24 Stunden Zukunft
Storytelling auf allen Kanälen

Ende März lädt der DJV den journalistischen Nachwuchs zu seiner Tagung 24 Stunden Zukunft ein. Diesmal dreht sich alles um innovative Technologien und Storytelling-Formate. Juliane Leopold (Tagesschau.de) und Sebastian Horn (Zeit Online) haben uns vorab erzählt, was für sie Storytelling bedeutet.

„Storytelling – Deine Geschichte auf allen Kanälen“ – so lautet das Motto der diesjährigen DJV-Tagung 24 Stunden Zukunft, die sich speziell an junge Journalistinnen und Journalisten bis 35 Jahre richtet. „Wir haben uns für dieses Motto entschieden, weil journalistische Geschichten längst nicht mehr nur in einem Kanal stattfinden“, sagt Angela Ölscher vom DJV-Bundesfachausschuss Zukunft. „Eine einzelne Recherche kann am Ende ihren Weg in die unterschiedlichsten Formate finden. Und wir wollen jungen Journalistinnen und Journalisten dabei helfen, das Maximum aus ihrer Arbeit rauszuholen“, so Ölscher.

Gastgeber der Tagung ist diesmal der Spiegel, der jüngst mit dem Fall Claas Relotius in die Schlagzeilen geriet und gerade dabei ist, den Skandal um die veröffentlichten gefälschten Reportagen weiter aufzuklären. Schon deshalb wird wohl die Auftaktrede, die Barbara Hans, Chefredakteurin der Spiegel-Gruppe, halten wird, einen Höhepunkt der Veranstaltung darstellen. Mittendrin gibt es etliche Workshops, in denen sich die Teilnehmer praxisnah über innovative Technologien und Storytelling-Formate informieren können. So laufen beispielsweise Workshops zu Datenjournalismus, Mobile Reporting und Podcasts.

Den Ausklang werden ebenfalls prominente Medienmacher gestalten. Unter anderem verraten Juliane Leopold, Redaktionsleiterin von Tagesschau.de, und Sebastian Horn, Vize-Chef von Zeit Online, dem Publikum auf dem Abschlusspodium, welche Bedeutung das Storytelling im Journalismus hat. Vorab haben beide für den journalist aufgeschrieben, was gutes Storytelling ist und wie Redaktionen in Zukunft ihre Geschichten erzählen werden:

"Nicht umsonst lesen wir Kindern abends Geschichten vor", sagt Juliane Leopold (Foto: Caroline Pitze)

"Menschen erfahren von der Welt in Geschichten"

Juliane Leopold, Redaktionsleiterin von Tagesschau.de, erklärt, warum das Geschichtenerzählen im Journalismus trotz des Relotius-Schock wichtig bleibt. Leopold ist eine der Teilnehmerinnen bei 24 Stunden Zukunft.

Storytelling – das hat derzeit einen bitteren Beigeschmack. Tief sitzt der Schock über den Spiegel-Reporter Claas Relotius, der mit Ausschmückungen und Ausgedachtem in seinen Artikeln den Ruf nicht nur seines Arbeitgebers, sondern seiner ganzen Branche aufs Spiel setzte. Es ist gefährlich aus einem unmoralisch handelnden Berufsvertreter auf alle Journalistinnen und Journalisten zu schließen. Es ist ebenso gefährlich, nun die gesamte Praxis des Storytellings infrage zu stellen. Denn wenn es die Handwerksregel der Wahrhaftigkeit beherzigt, ist Storytelling ein mächtiges Instrument des Journalismus.

Menschen erfahren von der Welt in Geschichten. Nicht umsonst lesen wir Kindern abends Geschichten vor oder treffen uns mit unseren Freundinnen und Freunden, um ihnen zu berichten, wie es uns ergangen ist. Wir verstehen die Welt besser, wenn wir Zusammenhänge sehen. Ursache und Wirkung benennen und erkennen. Protagonisten und Antagonisten. Gerne mit Grau statt nur mit Schwarz und Weiß.

Zwei einfache Beispiele: Woran würden Sie sich eher erinnern – an einen tabellarischen Lebenslauf oder an die Erzählung eines Menschen über seinen Werdegang, den er mit Anekdoten über Rückschläge und Höhepunkte versieht? Und wenn Sie den Klimawandel besser verstehen wollen, was wäre eher geeignet: eine Tabelle mit Temperaturen oder ein Beitrag in den Tagesthemen über Fischer an der Westküste Afrikas, deren Dorf langsam im Sand versinkt?

Storytelling bedeutet, über die reine Nachricht hinaus Erklärungen und Einordnungen zu geben und zwar so, dass Menschen sie verstehen und sich daran erinnern können. In einer Welt, die sich rapide verändert, ist dies ein wichtiger Teil journalistischer Arbeit.

Dabei müssen die Geschichten die Menschen dort erreichen, wo sie unterwegs sind. Wir können und werden uns nicht für immer darauf verlassen können, dass unser Publikum unsere Destinationen ansteuert, sei das die lineare Fernsehausgabe der Tagesschau oder die Homepage tagesschau.de. Das heißt: Wir müssen messen und auswerten, wo und wie unser Publikum unsere Inhalte findet.

Und wir müssen unsere Inhalte so aufbereiten, dass sie gefunden werden, wenn Menschen online nach Themen suchen – egal wo. Wir müssen dabei einpreisen, dass unsere Artikel und Beiträge auf Geräten angeschaut, gehört oder gelesen werden, die in die Hosentasche passen und dass Nachrichten dort gegen eine Vielzahl von Apps, Benachrichtigungen und Zerstreuungen auf dem Smartphone konkurrieren.

Wir nehmen diese Herausforderung an, das zeigen schon jetzt viele Beispiele.

So stellte das Projekt „Klimadoppel“ auf tagesschau.de vor wenigen Wochen datenjournalistisch dar, wie die Erderwärmung die Orte, in denen wir leben, konkret verändern würde. Basierend auf Daten des Weltklimarats konnten Menschen auf einer interaktiven Karte den „Klimazwilling“ ihres Heimatorts finden. Halle/Saale – meine Heimatstadt – hätte 2080 ein Klima wie Nairobi, erwärmte sich die Erde um 4,2 Grad Celsius. Ich habe Nairobi bereist und verstehe jetzt konkreter, was der Klimawandel hier für mich bedeuten würde.

Die Stärke der Tagesschau und von tagesschau.de ist das große Vertrauen in unsere Seriosität. Der Weg der Zukunft wird sein, dieses Vertrauen zu stärken, indem wir noch mehr als bisher erklären, was die Nachrichten konkret für das Leben unseres Publikums bedeuten. Das ist keine Frage unserer Formate, sondern unserer Mentalität.

"Nicht immer hat das Politikressort die beste Idee zu einem Politikthema", sagt Sebastian Horn. (Foto: Graz Diez)

"Gutes Storytelling hinterlässt einen bleibenden Eindruck"

Sebastian Horn, stellvertretender Chefredakteur von Zeit Online, gibt sechs Anregungen, wie Redaktionen weiter denken und Geschichten anders erzählen können. Horn ist einer der Teilnehmer bei 24 Stunden Zukunft.

Gutes Storytelling gibt mir etwas mit auf den Weg und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Das kann bedeuten, dass ich durch eine interaktive Grafik etwas lerne, dass mich eine Fotoreportage berührt oder mir ein Erklärvideo hilft, mir eine Meinung zu einem Thema zu bilden. Gutes Storytelling erkenne ich daran, dass ich teilen und weitererzählen möchte, was ich gerade erfahren habe.

Formate und Inhalte, die Leser derart ansprechen, lassen sich mit keiner Formel erklären, die Redaktionen nur zu befolgen brauchen. Viel mehr gibt es gewisse Denk- und Arbeitsweisen, die helfen können:

1. Leserinnen und Lesern wertschätzen – insbesondere ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Sichtweisen. Auf Zeit Online haben Menschen in den vergangenen Monaten unter anderem erzählt, was das Leben mit Hartz IV für sie bedeutet, wie ein moderner Bildungskanon aussieht und welche Erinnerungen sie an den Bergbau im Revier haben. Die Fragen und Bedürfnisse der Leser sollten Mittelpunkt jeder Recherche und jeder Formatentwicklung sein.

2. Die Vielfalt der digitalen Erzählformen nutzen. Der Standardartikel mit Überschrift, Bild, Teaser und Text ist immer noch mit Abstand das häufigste Inhaltsgefäß auf Nachrichtenseiten. Redaktionen sollten sich noch häufiger die Frage stellen, ob sich derselbe Sachverhalt auch in anderer Form abbilden ließe – mit einer Grafik auf der Homepage, in einer Instagram-Story, in einem Quiz, einem FAQ oder, oder, oder ...

3. Größer denken. Die Redaktion von Zeit Online diskutierte nach dem Brexit und der Trump-Wahl, was wir der Polarisierung der Gesellschaft entgegensetzen können. So entstand die Idee zu einem Experiment: Wir vermitteln Lesern einen Gesprächspartner, der jeweils andere politische Ansichten vertritt und dennoch nicht weit entfernt wohnt. Aus der Idee wurde Deutschland spricht (mit über 20.000 Teilnehmern in 2018) und im vergangenen Jahr das internationale Projekt My Country Talks. Auch so kann Journalismus aussehen.

4. Das Alltägliche stärken. Experimente und Großprojekte sind gut. Genauso wichtig sind die täglichen Routinen, mit denen sich Journalisten um das immer verrücktere Weltgeschehen kümmern. Wie schaffen wir es, häufiger Karten und Grafiken in Artikel einzubetten? Wie bieten wir unseren Leserinnen und Lesern einen besseren Überblick über Robert Muellers Russland-Ermittlungen? Es lohnt sich, Zeit und Workshops darauf zu verwenden, die tägliche Arbeit einer Redaktion besser zu machen.

5. Vielfältige Perspektiven und Lebenswelten abbilden. Die Feststellung, dass es im Journalismus an Diversität mangelt, ist schon lange nicht mehr neu. Und dennoch müssen wir diesem Missstand noch deutlich mehr entgegensetzen, zum Beispiel Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen einstellen und sie häufiger in unseren Texten, Videos und Podcasts zu Wort kommen lassen.

6. Das Wissen und die Ideen der gesamten Redaktion nutzen. Nicht immer hat das Politikressort die beste Idee zu einem Politikthema, manchmal ist es die Social-Media-Redakteurin. Und manchmal hat der Politikredakteur einen guten Einfall zu einem Community-Aufruf. Redaktionen müssen es allen Mitarbeitern ermöglichen, sich über ihre Teams hinweg einzubringen und zusammenzuarbeiten. Dabei helfen zum Beispiel Brainstormings, zu denen jeder eingeladen ist, der etwas beitragen möchte.

24 Stunden Zukunft
Termin: 30. und 31. März in Hamburg; Teilnahmegebühr: 39 Euro für DJV-Mitglieder, 119 Euro für Nichtmitglieder; Infos und Anmeldung: djv-24stunden.de

Die Redaktion - 15.2.2019