Mein Blick auf den Journalismus
Wer Visionen hat, sollte Journalismus machen!
Ruhig mal groß denken, sagt Carline Mohr. Journalisten brauchen einen besseren Plan. Und Werte. (Foto: Andi Weiland, Bearbeitung: journalist)

In unserer neuen Serie "Mein Blick auf den Journalismus" fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Teil 2: Carline Mohr. Sie sagt: Demokratie ist eine gute Sache. Unverständlich, dass es in Zeiten wie diesen so viele Propagandisten und Populisten gibt, die ihr schaden wollen. Journalistinnen und Journalisten brauchen einen besseren Plan, um die Demokratie zu verteidigen.

von Carline Mohr

Wenn ich „in Zeiten wie diesen“ schreibe, meine ich Zeiten, in denen die liberale Demokratie nicht mehr selbstverständlich ist. Nicht so selbstverständlich jedenfalls, wie sie es in den vergangenen Jahren zu sein schien. Zeiten, in denen autoritär-rechts Gesinnte und Nationalradikale in Deutschland, Europa und der Welt unsere freiheitlich-demokratischen Grundwerte angreifen.

Die Frage, ob Journalistinnen und Journalisten deshalb mehr oder weniger Haltung brauchen, wurde in den vergangenen Monaten ausgiebig diskutiert. Haltung wird dabei häufig mit Meinung verwechselt. Viele Journalistinnen und Journalisten unterschiedlichster Publikationen bemühen sich immer wieder darum, das Missverständnis vom hundertprozentig objektiven und neutralen Journalismus zu entlarven als das, was es ist und immer schon war: ein Missverständnis. Wer jetzt Hanns Joachim Friedrichs zitiert, braucht diesen Text gar nicht weiterzulesen.

Vielleicht brauchen Journalistinnen und Journalisten in Zeiten wie diesen sogar noch mehr als Haltung. Vielleicht brauchen sie einen Plan, ein übergeordnetes Ziel, eine Vision. Um die zu entwickeln, müssten ganze Redaktionen, Verlage und Medienhäuser noch intensiver über bestimmte Haltungsfragen diskutieren und sich festlegen.

Aus meiner Sicht gehört dazu beispielsweise die Frage: Ist die AfD für unsere Redaktion eine normale demokratische Partei? Oder ist sie eine demokratisch gewählte Partei, die aber in so weiten Teilen rechtsradikal, nationalistisch und programmatisch menschenverachtend ist, dass wir diese Partei und ihre Vertreter nicht behandeln wollen wie eine normale demokratische Partei? Entscheidet sich eine Redaktion, ein Medienhaus, bei dieser Frage für die erste Antwort, ist es plausibel, Alexander Gauland einen Gastbeitrag über Populismus schreiben zu lassen, ohne die AfD oder Gauland an dieser Stelle gesondert einzuordnen.

Eine ähnliche, aber deutlich konkretere Haltungsfrage, die Politik, Journalismus und auch Zivilgesellschaft umtreibt: Was ist der richtige Umgang mit Rechtspopulisten? Ignorieren? Dagegenhalten? Mit Sachlichkeit „entzaubern“? Wenn man als Redaktion davon überzeugt ist, man könne Rechtspopulisten für ihre Anhänger „entzaubern“, indem man sie auf einer inhaltlichen Ebene bloßstellt, sind ausführliche Interviews und Talkshow-Einladungen konsequent und logisch. (Ich schreibe „entzaubern“ übrigens in Anführungszeichen, weil ich dieses Wort im Zusammenhang mit der AfD absurd finde. Zauber hat etwas mit Magie zu tun, mit einer unerklärlichen Anziehungskraft. Die AfD zaubert nicht. Nichts an ihr ist unerklärlich. Die AfD schürt Angst und sät Hass.)

Wer sich schon mal länger im Internet aufgehalten hat, wird jedoch schnell feststellen, dass auch das scheinbar entlarvendste Interview, die größte Lüge, die grenzüberschreitendste Äußerung von Rechtspopulisten in ihrem Sinne umgedeutet wird. Man könnte also als Chefredaktion auch sagen: „Wir glauben nicht an das Prinzip des ‚Entzauberns‘. Deshalb laden wir diese Leute nicht mehr ein; wir geben ihnen keinen Raum für ihre Thesen; wir stellen ihnen keine Fragen, wir veröffentlichen keine Interviews.“

Ob das in Zeiten, in denen sich jeder selbst zum Sender machen kann, die richtige Lösung und im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft ist? Gute Frage. Ich glaube, Redaktionen könnten noch mehr Energie investieren, sie zu diskutieren, daraus Leitlinien für ihre Berichterstattung zu entwickeln und sie mit ihren Leserinnen und Lesern zu teilen. Vor allem Letzteres wird in meiner Wahrnehmung viel zu zaghaft gemacht.

Zu klein gedacht

Aber was, wenn sogar das zu klein gedacht ist? Zu einzelfallbezogen, zu verhandelbar. Am Ende diskutiert man über irreführende Zeilen, ungeschickte Zitatkarten, unmoderierte Facebook-Postings, fehlende Einordnung, mangelnde Transparenz, gekaperte Hashtags. Vielleicht müsste man größer denken.

Ich arbeite seit einem Jahr nicht mehr im Journalismus, sondern in einer Agentur. Hier habe ich gelernt, Kommunikation in langen Linien zu denken. Oft geht es darum, übergeordnete Ziele für eine Kampagne zu formulieren. Dabei geht es nicht nur um konkrete Ergebnisse wie Klicks, Zahlen oder Verkäufe. Es geht auch um weiche Ziele. Um Werte, die man vermitteln will, um Stimmungen, die man auslösen will. Es geht um eine Botschaft, die am Ende dazu führt, dass die harten Ziele erreicht werden.

Nehmen wir zum Beispiel an, das konkrete Ziel eines Elektronikhändlers ist es, mehr von seinen Produkten zu verkaufen. Dann könnte das übergeordnete Ziel lauten: „Wir wollen junge Leute mit attraktiven Sparangeboten überzeugen.“ Das Problem an der Sache ist natürlich: „Attraktive Sparangebote“ sind nicht cool, sie sind spießig. Der Händler plant also eine Kampagne, in der das Konzept „Sparen“ auf Jung und Wild umgedeutet werden soll. Diese Kampagne könnte den Slogan tragen: Geiz ist geil.

Zeit Online hat eindrucksvoll gezeigt, wie ein übergeordnetes Ziel, eine Vision im Journalismus aussehen könnte. Wie Journalistinnen und Journalisten aus ihrer Beobachterrolle heraustreten und zu Handelnden werden können. Die Vision lautet:

„Das politische Klima in Deutschland ist vergiftet. Wir wollen das ändern, indem wir Dialog fördern.“

Oder, um ausführlich und im Wortlaut zu zitieren: „Wir haben gelernt, dass Journalisten das Gefühl für die Hälfte eines ganzen Landes verlieren können. Dass ganze Gesellschaften verlernen können, miteinander zu reden. Dass Desinformation und Propaganda Erfolg haben können. Wenn wir uns nur mit Meinungen beschäftigen, die unseren sehr ähnlich sind, entstehen Filterblasen. Die Folge ist eine Spirale nach unten: Mangelnder Dialog erzeugt Unverständnis, Unverständnis erzeugt Härte, Härte vergiftet das politische Klima. Wir wollen dem etwas entgegensetzen.“

Diese Sätze stammen aus der Beschreibung von „Deutschland spricht“, das 2017 und 2018 insgesamt rund zehntausend Menschen aus ganz Deutschland zusammengebracht hat. Menschen, die politisch unterschiedlich denken und möglichst nahe beieinander wohnen. Insgesamt elf Medienhäuser haben in diesem Jahr zu dem Projekt aufgerufen. Die Geschichten dazu liefen online und in Printmedien, in den sozialen Netzwerken, als Bewegtbild, als Datenreportagen und als Nutzerbeiträge unter dem entsprechenden Hashtag.

Ich habe mich gefragt: Was würde passieren, wenn Verlage und Medienhäuser mehr Visionen formulieren würden, die über den Anspruch hinausgehen „einfach guten Journalismus zu machen“? Und wie könnten solche Visionen aussehen. Hier zwei Ideen:

„In den vergangenen Jahren ist viel Vertrauen in den Journalismus verloren gegangen ist. Dagegen wollen wir etwas tun.“

Was könnte das konkret heißen? Eine Transparenzoffensive zum Beispiel. Vielleicht bräuchte es ein Hausblog, in dem redaktionelle Prozesse transparent aufbereitet werden: „Warum haben wir in der Frühkonferenz entschieden, über dieses Thema zu berichten und über dieses nicht? Warum führen wir ein Interview mit dieser Politikerin, mit dieser aber nicht? Wir haben diesen Monat folgende Fehler gemacht und das haben wir daraus gelernt.“ Und so weiter.

Vielleicht müsste es zu jeder größeren Geschichte eine Art Transparenz-Disclaimer geben: „Das sind unsere Quellen für diese Recherche, so sind wir vorgegangen, so lange hat das gedauert, mit diesen Leuten wollten wir sprechen, mit diesen haben wir tatsächlich gesprochen, der Autor ist Mitglied einer Partei, das hindert ihn aber nicht daran, kritisch über diese Partei zu berichten, Beispiele gibt es hier.“

Menschen vertrauen Menschen. Vielleicht müsste man noch viel stärker für seine Journalistinnen und Reporterinnen Freiräume schaffen, um mit Nutzern zu diskutieren, um über journalistische Arbeit zu erzählen, um sich Communitys aufzubauen, um auf sämtlichen sozialen Netzwerken präsent zu sein und in Kontakt mit Menschen zu treten. Vielleicht braucht es neue Ideen für geschlossene digitale Räume, in denen Interessierte in einen konstruktiven Dialog treten können – miteinander und mit den Journalistinnen und Journalisten.

Vielleicht müssten Medienhäuser auch im wahren Leben viel mehr mit Menschen sprechen, in Schulen, auf Veranstaltungen, bei Lesungen. Es hilft erfahrungsgemäß beeindruckend viel, in einem persönlichen Gespräch zu erklären, dass man morgens kein Memo aus dem Kanzleramt bekommt und es keine inhaltlichen Absprachen unter allen Redaktionen in Deutschland gibt. Man könnte die Gesprächsrunden filmen und Explainervideos erstellen, man könnte die häufigsten Fragen sammeln und ausführliche Antworten dazu aufschreiben, die Texte für Google optimieren und auf der Homepage eine Themenseite einrichten. Solche Sachen eben.

Ein gefühlt häufiger Vorwurf von Menschen, deren Vertrauen in die journalistische Arbeit beschädigt ist, lautet: „Ihr berichtet doch sowieso nur so und so und das und das.“ Also müsste man vielleicht bei jedem Thema mit einem Klick auf eine Übersichtsseite kommen. Sie müsste mehr sein als die übliche Sammlung themenverwandter Artikel. Die Nutzerinnen und Nutzer müssten auf einen Blick erkennen: „In diesem Jahr wurde so oft über dieses Thema berichtet, das ist im Verhältnis zu anderen Themen viel beziehungsweise wenig, hier finden sich alle neutralen Meldungen, hier kritische Kommentare, hier Reportagen, hier Analysen.“ Man könnte das sogar grafisch darstellen, um auf einen Blick zu zeigen, wie die überwiegend publizierte politische Haltung zu einem bestimmten Thema ist. Das könnte sogar für interne Prozesse und Reflektionen interessant sein, denn auch innerhalb einer Redaktion gibt es gefühlte Wahrheiten darüber, wie und wie oft zu bestimmten Themen berichtet wird.

Eine andere Vision könnte lauten:

„Das Thema Migration bewegt viele Menschen. In weiten Teilen der Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren ein Zerrbild über Zuwanderung entstanden, das negative Gefühle auslöst. Wir wollen das ändern.“

Journalistinnen und Journalisten berichten, wenn etwas passiert. Oft ist der Anlass für eine Berichterstattung, dass etwas schiefgegangen ist. In Deutschland lebende Flüchtlinge geraten (nicht ausschließlich, aber vor allem) dann in die überregionale Berichterstattung, wenn sie eine Straftat begangen haben. Würde man die oben beschriebene Vision verfolgen, bräuchte man eine geringere Fallhöhe, um über positive Beispiele für Integration, Engagement und Menschlichkeit zu berichten. Man könnte dies unter dem Label „Constructive Journalism“ verorten, das wäre der Anlassrahmen für diese Art der Berichterstattung, die regelmäßig und ressortübergreifend in Print und Online stattfinden könnte.

Wie schafft man es, Ängste vor dem Fremden abzubauen? Vielleicht, indem man das Fremde vertrauter macht, ihm ein Gesicht gibt, einen Namen? Wie wäre es, wenn ein Geflüchteter oder eine Geflüchtete einmal in der Woche einen Tag lang den reichweitenstärksten Social-Media-Account der eigenen Publikation übernehmen würde und als Thread, Fotoalbum oder Insta-Story in einem Bildertagebuch von seiner oder ihrer Woche erzählt? Wie wäre eine Serie, in der eine Geflüchtete oder ein Geflüchteter jeden Monat mit Hilfe von erfahrenen Redakteuren einen Beitrag erstellt, der ein reflektionsstarkes Essay über Flucht und Integration sein kann oder ein flottes Listicle: „33 Dinge, die ich in 3 Jahren über Deutschland gelernt habe.“ Wie wäre es, wenn man Geflüchteten als Praktikantinnen und Praktikanten Sichtbarkeit im Redaktionsalltag ermöglicht und sie mit dem Snapchat-Account auf rote Teppiche schickt oder Modestrecken konzipieren lässt? Es geht, ähnlich wie bei der Geiz-ist-geil-Kampagne, um eine emotionale Umdeutung.

Der erfreuliche Nebeneffekt einer klaren Vision ist übrigens, dass sich eine übergreifende und multimediale Plattformstrategie relativ selbstverständlich mitentwickeln lässt. Was können wir auf welcher Plattform in welchem Format tun, um unsere Vision umzusetzen? Das können analoge Gespräche sein oder Q&A bei Instagram, es können Forumsdebatten sein, Livestreams oder Reportagen, es können Datenprojekte sein oder regelmäßige Rubriken. Es können Reporter vor der Kamera sein oder Podcasts, Selfieformate oder Kooperationen. Wenn man seine Vision klar hat, ergeben sich die passenden Ausspielungsmöglichkeiten fast von selbst.

Ich weiß, dass viele meiner Beispiele und Ideen nicht neu sind und an vielen Stellen bereits mitgedacht, ausprobiert oder umgesetzt werden. Mir geht es vor allem um die Konsequenz in der Umsetzung. Mir geht es um die Verteilung der Ressourcen für solche Projekte. Es gibt zahlreiche „Entwicklungsredakteurinnen“ und „Redakteure für besondere Aufgaben“ und wie sie alle heißen. Warum schafft man nicht die Stelle einer „Visionsredakteurin“, die gemeinsam mit der Redaktion Haltungsfragen diskutiert und Antworten sucht, Ideen sammelt, wieder verwirft, Strategien ausprobiert und verbessert? Vielleicht ist Geiz einfach nicht mehr geil.

Dieser Text ist kein Lösungsvorschlag, keine Forderung, kein Vorwurf. Er ist eine Frage. Vielleicht ist es in Zeiten wie diesen an der Zeit umzudenken.

Transparenz-Disclaimer: Ich halte die AfD nicht für eine normale demokratische Partei. Ich glaube nicht, dass man die AfD „entzaubern“ kann. Ich bin großer Fan des Projektes „Deutschland spricht“, habe aber nicht teilgenommen. Ich bin kein Mitglied einer Partei. Ich bin politisch eher linksliberal. Ich habe an diesem Text etwa sechs Stunden lang geschrieben. Meine Freundin Tatjana Heid, die zurzeit als Politikchefin bei T-Online arbeitet, hat den Text vorab gelesen und mir Feedback gegeben, das ich eingearbeitet habe. Ich habe in Leitungsfunktionen bei Spiegel Online und bild.de gearbeitet. Seit ich nicht mehr hauptberuflich als Journalistin arbeite, berate ich gelegentlich PolitikerInnen zum Thema Social Media und Plattformstrategie.

Eine Auswahl von PublizistInnen, die ich regelmäßig verfolge und deren Texte, Bücher, Kolumnen, Vorträge, Newsletter oder Facebook-Postings sich (im weitesten Sinne) mit der Art und Weise beschäftigen, wie Medien berichten und wie Rechtspopulisten ihre Agenda platzieren: Sascha Lobo, Melanie Amann, Margarete Stokowski, Johannes Hilje, Martin Fuchs, Ingrid Brodnig, Bernhard Pörksen, Ulrich Teusch, Kübra Gümüşay, Nikolaus Kowall, Gabor Steingart, Roland Tichy, Wolfgang Scheida, Henryk M. Broder, Julian Reichelt, Stefan Niggemeier, Boris Rosenkranz, Carolin Emcke, Jürgen Habermas.

Carline Mohr ist ausgebildete Journalistin und hat einen Roman geschrieben,
sie hat den Bereich Social Media bei bild.de geleitet und sich als Chefin vom
Dienst bei Spiegel Online um das Thema Audience Development gekümmert.
Seit Ende 2017 arbeitet sie als Head of Platform Strategy bei einem Brand
Publishing House, der Looping Group. Sie twittert als @Mohrenpost


Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler

Die Redaktion - 22.1.2019