Mein Blick auf den Journalismus
Schluss mit der Featureritis, her mit den Fakten!
Der Journalismus braucht weniger Personalisierung und mehr Fakten, sagt Florian Harms. (Foto: Christian O. Bruch, Bearbeitung: journalist)

In unserer neuen Serie "Mein Blick auf den Journalismus" fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de. Er sagt: Journalisten sollten intensiver nach Antworten auf das Misstrauen suchen, das viele Leser ihnen entgegenbringen. Und sie sollten mehr erklären, anstatt alles sofort zu kommentieren. Florian Harms hat für den journalist sieben Anregungen formuliert, wie eine Redaktion zum Leuchtturm in der Informationsflut werden kann.

von Florian Harms

Der Fall Relotius wühlt den Journalismus auf. Ein Reporter, der in einem der renommiertesten Blätter des Landes jahrelang Lügen verbreiten konnte, ohne dabei von seinen Vorgesetzten, den Faktenprüfern und Kollegen oder gar von Lesern ertappt zu werden: Das ist ein Skandal, der nicht nur die Glaubwürdigkeit des Spiegels, sondern die gesamte Medienbranche erschüttert. Viel ist in den vergangenen Wochen darüber geschrieben, gesprochen, nachgedacht worden; so gut wie jede Redaktion kommentierte oder analysierte, manche polemisierte auch.

Einige der interessantesten Beiträge fanden sich jedoch nicht auf den Medienseiten, in Leitartikelspalten oder Journalisten-Blogs, sondern auf Leserbriefseiten und in den Kommentarforen im Web. Schonungsloser, aber vielfach auch empathischer, womöglich zum Teil auch ehrlicher formulierten dort Menschen abseits der Medienblase ihre Gedanken zu den Gründen und Folgen des Betrugs. Eine Zuschrift, veröffentlicht Ende Dezember in der Süddeutschen Zeitung, möchte ich herausgreifen, da sie ein Problem benennt, das sich seit Jahren in unserer Branche beobachten lässt: „Der Journalismus in toto, ein höchst wichtiges Organ in einer funktionierenden Demokratie, ist seit Längerem in der Krise“, schreibt der Leser Dr. Claus Helbig aus München. „Nicht durch solche Fälschungen, sondern durch die durchgängige Methode, Fakten nicht mehr sachlich zu schildern, sondern durch Aufmachung und Wording gleich unterschwellig zu kommentieren. Die meisten Zeitungen haben eine sogenannte Meinungsseite, wo durchaus meinungsstark argumentiert werden sollte. Nur ist es heute so, dass alle Nachrichten auf allen Seiten kommentiert dargestellt werden. Die Journalisten im zwangsfinanzierten öffentlichen Rundfunk und Fernsehen machen es noch dreister. Sie wählen Bilder und sprachliche ‚Nachrichten‘ nach ihrem politischen Sendungsbewusstsein und der Frage aus, was in den funktionärsbesetzten Gremien gerne gehört wird. Wen wundert da noch der Vorwurf der Fake News?“

Als Journalist ist man geneigt, eine derartige Kritik schnell als pauschal, undifferenziert, unzutreffend abzutun. Nichts wäre falscher. Und gefährlicher. Weil es sich dabei längst nicht mehr um eine Einzelmeinung handelt, sondern um Vorwürfe, die man jeden Tag hören kann. Wenn man sie hören will und den Direktkontakt mit Lesern, Zuschauern, Hörern und Nutzern nicht scheut. Und weil diese Kritik fernab aller medienpolitischen Debatten eine Unzufriedenheit aufdeckt, die offenkundig viele Mediennutzer empfinden. Sie wurzelt in meinen Augen in einer Entwicklung, die der deutsche Journalismus seit Jahren nimmt und die ihn in mancher Hinsicht vom angelsächsischen Journalismus unterscheidet. Ich nenne sie überspitzt die „Featureritis“: Es ist der geradezu zwanghafte Drang in vielen Redaktionen, jedes Thema aus einer persönlichen Warte heraus zu bearbeiten (weil Haltung oft mit Meinung verwechselt wird), mit einer reportagehaften Szene einzuleiten (und sei sie noch so fernliegend), anhand von Protagonisten zu erzählen (selbst wenn deren Erlebnisse nicht dazu taugen, den Kern des Themas zu veranschaulichen) und komplexe politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse am liebsten auf einen Kontrast oder noch besser einen Machtkampf zwischen handelnden Personen „herunterzubrechen“.

„Menschen wollen von Menschen lesen!“, heißt der reflexhafte Satz, der landauf, landab in Journalistenschulen gepredigt und in Redaktionskonferenzen verkündet wird. Er hängt mir zu den Ohren heraus. Ich glaube, die meisten Leser und Nutzer erwarten von uns Journalisten in erster Linie nicht, dass wir tolle Geschichten erzählen, sondern dass wir sie vor allem präzise und differenziert über das Geschehen in Deutschland und der Welt informieren. Sie wollen erst die verfügbaren Fakten. Dann gern Hintergründe und Zusammenhänge. Und dann (vielleicht) noch eine Meinung dazu – aber letztere bitte klar als solche erkennbar.

Nur schlagworthaft

Diesen Anspruch enttäuschen viele von uns Journalisten zu oft. Wir gehen zu selten und zu wenig in Details („so genau will das doch keiner wissen“). Wir huschen über schwierige Aspekte hinweg („dafür ist jetzt keine Zeit“). Wir blenden Widersprüche aus, die nicht in unseren Erzählstrang passen („das ist zu abseitig“). Wir haben den Kommentar schon im Kopf, bevor das Ereignis überhaupt stattgefunden hat, und auf der Seite, bevor unsere Leser und Nutzer überhaupt verstanden haben, was eigentlich geschehen ist.

Die Europapolitik ist ein treffendes Beispiel für diese verkürzte, meinungsgetriebene Berichterstattung. Viele Beiträge beschränken sich auf die Fragen „Wer setzt sich durch?“, „Wer ist mächtiger?“ und am besten auch noch „Welcher Wein wurde beim Gipfel-Dinner serviert?“ Wer als Mediennutzer wirklich verstehen will, worum die Staats- und Regierungschefs und deren Scherpas beim Datenschutz, der Klimapolitik oder der Bankenunion ringen, wird von den meisten deutschen Medien mager bedient. Da unterscheiden sich Print, Web und TV kaum.

Ein zweites Thema ist die vielfach beschworene Digitalisierung. Man könnte Wetten darauf abschließend, wie häufig deutsche Medien mit den Schlagworten Künstliche Intelligenz, Netzausbau, Industrie 4.0, automatisiertes Fahren, Robotik um sich werfen – und wie selten sie zugleich erklären, was genau sie (oder die Firmen und Politiker, über die sie berichten) damit eigentlich meinen. Wer verstehen will, wie fundamental die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit (Huch, nun habe ich selbst ein Schlagwort benutzt!) unser Arbeits- und Sozialleben in den kommenden Jahren verändern wird, liest lieber die Bücher von Autoren wie Yuval Noah Harari, Philipp Blom oder Benedikt Herles. Angesichts seiner Bedeutung ist es dramatisch, wie oberflächlich die meisten Medien sich diesem Thema widmen und wie wenige Redakteure sie beschäftigen, die bereit sind, sich tiefer einzuarbeiten. Eine positive Ausnahme ist in meinen Augen, Pardon, Ohren der Deutschlandfunk: Er berichtet präzise und nüchtern, aber meist facettenreich und ausgewogen. Die Neue Zürcher Zeitung verfolgt einen ähnlichen Ansatz.

Klare Regeln

Genug gejammert, wie kommen wir aus dem Dilemma hinaus? Auch in meiner eigenen Redaktion sind wir selbstverständlich nicht gegen Fehler gefeit, auch wir ringen täglich um den richtigen Angang zu aktuellen Themen. Mal glückt er, mal nicht. Aber wir haben uns in unserem Redaktionsstatut klare publizistische Regeln auferlegt, die uns helfen sollen. Drei davon lauten in aller Kürze:

1. Wir sind nah bei unseren Nutzern, denn sie sind das Kostbarste, was wir haben. Bei allem, was wir tun, fragen wir uns: Was haben unsere Nutzer davon? Wir beobachten und verarbeiten systematisch die Nutzungszahlen unserer Produkte und lernen daraus. Dabei hilft uns unser Bot „Buddy“, der den jeweiligen Redakteur beispielsweise darauf hinweist, wenn sich im Forum seines Artikels eine lebhafte Leserdiskussion entwickelt. Die Redakteure sind angehalten, sich an den Debatten zu beteiligen. Wo immer möglich und zielführend, binden wir die Nutzer in unsere Arbeit ein – beispielsweise in unserem Leserbeirat, über den wir regelmäßig Feedback von Hunderten von Lesern einholen können.

2. Wir arbeiten transparent und haben klare, verbindliche Standards. Diese halten wir auch unter Zeitdruck ein. Mit Quellen gehen wir sorgfältig und so offen wie möglich um. Deshalb findet sich beispielsweise unter fast jedem t-online.de-Artikel ein Quellenapparat. Und wir unterscheiden im gesamten Angebot so strikt wie möglich zwischen faktenbasierten Berichten einerseits und Meinungsbeiträgen andererseits. Daher sind alle Kommentare, Kolumnen und Gastbeiträge, die die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben, deutlich gekennzeichnet.

3. Wichtiger als das Kommentieren ist uns das Erklären. Denn unsere Welt dreht sich so schnell und ist so unübersichtlich geworden, dass viele Menschen zwischen all den Meldungen, Informationsschnipseln und Postings oft nicht mehr durchblicken. Sie sind „overnewsed but underinformed“, wie es der britische Schriftsteller Aldous Huxley einst so treffend formulierte. Wir wollen versuchen, unseren Nutzern die Welt zu erklären und so zu einem Leuchtturm in der Informationsflut zu werden. Persönliche Meinungen kommen erst hinterher.

All das ist selbstverständlich nicht die Neuerfindung des Journalismus; manchen Kollegen mögen diese Prinzipien gar banal vorkommen. Wir sehen es so: Hehre Ziele definieren kann jeder. Sie einzuhalten aber erfordert viel Kraft und Ausdauer. Wir wollen sie jeden Tag aufbringen. Konsequent verfolgt, davon sind wir überzeugt, können diese Regeln dabei helfen, das Misstrauen vieler Menschen gegenüber Medien abzubauen und die Erwartungen unserer Nutzer besser zu erfüllen. Kurz: besseren Journalismus zu machen.

Was also hilft nun konkret gegen die „Featureitis“? Selbstverständlich habe ich genauso wenig die Weisheit mit Löffeln gefressen wie andere Journalisten, die über unsere Branche nachdenken. Aber der Chefredakteur des journalists hat mich gebeten, diesen Beitrag möglichst konkret und anschaulich zu schreiben.

Zum Schluss also sieben Anregungen, wie ein Medium zum Leuchtturm in der Informationsflut werden kann:

1. Mehr Erklärformate entwickeln. Im Fall begrenzter Ressourcen im Zweifel Kommentare reduzieren. Beispiele reichen von Q&A-Texten und Vorher-Nachher-Fotos über Grafiken, GIFs und animierte Videos bis zum Debugging von Gerüchten in den sozialen Medien, Live-Chats zwischen Redakteuren und Nutzern oder Audioformaten für Sprachassistenten.

2. Strikt zwischen Berichten einerseits und Meinungsbeiträgen andererseits trennen. Jeden Meinungsbeitrag deutlich als solchen kennzeichnen. Den Lesern in einem Text in eigener Sache erklären, warum man das tut.

3. Jede – wirklich jede – ernstgemeinte Leserzuschrift rasch und individuell beantworten. In meiner Redaktion kümmert sich eine Kollegin ausschließlich um diese Aufgabe; aber auch ich selbst beantworte jeden Morgen cirka eine Dreiviertelstunde lang E-Mails von Lesern.

4. Schluss machen mit dem leidigen „Anfeaturen“. Ausgenommen Genres wie Reportage oder Porträt sollten Texte, Videos und Audios, die im Kern über einen Sachverhalt informieren wollen, sofort zum Punkt kommen und das Publikum nicht mit langatmigen Schilderungen belangloser Szenen vergraulen.

5. Dem Irrglauben abschwören, eine Geschichte würde dadurch besser, dass man sie pars pro toto anhand eines Protagonisten erzählt. Ja, Menschen sind interessant. Aber sie sind immer auch nur das: ein pars. Eben eine von vielen handelnden Personen mit einem subjektiven Interesse. Es ist doch erhellender, Fakten zu vermitteln, Zusammenhänge zu schildern und mehrere unterschiedliche Interessenlagen auszuleuchten.

6. Deshalb: So oft wie möglich Gegenpositionen thematisieren und dialektisch argumentieren. Wo es eine klare Ansicht gibt, gibt es meistens auch ein Andererseits. Mag sein, dass Putins Ukrainepolitik zynisch und brutal ist – aber ist es die von Poroschenko nicht auch, zumindest teilweise? Wer sich die Frage nach dem „Cui bono?“ stellt, findet zumindest in der Außenpolitik und der Wirtschaft, aber auch in vielen innenpolitischen Themen selten nur einen Profiteur oder Schuldigen von Missständen.

7. Mehr Deutschlandfunk hören. Die Kollegen machen ein hervorragendes Programm. Genau das würde ich auch dem oben genannten Leser schreiben, der sich über den „zwangsfinanzierten öffentlichen Rundfunk“ erregt. Diese Liste ist nicht vollständig. Aber sie kann ein Anfang sein. Entscheidend ist in meinen Augen, dass wir uns jeden Tag darum bemühen, unseren Lesern, Nutzern, Zuschauern und Hörern das bestmögliche Informationsangebot zu liefern.

Florian Harms ist seit 2017 Chefredakteur von t-online.de, das zum Multi-Channel-Medienhaus Ströer gehört und im Web und auf Public-Video-Screens monatlich 47 Millionen Menschen erreicht. Zuvor war er Chefredakteur von Spiegel Online.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin

 

Die Redaktion - 21.2.2019