Floskel des Monats
Überwiegende Mehrheit

Das Sprachbild müssen Sie sich wie eine einfache Balkenwaage mit zwei Schalen vorstellen: Sobald auf einer der beiden Schalen mehr Gewicht als auf der anderen liegt, gibt es ein Ungleichgewicht. Es spielt keine Rolle, ob sich auf der einen Schale nur ein einzelnes Gramm oder eine ganze Tonne mehr befindet. Die schwerere Schale wird nach unten gezogen, weil sie den überwiegenden Anteil des Gesamtgewichts hat. Logo!

Doch wieso hängt das Bild nun schief – und ausgerechnet bei denen, deren wichtigstes Werkzeug die Sprache ist? Tatsächlich rutscht die überwiegende Mehrheit häufig in Nachrichten- und anderen journalistischen Texten durch. Froben Homburger, Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur, schrieb vor ein paar Jahren auf Twitter: Die „überwiegende Mehrheit wird gerne (auch von uns) fälschlich synonym für große Mehrheit verwendet.“ Denken wir nur an Wahlen von Parteivorsitzenden, bei denen Kandidaten an der 100-Prozent-Marke kratzen. Oder an Gesetzesvorlagen, die zuerst begrüßt, dann durchgewinkt und schließlich verabschiedet werden.

Neben der eher undefinierten großen Mehrheit gibt es auch noch die einfache, relative, qualifizierte und absolute Mehrheit. Ganz zu schweigen von der doppelten Mehrheit. Selbst wenn es der politischen Bildung zugute käme, die rechtlichen Formulierungen zu kennen und auseinanderzuhalten, eint alle: Die Mehrheit überwiegt – und zwar immer. Sonst wäre sie eine Minderheit mit chronischem Untergewicht.

Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.

 

Die Redaktion - 8.3.2019