Werkstatt Web-Reportagen
Nicht ganz die Wahrheit
"Ich wollte zeigen, dass da Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden und nicht nur Aussage gegen Aussage steht", sagt Krautreporter-Journalist Jose Mania-Schlegel. (Foto: journalist)

Der Reporter Josa Mania-Schlegel hat sich für Krautreporter mit der angeblichen Messer-Attacke eines Grundschülers mit Migrationshintergrund auf zwei seiner Mitschüler auseinandergesetzt - und den Fall im Detail nachgezeichnet. Teil 6 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Celina Riedl 

Eine Gruppe Grundschulkinder ist am Nachmittag des 6. Septembers 2018 auf dem Weg von der Schule zum Hort. Ein paar Jungs streiten sich. Wie so oft kommt es zu kleinen Rangeleien. Dann zieht einer ein Messer, erzählt eine Neunjährige später ihrem Vater. Der geht damit zur sächsischen Morgenpost, ein Redakteur veröffentlicht die Geschichte auf dem Onlineportal Tag24. Überschrift: „Eltern und Lehrer in Angst: Messer-Kontrolle in Chemnitzer Grundschule!“ 

Während sich die Schule der Situation erst einmal bewusst wird und zunächst mit Kontrolle von Schulranzen reagiert, ohne Bedrohliches zu finden, zieht der Fall schon seine Bahnen in den sozialen Medien. Rechte Gruppen teilen den Artikel des Onlineportals, kurze Zeit später auch die AfD auf Facebook. Aus einer „vermeintlichen Attacke auf dem Weg zum Hort“ wird die Schlagzeile  „Grundschüler (9) greift Mitschüler mit Messer an!“. Neben den großen, weißen Lettern prangen die Landtagswahllogos von Hessen und Bayern.  

Auch das rechte Magazin Compact wird auf den Fall aufmerksam. Wenige Tage später erscheint dort ein Artikel. „Am 12. September griff ein neunjähriger Schüler mit Migrationshintergrund in der Charles-Darwin-Grundschule im Heckertgebiet zwei Mitschüler mit dem Messer an“, heißt dort der erste Satz. Abgesehen vom falschen Datum: Die Schule wird plötzlich zum „Überwachungsstaat“ und der Sprecher der Landesschulbehörde, der „beschwichtigt“, zum „Mitarbeiter des Merkelsystems“. 

Auch Reporter Josa Mania-Schlegel erfährt von dem Vorfall. Er will wissen: Was ist wirklich passiert? Wer sind die Menschen, die hinter der Geschichte stecken? Und wie kann es sein, dass die AfD solch einen Fall für ihre Wahlwerbung instrumentalisiert? In Bayern und Hessen stehen im Oktober Landtagswahlen an.  

„Ich wollte zeigen, dass da Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden und nicht nur Aussage gegen Aussage steht“, erinnert sich Josa Mania-Schlegel an seine Recherche. Die beginnt am Telefon. Die erste Person, die er damals erreicht, ist Ronny Licht, Reporter bei der Morgenpost und Autor des Tag24-Artikels. Der sagt ihm von vornerein, dass nichts, was er sagt, zitierbar ist. „Ich hatte das Gefühl, dass er sehr erschrocken war, was da mit seinem Artikel gemacht wurde. Dass sein Artikel plötzlich eine Rolle spielte im Landtagswahlkampf in Bayern und Hessen und die Leute damit politische Agitation betrieben“, so Josa Mania-Schlegel. 

Mania-Schlegel wird weiter vermittelt zu Andreas Lindner, Vater des Mädchens, das die ganze Situation miterlebt hat. Aber auch er will sich nicht äußern. Es heißt lediglich: „Ich will nur meine Ruhe.“ Immer mehr Fragen tun sich auf. „Das ist ja wirklich auch ein Ding, dass der Vater nicht zur Schulleiterin geht oder zu irgendwelchen Ämtern, sondern dass er sich an seine Zeitung wendet und einen Redakteur anruft.“ Und das, obwohl ihm bewusst sein sollte, dass keine Zeitung, kein Lokalredakteur den Fall lösen oder für die Sicherheit seiner Tochter sorgen kann.   

„Wieviel kann dran sein an einer Geschichte, über die niemand mehr sprechen will?“, schreibt Josa Mania-Schlegel in seiner Rekonstruktion der Ereignisse. Die Suche geht also weiter. Im Artikel von Tag24 wird Roman Schulz, Sprecher des Landesamts für Schule und Bildung, zitiert. Dieser reagiert auf Nachfrage offen. Er erzählt, wie froh er sei, dass alles wieder vorbei ist. Aber auch, wie sehr es ihn belastet, dass dieser einzelne Vorfall an einer der Schulen, für die er verantwortlich und auf die er so stolz ist, von rechten Medien für politische Zwecke ausgenutzt wurde. Und, wie hilflos er sich dabei gefühlt hat.  

Auch die Schulleiterin Ulrike Friedrich bekommt Josa Mania-Schlegel irgendwann ans Telefon. Hier wird ihm das Ausmaß der Situation erst richtig klar: Was als Artikel eines Newsportals begann, hatte sich in Windeseile zu einer Falschmeldung entwickelt – eine Falschmeldung, die den betroffenen Menschen schadete.   

„In erster Linie ist das die Schulleiterin Ulrike Friedrich, die sich überhaupt nicht geäußert hat, was mich gewundert hat. Die ich dann aber nach einigen Versuchen ans Telefon bekommen habe. Da wurde mir dann auch offenbar, wie viel menschliches Leid eigentlich hinter so einer Fake-News-Kampagne stecken kann“, erinnert sich Josa Mania-Schlegel.  

Ein Vorfall, der nicht einmal im Verantwortungsbereich der Schulleiterin lag – schließlich passierte er außerhalb der Schulzeit und des Schulgeländes – stellte Friedrichs Grundschule plötzlich deutschlandweit ins Rampenlicht. Trotzdem nahm sich Ulrike Friedrich der Sache an: veranlasste Rucksackkontrollen, leitete Elterngespräche ein und versuchte irgendwie, Licht ins Dunkel zu bringen. Auf Nachfrage, was denn nun eigentlich wirklich passiert sei, wiederholte sie trotz allem immer wieder einen Satz: „Man weiß es nicht, man weiß es nicht.“  

Eine ansonsten taffe Frau, die auf Josa Mania-Schlegel wirkte, als sei sie schwer aus der Fassung zu bringen, konnte nicht glauben, was ihr widerfahren war. „Ohne Not hat sie sich da rein gestürzt und hat das an sich gerissen, wusste vielleicht auch nicht, was da auf sie zukommt, hat sich aber selber ganz doll in den Mittelpunkt der Sache gestellt. Und was dann kam, war immer unmittelbar mit ihrer Schule verbunden. Wenn man jetzt Charles-Darwin-Grundschule googlet, dann kommen auch die ganzen Artikel. Das wird sie jetzt auch nicht mehr los“, erzählt der Journalist. 

Ein großes Problem an der Sache: Weder die Redakteure von Compact, noch die AfD und nicht einmal der Vater haben sich bei der Schulleiterin gemeldet. Niemand hat sich die Mühe gemacht, persönlich bei Ulrike Friedrich nach den Fakten zu fragen. Denn trotz eines öffentlichen Dementis der Landesschulbehörde zum Messerangriff und eines Elternbriefs, der die Gerüchte um einen Messerangriff widerlegen sollte, ist nichts davon in den Artikeln und Posts von Compact oder AfD zu finden.  

Im Laufe der Recherche wurde Josa Mania-Schlegel immer wieder bewusst, wie und mit welchen Mitteln die AfD arbeitet. „Besonders ist ja, dass die AfD sich auf Facebook als Nachrichtenmedium inszeniert. Die posten ja nicht nur irgendwelche parteipolitischen Abstimmungen, sondern die posten News“, so der Redakteur. Und das stellt sich als großes Problem für diejenigen heraus, die die Kanäle der AfD abonniert haben und vielleicht ausschließlich von dort ihre Nachrichten beziehen. Um das zu vermeiden, ist es für den Reporter wichtig, mehr darüber zu berichten, wie die Partei arbeitet und, vor allem auf Social Media, die Fakten verdreht.  

Mit seiner Rekonstruktion „Wie AfD und rechte Gruppen aus einem Streit unter Schülern eine virale Kampagne machten“, die am 9. November bei  Krautreporter veröffentlicht wird, versucht Josa Mania-Schlegel aufzuzeigen, wie wichtig es ist, mal hinter die Skandalschlagzeilen zu gucken. 

Durch die Recherche hat er vor allem eins gelernt: „Ich hab zum ersten Mal miterleben dürfen, wie Fake News entstehen – erschreckend einfach. Das sind ja nun keine ausgebufften Genies, die das produzieren“, sagt er. „Das geht alles total impulsiv, und da wird ganz viel probiert und manchmal funktioniert‘s. Und dann kracht’s halt so richtig rein.“   

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Die Redaktion - 29.4.2019