Reinhard Grindel
Herr Grindel und seine besondere Beziehung zur Deutschen Welle
Abgang im Ärger. Mitte März brach DFB-Präsident Reinhard Grindel ein Interview mit der Deutschen Welle ab. Nicht das erste Mal. (Screenshot: journalist)

Mitte März brach DFB-Präsident Reinhard Grindel vor laufender Kamera ein Interview für die Deutsche Welle (DW) ab. Jetzt stellt sich heraus: Es war nicht der erste Fall dieser Art. Schon vor acht Jahren stand Grindel offenbar verärgert auf und ging.

von Olaf Wittrock

"Herr Grindel, Herr Grindel. Herr Grindel!?" Journalist Florian Bauer versuchte es mit Flehen und mit Bitten. Doch es half alles nichts. Der Präsident des Deutschen Fußball- Bunds (DFB) Reinhard Grindel hatte schlicht keine Lust mehr, weitere Fragen zu beantworten. Vor laufender Kamera brach er am 13. März ein Interview im Auftrag der Deutschen Welle (DW) ab, stand auf und ging. Bauer, als sportpolitischer Moderator und Journalist regelmäßig auch für die ARD und Phoenix aktiv, blieb konsterniert zurück.

Derartiges sei ihm bislang noch nicht passiert, berichtete Bauer im Nachgang. Grindel habe bei mindestens einem halben Dutzend Interviews in der Vergangenheit stets anständig und höflich alle Fragen beantwortet: "Ich habe keine Ahnung, warum er so dünnhäutig war." Eben weil dieser Vorgang so außergewöhnlich war, entschied sich die DW-Redaktion, das Gespräch inklusive des abrupten Endes nach einer guten Viertelstunde online zu stellen. "Funktionäre von Sportverbänden haben auch eine Verpflichtung, öffentlich Auskunft zu geben", begründet Bauer den Schritt.

Die Schilderungen darüber, unter welchen Umständen das Gespräch zustande gekommen war, und ob es im Vorfeld überhaupt eine Verabredung zu einem längeren Interview gab, gehen auseinander. Tatsache ist allerdings: Grindel ließ sich auf das Interview ein. Die Kamera lief. Und dann verlor Grindel erst die Lust, danach die Geduld und schließlich die Nerven.

Das wiederum war offenbar nicht zum ersten Mal der Fall. Eine frühere freie Mitarbeiterin der Deutschen Welle schilderte dem journalist anlässlich des neuerlichen Eklats von einer ähnlichen Erfahrung mit Grindel. Die liegt zwar schon acht Jahre zurück, ist ihr aber immer noch überaus präsent. Grindel saß damals für die CDU im Bundestag und befasste sich als Mitglied des Innenausschusses mit der Frage, ob Türken für die Einreise nach Deutschland weiterhin ein Visum benötigen sollten. Dazu interviewte die Journalistin ihn am 31. März 2011 für einen Bericht im englischsprachigen Kanal des Auslandssenders. Im Laufe des Gesprächs empörte sich Grindel ihrer Schilderung nach massiv darüber, dass sie ihm keine Fragen stelle, sondern mit ihm diskutieren und doch bloß ihre eigene Meinung transportieren wolle. Schließlich verließ er aufgebracht das Studio.

Die ehemalige DW-Freie erinnert sich auch deshalb so gut, weil dieses missglückte Gespräch für sie dramatische Folgen nach sich zog. Sie habe, sagt sie, danach keine neuen journalistischen Aufträge mehr bekommen, sei auch nicht mehr für News-Schichten eingeteilt worden, ja sogar aus dem bestehenden Schichtplan gestrichen worden. Das alles hinterließ bei ihr den Eindruck, wegen des Vorfalls kaltgestellt worden zu sein.

Was der Sache eine besondere Brisanz verleiht: Grindel und die Deutsche Welle standen damals in einer sehr engen Beziehung. Grindel war von 2006 bis 2014 Mitglied im siebenköpfigen Verwaltungsrat des Senders, einem Gremium, das die Geschäftsführung des Intendanten überwachen soll. Darüber hinaus hatte er als Berichterstatter im Kulturausschuss des Bundestags eine damals breit diskutierte strukturelle Neuausrichtung des Senders mit vorbereitet. Eine Woche vor dem missratenen Interview hatte der Ausschuss eine entsprechende Beschlussempfehlung für den Bundestag vorgelegt, verbunden auch mit der neuen Etatplanung. Als steuerfinanziertes Angebot ist die DW finanziell stets besonders auf die Unterstützung der Parlamentarier angewiesen. Damals wurde auch intensiv über die künftige Ausstattung und Rolle des englischsprachigen Programms diskutiert, für das die freie Mitarbeiterin arbeitete. Just eine Woche nach Grindels Polter-Abgang aus dem Berliner Studio hatte der Bundestag über all das zu entscheiden. Die Verantwortlichen hätten also gute Gründe gehabt, die entscheidenden Politiker nicht zu verärgern.

Grindel soll der Ex-DW-Mitarbeiterin, so jedenfalls lautet deren Schilderung, während des missglückten Interviews wörtlich "den zarten Hinweis" gegeben haben, er sei Mitglied im Verwaltungsrat und "ein bisschen überrascht", wie sie Journalismus betreibe. Ein Skript des damaligen Gesprächs mit dieser Aussage liegt dem journalist vor. Den Hinweis habe sie als eine Drohung empfunden, sagt die Journalistin. Sie vermutet, dass sie auf Grindels Druck hin nicht mehr vom Sender beauftragt worden sein könnte.

Jeder Vorwurf in diese Richtung sei abwegig und völlig haltlos, heißt es bei der Deutschen Welle. Grindel habe sich in dem Fall überaus korrekt verhalten: "Sowohl die Umstände der Einladung, die Behandlung des Gastes als auch die Interviewführung entsprachen nicht den üblichen Standards und Abläufen der DW", teilt Kommunikationschef Christoph Jumpelt auf Nachfrage und nach Rücksprache mit den damals Verantwortlichen mit: "Herr Grindel hat seinen Unmut hierüber der Mitarbeiterin gespiegelt. Das betrachten wir als das gute Recht eines jeden Interviewten."

Das Interview wiederum sei aus Sicht der damals redaktionell Verantwortlichen inhaltlich nicht sendefähig gewesen und deshalb auch nicht veröffentlicht worden: "Interventionen von Herrn Grindel bei Verantwortlichen der DW, sich von der Mitarbeiterin zu trennen, gab es nicht", stellt Jumpelt klar. Reinhard Grindel sagt auf Nachfrage, er könne sich an die Interview-Situation von damals nicht mehr erinnern. Er schließt aber ebenfalls aus, die Frau damals diskreditiert oder gar auf ihre Entlassung gedrungen zu haben.

Die Interviewerin ist auch acht Jahre später noch sichtlich aufgewühlt wegen der Vorkommnisse. Und auch bei der DW intern hat die Sache, die sich heute nur noch schwer im Detail rekonstruieren lässt, für viel Wirbel gesorgt. Dafür sprechen mehrere Indizien: Erstens erinnerten sich auf den Fluren der DW mehrere von denen, die damals auch dabei waren, direkt an die alte Geschichte, als der neue Grindel-Abgang öffentlich wurde. Zweitens verfassten damals mehrere Welle-Mitarbeiter einen Brief an die Leiterin des englischsprachigen Programms, um sich für die Kollegin einzusetzen. Drittens, so berichten damalige DW-Redakteure, verschickte die Redaktionsleitung kurz nach dem Grindel-Interview eine E-Mail mit Hinweisen dazu, was bei Interviews zu beachten sei, die man mit möglicherweise befangenen Personen führt. Hier nahm zwar niemand direkt Bezug auf den Vorfall, es sei aber offensichtlich gewesen, dass man Ähnliches für die Zukunft verhindern wollte.

Grindel also hat sich zumindest zweimal über die Arbeit von DW-Journalisten echauffiert. Und dieser Teil der Geschichte hat eine ganz besondere Pointe: Als im Jahr 2013 ein neuer Intendant für den Sender gesucht wurde, da soll zunächst, wie Insider bestätigen, auf den Fluren auch ein Name kursiert sein: Reinhard Grindel.

Update vom 2.4.2019: Reinhard Grindel ist als Präsident des DFB zurückgetreten.

Die Redaktion - 29.3.2019