Funke / Mediengruppe Thüringen
"In Essen haben sie keine Vorstellung davon, wie die Orte in Thüringen heißen"
Was mit den Funke-Titeln in Thüringen passiert, sei den Verantwortlichen nicht sonderlich wichtig, sagen Beobachter (Screenshot: journalist)

Zwar sei die Verkündung „nicht glücklich“ gelaufen, räumt ein Sprecher ein. An ihrem Plan, sich mittelfristig von ihren gedruckten Tageszeitungen im Freistaat zu verabschieden, hält die zu Funke gehörende Mediengruppe Thüringen aber fest.

von Lars Radau

Ausgerechnet für den 1. April hat Michael Tallai zu einer Informationsveranstaltung nach Erfurt geladen. Es soll dort um „die Zukunft“ gehen. In erster Linie, heißt es, um die der Anzeigenblätter. Aber der Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen (MGT) wird nicht umhinkommen, auch ein paar klare Worte dazu zu sagen, ob und wie lange sein Haus überhaupt noch gedruckte Zeitungen herausbringen will.

Denn spätestens seit Anfang Februar ist nicht nur die Mediengruppe, unter deren Dach die drei Thüringer Titel Thüringer Allgemeine, Ostthüringer Zeitung und Thüringische Landeszeitung erscheinen, in Aufruhr, sondern der gesamte Freistaat. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtete zunächst, die Verlagsgruppe, die in Thüringen beinahe ein Monopol hat, plane die komplette Einstellung ihrer gedruckten Tageszeitungen. Indizien dafür, heißt es aus dem Sender, hätten MDR-Journalisten bereits seit Dezember 2018 recherchiert. Unter anderem habe es im Dezember eine Mitarbeiterversammlung gegeben, in der Geschäftsführer Tallai erstmals ein Untergangsszenario an die Wand gemalt habe. Tenor: Wenn es so weitergehe, gebe es in zwei Jahren nicht nur keine gedruckte Zeitung mehr, sondern womöglich auch keine MGT.

Doch den Stein ins Rollen brachte erst am 7. Februar eine Pressemitteilung der Essener Funke-Mediengruppe, zu der die MGT gehört. Darin wurden erhebliche Einschnitte und Sparmaßnahmen im gesamten Funke-Reich verkündet. Zu Thüringen findet sich gerade einmal ein Satz: „Für die Thüringer Titel werden Szenarien erarbeitet, wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann.“ Für den MDR war das der Anlass, seine Recherchen zu veröffentlichen. Das wiederum war für die Politik Anlass, sich einzuschalten. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ließ Michael Tallai zur Kabinettssitzung antreten, Umweltministerin Anja Siegesmund verfasste einen offenen Brief an Funke. Dort begann man unmittelbar mit dem Zurückrudern: Es gebe keinen Beschluss, die Zustellung sofort loszuwerden und die gesamte Tageszeitung zu digitalisieren. Man prüfe lediglich „Szenarien“, verkündeten Tallai und Funke-Sprecher Tobias Korenke unisono und fast im Stundentakt.

Auch wenn die Kommunikation „nicht glücklich“ gelaufen sei, wie Tobias Korenke im Rückblick einräumt – der Kern der MDR-Nachricht ist alles andere als falsch. Heute heißt Korenkes und Tallais Botschaft: Womöglich würden „Print- und Digital-Ausgaben eine bestimmte Zeit lang noch nebeneinander angeboten“. Aber: „nicht für mehrere Jahre“. Der Zeit sagte Michael Tallai, dass die „Mehrkosten für die Zustellung“ seit der Einführung des Mindestlohnes inzwischen den „kompletten Gewinn“ der MGT auffressen würden. Die Kosten hätten sich verdreifacht, 24 Millionen Euro zusätzlich müsse der Verlag für die Verteilung der rund 220.000 Exemplare der drei Titel aufwenden.

Über andere konkrete Zahlen redet man in Erfurt und Essen dagegen nicht so gerne. Laut Verlags-Flurfunk müsste eigentlich auch die Erfurter Druckerei der Mediengruppe dringend modernisiert werden. Kolportierter Aufwand: ebenfalls ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag. Das wiederum bestärkt die Auffassung von Verlagskenner Sergej Lochthofen. Der langjährige Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen ging 2009. Nach eigenen Angaben, weil er ein Sparprogramm nicht umsetzen wollte, mit dem der Konzern damals einen satten Gewinn von 15 Prozent zulasten der Redaktion weiter habe steigern wollen. „Wir haben zwei Jahrzehnte Aufbau West betrieben und viele Millionen nach Essen überwiesen“, sagt er dem journalist. Zurückgekommen sei nur wenig. Das liege auch an der Haltung der Funke-Zentrale: „In Essen haben sie keine Vorstellung davon, wie die Orte in Thüringen heißen, wer die Leser überhaupt sind und wie sie ticken. Thüringen ist zunehmend unwichtig.“

Die Redaktion - 31.3.2019