Der Fall Relotius
Acht Redaktionen haben Belege für Relotius-Fälschungen gefunden
13 Redaktionen haben neben dem Spiegel Texte von Claas Relotius veröffentlicht. Keine Redaktion konnte Relotius entlasten. (Foto: journalist)

Nicht nur der Spiegel, sondern auch zahlreiche andere Medien haben Texte von Claas Relotius veröffentlicht. Der journalist hat bei allen Redaktionen nachgefragt, was deren Nachprüfung ergeben hat. Acht Redaktionen haben Hinweise auf Manipulationen gefunden. Chefredaktionen wollen bessere Checks einführen.

Der im Dezember als Fälscher aufgeflogene Autor Claas Relotius hat nicht nur für den Spiegel, sondern auch für zahlreiche andere Medien geschrieben. Nach journalist-Informationen haben neben dem Spiegel insgesamt 13 Redaktionen beziehungsweise Redaktionsverbünde Texte von Claas Relotius veröffentlicht. So publizierte Cicero insgesamt 19 Relotius-Texte, bei der Weltwoche waren es sogar 28 Texte. Der journalist hat bei allen Redaktionen nachgefragt, was ihre interne Aufklärung ergeben hat.

Nach journalist-Recherchen haben acht Redaktionen Belege dafür gefunden, dass einzelne oder mehrere der bei ihnen veröffentlichten Relotius-Beiträge Manipulationen enthalten oder sogar komplett erfunden sind, darunter der Tagesspiegel, das SZ-Magazin und Zeit Online. Auch all jene Redaktionen, die bislang keine Fälschungen nachweisen konnten, geben an, Zweifel an den veröffentlichten Texten von Relotius zu haben. Keine Redaktion konnte Relotius entlasten.

Bei der Nachfrage des journalists hat sich gezeigt, dass die Überprüfung in vielen Fällen schwierig ist. Oft liegen die Veröffentlichungen bereits Jahre zurück, so dass sich Interviewte nicht mehr erinnern können. Viele der Reportagen spielten zudem im Ausland, manche Protagonisten waren nur mit Vornamen genannt. Für die meisten Redaktionen war Relotius zudem nicht erreichbar; ihre Nachfragen blieben unbeantwortet. Mit letzter Sicherheit könne man somit die Sachverhalte nicht aufklären. Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, formulierte es so: „Einen abschließenden Beitrag können wir aus unserer Sicht erst veröffentlichen, wenn wir mit Claas Relotius gesprochen haben, die nun noch offenen Fragen kann nur er beantworten.“ Zeit Online hatte fünf Relotius-Texte veröffentlicht, ein weiterer Text erschien bei Zeit Wissen.

Die meisten Redaktionen wollen nun ihre internen Sicherheitssysteme überprüfen. Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke erklärte gegenüber dem journalist: „Wir werden vor allem bei Angeboten aus dem Ausland und vor allem bei Kollegen, mit denen wir noch nicht gearbeitet haben, Gegenchecks vornehmen.“ Weltwoche-Chef Roger Köppel will bei Interviews künftig Audiobänder einfordern. Bei Zeit Online will man sich von Autoren jeweils kurze Rechercheberichte vorlegen lassen. „Die Angaben werden wir stichprobenartig checken“, so Jochen Wegner zum journalist. Ähnlich äußert sich Luzi Bernet, Chefredakteur der NZZ am Sonntag, die sechs Relotius-Texte veröffentlichte: „Wir müssen künftig eine punktuelle Dokumentation der Recherchen anfordern, die stichprobenartig geprüft werden. Und wir müssen, wenn es finanzierbar ist, dem Reporter einen Fotografen zur Seite stellen.“

Die vollständige exklusive journalist-Auswertung lesen Sie in unserer März-Ausgabe (hier: kostenloses Probeheft). Außerdem haben wir hier eine Übersicht darüber zusammengestellt, was die betroffenen Redaktionen selbst im Netz zu ihrer Auswertung mitteilen:

Aargauer Zeitung: Wird derzeit abgeklärt

Cicero: "Gemischtes Bild"

Datum: "Welche Lehren wir daraus ziehen"

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Der Sachverhalt wird weiter geprüft

NZZ am Sonntag: "Was wir über die Beiträge wissen"

Profil: "Relotius ist nicht allein"

Reportagen: "Auch für unser Magazin Reportagen verfasst"

SZ-Magazin: "In eigener Sache"

Tagesspiegel: Text enthält erfundene Gesprächsszenen

tageszeitung: "Der taz-Praktikant Relotius"

Welt: "Die Relotius-Prüfung"

Weltwoche: "Wir prüfen seine Texte"

Zeit Online / Zeit Wissen: "Unser Wissensstand zu Relotius"

Die Redaktion - 1.3.2019