Werkstatt Web-Reportagen
Landeier und Stadtkinder
"Zuerst mussten wir uns erst einmal klarmachen, was 'Stadt' und 'Land' überhaupt bedeuten", sagt Zeit-Journalist Sascha Venohr. (Foto: journalist)

Eine Geschichte mit Hilfe von Daten zu erzählen, ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich. Doch wie entsteht aus einem Haufen Daten eine Story? Teil 5 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen: Sascha Venohr und sein Data-Team bei Zeit Online verstehen sich so gut darauf, dass sie für das Stück "Stadt, Land, Vorurteil" sogar den Deutschen Reporterpreis bekommen haben.

von Lukas Beckmann

Die US-Präsidentschaftswahl 2016 spaltete das Land. Viele Anhänger feierten Trump, da sie sich von anderen Politikern allein gelassen und vom Rest des Landes abgehängt fühlten. Trump versprach ihnen, dies zu ändern. Diese Spaltung der Gesellschaft hat auch mit einem starken Stadt-Land-Gefälle in den USA zu tun. Viele der ländlichen Regionen in den Vereinigten Staaten haben den Anschluss an die oft prosperierenden Großstädte verloren und werden von manchen nur als „Flyoverland“ bezeichnet.

Gibt es dieses Stadt-Land-Gefälle auch in Deutschland? Ist es möglich, dass ländliche Regionen auch hierzulande den Anschluss verlieren und sich abgehängt fühlen? Diese Frage stellten sich Sascha Venohr und sein Data-Team bei Zeit Online anlässlich der Bundestagswahl 2017. Sie wollten untersuchen, ob sich unterschiedliche Haltungen allein daran festmachen, ob Menschen ein urbanes oder ein nicht-urbanes Lebensumfeld haben. „Wir wollten feststellen, ob wir vielleicht die Fehler wiederholen, die in den USA gemacht wurden,“ so der Datenjournalist Venohr. Zu diesem Zweck wollte das Team die Umfrageergebnisse des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), erhoben vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, und der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) auswerten, erhoben vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Beide fragen seit Jahrzehnten regelmäßig nach Einstellungen innerhalb der Bevölkerung.

Wie geht man an ein solches Unterfangen heran? „Zunächst einmal lag der Ball noch bei uns im Feld, da wir uns erst einmal klarmachen mussten, was „Stadt“ und „Land“ überhaupt bedeuten. Es gibt dafür diverse Modelle in der Wissenschaft, aber wir haben uns ganz klassisch dafür entschieden, nach Einwohnerzahl zu gehen“, erklärt Venohr. Dann baten die Journalisten die Wissenschaftler beider Institute, die repräsentativen Daten anhand der definierten Kategorien mitauszuwerten und dabei einige Auffälligkeiten zwischen Stadt und Land zu benennen.

Nachdem die signifikanten Muster herausgearbeitet waren, konnte sich das neunköpfige Team überlegen, wie es die Daten journalistisch aufbereiten will. Die Geschichte erschien im September 2017, knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl. Titel: „Stadt, Land, Vorurteil“. Neben dem Text gab es auch sich verändernden Grafiken, und das Team baute auch Fragen ein, mit denen sich die Zeit-Online-Leser auf eigene Vorurteile gegenüber Stadt- und Land-Bewohnern testen konnten.

Für „Stadt, Land, Vorurteil“ wurde das Team um Sascha Venohr mit dem Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Datenjournalismus“ ausgezeichnet. Doch wie wird aus einem riesigen Daten-Haufen eine preisgekrönte Geschichte? Sascha Venohr erzählt, wie er und seine Kollegen in der Regel vorgehen: „Nachdem wir wissen, was die Geschichte insgesamt leisten kann, können wir zusammen mit den Kollegen vom Team Interaktiv besprechen, wie die Darstellungsform aussehen soll. Dann stellen wir uns zuallererst vor ein Whiteboard und probieren einiges aus. Wir nennen das Malstunde“, so Venohr. Stück für Stück entstand so auch ein roter Faden für „Stadt, Land, Vorurteil“.

Nachdem weitere Einzelelemente ausgearbeitet waren, entstand die Idee, die Leser selbst nach ihren Einschätzungen zu befragen. Hinzu kam der Plan, auch die Antworten anderer Leser sichtbar zu machen. Gleichzeitig sieht man, wie hoch der Anteil jener Leser ist, die die gleiche Antwort gegeben haben „Das ist dann eine weitere technische Komponente, weil man die Klicks der Zeit-Online-Leser mitschneiden und in Echtzeit wieder zurückspielen muss“, so Sascha Venohr. „Und schon wird ein kleines Software-Projekt daraus.“

So rund wie bei „Stadt, Land, Vorurteil“ läuft es allerdings nicht immer. Oft scheitert ein Projekt im Datenjournalismus daran, dass es einfach keine Daten gibt. „Das ist die größte Herausforderung im Datenjournalismus. Man kann ein Datenprojekt nicht beschließen“, so Sascha Venohr. „Daten sollten immer ein Muster aufzeigen.“ Um diese Muster herauszuarbeiten, braucht es aber mehr als den einzelnen Journalisten vor seinem Notebook. Im Team des Projektes waren neben den Autoren auch Infografiker, Web-Entwickler, Data-Scientists und Designer tätig. Ihre Arbeit war nötig, um aus der Geschichte das bestmögliche Ergebnis herauszuholen.

Wenn es nach Sascha Venohr geht, sollte jedes Projekt so laufen. Wenn Journalisten, Programmierer und Designer zusammenarbeiten, kann ein Text wesentlich mehr leisten. „Journalisten können dann auch sehen, was diese Zusammenarbeit für Mehrwert schafft. Und die andere Seite sieht: Hier gibt es neue Aspekte, um seine Skills anzuwenden und so den Journalismus nach vorne zu treiben.“

Und wie sehen nun die Ergebnisse des Projekts aus? Sascha Venohr: „Gerade die Dinge, die wir in der Geschichte gar nicht hervorgehoben haben, haben mich besonders überrascht“, sagt er. „Dass die Akzeptanz für einen muslimischen Bürgermeister in allen Regionen doch noch so gering ist. Man schaut natürlich darauf, dass im Dorf wenig Akzeptanz dafür da ist, aber wenn man sich anguckt, wie viele Leute generell dagegen sind, merkt man, wie weit wir noch von der Realität entfernt sind, ein Einwanderungsland zu sein“.

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Die Redaktion - 29.4.2019