Mein Blick auf den Journalismus
Was wir aus dem Fall Relotius für den Journalismus lernen können
Georg Löwisch erklärt, wieso der Betrugsfall Relotius eine Chance für den Journalismus ist. Ein 6-Punkte-Plan. (Foto: Anja Weber, Bearbeitung: Journalist)

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Teil 6: taz-Chefredakteur Georg Löwisch sagt: Der Betrugsfall Relotius ist eine Chance für den Journalismus. Für Sorgfalt, Glaubwürdigkeit und Demut. Ein Handwerksmerkzettel in sechs Punkten.

von Georg Löwisch

Der große Medienskandal ist noch immer nicht ganz aufgeklärt. Den Journalismus wird der Fall des früheren Spiegel-Reporters Claas Relotius noch eine ganze Zeit verunsichern.

Was wird bleiben? Was können wir wirklich aus diesem Fall lernen? Zunächst mal eines: Dass Journalismus viel stärker aus gegensätzlichen Imperativen besteht als bisher angenommen. Er soll strahlende Persönlichkeiten hervorbringen, aber zugleich von bescheidenen Teams abgesichert werden.

Komplizierte Quellenlagen müssen erläutert werden, die Texte aber zugleich lesbar und verständlich sein. Die Geschichten sollen glaubwürdig sein, aber zugleich unglaublich schön. Wenn diese Gegensätze nicht da wären, gäbe es keinen Fall Relotius, passierten viele andere Fehler nicht, dann müsste man bloß ein Regelbuch abarbeiten. Aber so ist dieses Handwerk nicht. Journalismus steht unter Spannung.

Das gilt weit über den Fall Relotius hinaus. Zum Beispiel hat sich das Spannungsverhältnis zwischen Geschwindigkeit und Sorgfalt zuletzt gerade dort verstärkt, wo die Redaktionen Zugriffszahlen in Echtzeit auf die Bildschirme bekommen - eine Live-Quote, gegen die die alte TV-Quote wie eine gutmütige Großtante wirkt. Die Zugriffszahlen bringen Redaktionen dazu, Titel und Teaser zuzuspitzen. Zuspitzung und Differenzierung, das ist gleich das nächste Spannungsverhältnis, und es besteht nicht nur in der Aktualität, sondern auch in aufwendigen Reportagen.

Es herrscht auch eine Spannung zwischen Glaubwürdigkeit und Lesegenuss eines Beitrags. Ein Text ist ein Genuss, wenn man sich nicht hindurchquälen muss, sondern er wie ein Fluss dahinrauscht. Er kann schnell fließen, weil die Sprache stark ist und die inhaltliche Fallhöhe hoch, aber auch, weil alles beiseite geräumt wurde, was bremst: Quellenangaben, Einschränkungen, irritierende Widersprüche oder Erläuterungen der Recherche. Sie helfen der Glaubwürdigkeit, aber sie behindern den Lesegenuss.

Eitelkeit und Demut

Ein weiteres Paar von Imperativen, die in einem Spannungsverhältnis stehen, sind Demut und Eitelkeit. Die Eitelkeit ist im Journalismus – genau wie in Politik, Wissenschaft oder Kunst – eine große Kraft, die sehr produktiv wirkt. Journalistinnen und Journalisten rackern sich auch deswegen ab, weil sie mit ihrem Werk glänzen möchten. Am Ende glitzert der eigene Name über dem Text, der zur Belohnung im Idealfall Lob und Likes bekommt. Die gibt es für andere ebenso wichtige Aufgaben einer Redaktion dagegen kaum. Wer plant und anschiebt, redigiert und korrigiert, prüft und entscheidet, bleibt ziemlich unsichtbar.

Für diesen Teil braucht es etwas anderes. Es ist – neben der Tatsache, dass manche solche Aufgaben einfach gerne tun – ein tieferer Impuls, eine Art Verpflichtung. Ich nenne es Demut vor der Sache des Journalismus: für Nachrichten, nach denen man sich richten kann; Reportagen, die Horizonte öffnen; Berichte, die Zusammenhänge erklären; für Kommentare, die zur Meinungsbildung anregen. Journalismus entsteht nicht nur aus der Summe von Autoren- und Autorinnennamen, selbst wenn sie noch so glänzen.

Die aufgezählten Begriffspaare sind nicht stets ein Gut und ein Böse. Beide Pole haben ihre Berechtigung. Sorgfalt konkurriert mit Geschwindigkeit, Lesegenuss mit Glaubwürdigkeit, Eitelkeit mit Demut. Es darf nur nicht eins von beiden dauernd dominieren. Manchmal muss etwas gründlich schiefgehen, damit das Verhältnis wieder in Ordnung kommt.

Der Betrug des Claas Relotius ist so ein Fall. Relotius habe ich nie getroffen, sondern ihn nur aus der Ferne gesehen, wenn ihm wieder mal der Deutsche Reporterpreis überreicht wurde. Aber zu tun hatte ich trotzdem ein wenig mit ihm oder besser: Ich habe zu wenig getan. In meiner Zeit als Textchef beim Magazin Cicero hat Relotius, damals freier Journalist, auch dort Texte veröffentlicht, die einer Überprüfung nicht standhalten. Später saß ich in der Jury des Nannen-Preises, die ihm zwar den Preis nie verliehen, aber 2018 seine Spiegel-Reportage „Löwenjungen“ unter die besten drei nominiert hat; Relotius hat laut Spiegel zugegeben, diesen Text manipuliert zu haben.

Im Dezember, nachdem der Spiegel den Skandal veröffentlicht hatte, las ich als taz-Chefredakteur die ersten Texte aus Relotius‘ Laufbahn: Lokalberichte von einem Praktikum bei der taz Hamburg 2008, in denen die Redaktion heute vieles, aber nicht alles verifizieren kann.

Der Fall tut weh. Seine Aufklärung offenbart eine ganze Palette möglichen Fehlverhaltens eines Journalisten: vom Patzer über die Schummelei bis zum ausgeklügelten Beschiss. Im Zuge der Aufklärung prüfen betroffene Redaktionen auf einmal, was sie sonst nicht prüfen.

Und es gibt auch ein aktuelles Beispiel, dass Checks greifen. Beim Magazin der Süddeutschen Zeitung wurde ein Beitrag nicht veröffentlicht, weil sich herausstellte, dass der Autor eine Protagonistin erfunden hatte. Der Fall Relotius ist in seinen Auswüchsen zunächst einmal eine Affäre des Spiegels. Aber ahnen nicht viele, dass sie mindestens so verwundbar gewesen wären gegen den Hochstapler? Wo doch etwa die Abteilung für Dokumentation, die beim Spiegel nicht griff, in den meisten Redaktionen nicht mal existiert.

Gibt es einen Fake-Radar?

Jede Redaktion sollte nachdenken über die Zeit nach Relotius. Hat sie ein Fake-Radar, um sich zumindest gegen Betrug in Serie zu schützen? Wir sollten diskutieren, welche Standards geschärft und welche konsequenter angewandt werden müssen. Wie wollen wir erzählen? Und wie gewinnt der Journalismus Glaubwürdigkeit zurück? Gerade jetzt lohnt es sich, ins handwerkliche Detail zu gehen. Über das Große muss nachgedacht und gesprochen werden, aber gehandelt wird am Ende im kleinteiligen Alltag.

Deshalb einige handwerkliche Punkte, wie wir konkret etwas verbessern können.

1. Quellen nennen
Ein Medium sollte sagen, woher es seine Informationen hat. Das Publikum kann sich so selbst ein Bild machen, was oder wieviel es glaubt. Quellen laden Leserinnen und Leser zum Mitdenken ein. Quellen helfen gegen das falsche Bild des Überreporters, der alles versteht und alles weiß. Quellen erzeugen im Idealfall Augenhöhe.

Dazu müssen sie genau sein. Es kann nicht nur wichtig sein, von wem eine Information stammt, sondern auch von wann. Wie wurde die Information übermittelt? Schriftlich oder mündlich? In einem kurzen Telefonat oder in einem ausführlichen Gespräch? Es kann nützlich sein, mehr über die Quelle und ihren Bezug zum Thema zu erfahren. Hat die Professorin, die den Energiekonzern analysiert, früher für ihn geforscht? Oder für die Konkurrenz?

Bei bestimmten Informationen möchte ich wenig über die Quelle wissen oder gar nichts, bei anderen dagegen alles. Wenn eine Information schier unglaublich ist, dann muss man ihre Glaubwürdigkeit untermauern. Je spannender desto Quelle. Je intimer desto Quelle. Je folgenschwerer desto Quelle.

Quellentransparenz heißt im Übrigen noch nicht, dass die Geschichte stimmt. Relotius – das zeigt die Aufarbeitung des Spiegels – nannte Quellen, nur gab es viele davon nicht, oder er nahm sie für seine Fälschungen in Anspruch.

Gern sagen Journalisten: Wir müssen wieder das Zwei-Quellen-Prinzip anwenden. Die Aussage ist so pauschal ein Indiz, dass eben dieses Prinzip nicht verstanden wurde. Viele Meldungen haben nur eine Quelle – was ausreicht. Der Arbeitsminister ist eine gute Quelle für sein Rentenkonzept. Die Gewerkschaft ist eine gute Quelle für die Ankündigung von Streiks. Wenn die Nationalgalerie von ihrem üblichen Account eine Mail schickt, dass sie am nächsten Feiertag künftig um 10 statt um 9 Uhr öffnet, sollte das reichen. Wenn vor dem Eingang ein Schild steht, dass sie wegen der verheerenden letzten Ausstellung erst in drei Jahren wieder aufmacht, sollte man die Direktion anrufen.

Zwei Quellen braucht es dann, wenn die Information einen sehr hohen Nachrichtenwert hat. Oder wenn man die Quelle nicht namentlich nennen kann. Eine sehr brisante Geschichte nur mit einer Quelle abzusichern, birgt ein hohes Risiko in sich. Redaktionen gehen es manchmal ein, wenn sie die Glaubwürdigkeit der einen Quelle genau abgeklopft und wenn sie einzelne Informationen von dieser Quelle sehr dicht verifizieren konnten. Gut ist das nicht, wenigstens sollte man diese Abwägung der Leserschaft erläutern. Sicherer ist die alte Regel aus dem angelsächsischen Journalismus: If in doubt, leave it out. Wenn du zweifelst, lass es weg.

2. Recherchewege zeigen
Wie ein Autor oder ein Team gearbeitet hat, kann es gerade bei komplexen Recherchen darlegen. Der Deutschlandfunk hat in seinem Podcast Der Tag für Transparenz einen guten Ton gefunden. Die großen Steuerflucht-Recherchen des Verbunds von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR zeigen, wie es geht.

Aber auch jenseits von Großprojekten hilft ein Quellenüberblick den Leserinnen und Lesern, die Reportage oder den Bericht einzuordnen. Wenn Genaues geheim bleiben muss, um Quellen zu schützen, kann man das auch schreiben. Ein summarischer Quellenüberblick an einer Stelle des Textes ist ein gutes und oft auch ein spannendes Mittel: Welche Quellen wurden ausgeschöpft? Wie lange dauerte die Recherche? Und was war überhaupt der Ausgangspunkt? Dieser Überblick signalisiert, dass der Redaktion Quellenarbeit wichtig ist und dass sie ihre Arbeit erklären möchte.

Wenn man an einer Stelle den Rechercheweg beschreibt, bleibt es dennoch wichtig, die Quelle oder die Quellen an wichtigen Stellen im Text nochmal direkt anzugeben – an Schlüsselstellen oder wenn die Information so stark ist, dass man sich fragt: Woher wollen die das bloß wissen?

Informationen zum Rechercheweg werden inzwischen gern in Blogs oder Videos angeboten. Das ist eine kluge Ergänzung, aber diese Informationen stehen auch dem Haupttext gut an. Uns Glaubwürdigkeit hart zu erarbeiten, ist keine Nebensache mehr. Ich finde immer öfter: Das „Making-of“ gehört in die Geschichte.

Demut heißt, dass guter Journalismus für sich selbst spricht. Demut heißt aber auch, dass er sich erklären muss. Und bitte in aller Bescheidenheit, nicht im Ton einer Heldensaga, bei der man meint, das Wort Quellenangabe stamme von Angeberei ab.

3. Zitieren
Auf Twitter sieht man es immer wieder: Zwei Journalisten twittern von ein- und derselben Veranstaltung zwei Zitate, die sich leicht, manchmal auch recht deutlich unterscheiden. Eines muss falsch oder zumindest ungenau sein. In diesen Momenten zeigt sich, dass korrektes Zitieren eine schwierige Fertigkeit ist. Oder dass manche nicht verstanden haben, was ein Zitat ist: Nicht das ungefähr so Gehörte, sondern das wortwörtlich so Gesagte. In der indirekten Rede muss das Gesagte nur sinngemäß wiedergeben werden. Wer aber in Anführungszeichen nicht wortgetreu zitiert, sondern absichtlich das Zitat schönt oder auch nur einen Unterton weglässt, schmiert nicht nur denjenigen an, den er zu zitieren vorgibt. Er verrät seine Leserschaft.

Und wie ist das mit der Autorisierung von Zitaten? Nach einem Gespräch der Person die Zitate – keinesfalls den ganzen Text – nochmal zuzuschicken, finde ich in Ordnung. Oft setzen Interviewer und Interviewte ihren Dialog dann gewissermaßen schriftlich fort. Wenn Dritte wie Vorgesetzte oder Berater stark eingreifen, kann es allerdings nicht schaden, im Text darüber zu informieren.

Im Versprechen, dass wörtlich auch wörtlich bedeutet, dass jemand das genau so gesagt hat, steckt Glaubwürdigkeit. Für mich bekommt sie immer einen Kratzer, wenn ich in einer Überschrift ein starkes Zitat lese, das aber im Interview in dieser Form nicht zu finden ist. Oder das Zitat stammt in Wirklichkeit aus einer Frage, auf die der Interviewpartner „Ja“ geantwortet hat. Er ist dann zwar dieser Meinung, aber er hat den Satz nicht gesagt.

Manchmal wird Leuten auch eine Formulierung in den Mund gelegt. 2004 wurde Gerhard Schröder vom Moderator Reinhold Beckmann gefragt: „Ist Putin ein lupenreiner Demokrat?“ – Schröder: „Das sind immer so Begriffe. Ich glaube ihm das und ich bin davon überzeugt, dass er das ist.“ Wer hinterher behauptete, Schröder attestiere Putin, ein lupenreiner Demokrat zu sein, hatte recht. Aber die bizarre Formulierung stammte eben nicht von Schröder, sondern von Beckmann.

4. Anonymisieren
Anonymisierung kann sehr gute Gründe haben. Menschen fürchten, dass sie verspottet oder sogar bedroht werden oder dass sie ihre Stelle verlieren, wenn sie sich mit ihrem Namen offen äußern. Immer mehr Protagonistinnen und Protagonisten bedenken mit, dass sie mit dieser einen Äußerung, mit diesem einen Thema ewig im Netz stehen werden. Bei vielen wird das sogar der einzige Treffer oder einer von ganz wenigen in der Google-Ergebnisliste sein. Der Wunsch, nur anonymisiert in einem Artikel aufzutauchen, nimmt daher zu. In manchen Medien tragen in Gesellschafts- Geschichten alle nur einen Vornamen. Wenn jemand in einer Reportage als Quelle auftaucht und nicht als eine der wichtigen Personen, dann wird sie oft schlicht der Lesbarkeit zuliebe nicht namentlich genannt.

Doch Klarnamen sind viel wert. Anonymisierung muss die Ausnahme bleiben, da sie die Nachvollziehbarkeit einschränkt oder vollends unmöglich macht. Anonymisierung nagt an der Glaubwürdigkeit. Gibt‘s die Person überhaupt? Die Frage drängt sich doch auf. Aber nicht nur das: Anonymisierte werden viel seltener aufschreien, wenn etwas nicht stimmt – die Reporterinnen und Reporter wissen das auch ganz genau. Und anonymisierte Personen riskieren weniger, wenn sie lügen oder übertreiben.

Natürlich: Quellen müssen geschützt werden. Aber der Journalismus macht es sich oft zu einfach. „Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen“ – über diese muss man schon froh sein. Sie bedeutet: Der Autor oder die Redaktion halten es noch nicht für absolut normal, der Leserschaft eine wesentliche Information vorzuenthalten. Die Formulierung: „Name der Redaktion bekannt“ fällt jedenfalls seltener – vielleicht, weil die Redaktion gar nicht nach dem Klarnamen gefragt hat.

Wer anonymisiert, sollte Fragen zulassen: Kennt die Redaktion die Klarnamen des Protagonisten? Wie hat sich der Autor/die Autorin dessen Identität eigentlich belegen lassen und kennt die Redaktion auch diese Informationen? Welche Aussagen der anonymisierten Quelle konnten verifiziert werden? Hat der Autor/die Autorin die Anonymisierung mit dem Protagonisten diskutiert und welche Gründe gaben den Ausschlag?

Im Idealfall stehen die Antworten im Text. Häufig sagen die Gründe für eine Anonymisierung etwas über einen Sachverhalt und die Gemengelage. Wer ein paar Zeilen darin investiert, die Gründe für die Anonymisierung zu erklären, signalisiert, dass er es sich nicht leicht macht – und gewinnt Glaubwürdigkeit.

5. Rekonstruieren
Wenig kann in einem Text so eine Anziehungskraft entfalten wie eine lebendig geschilderte Szene. Diesen Sog erzeugen gut gebaute Sätze, lebendige Verben, anschauliche Details, aber vor allem der Umstand, dass richtig etwas passiert. Aber nicht immer sind Reporterinnen und Reporter genau dann vor Ort, wenn so richtig etwas passiert. Deshalb werden Szenen rekonstruiert, aus dem, was Augen- und Ohrenzeugen erzählen, mit Hilfe von Akten, von Videoaufnahmen, Tonbandaufzeichnungen oder Fotos. Das ist legitim, nur muss die Rekonstruktion deutlich gemacht, die Quellen müssen genannt, das Erlebte muss vom Erzählten getrennt werden.

Es ist nicht nötig, eine Rekonstruktion durchgehend im Konjunktiv zu schreiben, nicht jeder einzelne Satz braucht eine Quelle. Aber man sollte nicht erst am Ende einer packenden Szene mitteilen, wo was herkommt, sondern umgehend oder vorab.

Das vom Reporter oder der Reporterin selbst Erlebte wird meist viel höher bewertet als das Rekonstruierte, weil er oder sie ein unabhängiger Profi ist. Deshalb galt bisher für die Textreportage, dass Erlebtes nicht extra ausgewiesen wird. In den USA wird dagegen immer mehr gefordert, es extra auszuweisen, dass eine Szene samt Zitaten unmittelbar vom Reporter/der Reporterin bezeugt wurde – gerade wenn er oder sie so nah dran war, dass sich das Publikum die Frage stellt. Diese Form der Transparenz ist in vielen Fällen auch hilfreich. Denn zuletzt wurde im deutschen Journalismus so viel rekonstruiert, man traute sich gar nicht mehr zu hoffen, dass der Reporter im entscheidenden Moment an Ort und Stelle war. Warum also nicht klarer machen, was tatsächlich erlebt wurde?

Dass Reporterinnen und Reporter sich selbst ein bisschen mehr wie eine Quelle behandeln, ist nur konsequent: Denn auch sie können sich irren.

Und wenn jemand betrügt? Das Problem ist nicht lösbar. Ohne Vertrauen ist der Journalismus nicht zu haben.

Beim Rekonstruieren wird leider regelmäßig auch behauptet, was diese Protagonistin gedacht oder was jener Protagonist gefühlt hat. Um Nähe zu erzeugen, wird – Lesegenuss vor Glaubwürdigkeit – auf den Konjunktiv gern genauso verzichtet wie auf die Einschränkung, dass Person x gesagt habe, sie habe dies und das gedacht. Aber niemand weiß sicher, was jemand anderes denkt oder fühlt. Ein Reporter schaut auf die Stirn und nicht ins Hirn.

6. Zweifeln
Jetzt noch einige Fragen, für die Autoren und Autorinnen die Redaktion vielleicht verfluchen werden, bevor sie verstehen, dass der Zweifel eine Tugend ist und darum ein Arbeitsschritt sein muss: a) Danke für die spannende Reportage. Da wir noch nie miteinander zu tun hatten: Könnten Sie mir bitte die Audiodatei des Rechercheinterviews schicken? b) Können Sie mir bitte die Mails weiterleiten, mit denen Sie diese unglaublich spannende Protagonistin zum Treffen bewogen haben? c) Könnte ich mal bitte das Handyfoto vom Ausweis der anonymisierten Person sehen?

Die sechs Punkte sind sicher angreifbar, wenn man sie absolut nimmt. Sie sind jedoch nicht als Gesetze gemeint, sondern als Hilfestellung, als Handwerksmerkzettel. Ich möchte konkrete Vorschläge liefern, wie wir es besser machen können. Ja, aber warum ist denn die Umsetzung in der Praxis so schwer? Weil wir es täglich mit den Spannungsfeldern des Journalismus zu tun haben, die miteinander konkurrieren. Doch in dieser täglichen Auseinandersetzung haben wir jetzt ein Argument dazu gewonnen. Es heißt: Relotius.

Der Fall könnte die in den Hintergrund gedrängten Gütekriterien der Reportage stärken: Quellentransparenz und -genauigkeit, Nachvollziehbarkeit der Recherche, dass Widersprüche nicht weggebügelt, sondern herausgestellt und beleuchtet werden. Relotius ist eine Chance. Nicht weil die Reportage ein teuflisches Genre wäre, das abgeschafft gehört (ich mag es sehr) oder alle Journalistenpreise verboten gehören (ich schätze Jurys als Handwerksaustausch). Sondern weil, wenn es gut läuft, wieder stärker wird, was zu schwach geworden ist: die Sorgfalt, die Glaubwürdigkeit und die Demut.

Georg Löwisch ist seit 2015 taz-Chefredakteur in Berlin. Er war Reportageredakteur und innenpolitischer Reporter der taz sowie Textchef des Magazins Cicero. Seine Diplomarbeit in Leipzig schrieb er 2000 zu Sorgfalt bei Nachrichtenagenturen unter dem Titel „Get it first, but first get it right“. Er gehört den Jurys des Nannen-Preises sowie des Journalistenpreises „Der lange Atem“ an.

Bisher erschienen:
Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur

 

Die Redaktion - 12.3.2019