Floskel des Monats
Gipfel

So ein Gipfel ist doch die Höhe! Weit oben, weit entfernt vom lästigen Pöbel, der sich anschickt mitreden zu wollen, sitzen ein paar alte weiße Männer: Auf die Spitze des Eisbergs haben sie sich mühsam mit Eispickel, Steigeisen, Sicherungsseilen und drei Kilo Labello gekämpft, um zu entscheiden, wie das, was kaum noch zu retten ist, mit schönen Worten relativiert werden kann. Das traditionelle Gipfeltreffen endet schließlich, wenn die Elite die verheerenden Floskellawinen den Abhang hinunterstürzen lässt.

Kritische Fragen werden in der Talsohle niedergewalzt und der seichte Journalismus hakt zumindest nach, wie denn die „Stimmung“ auf dem Gipfel gewesen sei. Vermutlich prima! Und falls nicht, bot der Gipfel eine gute Gelegenheit „Partnerschaften zu stärken“, „neue Dialoge“ zu beginnen, „gemeinsame Herausforderungen“ anzugehen und die „intensive Zusammenarbeit“ zu intensivieren. Worum ging es noch mal?

Von diesem massiven Missbrauch an Gipfeltreffen berichten zahlreiche Berge: Selbst in flachen Ländern wird jeder kleinste Hügel für ein Gipfelthema genutzt, um als Gipfeldrama ein Gipfelpapier zu verfassen, dem ein Gipfelstreit vorangegangen war. Der „Flop-Gipfel in Hanoi“ könnte also auch daher rühren, dass die vietnamesische Hauptstadt nur mehrere Meter über dem Meeresspiegel liegt. „Der Gipfel kam zu früh“ war eine These.

Den „EU-Gipfel mit der Arabischen Liga“ kann man natürlich auch mit „Merkel beim Böse-Buben-Gipfel“ titulieren – muss man aber nicht. Österreich macht es sich hingegen einfach: Dort wird kurzerhand Verkehrsminister Norbert Hofer „vor dem Lkw-Gipfel unter Druck gesetzt“. Hätte er doch einfach den „Diesel- Joker“ auf dem leicht entflammbaren „Diesel-Gipfel“ gezogen!

Falls Sie sich dem Bergsteigen verwehren und nicht zum Gipfeltreffen kommen wollen, macht der Gipfel übrigens auch Hausbesuche, beispielsweise beim „Plastik-Gipfel im Bundeskanzleramt“. Und der als „Kinderschutzkonferenz“ verharmloste „Missbrauchsgipfel im Vatikan“ dürfte nicht nur für die beschuldigten Priester, sondern auch für den Journalismus ein Höhepunkt gewesen sein.

Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.

 

Die Redaktion - 4.4.2019