Werkstatt Web-Reportagen
Magersucht hat viele Gesichter
"Wenn ich selbst Berichte über dieses Thema gelesen habe, dann habe ich oft gedacht: Eigentlich möchte ich jetzt mehr lesen und hören", sagt die Journalistin Nora Burgard-Arp. (Foto: journalist)

Wo liegen die Grenzen zwischen Schlankheitswahn und Essstörung? Teil 4 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen: Nora Burgard-Arp wollte der Magersucht auf die Spur kommen. Und traf viele unterschiedliche Schicksale. Ihre Geschichten hat die mehrfach ausgezeichnete Journalistin auf einer Website veröffentlicht.

von Jessica Orlowicz

Selbstanklage, Kontrollverlust und Perfektionismus: Das sind Eigenschaften, die viele Essstörungen verbinden. Der Optimierungswahn, von den Medien gesteuert, macht die Betroffenen krank! Ob Magazine, das Fernsehen oder Social Media – wir werden tagtäglich manipuliert. Und die Kliniken füllen sich. Stimmt doch, oder?

Sicherlich ist es gerade für das weibliche Selbstbild nicht unbedingt förderlich, wenn sogenannte „Curvy Models“ Kleidergröße 36 tragen. Aber ganz so einfach lässt sich der „Magerwahn“ dann doch nicht mit der Krankheit Magersucht gleichsetzen. „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“ lautet der provokative Titel der Website (anorexie-heute.de) einer Journalistin, die diesem Vorurteil ein Ende setzen will.

Nora Burgard-Arp arbeitet als freie Journalistin unter anderem bei der Zeit und bei Spiegel Online. Ihr Storytelling-Komplex zur „Anorexie“ besteht aus den Rubriken Körper, Seele, Gesellschaft und Menschen, in denen mit Hilfe von 34 verschiedenen Berichten und Geschichten, zwei Fotostrecken und circa 100 Gesprächen mit Betroffenen und Experten über Essstörungen aufgeklärt wird. „Wenn ich selbst Berichte über dieses Thema gelesen habe, dann habe ich oft gedacht: Eigentlich möchte ich jetzt mehr lesen und hören“, so die Journalistin.

Es beginnt 2013. Fiona Erdmann, Model und Schauspielerin, zieht in das RTL-Dschungelcamp. Eine Reality-Show, bei der vermeintliche Promis zwei Wochen Tag und Nacht unter Beobachtung der Fernsehkameras stehen und Käfer, Genitalien von exotischen Tieren und die dazugehörigen Exkremente zu sich nehmen. Ansonsten stehen täglich Reis und Bohnen auf dem Ernährungsplan. Verständlich, wenn die Bewohner sich in diesem Format ab und an übergeben müssen, könnte man meinen. Nicht jedoch, wenn man bereits ein schlankes Model ist: „Fiona Erdmann kämpft gegen ihre Magersucht“ und „Hat Fiona Erdmann ihre Bulimie überwunden?“ lauteten die Schlagzeilen in den Boulevardmedien.

Wo liegen die Grenzen zwischen Schlankheitswahn und Essstörung?

Prominente, schlanke Frau, die sich übergibt = magersüchtig? Eine Gleichung, die die Journalistin Burgard-Arp so nicht hinnehmen wollte. Es war dieser Moment, der sie auf den unbedachten Umgang mit den Begriffen „Magerwahn“ oder „Bulimie-Drama“ und auf die Widersprüchlichkeit in den Medien aufmerksam machte: „Da ist dann ein Bild von einer Frau am Strand und darüber steht groß "Die Top-Bikinifigur" und in der nächsten Woche ist es derselbe Körper, über dem geschrieben steht: "Magerwahn nimmt kein Ende“. Wo liegen die Grenzen zwischen Schlankheitswahn und Essstörung?

Die Journalistin begann, die ersten Gespräche mit Betroffenen zu führen. Burgard-Arp studierte zu jener Zeit noch Journalismus an der Hamburg Media School, wo sie eine Ausschreibung bemerkt: das Vocer Innovation Medialab, das in Kooperation mit der Robert-Bosch-Stiftung drei Wissenschaftsstipendien vergab. Sie schrieb ihr Exposé, überzeugte beim Bewerbungsgespräch und warb das Stipendium ein, durch das sie außerdem zu Anfang ihres Projektes im Rahmen eines Mentorenprogrammes von Spiegel Online unterstützt wurde.

2014 ging die Website mit damals vier Texten online. Ein Webdesigner kümmerte sich um die Aufbereitung. Er bekam einen Großteil des eingeworbenen Geldes. Zudem arbeitete Burgard-Arp mit weiteren Dienstleistern zusammen, einer Videoredakteurin und zwei Fotografinnen, mit denen sie eine Fotostrecke veröffentlichte. Allein für die Bilder erzählten 20 Protagonisten von ihren „Daily Essentials“, insgesamt gab es circa 100 Interviews mit Betroffenen und Experten; darunter Menschen, die ihre Geschichte rückblickend erzählt haben, essgestörte Männer oder chronisch Magersuchtkranke.

Vor vollen Tischen hungernd sterben

Schnell zeigt sich: Keine andere Essstörung wirft bei Wissenschaftlern so viele Fragen auf wie Anorexie. Etwa 0,3 bis 1 Prozent der Bevölkerung hat eine diagnostizierte Magersucht, die Gründe dafür sind stets sehr individuell. Oft spielen Traumata, Perfektionismus oder Kontrollwahn eine Rolle. Wie kann ein Mensch den Urtrieb zu essen in diesem Ausmaße eindämmen?

Die Begegnungen mit den Protagonisten hinterlassen Eindruck bei der Journalistin. Zum Beispiel ihr Treffen mit einer chronisch Magersüchtigen. Bei dieser Form der Krankheit redet niemand mehr von Heilung, es geht mehr darum, das Leben mit der Krankheit lebenswert zu gestalten. Ein Auf und Ab, das in Besuchen auf der Intensivstation mündet, manchmal dafür sorgt, dass Gespräche mit Betroffenen schwerfallen. „Ich habe gemerkt, wie teilweise die logischen Verknüpfungen im Hirn der Erkrankten nicht mehr funktionierten, einfachste Zusammenhänge nicht gebildet werden konnten. Das kennt man ja im kleinsten Ansatz selber, wenn man Hunger hat und denkt, man könne sich jetzt nicht konzentrieren, weil man eben hungrig ist“, erzählt sie.

Auch Männer mit Essstörungen lernte die Journalistin kennen. Nicht selbstverständlich, denn 90 Prozent der Anorexie- und Bulimie-Erkrankungen weltweit sind Frauen. Ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren, das sie sich wie folgt erklärt: Mädchen pubertieren früher, bekommen oft schon mit neun oder zehn Jahren die ersten hormonellen Schübe, die Vorstufe einer Menstruation. Sie erhalten also früher Rückmeldung zu ihrem Körper, sowohl von innen als auch von ihrem äußerlichen Umfeld, wollen im Kopf aber noch Kinder sein. Dieses Paradoxon sorge für eine erheblich größere Anfälligkeit.

Toilettenpömpel, Tagebuch und Tabak

Burgard-Arp entschied sich für ein Fotoprojekt, bei dem die „Daily Essentials“ Anorexie-Erkrankter gezeigt wurden, anstatt das medientypische Foto dünner Beinchen. Sie weiß, dass viele bereits Betroffene ihre Website besuchen und ein schlanker Körper, bei dem jegliche Knochen sichtbar sind, einen Anreiz darstellen könnte. Weiterhin ist eine Magersucht mehr als ein anorektisches Gewicht: die „Daily Essentials“, das sind Gegenstände, die im Leben von Anorexie-Erkrankten zum Alltag gehören, beispielsweise dickgestrickte Socken, damit Betroffene trotz fehlender Nährstoffe weniger frieren, ein Springseil zur Kalorienverbrennung oder eine Rasierklinge zur Selbstverletzung.

Der eigene Körper wird zum Schlachtfeld. „Magersucht hat viele Gesichter. Sie ist der Toilettenpömpel, der gebraucht wird, um das Klo zu entstopfen, nachdem zu oft hinein erbrochen wurde. Sie ist ein bestimmtes Lied oder ein Tagebuch, das einem durch die schwersten Momente hilft. Es sind Menschen, die krank sind, und nicht nur dünne Beinchen“, erklärt die Journalistin. „Viele werden aus Kliniken entlassen, weil sie ein Normalgewicht erreichen, sind geistig aber noch nicht gesund.“

Mit ihrem Storytelling-Komplex gewann Nora Burgard-Arp den von der Heinrich-Böll-Stiftung ausgeschriebenen Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten, kam auch 2018 wieder unter die Top Ten der Wissenschaftsjournalisten, war Finalistin beim Axel Springer Award für Nachwuchsjournalisten 2015 und sowohl für den Grimme Online Award 2015 als auch für die Lead Awards 2016 nominiert.

Eine zweite Fotoreihe zum Thema Anorexie wurde Mitte November veröffentlicht. Sie setzt einen neuen Fokus und „zeigt, wie sehr unüberlegte Sätze von außen die Betroffenen verletzen können – etwa ‚Iss doch mal‘ oder ‚Sooo dünn bist du doch gar nicht‘. Das Ziel war, für einen bewussteren Umgang mit essgestörten Menschen zu sensibilisieren.“ Jetzt erst, nach dieser weiteren Fotostrecke und nachdem die vergangenen vier Jahre monatlich ein neuer Beitrag erschien, hat die Journalistin das Gefühl, das Ganze sei rund.

Im November 2018 hat Nora Burgard-Arps eine neue Stelle in der Zentralredaktion der Neuen Osnabrücker Zeitung und den mh:n Medien (u.a. Flensburger Tageblatt) im Bereich Storytelling-Formate angetreten: „Ich mache jetzt zwar eine kleine "Magersuchtspause", habe durch dieses Projekt aber realisiert, wie wichtig mir Wissens- und Gesellschaftsthemen sind. Ich will mein Spektrum erweitern und mich auf neue Pläne konzentrieren.“ 

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Die Redaktion - 29.4.2019