist bei der Süddeutschen Zeitung. „Bis heute führe ich Gespräche mit Leuten darüber, was sie an diesem Abend gemacht haben.“

Witzenberger meint den 22. Juli 2016. Gegen 17.50 Uhr waren in München, genauer: in der McDonald’s Filiale gegenüber des Olympia-Einkaufszentrum erste Schüsse gefallen. Der Anfang einer Nacht voller Panik. Nur acht Tage zuvor war in Nizza ein Lkw durch eine Menschenmenge gerast, ein Terroranschlag, zu dem sich der IS bekannte. Auch in München spricht man schnell von „Terror“. Ein Irrtum, wie sich später herausstellt. Aber nicht nur dieses Gerücht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. So werden aus einem Tatort plötzlich 67 Tatorte. „Schüsse“ werden zu einer „schweren Schießerei“. Aus einem einzigen Täter werden mindestens drei. Panik bricht an Orten aus, an denen eigentlich nichts passiert ist. Aber wie kommt es eigentlich, dass sich solche Fehlinformationen so schnell verbreiten können?

Diese Frage stellt man sich auch bei der Süddeutschen Zeitung (SZ). „Wir haben uns mal die Auswertung eines Wissenschaftlers angeschaut. Er hat untersucht, wie sich bei dem Anschlag in Nizza Gerüchte verbreitet haben, oder besser gesagt: wie sich Schlagworte auf Twitter verbreitet haben“, so Witzenberger. „Wir haben gemerkt, das können wir mit München auch so machen.“

Die SZ-Journalisten entschließen sich, die Tweets, die am Abend des Amoklaufs gepostet wurden, genauer unter die Lupe zu nehmen. „Twitter stellt für Programmierer eine Schnittstelle zur Verfügung, über die man mit bestimmten Suchbegriffen nach Inhalten von Tweets, Nutzern oder auch nach Hashtags suchen kann. Diese Schnittstelle liefert dann alle Tweets zurück, die auf diesen Suchbegriff zutreffen. Was sie nicht wissen: Die Tweets werden für lediglich eine Woche dort bereitgestellt. Danach sind sie in den Tiefen des sozialen Netzwerks verschwunden.

Schlagwort-Suche mit Hilfe des Computerprogramms

Als die Redakteure mit der Recherche beginnen, ist der Amoklauf bereits zwei Wochen her. „Wir dachten uns: Okay, wir haben dieses Problem, wie lösen wir das jetzt?“, so der Datenjournalist. Da stoßen sie auf ein Computerprogramm, das von einem brasilianischen Programmierer entwickelt wurde. Bei Twitter ist es theoretisch möglich, alle Einträge, die bisher gepostet wurden, wiederzufinden - sofern diese nicht schon gelöscht wurden. Allerdings müsste man dafür ziemlich weit zurückscrollen. In der Praxis für einen Menschen wohl kaum umsetzbar.

Für das Computerprogramm jedoch kein Problem. Es ahmt einen normalen Twitter-Nutzer nach, scrollt soweit es geht zurück und speichert alle gefundenen Tweets ab. Mit Hilfe von Schlagworten ist es möglich, nach verschiedenen Einträgen zu suchen. „Wir wussten, was die heißesten Phantomtatorte waren, an denen etwas passiert ist - oder besser gesagt: gar nichts passiert ist. Dann haben wir noch allgemeine Begriffe wie Munich, Shooting, Terroranschlag und Amoklauf eingegeben“, erzählt Witzenberger. Die Suche sei manchmal abgebrochen, aber letztlich habe das Programm das gemacht, was es sollte. Anschließend löschten die drei Datenjournalisten, die an diesem Projekt arbeiten, alle Dopplungen. Herausgekommen sind 113.000 Tweets. Die Analyse sei dann schnell gemacht, wenn man sich mit Daten auskenne.

Die 113.000 Tweets zeigen, wie Fehlinformationen von einem zum anderen Nutzer weitergetragen werden. Auffällig ist auch, dass Gerüchte, die von den Medien aufgegriffen werden, sich deutlich schneller verbreiten. Ein Manko wird den Redakteuren dennoch schnell bewusst. „Im Verlauf der Recherche hat sich gezeigt, dass es noch eine weitere Ebene gibt, und zwar geschlossene Gruppen wie WhatsApp und Facebook Messenger“, sagt Witzenberger. Bei Twitter stoßen sie auf Bilder, die offensichtlich aus solchen geschlossenen Gruppen kommen. Diese Dimension bleibt den Journalisten verborgen. „Das ist ein bisschen schade, weil wir wussten, da steckt noch mehr dahinter, aber wir können nur mit begrenzten Mitteln arbeiten“, so Witzenberger weiter.

Die Perspektive der Protagonisten

Neben den Datenjournalisten arbeiten ein Redakteur aus der Social-Media-Abteilung, einer aus dem Bereich für digitales Storytelling sowie eine Redakteurin aus dem Investigativressort an dem Projekt. „Jeder hatte einen Bereich, auf dem er Experte ist“, erzählt Witzenberger. So habe die Kollegin aus dem Investigativressort die klassische Recherche übernommen. Sprich: nach Protagonisten gesucht, die den Abend aus ihrer Perspektive schildern, um den Ablauf nachvollziehen zu können.

Einer dieser Protagonisten ist Eduard Höcherl, Chefarzt im Klinikum Schwabing. „Wir wussten, dass sämtliche Kliniken sich auf einen Massenanfall von Verletzten vorbereiten mussten, und wir wollten jemanden, der das Ganze aus Kliniksicht schildert“, erläutert Witzenberger. Auch der Pressesprecher der Polizei ist ein wichtiger Ansprechpartner in der Geschichte. Dass dieser so mitgemacht und seine persönliche Geschichte erzählt habe, sei ganz praktisch gewesen.

So entsteht die „Timeline der Panik“, wie die Webstory heißt. Eine Geschichte, die auf zwei Ebenen spielt. Auf der einen Ebene gibt es die Rekonstruktion des Abends. Auf der anderen wird der Blick auf die Rolle der sozialen Medien gelenkt, auf das, was die Kommunikation über diese Netzwerke auslösen kann. Entstanden aus der Motivation, die Geschichte nochmal anders zu erzählen.

Insgesamt acht Wochen fokussieren sich die sechs Journalisten auf dieses Projekt. Eine Zeit, in der sie intensiv zusammenarbeiten. Sie organisieren sich zum Großteil über Google Docs. Hier haben die Redakteure die Möglichkeit, ihre Ergebnisse zu sammeln und die Texte der anderen zu kommentieren. Im Idealfall treffen sie sich zusätzlich einmal pro Tag, um sich auf dem Laufenden zu halten. Die Arbeit zahlt sich aus: Die multimediale Story wird für zahlreiche Auszeichnungen nominiert, unter anderem für den Grimme Award und den Deutschen Reporterpreis. Gewonnen haben sie letztlich einen Lokaljournalistenpreis.

Enttäuscht ist Witzenberger darüber aber nicht: „Es war schön, dass wir dann so einen Preis gewonnen haben, weil wir eine Geschichte erzählt haben, die uns alle betroffen hat und wir somit auch diesen Lokalbezug hatten.“ Jeder habe jemanden gekannt, der an dem damaligen Abend in der Stadt verschollen war und nicht nach Hause kam. Passenderweise wurde ihnen die Auszeichnung in der Kategorie „Social Media“ verliehen, denn der Blick auf die sozialen Netzwerke ist schließlich das, was die Geschichte ausmacht. „Die ‚Timeline der Panik‘ ist eine Metageschichte darüber, was passiert, wenn Panik losbricht und Leute dann dieses Instrument des sozialen Netzwerkes haben“, so Benedict Witzenberger. „Es geht darum, was das mit den Menschen und der Kommunikation macht.“

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Die Redaktion - 29.4.2019