Werkstatt Web-Reportagen
Abstieg in einen Gletscher
"Man begibt sich in eine Situation, in der man ständig darum besorgt sein muss, dass man da auch wieder wegkommt", sagt Journalist und Bergsteier Dominik Osswald. (Foto: journalist)

Dominik Osswald ist Journalist und Bergsteiger. Im Dezember 2016 stieg er mit seinem Team und zwei Höhlenforschern hinab in die eisigen Tiefen der Schweizer Bergwelt. Leser konnten es später nacherleben: per Klick auf die 360-Grad-Reportage, die vom Tages-Anzeiger und von der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. Teil 1 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Annika Spohn

Dezember 2016: Zwei Journalisten, zwei Fotografen und zwei Höhlenforscher treffen sich auf 2.700 Meter Höhe inmitten der bergigen Schweiz. Sie wollen zusammen in einen Gletscher absteigen, um der Öffentlichkeit den Zugang zu einer bisher unbekannten Welt zu verschaffen: Eine Welt aus totem Eis, geheimnisvoll und kaum erforscht.

„Einen Abend davor habe ich wirklich gedacht: Shit ey, das kann ja nur schief gehen.“ Dominik Osswald, freier Journalist und leidenschaftlicher Bergsteiger aus der Schweiz, war der führende Kopf hinter der 360-Grad-Web-Reportage „In eisigen Tiefen“, die 2017 vom Tages-Anzeiger publiziert wird. Was eineinhalb Jahre zuvor bloß eine Idee war, wurde im Dezember 2016 schließlich Realität: Das Gletscher-Team steigt das erste Mal zusammen hinab in die Eismasse. Der Großteil des Teams lernt sich erst hier persönlich kennen.

Eine Gletscherexpedition ist nicht oft möglich und erfordert spezielle Wetterbedingungen: lange, trockene Kälte und kein Schneefall. Stimmen die Faktoren überein, muss sofort gehandelt werden. So war es auch in diesem Fall.

Dominik Osswald hatte zuvor die Höhlenforscher Fred Bétrisey und Hervé Krummenacher für sein Projekt gewinnen können. Nicht ganz einfach bei einem Projekt, dessen Ausgang unsicher und kaum finanziell gestützt war. „Alle die daran mitgearbeitet haben, haben das gratis gemacht. Einfach, weil wir alle vom Projekt überzeugt waren und gesagt haben: Ja, wir wollen das jetzt machen, weil es eine coole Sache ist! Geld verdiente da niemand mit.“

Die Materialkosten beliefen sich auf rund 20.000 Schweizer Franken und wurden durch Sponsoren gedeckt. Weitere finanzielle Unterstützung gab es vom Tages-Anzeiger. „Die haben insgesamt 10.000 Schweizer Franken für das gesamte Projekt gezahlt“, erzählt Osswald. Nur: Das reichte kaum. Es hat Osswald trotzdem nicht davon abgebracht, dass Projekt umzusetzen. Der freie Journalist mit der Passion zum Bergsteigen wusste: „Da steckt Potenzial hinter.“ Die zwei renommierten Preise (Deutscher Reporterpreis und Nannen-Preis), die es später für die Geschichte gab, bestätigen das im Nachhinein.

Osswald wusste damals nicht genau, was ihn bei diesem Projekt erwarten würde. Nicht nur, dass das frisch zusammengewürfelte Team, zu dem auch der Journalist Olivier Christie und die beiden Fotografen Urs Wyss und Christian Mülhauser gehörten, sich in eine gefährliche Umgebung begab - auch war ungewiss, was genau am Ende für eine Geschichte herauskommen würde. Welche Fotos, was für Erlebnisse. „Die Geschichte, die gab es eigentlich nicht, es war schon mehr ein Abenteuer“, berichtet der Journalist rückblickend.

Auch für ihn selbst. Einen Gletscher von innen hatte er zuvor auch noch nicht erblickt. Doch seine Vorstellungen hatten sich bewahrheitet: Die Umgebung, die das Team unten betrachten durfte, war vor allem eines: pure Faszination. Eine stille und friedliche Welt aus Eis erstreckte sich vor ihnen - „fast schon ein wenig magisch!“. Gleichzeitig durften die sechs Männer neben sich jedoch davon nicht blenden lassen. Sie befanden sich schließlich in einer Umgebung, die lebensgefährlich sein konnte - in 150 Meter Tiefe inmitten von Eis. Vor allem die beiden Fotografen hatten bis dato noch keine Bergsteigererfahrung gemacht. Sie hatten Mühe, den Anforderungen gerecht zu werden.

Doch außer einer kleinen, ungefährlichen Rettungsaktion, um aus dem Gletscher wieder hochzukommen, und gefrorenen Fotografenfüßen, die in der kalten Nacht auf dem Gletscher mit dem Gaskocher wieder aufgetaut werden mussten, gab es keine großen Schwierigkeiten bei der Expedition. Osswald ist überrascht gewesen, wie gut am Ende alles funktioniert und harmoniert hat: „Jeder hat seinen Job ausgeführt und man ist als Team sofort zusammengewachsen. Man wusste, dass man jede Sekunde voneinander abhängig ist. Die Situation in einer anspruchsvollen Umgebung und wenig Zeit zum Vorbereiten, hat sich dann letztendlich positiv ausgewirkt.“

Das Team stieg zweimal in den Gletscher hinab. Beim zweiten Mal konnten sie sich besser vorbereiten, so dass sie wussten, was sie besser machen mussten: Ein Hubschrauber wurde diesmal als Transportmittel gewählt, so dass sie sofort ihre Erkundung starten konnten. Außerdem nahmen sie Ausrüstung für eine Übernachtung mit, so dass sie sich im Eis genügend Zeit lassen konnten, ohne Gefahr zu laufen, die Seilbahn zurück zu verpassen. Beim ersten Abstieg war ihnen das passiert. Wobei sie Glück im Unglück hatten: ein Pistenpräparierfahrzeug, vom Skigebiet unterhalb des Gletschers, konnte das Team wieder nach unten transportieren. „Beim ersten Mal waren wir schlecht organisiert, hätten wir oben bleiben müssen ohne Ausrüstung für die Nacht - das wäre ganz schlecht gewesen. Rückblickend muss ich sagen: die erste Erkundung hatte irgendwie einen Schutzengel.“

Das Ergebnis ist eine Multimedia-Reportage, die nicht nur beim Tages-Anzeiger erschien, sondern später auch von der Süddeutschen Zeitung adaptiert wurde. Zu sehen sind 360-Grad Aufnahmen, die bisher einmalig sind. Die Technik der 360-Grad-Fotografie wurde für die Reportage ganz bewusst eingesetzt. Die vorausgegangene Idee, einen Dokumentarfilm zu machen, wurde schnell verworfen. Der Leser sollte selbst in neue Perspektiven eintauchen und sich in einer Welt umschauen können, die er wohl niemals erblicken würde. Der Fokus der Reportage lag somit vor allem auf der Technik.

Dominik Osswald hatte bereits vorher, als er noch beim Tages-Anzeiger fest angestellt war, Einblick in interaktives Storytelling im Internet gewonnen. Zufrieden ist er selten gewesen: „Die Anwendung von 360-Grad-Kameras war immer einfach nur so eine Spielerei. Zum Beispiel eine 360-Grad-Kamera im Cockpit oder auf dem Matterhorn. Da schaust du dich um und denkst dir, toll: Und jetzt?“

Der Journalist wollte diese Technik dort anwenden, wo der Nutzer wirklich das Bedürfnis hat sich umzuschauen. Eine Umgebung, wo der Leser nicht weiß, was ihn erwartet. Eine Welt aus klirrender Kälte und starrem Eis. Das einzige Lebewesen: eine erstarrte Fliege in einem Eisblock. „Man begibt sich in eine Situation, in der man ständig darum besorgt sein muss, dass man da auch wieder wegkommt in absehbarer Zeit. Weil man sonst da nicht überlebt.“

Seiner Fähigkeit als Bergsteiger verdankt Dominik Osswald die Möglichkeit, als Journalist an Orte zu gelangen, wo man sonst nicht so einfach hinkommt. Er weiß: „Genau solche Geschichten sind prädominiert für interaktive Web-Reportagen.“ Onlinejournalismus ist dabei für ihn mehr als nur Text mit Video: „Die digitalen Möglichkeiten bieten viel. Du machst etwas erlebbar, du beschreibst etwas nicht einfach nur mit Worten, Bildern und Videos, sondern du versuchst, wirklich die Umgebung zu nutzen, damit der Leser vor seinem Computer mit mehreren Sinnen die Geschichte nachempfindet.“

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Die Redaktion - 29.4.2019