Mein Blick auf den Journalismus
Lokaljournalismus mit Herz und Relevanz
Hannah Suppa: Sieben Thesen für einen Lokaljournalismus der Zukunft. (Foto: Madsack/Alexander Koerner, Bearbeitung: journalist))

In unserer neuen Serie "Mein Blick auf den Journalismus" fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ), der größten Tageszeitung in Brandenburg. Sie glaubt, dass der Lokaljournalismus durch das Digitale eine Renaissance erfährt. Sieben Thesen für einen Lokaljournalismus, der Zukunft hat – auch gedruckt.

von Hannah Suppa

Und, haben Sie Lust, diese Überschriften anzuklicken? Tiefer einzutauchen in das Thema?

„Gemeinde schüttet das Füllhorn aus“
„Die Krankheit im Meer des Genoms“
„Jagd auf Schwarzkittel hält an“
„Schmuckgestaltung mit Emaille“
„Wiedehopf wird zum Filmstar“

Wohl nicht – und das ist auch verständlich. Diese Texte mit diesen etwas verschwurbelten Überschriften sind in den vergangenen Wochen jedoch so auf Internetseiten von deutschen Lokalzeitungen veröffentlicht worden – auch bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) in Potsdam. Und das ist das Problem. Nicht das Digitale ist schuld an der Erosion des Geschäftsmodells. Im Gegenteil: Es serviert uns die Lösung auf dem Silbertablett. Digitales Denken führt uns im Journalismus näher zum Leser zurück – und gibt uns die Chance, mit ihm noch einmal neu zu starten.

Die Voraussetzungen sind bestens: Selten war das Interesse der Menschen an ihrer Umgebung so groß wie heute. Wenn das Tempo im Alltag vieler Menschen steigt, die Berliner Politik laut und doch sehr entfernt brüllt und viele Bürger das Gefühl haben, im Großen nichts mehr bewirken zu können, wird das Unmittelbare ganz besonders interessant. Wieso werden Geburtskliniken geschlossen, wo es doch ohnehin zu wenig Hebammen gibt? Wie kann die Stadt den Verkehr verkraften, wenn 10.000 Menschen in den neuen Stadtteil ziehen – es hier aber nur eine Straße gibt? Wieso konnte der Oberbürgermeister seinem Büroleiter einfach gegen alle Regeln das Gehalt erhöhen? Wieso werden Hunderte Windparks direkt nebenan errichtet, wenn sie dann doch meistens stillstehen? Und wer hat eigentlich diese hübschen Papierblumen an die Laternen im Ortskern geklebt?

Die Menschen haben viele Fragen zu ihrer Umgebung – und in den sozialen Medien sind diese längst sichtbar geworden. Lokaljournalismus kann Antworten liefern. Und doch verlieren die Lokalzeitungen stetig an Auflage – in den Großstädten noch etwas schneller als auf dem Land. Wir müssen uns fragen, was das mit uns zu tun hat – und nicht nur mit dem Finger auf das veränderte Mediennutzungsverhalten zeigen.

Auch die Märkische Allgemeine Zeitung in Potsdam, deren Redaktion ich seit knapp eineinhalb Jahren leiten darf, ist geschrumpft – und zwar beachtlich: Heute verkauft die MAZ knapp 100.000 Exemplare täglich – vor 20 Jahren waren es mehr als doppelt so viele. Zwar erreichen wir heute Hunderttausende Leser am Tag über die digitalen Kanäle und wachsen hier rasant – doch reicht das? Und warum lesen uns eigentlich nicht alle, die hier zu Hause sind und die auch all diese Fragen in ihrem Alltag haben?

Das Land Brandenburg hat 2,5 Millionen Einwohner – im Verbreitungsgebiet der MAZ im westlichen Teil des Landes wohnen 1,33 Millionen Menschen auf einer Fläche, die so groß ist wie Schleswig-Holstein. Die MAZ hat das „Filetstück“: den Berliner Speckgürtel, der so stark wächst, dass auch hier längst Wohnungsnot herrscht. Und die Prognosen bis 2030 sind günstig: Das Gebiet wächst weiter. Und die MAZ schrumpft? Das kann eigentlich nicht sein – und wir wollen dagegen ankämpfen. Nicht nur mit dem Digitalen, sondern durch das Digitale. Bei uns schlagen zwei Herzen in der Brust: Das Print-Herz und das Digital-Herz. Und wenn das eine etwas in die Jahre kommt, springt das andere ein.

Sieben Thesen für einen Lokaljournalismus der Zukunft:

1. „Online stellen“ ist keine Strategie

Es genügt nicht, den Lokaljournalismus einfach nur ins Internet zu bugsieren, ein Preisschild draufzukleben, dazu auch noch ein paar iPads mit E-Paper zu verkaufen und gleichzeitig das Onlineportal mit Polizeigeschichten und lustigen Bilderstrecken auf Reichweite zu optimieren. So haben viele Lokalzeitungen es bereits versucht in den vergangenen Jahren – ohne nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg dieser vermeintlichen „Digitalstrategie“.

Es wird Zeit für eine Tiefenbohrung. Für digitalen Lokaljournalismus, der es wert ist, dass die Menschen für ihn Geld ausgeben – weil er mit Inhalten überzeugt und nicht (nur) mit der besten SEO-Optimierung. Die Technik und die Arbeitsabläufe sind dabei die Basis: Die MAZ-Reporter sind nun alle mit einem Laptop und einem Smartphone ausgestattet, damit sie dort berichten können, wo das Leben spielt – außerhalb der Redaktionsbüros. Sie haben ein Redaktionssystem, für das man keinen Studienabschluss in Informatik mehr braucht, sondern das intuitiv zu bedienen ist. Wir haben mit guten Trainern gemeinsam gelernt, was die digitalen Kanäle ausmacht und was das für uns bedeutet. Wir „stellen“ nicht mehr „online“ – wir üben uns im digitalen Journalismus, der vom Leser her gedacht ist. Wir wissen, wie viele Menschen wir erreichen wollen, und hinterfragen unsere Inhalte, wenn wir es nicht schaffen – und schieben es nicht auf die Technik.

2. Das Digitale schärft den Blick für den Leser – und macht die gedruckte Zeitung besser

Wir wissen so viel: Was die Menschen gerade bewegt, was sie gerade wissen wollen, wo sie sich befinden und nicht selten auch, was sie denken. Denn das teilen sie uns mit. Und doch haben bisher meist Print-Kategorien unseren Alltag bestimmt. Es ist eine vertane Chance. Denn das Digitale weist uns den Weg zurück zum Leser: dem jüngeren, dem neuen, dem kritischen.

Es lohnt sich, auch für die gedruckte Zeitung, einfach mal die Frage zu stellen: Hätte ich darauf geklickt? Die Antwort verrät viel. Die digitale Kundschaft gibt sich nicht (mehr) mit dem „Karstadt“-Prinzip der Zeitung zufrieden: Für jeden soll etwas dabei sein, aber manchmal passt irgendwie auch nichts so richtig. Das hat mit der Zeitung und dem Kaufhaus lange funktioniert, aber heute sind beide Institutionen in der Krise. Im Digitalen wird die Schwäche des Prinzips offenbar: Der Leser sucht sich das, was ihn interessiert. Nur das wird in der Flut der Informationen wahrgenommen. Die Methode ist so simpel: Was will der Leser heute wissen? Wie kann ich ihm im Alltag helfen? Wie können wir ihn informieren, womit überraschen? Das sind die Fragen – nicht, wer noch eine Meldung für Seite 5 hat. Es ist nicht wichtig, was der Redakteur stolz ist zu wissen, sondern was der Gemeinschaft hilft, durch den Alltag zu navigieren – als informierter, aufgeklärter Bürger unserer Gesellschaft. In seiner Heimat.

3. Gekauft wird, was relevant ist

Es entscheidet sich jetzt: Werden die Menschen für digitalen Lokaljournalismus Geld bezahlen? Noch können wir es drehen: Mit einfacheren Bezahlsystemen und Inhalten, die ihr Geld wert sind. Ich bin sicher: Es sind Texte über das Wohnen, die Stadtentwicklung, das Familienleben, den Verkehr und die Kinderbetreuung, für die Menschen bereit wären, Geld auszugeben. Sie tun es, wenn es für ihr eigenes Leben relevant ist. Es sind Analysen, Hintergründe, Meinungsstücke, Service und auch immer wieder ein überraschend neuer Blick auf die eigene Nachbarschaft. Das sind übrigens Formate, die Wissenschaftler der Universität Trier jüngst bei ihrer Analyse von 18.000 Artikeln aus 103 deutschen Lokalzeitungen nur selten gefunden haben. Dabei würden die Leser dafür zahlen – andere Länder machen es vor. Und es sind Leser, die wir jetzt noch gar nicht haben. Laden wir sie ein.

4. Wir sind Moderatoren in der Heimat

Knapp 6.500 Einwohner hat Bestensee im Landkreis Dahme-Spreewald südlich von Berlin. Als der Ort kürzlich einen neuen Bürgermeister wählte, lud die MAZ zum Diskussionsabend – und mehr als 450 Bürger sind in die Turnhalle gekommen, in der sonst die Volleyball-Bundesliga trainiert. Ob Verkehr in der Landeshauptstadt, der Wolf in Ziesar, die Bürgermeisterwahl in Pritzwalk oder der Bau der Garnisonkirche in Potsdam: Die Bürger haben Lust auf Diskussion und Meinungsaustausch – gerade dort in der Fläche, wo vermeintlich sonst niemand mehr zuhört und die letzte Kneipe längst dichtgemacht hat.

Wir bieten dafür die Plattform. Sei es über die Berichterstattung, über Veranstaltungen, das direkte Gespräch oder die digitale Debatte: Wir können die Moderatoren unserer Gemeinschaft sein, weil wir uns vor Ort auskennen und unsere Nachbarn ernst nehmen. Warum sollten wir das Feld Facebook, WhatsApp oder anderen überlassen? Wir waren einmal die wichtigste lokale Plattform – wir können sie wieder sein. Und auch das wird ein (analoger) Mehrwert sein für (digitale) Abonnenten einer Lokalzeitung.

5. Mehr Mut – zur Lücke und zum Streit

„Wie sollen wir das denn noch schaffen?“, fragen die Redakteure – und haben recht. Wenn wir den lesergetriebenen Lokaljournalismus ernst nehmen, kostet das (mehr) Zeit. Und die müssen wir freischaufeln, indem wir Gewohntes loslassen und den Streit aushalten. Seit 20 Jahren kommt immer ein Reporter zur Vereinssitzung? Jetzt vielleicht nicht mehr. Weil die Bürger im Dorf gerade umtreibt, dass auf dem Spielplatz Scherben gefunden wurden – und wir uns jetzt eben darum kümmern. Alles können wir nicht machen. Und es liegt auf der Hand, welches Thema digital mehr gelesen wird. Der Vereinsvorsitzende kündigt das (Print)-Abo? Das ist schade – und muss vielleicht doch auszuhalten sein. Weil wir mit der anderen Geschichte zwei neue Leser gewinnen können.

Als ich das kürzlich beim MAZ-Stammtisch in Kyritz an der Knatter erzählte, blieb der Proteststurm der 20 (älteren) Leser in der Kneipe aus. Zwar hatten sie sich mehr Heimatgeschichte und Vereinsberichterstattung in der Zeitung gewünscht, doch am Ende sagten sie: „Unsere Enkel würden das wohl nicht lesen – und es ist doch wichtig, dass es die Lokalzeitung weiter gibt“. Da waren wir uns einig.

Mut zum Streit heißt aber auch: Mut zur kritischen Berichterstattung. Jeder Lokaljournalist weiß es und beherzigt es doch nicht immer: Es geht nicht nur darum aufzuschreiben, was gesagt wurde – es geht darum, es einzuordnen, zu hinterfragen, in den Kontext zu setzen. Und dann auch auszuhalten, wenn es darüber Streit gibt. Und den auch einmal mitten im Supermarkt an der Kasse. Nah dran eben.

6. Gemeinsam sind wir stärker

Wir werden es nicht alleine schaffen, aus dem Finanzierungs- und Auflagentief herauszuklettern – das können wir nur gemeinsam. Die MAZ hat das Glück, die Madsack- Mediengruppe hinter sich zu wissen. In unserem Netzwerk sind wir stärker: Wir können uns auf das Regionale konzentrieren, weil unser Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) die Welt außerhalb Brandenburgs im Blick behält. Wir arbeiten intensiv an unserem digitalen Journalismus vor Ort, weil uns der RND Digital Hub alles Technische abnimmt – und dann da ist, wenn wir es alleine nicht mehr könnten. Wir müssen nicht für uns alleine nach einer Lösung suchen, sondern gehen den digitalen Wandel im großen Team aus 15 Tageszeitungen an – so lernen wir voneinander und inspirieren uns gegenseitig. Wir müssen große Investitionen in die technische Grundierung nicht alleine stemmen, sondern finden im Verbund eine Antwort. Nicht jeder muss dem neuesten Trend hinterherrennen, sondern einer wagt sich vor und lernt für die anderen mit. Und das „Wir“ gilt nicht nur für die Redaktion: Das Miteinander leben wir für alle Teams des Hauses, die in ihrem Bereich für den Leser arbeiten. Weil wir alle ein gemeinsames Ziel haben: Lokaljournalismus zukunftsfähig machen.

7. Wir werden besser, weil wir uns verändern

„Wird es jetzt einmal ruhiger?“, fragt manch ein Kollege gegen Ende des Jahres gerne mal. Die Antwort freut nicht jeden: Nein, es wird nicht mehr ruhiger – und das ist auch gut so. Ruhe wäre bedrohlich in Zeiten, in denen wir heute nicht sagen können, ob wir in drei Jahren nicht vielleicht alle mit Voice-Technologie unseren Alltag bestreiten und ob der Strudel der Digitalisierung dann auch die nächste Branche vollends ergriffen hat. Gerade die Lokalzeitungen haben in den vergangenen Jahren viele Veränderungen mitgemacht: Sie haben oftmals Newsdesks eingerichtet, um die neuen Kanäle effizienter zu managen – und damit die Rollen von schreibenden Reportern und produzierenden Desk-Redakteuren klarer zu trennen. Und sich damit auch Schritt für Schritt der neuen digitalen Wirklichkeit mit all ihren Verästelungen im Alltag in der Heimat vor Ort angenähert. Der Blick in die lokalen Facebook-Gruppen gehört heute so selbstverständlich zum Lokalreporteralltag, wie der Spaziergang durch den Ort es schon immer gewesen sein sollte. Und ja: Sie müssen das inzwischen auch mit weit weniger Kollegen leisten als noch vor zehn Jahren.

Doch vor allem müssen wir aushalten, dass das Produkt, für das wir Lokaljournalisten seit Jahrzehnten brennen, sich elementar verändert. Und dass es vielleicht in dieser Form in einigen Jahren gar nicht mehr da sein wird – dafür aber etwas anderes, wenn wir uns jetzt auf den Weg machen. Das ist zuweilen schmerzhaft und beängstigend – so wie es eine Trennung und ein Neuanfang immer sind. Übrigens auch für jeden Kollegen ganz persönlich, der sich als Print-Experte nicht mehr wertgeschätzt fühlt, wenn das Digitale im Fokus steht. Dabei gilt die Wertschätzung unabhängig von jedem Kanal: Für jeden Kollegen, der sich täglich um den bestmöglichen Journalismus bemüht.

Was meinen Sie? Wie muss sich der Lokaljournalismus verändern – und was kann das Digitale dabei leisten? Was können wir zusammen erreichen? Lassen Sie uns darüber diskutieren, Ideen entwerfen und vielleicht auch Lösungen finden. Sie erreichen mich unter hannah.suppa@maz-online. de, bei Facebook oder Twitter (@hannah_suppa).

Hannah Suppa hat bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zunächst als Reporterin und Blattmacherin im Lokalen sowie als Leiterin des gesamten Digitalbereichs im HAZ-Newsroom gearbeitet, bevor sie 2014 die Position der Stellvertretenden Chefredakteurin der HAZ übernahm. Seit Juli 2017 ist sie Chefredakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung, die ebenfalls zur Madsack- Mediengruppe gehört.

Update (15. März 2019): Hannah Suppa wird Chefredakteurin Digitale Transformation und Innovation im Regionalen der Madsack-Mediengruppe.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler

Die Redaktion - 11.2.2019