Speeches of Note - Edward R. Murrow
Ein leuchtender Kasten voller Kabel
Ed Murrow, legendärer US-Journalist und Moderator der CBS-Sendung "See it Now". Abdruck der Illustration mit Genehmigung von Casey Murrow

Speeches of Note - Reden, die die Welt veränderten: Der britische Autor Shaun Usher hat sich die Aufgabe gestellt, die Archive der Welt nach außergewöhnlichen und ungewöhnlichen Reden zu durchforsten. Sein Buch Speeches of Note erscheint am 11. März. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags dokumentiert der journalist aus dem Buch die Rede des US-Journalisten Edward R. Murrow. 

Auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod bleibt Edward R. Murrow eine zentrale Figur in der Welt des Rundfunk- und Fernsehjournalismus. Für den Sender CBS hielt er während und nach dem Zweiten Weltkrieg sein Publikum fachkundig und ohne jede Überheblichkeit auf dem Laufenden. Bei einer Veranstaltung, die am 15. Oktober 1958 in Chicago zu seinen Ehren stattfand und bei der die Chefs vieler amerikanischer Sender anwesend waren, nutzte Murrow die Gelegenheit, um folgende Rede zu halten – ein mittlerweile legendäres, leidenschaftliches Plädoyer an die Anwesenden, ihren Bildungsauftrag gegenüber der Bevölkerung anzuerkennen und zu erfüllen.  

Übersetzt von Susan Vahabzadeh

Es könnte sein, dass das hier keinem etwas bringt. Gut möglich, dass am Ende dieser Ausführungen gewisse Leute den Vortragenden beschuldigen, er hätte sein eigenes, bequemes Nest beschmutzt, und vielleicht wird ihr Verband beschuldigt, ketzerischen, gar gefährlichen Gedanken ein Forum gegeben zu haben. Aber ich bin überzeugt, dass die komplexe Struktur von Sendern, Werbeagenturen und Sponsoren sich davon weder aus der Fassung bringen lässt noch Anlass zur Veränderung sieht. Es ist mein Wunsch, wenn nicht gar meine Pflicht, mit Ihnen, den Fachleuten, offen darüber zu reden, was mit dem Radio und dem Fernsehen in diesem freizügigen und riesigen Land geschieht. Ich habe den Arbeitern in jenem Weinberg, der Worte und Bilder produziert, keinerlei technischen Hinweis oder Ratschlag zu bieten. Sie werden mir sicher vergeben, wenn ich Ihnen nicht sage, dass die Instrumente, mit denen Sie arbeiten, Wunderwerke der Technik sind, dass Ihre Verantwortung beispiellos ist oder dass Ihre Hoffnungen oft enttäuscht werden. Es ist überflüssig, Sie daran zu erinnern, dass einer Stimme, die so verstärkt wird, dass man sie von einem Ende des Landes bis zum anderen hört, nicht notwendigerweise mehr Weisheit innewohnt als einer, die nur von einem Ende des Tresens zum anderen reicht. Das wissen Sie alles längst.

Ich will auch von vornherein klarstellen, dass ich, wie ein Zeuge vor einem Kongress-Ausschuss, aus freien Stücken hier bin, und zwar auf Einladung. Dass ich zwar Angestellter des Columbia Broadcasting Systems bin, dort aber weder Führungskraft noch Direktor und meine Ausführungen einzig und allein auf meinem eigenen Mist gewachsen sind. Wenn es gilt, für das, was ich hier sage, Verantwortung zu übernehmen, übernehme ich sie allein. Da ich weder die Zustimmung meines Arbeitgebers oder der Sponsoren noch den Beifall von Radio- und Fernseh-Kritikern suche, kann ich auch nicht enttäuscht werden. Ich bin davon überzeugt, dass vom Ansatz her das marktwirtschaftliche Rundfunksystem, das wir in diesem Land haben, das beste und freieste ist, das jemals ersonnen wurde. Ich habe dennoch beschlossen, meine Besorgnis über das auszudrücken, was meiner Ansicht nach mit dem Radio und dem Fernsehen geschieht. Diese Medien waren unendlich gut zu mir, besser, als ich es verdient habe; ich persönlich habe wahrlich keinen Grund, mich zu beklagen. Ich bin weder mit meinem Arbeitgeber noch mit den professionellen Fernsehund Radio-Kritikern zerstritten. Mich hat aber die Angst gepackt vor dem, was diese beiden Medien unserer Gesellschaft, unserer Kultur und unseren Traditionen antun.

Unsere Geschichte wird das sein, was wir aus ihr machen. Wenn es in fünfzig oder hundert Jahren noch Historiker gibt, werden sie im Wochenprogramm der drei großen Sender, aufgezeichnet in Schwarz-Weiß oder vielleicht sogar in Farbe, Dekadenz, Eskapismus und Abkoppelung von den Realitäten unserer Lebenswelt finden. Ich bitte Sie, sich einmal zwischen 20 und 23 Uhr östlicher Zeitzone die Fernsehprogramme aller Netze anzusehen. Sie werden hier nur gelegentlich verborgene Hinweise darauf finden, dass diese Nation in existenzieller Gefahr schwebt. Es gibt, das ist wohl wahr, gelegentlich Informationssendungen in jenem intellektuellen Ghetto, das der Sonntagnachmittag darstellt. Aber während der Hauptsendezeit isoliert uns das Fernsehen von der Welt, in der wir leben. Wenn dieser Zustand anhält, können wir in Anlehnung an einen bekannten Werbeslogan sagen: SCHAUEN SIE JETZT, BEZAHLEN SIE SPÄTER.

Wir werden nämlich bestimmt irgendwann dafür bezahlen müssen, dass wir das mächtigste Mittel der Kommunikation dazu benutzen, die Bürger von der harten und anspruchsvollen Wirklichkeit fernzuhalten, der wir uns stellen sollten, wenn wir überleben wollen. Und ich habe das Wort "überleben" mit Absicht gewählt. Gäbe es einen Wettbewerb der Gleichgültigkeit oder gar der Abkapselung von der Wirklichkeit, hätten Nero mit seiner Geige oder Chamberlain mit seinem Schirm nicht mal im Bildungsprogramm am frühen Nachmittag eine Chance. Gingen Hollywood die Indianer aus, man müsste die Programme bis zur Unkenntlichkeit zusammenstreichen. Vielleicht würde dann eine junge, mutige Seele mit kleinem Budget eine Dokumentation darüber machen, was wir den Indianern in diesem Land tatsächlich angetan haben – und immer noch antun. Aber das wäre ja unangenehm. Und wir müssen die empfindsamen Bürger unbedingt vor allen Unannehmlichkeiten beschützen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die amerikanische Öffentlichkeit vernünftiger, maßvoller und reifer ist, als die meisten Programmplaner in dieser Branche glauben. Sie können ihre Angst vor Kontroversen durch nichts begründen. Ich weiß sehr wohl – wie viele von Ihnen –, dass, wenn man ein kontroverses Thema fair und seriös präsentiert, die Öffentlichkeit diese Bemühungen auch tatsächlich als einen Beitrag zur Aufklärung und nicht als Hetze begreift.

Als wir uns vor einigen Jahren darauf einließen, über Ägypten und Israel eine Sendung zu machen, sagten erfahrene, intelligente Freunde aus der Branche: "Das könnt ihr nicht machen. Das wird euch den Kopf kosten. Das ist ein kontroverses Thema, auf das jeder emotional reagiert, das kann man nicht mit Vernunft anpacken." Wir haben die Sendung aber gemacht. Zionisten, Antizionisten, Freunde des Nahen Ostens, Vertreter Ägyptens und Israels sagten dann, mit einem überraschten Unterton, wie ich gestehen muss: "Es war ein seriöser Bericht. Die Informationen sprachen für sich. Wir haben keinen Grund, uns zu beklagen."

Wir haben mit zwei halbstündigen Sendungen, in denen es um Zigaretten und Lungenkrebs ging, ähnliche Erfahrungen gemacht. Sowohl Ärzte also auch die Tabakindustrie haben mit uns zusammengearbeitet, wenn auch mit einigen Vorbehalten. Am Ende waren dann aber doch beide Seiten relativ zufrieden. Radioaktiver Fallout und das Verbot von Atomtests, das war und ist auch ein kontroverses Thema. Aber angesichts der Tatsache, dass es auf diesem Gebiet so wenig Wissen gibt, waren die Zuschauer bereit, beiden Seiten vernünftig und ruhig zuzuhören. Ich will nicht behaupten, wir wären außergewöhnlich kompetent darin, kontroverse Themen anzupacken, sondern ich will damit andeuten, dass es eigentlich keinen Grund gibt, auf diesen Gebieten dermaßen zurückhaltend zu sein.

In letzter Zeit wurden die Pressesprecher der Sender angehalten, sich zu beschweren, wie gemein die Fernsehkritiker der Printmedien seien. Es wurde angedeutet, der Wettbewerb um die Werbeeinnahmen habe die Zeitungskritiker dazu gebracht, sich gegen Fernsehen und Radio zusammenzutun. Es liegt nicht in der Absicht des Vortragenden, die Kritiker zu verteidigen. Sie haben ja den Ort, das selbst zu tun. Aber es ist nun mal so, dass Zeitungen und Magazine die einzigen Massenkommunikationsmittel sind, die nicht regelmäßiger, kritischer Kommentierung ausgesetzt sind. Wenn die Sprecher der Sender so sehr darüber besorgt sind, was in der Presse steht, dann schlage ich vor, dass sie selbst regelmäßig und kritisch kommentieren, was in der Presse gedruckt wird. Es ist eine altbekannte und traurige Tatsache, dass die meisten Beschäftigten in Funk und Fernsehen der Presse gegenüber übertriebene Rücksicht an den Tag legen. Und es hat schon Fälle gegeben, in denen sich Führungskräfte geweigert haben, sich privat zu einer Sendung zu äußern, für die sie verantwortlich zeichneten, bevor sie nicht die Kritiken in den Zeitungen gelesen hatten. Das ist wohl kaum ein Beleg für großes Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen.

Die älteste Entschuldigung der Sender für ihre Zurückhaltung ist ihre Jugend. Ihre Pressesprecher sagen: "Wir sind noch neu im Geschäft. Wir haben weder die Tradition noch die Erfahrung älterer Medien." Wären sie sich nur im Klaren darüber, dass sie diese Tradition täglich entwickeln, täglich Präzedenzfälle schaffen. Jedes Mal, wenn sie einer Stimme aus Washington oder irgendeinem politischen Druck nachgeben, jedes Mal, wenn sie etwas entfernen, weil es irgendwen beleidigen könnte, schaffen sie ihre eigenen Präzedenzfälle und Traditionen, und die werden sie für immer verfolgen. Sie wollen lieber auf Nummer sicher gehen.

Nirgends wird dies besser veranschaulicht als durch die Tatsache, dass der Vorsitzende der Rundfunkkommission, der Federal Communications Commission (FCC), die Sendeanstalten öffentlich dazu aufgefordert hat, von ihrem Recht auf Kommentierung Gebrauch zu machen. Natürlich erfordern Fernsehkommentare – als solche erkennbare, klar gekennzeichnete, und selbstverständlich werbefreie Kommentare –, dass man Verantwortung übernimmt. Die meisten Fernsehsender haben heute wahrscheinlich nicht genug Leute, um eine solche Verantwortung zu übernehmen, aber die könnte man ja einstellen. Kommentare sind natürlich nicht profitabel. Wenn sie scharf genug sind, können sie gar jemanden beleidigen. Es ist viel einfacher, viel weniger mühsam, die hochprofitablen Medien Fernsehen und Radio nur als Kanäle zu benutzen, durch die man alles spült, was Geld bringt, solange es nicht beleidigend, obszön oder verleumderisch ist. So kann man so tun, als hätte man Macht ohne Verantwortung.

Was nun das Radio angeht – dieses überaus befriedigende, uralte, aber lohnende Kommunikationsmittel –, so ist eine Diagnose der Probleme nicht schwer. Natürlich spreche ich nur von Nachrichten- und Informationssendungen. Um voranzukommen, müssten sie sich einfach nur zurückentwickeln, zurück zu der Zeit, als Werbejingles während der Nachrichten nicht erlaubt waren, als es noch keine Werbespots mitten in einer fünfzehnminütigen Nachrichtensendung gab, als das Radio noch stolz, wachsam und schnell war. Kürzlich habe ich jemanden von einem Radiosender gefragt: "Warum gibt es diese Flut von Fünf-Minuten-Nachrichten (einschließlich drei Werbespots) am Wochenende?" Und er antwortete: "Weil es das Einzige ist, was sich verkauft."

Nun, in dieser komplexen und verwirrenden Welt kann man bei einer Sendung, in der nur drei Minuten für Nachrichten zur Verfügung stehen, nicht viel über das "Warum" dieser Nachrichten erklären. Der Einzige, der das konnte, war Elmer Davis*, und Leute wie ihn gibt es nicht mehr. Werden die Radionachrichten als Ware betrachtet, die nur etwas taugt, wenn sie verkäuflich ist und so verpackt wird, dass sie sich gut in die Werbung eines Sponsors einfügt, dann ist mir egal, wie Sie es nennen – ich sage: Das sind keine Nachrichten.

Meine Erinnerung – und ich bin noch nicht an dem Punkt in meinem Leben, an dem ich von meinen eigenen Erinnerungen fasziniert wäre –, meine Erinnerung reicht bis in eine Zeit zurück, als die Angst vor einem leichten Gewinnrückgang nicht sofort zu Kündigungen in der Nachrichtenredaktion führte, schon gar nicht, wenn die Profite der Sender so hoch waren wie nie zuvor. Wir sind uns wohl alle einig, denke ich, dass ein Bürotackergerät, egal ob in einer Radiostation oder bei einem großen Sender, ein sehr schlechter Ersatz ist für eine redaktionseigene Schreibmaschine und jemanden, der weiß, was man damit macht.

Eine der kleineren Tragödien der Fernsehnachrichten ist, dass die Sender nicht bereit sind, ihre überlebenswichtigen Interessen zu verteidigen. Als mein Arbeitgeber CBS durch Wagemut und Glück ein Interview mit Nikita Chruschtschow bekam, machte der Präsident dabei eine paar unglückliche, schlecht informierte Bemerkungen, wofür sich der Sender mehr oder weniger entschuldigte. Darauf folgte etwas, was man nicht oft sieht: Viele Zeitungen verteidigten das Recht von CBS, eine solche Interviewsendung trotzdem zu produzieren und lobten den Sender dafür. Die anderen Sender dagegen schwiegen.

Ähnlich war es, als John Foster Dulles** persönlich ein Dekret erließ, das es amerikanischen Journalisten unmöglich machte, ins kommunistische China zu reisen, und in der Folge sieben widersprüchliche Erklärungen dafür anbot – die Sender reagierten auf seinen Befehl nur mit mildem Protest. Dann hatten sie diese Unannehmlichkeiten auch schon wieder vergessen. Darf es sein, dass sich unsere nationale Nachrichtenindustrie damit zufriedengibt, dem öffentlichen Interesse mit einem kläglichen Rinnsal von Nachrichten aus Hongkong zu dienen und die Zuschauer über die gewaltigen Umwälzungen im Dunklen zu lassen, die in einem Land mit 600 Millionen Einwohnern vor sich gehen? Ich mache mir keine Illusionen darüber, wie schwer es ist, aus einer Diktatur zu berichten, aber die dortigen Reporter unserer britischen und französischen Verbündeten holten einige sehr nützliche Informationen ein, womit auch dem öffentlichen Interesse dieser Länder besser gedient war.

Eines der grundlegenden Probleme der Radio- und Fernsehnachrichtensendungen ist, dass sie sich zu einer unvereinbaren Kombination von Unterhaltung, Werbung und Nachrichten entwickelt haben. Das sind drei ziemlich eigenartige und jedes für sich auch anspruchsvolle Berufsfelder. Und wenn man alle unter einem Dach vereint, kehrt niemals Ruhe ein. Mit einigen wenigen Ausnahmen haben die Leute in den oberen Managementebenen der Sender ihr Handwerk in der Werbung, im Verkauf, in der Marktforschung oder im Showgeschäft gelernt. Weil die Struktur großer Firmen so ausgerichtet ist, treffen sie auch die zentralen und finalen Entscheidungen, was die Nachrichtensendungen anbetrifft. Dabei haben sie dafür oftmals weder die Zeit noch die Kompetenz. Dieselbe kleine Gruppe von Männern muss entscheiden, ob die Firma für Millionen von Dollar einen neuen Sender kaufen, ein neues Gebäude bauen, die Werbepreise verändern, einen Western produzieren oder eine Seifenoper verkaufen soll, wie sie sich bezüglich der neuesten Kongressuntersuchung zu verhalten, wie viel sie für die Werbung für eine neue Sendung auszugeben haben und welche Zugänge oder Entlassungen es innerhalb der Schar von Vizepräsidenten geben sollte. Und gleichzeitig – manchmal sogar an demselben langen Tag – sollen sie auch noch tiefschürfende und umsichtige Überlegungen bezüglich der mannigfaltigen Probleme derer anstellen, die für die Nachrichtensendungen zuständig sind.

Manchmal kollidieren die Interessen der Öffentlichkeit und die einer großen Firma. Ein Brief oder Anruf aus gewissen Washingtoner Vierteln wird viel ernster genommen als die Nachricht eines erbosten, aber politisch wenig einflussreichen Zuschauers. Es mag verlockend sein, Sendezeit für unverantwortliche und eigentlich unvertretbare Beiträge einzuräumen, nur um den Wind aus politischen Diskussionen zu nehmen, doch dies wäre glatt das Thema einer anderen, längeren und wenig erbaulichen Abhandlung. Gelegentlich geraten auch wirtschaftliche und redaktionelle Interessen in Konflikt. Und es gibt kein Gesetz, das besagt, dass das Berufsethos über den Dollar triumphiert. Vor nicht allzu langer Zeit hat der Präsident der Vereinigten Staaten im Fernsehen eine Ansprache an die Nation gehalten. Er sprach über die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit, es könnte Krieg zwischen unserem Land und der Sowjetunion oder dem kommunistischen China geben. Man sollte meinen, dies sei ein spannendes Thema, das eine gewisse Dringlichkeit mit sich bringt. Zwei Sender, CBS und NBC, schoben die Ausstrahlung um eine Stunde und fünfzehn Minuten nach hinten. Sollte es für diese Entscheidung andere Gründe gegeben haben als finanzielle, haben sich die Sender nicht bemüht, diese öffentlich zu machen. Eine Stunde und fünfzehn Minuten, das ist übrigens ungefähr doppelt so lang, wie eine mit Atomsprengköpfen bestückte Interkontinentalrakete braucht, um von der Sowjetunion aus ein Hauptangriffsziel in den USA zu erreichen. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Entscheidung von Männern getroffen wurde, die Nachrichten lieben, respektieren und verstehen.

Ich habe bisher überwiegend negative Punkte aufgezählt, und ich könnte noch einige hinzufügen. Aber wie gesagt, glaube ich auch daran, dass unser System des Rundfunks als Teil der freien Marktwirtschaft potenziell allen anderen überlegen ist. Um sein Potenzial auszuschöpfen, muss es jedoch frei und wirtschaftlich sein. Ich will keineswegs vorschlagen, die Stationen oder Sender sollten rein philanthropische Veranstaltungen werden. Ich kann aber weder in der Bill of Rights noch im Rundfunkgesetz einen Passus entdecken, der den Sendern vorschreibt, jedes Jahr ihren Gewinn zu erhöhen, weil sonst die Republik zusammenbräche. Ich will damit nicht nahelegen, dass Nachrichtensendungen von Stiftungen oder privaten Abonnenten subventioniert werden sollten. Mir ist bewusst, dass die Sendern für ihre Informationssendungen oftmals erhebliche Summen aufbringen und daran nichts verdienen. Ich habe bei CBS viele solcher Sendungen verantworten dürfen. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mir von meinen Vorgesetzten keine Sendung verweigert wurde, weil sie zu viel Geld gekostet hätte.

Wir wissen alle, dass man die potenzielle Höchst-Einschaltquote nicht erreicht, wenn man auf einem Nischensendeplatz Bildungsfernsehen macht. Ganz einfach deshalb, weil viele Stationen das nicht lange ausstrahlen werden. Jeder, der eine Sendelizenz beantragt, verpflichtet sich, dem öffentlichen Interesse, dem öffentlichen Nutzen oder den öffentlichen Bedürfnissen nachzukommen, was den Inhalt seines Programms angeht. Viele Lizenznehmer haben dieses Versprechen schlicht und einfach über Bord geworfen. Das Profitstreben vernebelt ihr Erinnerungsvermögen. Das einzige Gegenmittel wäre eine genauere Beaufsichtigung und Strafen durch die FCC. Aber viele finden, dieses käme einer Programmkontrolle durch eine Bundesbehörde gefährlich nahe.

Nun sieht es also so aus, als könnten wir uns nicht auf wohltätige Unterstützung oder Subventionen von Stiftungen verlassen. Wir können nicht ausschließlich Bildungsfernsehen machen. Die Sender können sich so etwas nicht leisten. Und die FCC kann, wird oder sollte jene, die die öffentlichen Einrichtungen missbrauchen, nicht zur Rechenschaft ziehen. Was nun? Bleiben wir einfach in unserem bequemen Nest hocken und reden wir uns ein, dass wir unsere Verpflichtungen erfüllt haben, wenn wir die Öffentlichkeit dann und wann informieren? Oder glauben wir, dass der Erhalt der Republik eine Vollzeitbeschäftigung ist, die mehr Wachsamkeit, mehr Expertise und mehr Beharrlichkeit verlangt, als wir bislang an den Tag gelegt haben?

Dieses Ungleichgewicht macht mir Angst, dieses immerwährende Bestreben, das größtmögliche Publikum für alles zu finden; das Fehlen einer unabhängigen Analyse zur Lage der Nation. Der Journalist Heywood Broun hat einmal gesagt: "Kein Glied der Politik ist gesund, wenn es nicht juckt." Mir wäre es lieber, wenn das Fernsehen ein wenig Juckpulver produzieren würde statt einer endlosen Flut an Beruhigungsmitteln. Das ist zu schaffen. Vielleicht auch nicht, aber es wäre möglich. Aber erschießen wir nicht den falschen Pianisten. Glauben Sie nicht, dass diejenigen, die wir als Senderchefs bezeichnen, auch die Kontrolle über das haben, was ausgestrahlt wird. Sie haben alle einen besseren Geschmack, und nach meiner Erfahrung sind es durch die Bank ehrenwerte Männer. Aber sie müssen ihre Aktionäre befriedigen und das senden, was auf dem Markt verkäuflich ist.

Und das bringt uns zum Kern der Frage. Einerseits dreht sich alles um einen Begriff, den man sehr oft auf der Madison Avenue hört – das sogenannte Konzernimage. Ich weiß nicht genau, was dieser Ausdruck bedeuten soll, aber ich denke, er drückt den Wunsch der Konzerne aus, in der Öffentlichkeit und in den Augen der Werbetreibenden auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden, nicht nur als seelenlose Körperschaften, die den Dollars hinterherjagen. Sie möchten uns gerne glauben machen, dass sie zwischen öffentlichem Wohl und Profit trennen. Also lautet die Frage: Sollten die Konzerne, die für die Radio- und Fernsehprogramme aufkommen, die Sendezeit ausschließlich zum Verkauf von Waren und Dienstleistungen nutzen? Ist es in ihrem eigenen Interesse und dem ihrer Aktionäre, das zu tun? Der Sponsor einer einstündigen Sendung hat nicht nur die sechs Minuten gekauft, in der seine Werbebotschaft gesendet wird. Er legt innerhalb großzügiger Grenzen fest, was in der gesamten Stunde passiert. Will er immer nur das größtmögliche Publikum erreichen, dann wird der Prozess der Abkapselung von der Wirklichkeit, der Flucht aus ihr, weiterhin mit sehr viel Geld unterstützt werden, und seine Apologeten werden weiterhin gefällige Reden darüber halten, dass das Publikum selbst entscheiden und das bekommen soll, was es wünscht.

Ich weigere mich zu glauben, dass die Geschäftsführer und Direktoren dieser Firmen wollen, dass ihr Konzernimage tatsächlich einzig von einer feierlichen Stimme in einer Echokammer, einem hübschen Mädchen, das eine Kühlschranktür öffnet, oder einem sprechenden Pferd bestimmt wird. Sie wollen etwas Besseres, und manche von ihnen haben es auch bereits bekommen. Aber die meisten dieser Männer, deren gesetzliche und moralische Aufgabe es ist, das Geld der Aktionäre in die Werbung zu stecken, sind von der Realität der Massenmedien durch fünf, sechs, ein Dutzend schützender Schichten aus Vize-Präsidenten, PR-Beratern und Werbeagenturen getrennt. Ihr Geschäft ist es, Waren zu verkaufen, und der Wettbewerb ist ganz schön hart.

Aber diese Nation ist nun mal dem Wettbewerb mit bösen Mächten ausgesetzt, die jedes ihnen zur Verfügung stehende Mittel nutzen, um die Köpfe ihrer Bürger zu leeren und sie mit Slogans voller Entschlossenheit und Vertrauen in die Zukunft zu füllen. Wenn wir so weitermachen, beschützen wir den Verstand der amerikanischen Öffentlichkeit vor jedem Kontakt mit der bedrohlichen Welt, die immer näher kommt. Wir machen gerade ein großes Experiment, um herauszufinden, ob die öffentliche Meinung darüber bestimmen kann, wie ein Land geführt wird. Vielleicht scheitern wir damit. Wenn es aber darum geht, die Bevölkerung zu informieren, behindern wir uns unnötigerweise selbst.

Wetteifern wir also nicht nur darum, wer am besten Seife, Zigaretten oder Autos verkauft, sondern wer am besten eine ängstliche, aber wissbegierige Öffentlichkeit informiert. Warum sollte nicht jeder der zwanzig oder dreißig Großkonzerne – und die sind es, die Radio und Fernsehen beherrschen – auf ein oder zwei Sendungen pro Jahr verzichten, dem Sender die Sendezeit zurückgeben und sagen: "Es kostet uns nur ein winziges Stückchen unseres Profits, wenn wir heute Abend nicht versuchen, Zigaretten oder Autos zu verkaufen; dies ist nur eine Geste, mit der wir unseren Glauben in die Kraft der Kreativität demonstrieren wollen." Die Sender sollten die Produktionskosten trotzdem übernehmen, und ich denke, das würden sie auch tun. Der Werbende, der Sponsor würde namentlich genannt, hätte aber mit dem Inhalt des Programms nichts zu tun. Würde das das Image des Konzerns beschmutzen? Würden sich die Aktionäre erheben und widersprechen? Ich denke nicht. Denn wenn die Prämisse, auf die sich unsere pluralistische Gesellschaft stützt – die, so wie ich sie verstehe, davon ausgeht, dass die Menschen, wenn man ihnen genug unverfälschte Informationen gibt, irgendwann, manchmal nach zögerlichem Nachdenken, zu den richtigen Schlüssen kommen –, wenn diese Prämisse falsch ist, dann sind nicht nur die Konzerne mit ihrem Image, sondern wir alle geliefert.

Es gab in diesem Land ein altes Sprichwort, das man immer dann gebrauchte, wenn jemand zu viel redete. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie es nicht schon längst benutzt haben. Das Sprichwort lautet: "Buch dir einen Saal." Nach meinem Vorschlag würden die Sponsoren den Saal buchen; der Sponsor hat die Sprechzeit gekauft. Der Chef der kleinen lokalen Station wird das Programm senden, auch wenn es ihm egal ist – er muss, er wird dafür bezahlt. Und der Sender muss dann den Saal füllen. Ich rede hier nicht davon, seine Meinung zu vertreten, sondern von geradliniger Berichterstattung, so direkt, schmucklos und unparteiisch, wie es uns fehlbaren Menschen eben möglich ist. Lasst uns gelegentlich die Wichtigkeit von Ideen und Informationen feiern. Lasst uns davon träumen, den Sendeplatz, den üblicherweise die Unterhaltungsshow von Ed Sullivan am Sonntag bekommt, einer akribischen Untersuchung des amerikanischen Bildungssystems zuzugeschlagen, und eine Woche darauf, oder auch zwei Wochen darauf, wird statt der Talkshow von Steve Allen eine gründliche Studie der amerikanischen Nahostpolitik zu sehen sein. Würde das Image der Konzerne, also der Sponsoren, dadurch beschädigt? Würden die Aktionäre sich erheben und sich beklagen? Würde irgendetwas anderes geschehen, außer dass ein paar Millionen Menschen mehr über die Themen erfahren, die die Zukunft unseres Landes bestimmen werden, also auch die Zukunft der Konzerne? Diese Methode würde auch dafür sorgen, dass die Sender versuchen, sich gegenseitig den Rang abzulaufen, wer Informationen am zugänglichsten präsentiert. Es böte sich ein Forum für die Expertise junger Männer, und von denen gibt es viele, sogar engagierte, die gerne etwas anderes täten als sich auszudenken, wie man die Menschen von der Realität abkoppelt, während man ihnen etwas verkauft.

Es mag andere und einfachere Methoden geben, Radio und Fernsehen als Instrumente im Interesse einer freien Gesellschaft zu nutzen. Aber ich weiß von keiner, die so leicht anzuwenden wäre innerhalb des Rahmens, den das funktionierende marktwirtschaftliche System bietet, das wir schon haben. Ich weiß nicht, wie man den Erfolg oder das Scheitern einer Sendung bemessen würde. Und der Nachweis, wie groß der Nutzen für den Konzern ist, der seine Talkshow oder Quizshow hergegeben hat, damit der Sender seine Kapazitäten auf eine gründliche Untersuchung des gegenwärtigen Zustands der NATO oder der Pläne für eine Kontrolle von Atomtests verwenden kann, wäre schwer zu führen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Präsident, und sogar die Aktionäre des Konzerns, die eine solche Sendung finanziert hätten, mit dem Unternehmen und dem ganzen Land ein wenig zufriedener wären.

Es kann sein, dass das gegenwärtige System ohne jede Veränderung, ohne jedes Experiment überleben kann. Vielleicht funktioniert die Profitgier ja wie ein Perpetuum mobile, aber daran glaube ich nicht. Die Massenmedien reflektieren zu einem erheblichen Grad das politische, wirtschaftliche und soziale Klima des Landes, in dem sie wachsen und gedeihen. Das unterscheidet unser System von dem der Briten und der Franzosen, und von dem der Russen und Chinesen. Derzeit sind wir wohlhabend, fett, selbstgefällig, uns geht es gut. Wir reagieren allergisch auf unangenehme oder verstörende Nachrichten. Und das spiegelt sich in unseren Massenmedien wider. Aber wenn wir nicht von unseren fetten Profiten lassen und uns darüber klar werden, dass das Fernsehen im Allgemeinen ablenken, vernebeln, amüsieren und uns von der Realität abkoppeln will, dann werden das Fernsehen und die, die es finanzieren, das Publikum und die Fernsehmacher vielleicht zu spät ein ganz anderes Spiegelbild sehen.

Ich will damit nicht sagen, dass wir unser Fernsehgerät in eine sechzig Zentimeter breite Klagemauer verwandeln sollten, an der Intellektuelle dauernd über den Zustand unserer Kultur und unserer militärischen Abwehrbereitschaft jammern. Ich sähe aber gern, dass das Fernsehen gelegentlich die harte, unnachgiebige Wirklichkeit der Welt widerspiegelt, in der wir leben. Ich sähe es gern, wenn das unter den existierenden Bedingungen geschehen würde, und ich sähe es gern, wenn diese Arbeit jenen zugutegehalten würde, die sie finanzieren und realisieren. Lassen Sie Nielsen, Trendex oder Silex ruhig die Quoten messen – das ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass man es versucht. Wer die Verantwortung hat, liegt auf der Hand, obwohl es ständig heißt, man gebe dem Publikum nur, was es will. Die Verantwortung haben die großen Wirtschaftsunternehmen und die großen Sender, und dort die Führungsetagen. Verantwortung kann man niemandem zuweisen oder delegieren. Und sie verspricht ihren ganz eigenen Lohn: gute Geschäfte – und gutes Fernsehen.

Vielleicht wird niemand etwas in dieser Richtung unternehmen. Ich habe diesen Entwurf vor einem Hintergrund gemacht, der vielleicht zu hart in seiner Kritik war, weil ich mir nicht anders zu helfen wusste. Jemand – ich glaube, es war der Autor und Aktivist Max Eastman – hat einmal gesagt, dass "derjenige Verleger der beste für seine Inserenten ist, der seinen Lesern am besten dient". Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Radio und das Fernsehen oder die Konzerne, die sie finanzieren, ihrem Publikum noch sich selbst gegenwärtig gut dienen.

Ich sagte zu Beginn, dass unsere Geschichte das sein wird, was wir aus ihr machen. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird die Geschichte sich rächen, und die Vergeltung wird uns unbarmherzig auf den Fersen sein.

Wir sind eine Gesellschaft der Nachahmer. Wenn einer oder zwei oder drei Konzerne sich entschließen, nur einen kleinen Teil ihrer Sendezeit so zu nutzen, wie ich es vorgeschlagen habe, würde sich das bald verbreiten wie ein Virus; das wirtschaftliche Risiko wäre überschaubar, und sie begäben sich auf ein sehr aufregendes Abenteuer – sie würden die Wohnzimmer der Nation neuen Ideen und der Realität aussetzen.

Jenen, die behaupten, die Leute würden nicht zuschauen; es würde sie nicht interessieren, sie hätten es viel zu gemütlich, sie seien zu gleichgültig, zu isoliert, denen kann ich nur sagen: Es gibt, nach Meinung des Vortragenden gewichtige Beweise für das Gegenteil. Doch selbst wenn sie recht hätten – was haben sie schon zu verlieren? Denn wenn sie recht haben und dieses Medium zu nichts gut ist außer zu unterhalten, amüsieren und von der Wirklichkeit abzulenken, dann schauen wir sowieso bald alle in die Röhre.

Das Fernsehen kann aufklären und erhellend sein; und ja, es kann sogar inspirieren. Aber es kann das alles nur, wenn die Menschen sich dazu entschließen, es auch so zu verwenden. Sonst bleibt nichts, nur ein leuchtender Kasten voller Kabel. Vor uns liegt eine große und vielleicht die entscheidende Schlacht gegen Ignoranz, Intoleranz und Gleichgültigkeit. Das Fernsehen könnte eine nützliche Waffe sein. Stonewall Jackson,*** von dem man gemeinhin annimmt, er habe etwas von Waffen verstanden, soll gesagt haben: "Im Krieg muss man das Schwert ziehen und die Scheide zur Seite legen." Das Problem mit dem Fernsehen ist, dass es in seiner Scheide vor sich hin rostet, während wir um unser Überleben kämpfen. Danke für Ihre Geduld.   

* Legendärer amerikanischer Reporter und Leiter des US-amerikanischen Amtes für Kriegsinformationen während des Zweiten Weltkriegs.

** Außenminister unter Präsident Eisenhower.

*** Thomas "Stonewall" Jackson war General der Armee der Konföderierten während des Bürgerkriegs und galt in den Südstaaten als Held.

 

Shaun Usher: Speeches of Note, Heyne Encore, ISBN: 978-3-453-27139-5
Die Redaktion - 11.3.2019