Mein Blick auf den Journalismus
Journalismus braucht Pioniergeist
Medienwissenschaftler Stephan Weichert sagt: Wir müssen die Idee für einen besseren Journalismus im Herzen tragen. (Foto: Sebastian Isacu, Montage: journalist)

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. In Teil 7 sagt Medienwissenschaftler Stephan Weichert: Der Journalismus braucht eine Neujustierung. Pioniergeist ist ebenso wichtig wie eine wirtschaftliche Existenzgrundlage, auf der es sich lohnt, Ideen zu entwickeln. Und Journalisten sollten nicht über jedes Stöckchen springen, das ihnen in den sozialen Netzwerken hingehalten wird.

von Stephan Weichert

Wir schreiben das Jahr 1998: Stephen Glass ist gerade 25 Jahre alt geworden und schon eines der gefragtesten Nachwuchstalente des Washingtoner Medienbetriebs, als ihm seine Lügen plötzlich auf die Füße fallen.

Glass, in jungen Jahren Theaterliebhaber mit zarter Stimme und runder Panto-Brille, wird vor allem wegen seines konzilianten Wesens geschätzt: Er gilt unter Kollegen als charismatisch, korrekt, aber auch als ambitioniert und überaus umtriebig. Er hat die Gabe, in Redaktionskonferenzen andere für seine Recherchen einzunehmen. Zu seinen Auftraggebern gehören zu jener Zeit Harper’s Magazine, Rolling Stone, George und vor allem The New Republic, eines der einflussreichen Blätter des intellektuellen Bürgertums. Bei The New Republic ist Glas seit kurzem als Juniorreporter tätig.

Fast immer handelt es sich um Geschichten, die sich fast zu gut lesen, um wahr zu sein: Glass verfasst politische Features und Gesellschaftsreportagen von exzellenter Formulierungsqualität. Sie sind gesäumt mit brillanten Zitaten faszinierender Protagonisten, angereichert mit szenischen Beschreibungen wie aus einem anspruchsvollen Hollywood-Drehbuch. Geschichten, so makellos und ohne Grautöne, wie sie der amerikanische Alltag selbst in der Clinton-Lewinsky-Ära selten ausspuckt. Aber Charles Lane, leitender Redakteur von The New Republic, schöpft keinen Verdacht. Er vertraut seinem Schützling und dessen offenkundigem Instinkt für tollkühne Storys blind – und druckt sie. Glass wird in der Branche als Wunderkind gefeiert, als Ausnahmegenie, das Geschichten nicht nur gut recherchiert, sondern sie auch hervorragend erzählen und verkaufen kann.

100.000 Dollar verdient Glass pro Jahr, als der Anfangsverdacht eines Kollegen von Forbes.com das Reporterglück zerstört. Adam L. Penenberg, Jahrgang 1962 und einer der führenden Experten für New-Economy-Themen, bringt den entscheidenden Stein ins Rollen, der schließlich das betrügerische System von Glass ins Wanken bringt: Penenberg will ein Follow-up einer Glass-Geschichte mit dem Titel „Hack Heaven“ machen, an der ihm irgendetwas faul vorkommt: „Jukt Micronics“, der darin genannte Name einer Software-Firma, von der Penenberg noch nie gehört hat, soll einen 15-jährigen Hacker – Ian Restil – für einen Haufen Geld angeheuert haben.

Lügen, verdammte Lügen

Zum Firmennamen „Jukt Micronics“ findet Penenberg im Netz lediglich eine amateurhaft gebaute Website mit einer Telefonnummer – und er ahnt in diesem Moment, dass er einem Fälscher auf der Spur sein könnte. Penenberg fängt an, tiefer zu graben, und widerlegt die im Artikel als Fakten präsentierten Lügen über den sagenhaften Hacker-Jungen peu à peu und legt damit das ganze Ausmaß der Tragödie offen.

Zuerst geht die Forbes-Redaktion auf den leitenden Redakteur Charles Lane zu und teilt ihm mit, dass sie Schwierigkeiten habe, eine einzige Tatsache in dem Artikel von Stephen Glass zu verifizieren. Nur wenig später enthüllt Penenberg seine Rechercheergebnisse unter dem Titel „Lügen, verdammte Lügen und Fiktion“. Sein Text endet mit den denkwürdigen Worten: „Es ist ironisch, dass Onlinejournalisten schlechte Presse für schludrige Berichterstattung erhalten haben. Aber die Wahrheit ist, dass schlechter Journalismus überall zu finden ist. Es ist nicht das Medium; es ist der Autor.“ Am Ende waren es wohl mehr als 40 große Geschichten, vorrangig Features und Reportagen, die Glass in Teilen oder vollends erfunden hatte.

Die steile Journalistenkarriere von Glass endete somit abrupt. Er verbrachte einige Jahre in Therapie und schloss später ein Jurastudium an der Georgetown University ab. Ein Roman namens The Fabulist über einen jungen Washington- Reporter, der ein pathologischer Lügner ist, hat ihm noch einmal Aufmerksamkeit (und ein großzügiges Honorar) verschafft. Seit 2004 arbeitet er unter der Berufsbezeichnung „Koordinator des Gerichtsverhandlungs-Teams (Not An Attorney)“ in der Anwaltskanzlei Carpenter, Zuckerman & Rowley in der Celebrity-Zone Beverly Hills, unweit vom Walk of Fame und den Traumfabriken Hollywoods entfernt. Glass hat es immer wieder versucht, wurde aber nie als Anwalt in Kalifornien zugelassen.

Penenberg, heute Assistenzprofessor für Journalistik an der New York University, sagte 2009 über den Fall Glass im Interview zu mir: „Es gibt guten und schlechten Journalismus, und für mich war es nie klarer als jetzt, dass Journalismus nur dann seiner Aufgabe gerecht wird, wenn er aktiv nach Informationen sucht, nachforscht und damit ein System schafft, das eine Unmenge an Informationen verlässlich bewältigen kann. Diese Funktion ist wegen der aktuellen Krise gefährdet.“ Penenberg lässt keinen Zweifel daran, dass die strukturelle Krise die Art und Weise bedrohe, „wie Journalismus in den vergangenen hundert Jahren praktiziert wurde“. Gerade der von ihm aufgedeckte Fall habe für einen Schockmoment gesorgt. Aber statt sich selbst zu bemitleiden, so Penenberg, „sollten die Medien besser darüber nachdenken, wie sie auf der Höhe der Zeit bleiben, um in der sich wandelnden Informationskultur weiterhin eine Hauptrolle zu spielen“.

Vertrauensbruch

Der Fälschungsskandal um den skrupellos-manipulativen Stephan Glass bleibt ein Faszinosum und ein Lehrstück über Berufsethik und Werteorientierung, das seine Schatten auf unsere mediale Gegenwart und die Seelenverfassung des Journalismus wirft, der im digitalen Zeitalter unzähligen Friktionen unterworfen ist. Auch der Ex-Spiegel-Mann Claas Relotius hat das gesamtgesellschaftliche Vertrauen in eine Instanz erschüttert, die in unserer Demokratie nur deshalb existiert, weil man ihr Integrität, Authentizität und Glaubwürdigkeit zuschreibt. Das Psychogramm eines Serienlügners ist aber vor allem als Chance zum Nachdenken über einige Fragen zu verstehen: Welche Implikationen hat dieser Vertrauensbruch für das Ansehen des Journalismus und seine Stellung in der Gesellschaft? Was sagt er über die Geistesverfassung der Medien aus, mit welchen berufsethischen Implikationen? Und welche strukturellen Bedingungen müssen gegeben sein, damit sich solche Skandale nicht wiederholen?

„Ich wollte eine Geschichte, von der ich dachte, sie wäre die perfekte Geschichte. Und dass die Leser sie am liebsten lesen würden“, bekundete Stephen Glass einige Jahre später in der CBS-Sendung 60 Minutes, wo er, den Tränen nahe, dem CBS-Korrespondenten Steve Kroft gestand, dass eines seiner Antriebsmotive der Drang gewesen sei, anderen gefallen zu wollen.

Es wäre nun ein hohler Appell zu fordern, dass der Journalismus, um mal ein Beispiel aus der Relotius-Retrospektive zu geben, künftig auf Journalistenpreise zugunsten von Faktentreue und Unabhängigkeit verzichten sollte. Öffentliche Anerkennung zählt wie die brancheninterne Würdigung zu den wohl wichtigsten Antriebsmotiven für Journalisten. Fragt man angehende Journalistinnen und Journalisten, werden zur Berufswahl nach wie vor auch Gründe wie „über gesellschaftliche Missstände aufklären“ oder „Weltverbesserung“ hervorgebracht, was angesichts der drängenden Probleme – Klimawandel, Ressourcenknappheit, Bürgerkriege – nicht verwunderlich ist. Dass sich der Journalismus häufig in einer Blase aus Neid und Missgunst verfängt, mag menschlich sein. Auf dem Pfad zu seiner gesellschaftlichen Kernaufgabe steht er sich damit aber selbst im Weg. Alphatiergehabe und Misanthropie, woran sich die Branche aufgeilt und dieses immer wieder befeuert, ist vor allem dort fehl am Platz, wo Journalisten eigentlich als Wahrheitshelden des 21. Jahrhunderts wirken müssten.

Erosion des Geschäftsmodells

Die größte Verunsicherung von Medienschaffenden ist derzeit auf die Erosion journalistischer Geschäftsmodelle zurückzuführen. Zwar werden schon seit einiger Zeit alternative Geschäftsmodelle für den Journalismus – Stiftungsmodelle, Mäzenatentum, Crowdfunding oder auch Subventionierung durch die öffentliche Hand oder eine Zwangsabgabe der Tech-Konzerne – diskutiert und auch bereits mehr oder weniger erfolgreich praktiziert. Dass aber Modellversuche wie Correctiv, Krautreporter, piqd, Uebermedien, Riffreporter oder die Crowdfunding-Plattform Steady auch für den deutschen Markt funktionieren, heißt jedoch noch nicht, dass mit deren mittelfristiger Finanzierung das grundsätzliche Problem der Wirtschaftlichkeit journalistischer Angebote auf lange Sicht gelöst ist.

Die Gretchenfrage, was eigentlich den Absatzmarkt für journalistische Produkte und Inhalte unter Berücksichtigung konkreter Nutzungsbedürfnisse auch für die kommenden 20 Jahre stimulieren und am Leben erhalten könnte, traut sich bis auf wenige Branchenexoten – wie der Sensorjournalist Jakob Vicari oder der Entrepreneur Marco Maas – kaum jemand zu stellen. Angestoßen und gesteuert über Design-Thinking-Ansätze oder andere nutzerbezogene Kreativprozesse experimentieren sie mit journalistischen Prototypen in smarten Gegenständen, Möbeln und Wearables (Vicari) oder entwickeln journalistische Produktideen, die eine gezielte kontextbezogene Ausspielung von Nachrichten zu unterschiedlichen Tageszeiten oder in unterschiedlichen Lebenssituationen ermöglichen (Maas). Diese Pioniere bewegt die Frage, wie journalistische Inhalte wieder eine größere Rolle im Alltag der Nutzer spielen können – sei es im cleveren Spiegel beim Rasieren oder Zähneputzen, auf dem Klo, auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn oder auf dem Fahrrad oder im Fitness-Center. Überall dort, wo Menschen theoretisch viel Zeit verbringen und sich im Konsum-Leerlauf befinden, gibt es ja Gelegenheiten, Journalismus stattfinden zu lassen.

Aber neben dem fehlenden Mut, zu gründen und neue Dinge im Journalismus auszuprobieren, ist das Metier selbst zu einer Bedrohung der Existenzgrundlage geworden: Der Zustand, dass viele Journalisten nicht mehr ohne weiteres von ihrer Arbeit leben und nur unter den Bürden der Selbstaufopferung überleben können, ist unerträglich geworden. Das ständige Machtgeplänkel, der hohe Wettbewerbsdruck und das gestiegene Misstrauen unter ihresgleichen lässt sich vor allem mit der wirtschaftlichen Situation begründen, die alles andere als kommod ist. Dass Journalisten im Berufsvergleich nicht sonderlich angesehen sind, ist hinlänglich bekannt. Dass sie inzwischen aber auch im Durchschnittsgehalt auf gleicher Stufe mit Gebrauchtwagenhändlern stehen, lockt realiter immer weniger Idealisten an Journalistenschulen, Hochschulen und in die Volontariate. Im Gegenteil hält es junge digitale Kommunikationstalente davon ab, den Beruf überhaupt ernsthaft in Erwägung zu ziehen und sich stattdessen an Kommunikationsagenturen zu verkaufen.

Wer sich entgegen gutgemeinter Ratschläge von Eltern oder Verwandten doch für den Journalismus entscheidet, landet in einer Berufsrealität, die, sagen wir wohlwollend, einem etwas entrückten Zirkus mit breitbeinigen Dompteuren, gewagten Kunststücken und akrobatischen Sensationen gleicht. Statussymbole, in anderen Branchen das Eckbüro, die Rolex oder der Dienstwagen, sind im Journalismus öffentliche Sichtbarkeit und Anerkennung. Außer dem wirtschaftlichen Druck sehen sich deshalb vor allem Berufseinsteiger dem Zwang ausgesetzt, sich möglichst auffällig in ihrer Branche zu positionieren, um „als Marken“ wahrgenommen zu werden.

Davor, dass dabei Privates und Berufliches, Meinung und Information, durchaus Berichtenswertes und Plattitüden auch bei twitternden, instagrammenden und facebookenden Journalisten oft wild durcheinandergehen, hat kürzlich erst Verlegerpräsident und Springer-Boss Mathias Döpfner eindringlich gewarnt: Zu Recht appellierte Döpfner an Journalistinnen und Journalisten, sich aufs eigene Medium als Meinungs- und Berichterstattungsplattform zu beschränken, anstatt Halbgares und Unreflektiertes in den Social-Media-Orkus zu blasen.

Im Kern äußern sich auch profilierte Vordenker des digitalen Journalismus wie der ZDF-Moderator Daniel Bröckerhoff (Heute+) oder der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo so: Entspannt euch, Leute, heißt ihr Ratschlag. Werdet gelassener, und übt mehr Besonnenheit in sozialen Medien! Macht lieber euren Job und passt auf, dass euch die Kommunikation im Netz mit euren Tweets und Posts nicht überrollt. Sie warnen Journalisten vor einer zu starken Konditionierung auf entgleisende Pseudo-Debatten, die „kollektive Schnappatmung“ gerade unter Journalisten auslösen.

Die überhitzten Erregungsblasen und emotionalen Scheingefechte im Netz, die meist nur den Populisten, Hatern und Trollen nutzen, haben unter Vertretern etablierter Medienhäuser inzwischen ein Ausmaß angenommen, dass solche Kritik nicht nur zweckmäßig, sondern überfällig erscheint. Es gibt nicht wenige Journalisten, die über jedes erdenkliche Stöckchen springen, das ihnen in sozialen Medien hingehalten wird – und das sind bei Weitem nicht nur alte weiße Männer und andere der üblichen Verdächtigen. Wenn aber der Sound gesellschaftlicher Debatten nicht mehr melodisch klingt, kommt am Ende nichts anderes heraus als: Krach.

Häufiger zuhören, mehr recherchieren, demütiger sein, weniger skandieren und skandalisieren: Das ist ein denkwürdiger Appell an die Verantwortungsethik und das Wertebewusstsein der Medien. Und er kommt zur rechten Zeit. Eine weitere Herausforderung, die ebenso überlebenswichtig geworden zu sein scheint: sich in Handwerk und Berufsethos andauernd weiterzubilden, um nicht den Anschluss zu verlieren. Ein halbjährliches Update in Sachen Podcast, Virtual und Augmented Reality, Datenjournalismus, Design Thinking oder Social Responsibility wäre eine dauerhafte „Learning Journey“: Weiterbildung ist zur Schlüsselkompetenz im digitalen Wandel geworden. Auch hier gleicht die Herausforderung einem Kampf gegen digitale Windmühlen: Neue Realitäten erfordern agile Arbeitsformen und einen Kulturwandel am Arbeitsplatz, der im Journalismus ermöglicht werden muss. Ermächtigung ist neben Diversity die wohl schwierigste Herausforderung für Redaktionen. Eine weitere ist es, digitale Trends frühzeitig umzusetzen, damit Journalisten gar nicht erst auf verfängliche Moden hereinfallen.

Wie Kanarienvögel in der Kohlemine

So gilt inzwischen als Binse, dass die Medien als Vorreiter der digitalen Transformation begriffen werden können – im Guten wie im Schlechten. Journalisten sind die Kanarienvögel in der Kohlemine, an denen sich austesten lässt, wann sich Gase der Digitalisierung so ausgebreitet haben, dass sie toxisch sind und sich gerade noch der letzte Kumpel rechtzeitig aus der Kohlemine retten kann. So mutet es wohlfeil an, über Berufsethik im Journalismus zu diskutieren, wenn ein Großteil journalistischer Erzeugnisse vor dem Exitus steht. Wir können Haltungs- und Ethikfragen im Journalismus schon deshalb nicht ohne wirtschaftliche, strukturelle und publizistische Zusammenhänge denken, weil sie in dieser Konstellation seine Basis bilden. Wir können nicht auf die Millimeterarbeit von Recherche und Faktenprüfung verzichten. Aber wir müssen sie uns finanziell leisten können. Ebenso wenig können wir auf gutes Storytelling verzichten. Aber wir müssen die Storyteller auch angemessen ausbilden und würdigen. Und wir müssen den Journalismus an die digitalen Ausspielwege, Verbreitungskanäle und Publikationsgefäße anpassen. Aber wir müssen sie auch adaptieren können.

Klar ist, dass hergebrachte Denkschulen und traditionelle Lösungsmuster zur Ansprache vor allem junger Zielgruppen bald nicht mehr greifen – weniger noch, als es jetzt schon der Fall ist. Um diese Verlustangst zu bewältigen, gibt es keine Zauberformel. Was vielleicht hilft, ist die Einsicht, dass die eigenen Fertigkeiten zur Performanz (Umsetzungsstärke), Persistenz (Hartnäckigkeit) und Resilienz (Krisenfestigkeit) gerade für die eigene Weiterentwicklung und das eigene Selbstverständnis als Charakterstärken weiter ausgebildet werden müssen. Das wird es uns erleichtern, uns den Anforderungen an die Digitalität zu stellen. Um sich als Instanz für gesellschaftliche Autorität weiterhin zu behaupten, müssten dazu vor allem folgende Bereiche in den Redaktionen gefördert werden: Diversität in Redaktionen, Dialogbereitschaft und Interaktion mit den Nutzern, Empathievermögen, lösungsorientierte Berichterstattung, neue digitale Führungsmodelle und agile Workflows, Experimentierräume und Innovationskraft, Werteorientierung, aber auch mehr Mut zum Nonkonformismus – nicht was die Wahrheitsfindung angeht, sondern die Wege, die uns zu einem neuen Journalismus befähigen.

Das Drama um den selbstzerstörerischen Goldjungen Stephen Glass bleibt damit ein wegweisender Fall mit surrealen Zügen, der nach dem aktuellen Skandal um den preisgekrönten Reporter Relotius umso mehr zur Diskussion anregen dürfte. Der Journalismus wird sich im Laufe der kommenden Jahre aufgrund technologischer Neuerungen und massivem Wandel des Medienkonsums weiter radikal verändern. Diese dynamische Transformation wird es künftig nicht leichter machen, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Nicht nur als Gesellschaft müssen wir diese Entwicklung besonders kritisch-konstruktiv hinterfragen. Im Blick zu behalten ist auch, dass journalistisches Angebot und (digitale) Lebenswirklichkeit übereinstimmen. Die Kenntlichkeit journalistischer Quellen und Inhalte zu stärken, zählt dabei zu den noch ungelösten Themen, die die Digitalisierung für den Journalismus bereithält.

Glaubwürdigkeit, Verantwortung, Authentizität – das wird der Nimbus des Journalismus auch in Zukunft bleiben. Egal, wie sehr der neuerliche Vertrauensverlust in die Branche schmerzt: Es kann hilfreich sein, dieses vermeintliche Stigma nicht als Schwäche, sondern als Chance für einen Neuanfang zu begreifen, der den Journalismus noch stärker macht, als er es je war. Wenn wir die Idee für einen besseren Journalismus im Herzen tragen, sollte uns diese Herausforderung gelingen – in welcher Gestalt er auch daherkommen wird.

Stephan Weichert leitet den Masterstudiengang „Digital Journalism“ an der Hamburg Media School (HMS). Seit 2008 lehrt er als Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg, er ist Gründer des journalistischen Think Tanks vocer.org.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
 

Die Redaktion - 12.4.2019