Werkstatt Web-Reportagen
Von Nachtwächtern und Seelsorgern
"Die Beteiligten des Krankenhauses haben uns wirklich in alles einen Einblick gegeben. Wir durften sogar mit auf die Intensivstation und in den Operationssaal", sagt die HAZ-Journalistin Lisa Malecha. (Foto: journalist)

Fünf Volontäre der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung verbringen einen Tag im Siloah-Krankenhaus in Hannover. Aus ihren Eindrücken entsteht im März 2017 die Multimedia-Reportage „24 Stunden im Klinikum – Station Siloah“. Lisa Malecha erzählt von ihren Erlebnissen im 8. Teil unserer Werkstatt zu Web-Reportagen. 

von Alicia Lippke 

„Wer hierherkommt, der sucht Hilfe – und begibt sich damit in eine ganze eigene Welt. Im Krankenhaus kommt es vor allem auf die Menschen an. Vom Chirurgen bis zum Seelsorger kümmern sich 880 Mitarbeiter rund um die Uhr um ihre Patienten. Wie funktioniert dieser Mikrokosmos? Ein Tag von Frühschicht bis Frühschicht.“ 

So heißt es in der Multimedia-Reportage „24 Stunden im Klinikum – Station Siloah“. Vor Beginn des Projekts im März 2017 hatte Lisa Malecha noch nie eine Nacht im Krankenhaus verbracht. Für die Reportage begibt sie sich mit vier weiteren Volontären der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) in das Klinikum Siloah und erlebt den bisher unbekannten Mikrokosmos. Über viele Stunden begleitete das Reporterteam die Ärzte und das Pflegepersonal, besuchte die Patienten der Intensivstation, das Krankenhauslabor und die Notaufnahme. Um sich voll und ganz auf das Projekt einzulassen, hielten sich die fünf HAZ-Volontäre 24 Stunden im Krankenhaus auf. 

Eine gute Planung war das Grundgerüst für ihre aufwendige Recherche. Deshalb haben sich Lisa Malecha und ihre Volo-Kollegen vorher mit den Verantwortlichen des Krankenhauses getroffen. Bei einer Sichtung der möglichen Drehorte seien auch schon erste Ideen für mögliche Sequenzen entstanden, so Lisa Malecha. Denn schnell war klar: Das Krankenhaus hat viel mehr zu bieten als das Team zunächst vermutete. „Ich wusste gar nicht, dass das Siloah zum Beispiel auch einen Seelsorger hat“, erzählt sie. „Genau dafür war die Besichtigung im Voraus besonders wichtig.“ 

Um 24 Stunden im Krankenhaus vollständig abdecken zu können, teilten sich die Reporterinnen und Reporter in Schichten auf: „Es war uns von Anfang an sehr wichtig, dass wir unseren Aufenthalt dort nicht stückeln und den kompletten Tag auf uns zukommen lassen“, erzählt Lisa Malecha, die selbst vom späten Nachmittag bis um zwei Uhr nachts vor Ort war. Die HAZ-Volontäre standen untereinander im ständigen Kontakt über WhatsApp. „Die richtige Kommunikation ist wichtig, damit das Ganze funktioniert.“ 

Vor allem, da trotz eines gewissen Plans, den die Gruppe für eventuelle Audio- und Videoaufnahmen verfolgen wollte, die Reportage von spontanen Situationen geleitet wurde. Während Pfleger und Ärzte auf die Recherche der Journalisten bereits vorbereitet waren, wurden die Patienten erst an dem Tag als Protagonisten ausgewählt. Mit erstaunlich positiver Resonanz: „Ich hätte nicht vermutet, dass sich viele sofort bereit erklären mit uns zu reden. Vor allem, weil wir sie mehr oder weniger überfallen haben“, so Lisa Malecha. Und die wenigsten wollten gerne auf einem Foto im Krankenhausbett zu sehen sein. Also erklärte sich das Team bereit, die Person nur von hinten oder unter anderem Namen abzubilden. „Wenn man auf diese Weise auf die Menschen zugeht, kommt man auch gut an Informationen“, erinnert sich Lisa Malecha, die heute als Redakteurin bei der Zeitung arbeitet. 

Auch die Kommunikation mit dem Krankenhauspersonal wurde im Voraus geplant. „Die Protagonisten haben sehr offen mit uns gesprochen. Was uns sehr gefreut hat, denn mit ihnen steht und fällt so eine Geschichte ja auch.“ Darüber hinaus stand das Reporterteam auch in engem Kontakt mit dem Pressesprecher des Siloah und hatte alle Handynummern der Chefärzte und Ansprechpartner. Mit ihnen besuchte das Team zugangsschwere Orte zu bestimmten Zeiten. „Die Beteiligten des Krankenhauses haben uns wirklich in alles einen Einblick gegeben. Wir durften sogar mit auf die Intensivstation und in den Operationssaal. Das war wirklich spannend.“ Natürlich sei vorher abgeklärt worden, dass die Journalisten niemanden behindern dürften, betont Lisa Malecha. Auch seien dem Team bei einem Treffen mit den Chefärzten die Hygienebedingungen erklärt worden – so etwa wie man Hände richtig desinfiziert. 

„Vier Ärzte und Pfleger stehen um das Bett der Patientin, die über starke Luftnot klagt. Während einer ihre Lunge abhört, legt ein anderer einen Blasenkatheter. "Es tut mir leid, das tut jetzt weh", sagt ein Arzt, doch die Frau kann kaum noch antworten. Das Piepen der Geräte und Maschinen wird schneller – die Ärzte sind angespannt, versuchen dennoch, der Patientin immer wieder gut zuzureden. Was die Ursache für ihre Luftnot ist, steht noch nicht fest.“ 

Lisa Malecha befand sich um halb zehn am Abend des Recherchetags auf der Intensivstation, als es plötzlich um sie herum hektisch wurde. „Alle sind schnell zu einer Patientin gerannt. Das war so ein Moment, wo ich mich zur Tür zurückgezogen habe, um niemandem im Weg zu stehen“, erzählt sie. Sofort waren alle Gedanken an Fotos oder Videos vergessen – die angespannte Situation ließ Malecha ebenfalls innehalten. „Als Laie stand ich daneben, ohne wirklich zu wissen, was mit diesem Menschen gerade passiert. Und hinterher wollte ich niemanden stören, weil ich gemerkt habe, dass die Ärzte gerade um das Leben einer Patientin kämpfen. Das war schon eine Erfahrung.“ 

Neben den geplanten Treffen mit Ärzten und dem Krankenhauspersonal, sind der Journalistin vor allem viele Situationen dazwischen im Gedächtnis geblieben. „Wir waren relativ eng getaktet, und wenn wir zwischendurch mal eine Stunde keinen festen Plan hatten, konnten wir uns frei bewegen.“ Da gab es manche Überraschung: Als Malecha und ihre Kollegen durch die nächtlichen Gänge des Krankenhauses streiften, vernahmen sie plötzlich leise Klavierklänge. Der Musik folgend entdeckten sie einen Patienten, der mit der Titelmelodie aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gegen seine starken Schmerzen anspielte. Ein besonderer Moment, den die Volos für ihre Reportage festhalten konnten. Außerdem war es dem Team wichtig, auch Mitarbeiter des Krankenhauses zu zeigen, an die man nicht gleich denkt – seien es die Mitarbeiter der Kantine, die Hygienefachkraft oder dem Nachtwächter. „Das fand ich besonders schön“, verrät Lisa Malecha. „Weil das Menschen sind, an die man normalerweise gar nicht denkt, die aber absolut dazugehören, damit ein Krankenhaus läuft.“ 

Nach 24 Stunden setzte sich das Team zusammen, um das gesammelte Material zu sichten und, aufgrund der vielen spontanen Situationen, neu zu sortieren. Für die Multimedia-Aufbereitung der Geschichte mit Pageflow stand dem Team der Onlineredakteur der HAZ unterstützend zur Seite. Parallel zur Onlineveröffentlichung am 25. März 2017, erschien die Geschichte auch auf einer Doppelseite in der Zeitung. Da die Reportage chronologisch erzählt wurde, twitterte Lisa Malecha mit ihren Kollegen den ganzen Tag über passende Berichtaspekte. Warum gab es nicht gleich am Tag der Reportage eine Live-Berichterstattung aus dem Krankenhaus? „Wir haben uns letztendlich dagegen entschieden, weil es für den Leser sinnvoller ist, wenn wir koordinierte Tweets hochladen. Und das wäre am Tag der Recherche zu chaotisch geworden.“ 

Große Multimedia-Reportagen gibt es nach Auskunft von Malecha nicht allzu oft bei der HAZ. Umso aufwendiger war der Versuch, ein Projekt dieser Art im normalen Arbeitsalltag zu starten. Das ausschließlich positive Feedback nach der Veröffentlichung, macht Lisa Malecha daher besonders stolz: „Ich habe von dieser Reportage für mich mitgenommen, dass sich der Aufwand auf jeden Fall  lohnt.“ Für Print-Journalisten sei es besonders wichtig, sich mal die Zeit für ein solches Projekt zu nehmen und sich mit den Möglichkeiten des Webs auszuprobieren. „Ich glaube zwar, dass sich eine Reportage dieser Art nicht immer im journalistischen Alltag integrieren lässt. Aber wenn man es durchzieht, hat man letztendlich auch nichts zu verlieren.“   

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Die Redaktion - 29.4.2019