Mein Blick auf den Journalismus
Reflexe der Redaktionen
Josef Zens kritisiert, dass Medien im Bereich der Wissenschaft journalistische Standards preisgeben. (Foto: Sebastian Laraia, Bearbeitung: journalist)

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Josef Zens, früher Zeitungsjournalist und heute Leiter der Pressestelle des Deutschen GeoForschungsZentrums, wirft den Medien vor, gerade im Bereich des Wissenschaftsjournalismus journalistische Standards preiszugeben. Statt etwa über eigene Anteile der mediengetriebenen Hysterie zu reflektieren, würden Journalistinnen und Journalisten als Teil der Maschinerie allzu oft selbst zur Verbreitung von Falschnachrichten beitragen.

von Josef Zens

Ich bin zornig, weil ich eine Anspruchshaltung erlebe und eine Blindheit eigenen Fehlern gegenüber. Beides mündet in dem Vorwurf, Wissenschaft kommuniziere zu langsam, zu schlecht oder gar nicht. So geschehen bei einem Brief eines Lungenfacharztes, der zu Jahresbeginn weit mehr als 100 Mitzeichnende fand und der die deutsche Umwelt- und Verkehrspolitik aufscheuchte. Talkshows und Hauptnachrichten debattierten über Stickoxide und Feinstaub, die angeblich gar nicht so gefährlich seien. Dabei hatte die Wissenschaft längst alle Fakten zum Feinstaub gesammelt, dokumentiert und mitgeteilt – in einem Positionspapier zu Luftschadstoffen und Gesundheit der „Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin“ vom November 2018. Hätte man im Internet erklicken oder bei Fachleuten erfragen können. Anrufen und fragen ist zwar „old school“ und manchmal mühsam, aber Recherche sollte zu den Grundtugenden einer Redaktion gehören. Wobei: Was rede ich von Tugend? Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalist*innen, zu recherchieren. Stattdessen kam eine Außenseitermeinung zu Wort, wurde als Wissenschaft dargestellt, und danach hörte ich die Klage vom Kommunikationsversagen der Wissenschaft. Nochmal: Die Wissenschaft hat die Fakten längst auf den Tisch gelegt. Das ist im Netz nachzulesen.

Journalismus liebt Außenseiter, die haben Nachrichtenwert. Und dann gibt es noch die fast schon reflexhafte Suche nach Konflikten. Das lässt Forschende vor Medienanfragen insbesondere zu kontroversen Themen zurückschrecken. Wenn eine Zeitung uns bittet, ein Pro und Contra zum Thema menschgemachter Klimawandel mit der Pro-Meinung zu bestücken, und „Contra“ soll von einem Verein kommen, der sich Institut nennt und wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet, dann lehnen wir das ab. Das Stück – es war halt dann nur der „Contra“-Beitrag (sprich: Der Mensch hat keinen Einfluss auf den Klimawandel) – ist trotz eindringlicher Warnungen an den Redakteur, damit adle man pseudo-wissenschaftliche Thesen, dennoch erschienen. Das Problem ist in Medienkreisen als „false balance“ längst bekannt, wird aber nicht abgestellt. Zu groß ist die Verlockung, mit Positionen abseits des Mainstreams Aufmerksamkeit zu erregen, vielleicht sogar Empörung auszulösen oder zumindest in einer Talkshow einen Konflikt zu inszenieren.

Fehlerkultur? In Schulnoten würde ich ein „Mangelhaft“ geben. Das fängt bei ungleichgewichtigen Korrekturen an – Skandale werden groß aufgemacht, die Korrektur erfolgt dann Tage später klein in einer Randspalte auf Seite 4 unten. Es geht weiter mit einem Nicht-Wahrhaben-Wollen der eigenen Anteile an Hysterie und Desinformation. Mir kommt das fast so vor wie das Verhalten der katholischen Kirche bei Missbrauchsfällen. Ja, man räumt das schon ein, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber es sind stets nur Einzelfälle. Dass man ein strukturelles Problem haben könnte, oder ein Problem mit falscher Loyalität gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder gegenüber Verlagshäusern, das wird von den Medien selten thematisiert. Man ist ja dank Zugehörigkeit zum Journalismus-Klub Vertreter*in der Wahrheit und der Tugend wie die Kirchenmänner mit ihrem Klub auch. Der Fall Relotius hat da ein bisschen was bewegt. Auf Twitter las ich in den Tagen danach eine Reihe von Bekenntnissen, wie Journalistinnen und Journalisten von Redaktionen aufgefordert wurden, die Wahrheit doch ein bisschen zu biegen und zu dehnen. Unter dem Hashtag #sagenwasist kann man das zum Teil nachlesen. Aber sehr rasch kehrte man zurück zur Tagesordnung und zum unangreifbaren Wahrheitsanspruch.

Traurig bin ich, weil ich viele Journalistinnen und Journalisten kenne, die sich Mühe geben, die transparent arbeiten, die sich in Recherchen hineinknien. Und weil ich sehe, wie deren Arbeitsbedingungen prekärer werden. Mein erster Kontakt mit einer Redaktion war ein Praktikum 1984 bei der Landshuter Zeitung: Ich bekam ein Volontärsgehalt! Ab 1986 arbeitete ich als „fester Freier“, dann als Volontär und schließlich als Redakteur in mehreren Verlagshäusern und Redaktionen. Man konnte gut davon leben. In den Redaktionen saßen Kolleginnen und Kollegen mit solider Ausbildung und viel Erfahrung, wobei nach meinem sehr subjektiven Eindruck Naturwissenschaften eher unterrepräsentiert waren. Das wurde jedoch aufgefangen durch einen Stamm freier Journalist*innen aller Couleur. Jetzt sehe ich eine Arbeitsverdichtung, eine Verknappung von Zeit und Ressourcen, einen Anstieg von Druck („Mach doch auch noch ein Foto und bring einen Video-O-Ton mit, den wir dann vertwittern können“) und einen Verlust von Erfahrung und Kompetenz. Ältere Kolleginnen und Kollegen werden abgefunden oder geben von sich aus auf, jüngere ohne solide journalistische Ausbildung beziehungsweise mit wenig Erfahrung müssen übernehmen.

Content statt Journalismus

Statt journalistischen Stücken, also geprüften und sorgfältig ausgewählten Nachrichten, gibt es mehr und mehr „Content“. Daten aus LinkedIn zeigen für die USA: Zwischen 2004 und 2018 blieben Neueinstellungen im Bereich „Journalismus“ annähernd konstant, dagegen verachtfachte sich die Zahl der „Social Media Manager“ und „Content Manager“ von knapp 9.000 auf mehr als 60.000. Übrigens: Die Jobs in der PR blieben in diesen 15 Jahren, mit großen Schwankungen, am Ende unverändert. Sichtbar ist diese „Content“-Schwemme auch in Deutschland – egal, ob beim E-Mail-Provider oder beim Internetauftritt einer Großstadt, überall finden sich „Nachrichten“ auf Portalen.

Diese Überflutung mit „Nachrichten“ besorgt mich. Als ich mein Volontariat begann, hatten die meisten TV-Stationen noch täglich Sendeschluss, mithin eine überschaubare Zeitspanne mit wenigen festen „Nachrichtenzeiten“. Das Internet war noch nicht erfunden und die Zahl der Printmedien war überschaubar, vor allem aber war sie durchschaubar. Bunte Blätter brachten damals schon „Fake News“ über den Hochadel, Boulevardmedien übertrieben maßlos, und die großen Zeitungen ließen sich in „links“ und „rechts“ sortieren.

Heute dagegen gibt es nicht nur zig private TV-Sender sowie etliche Spartenprogramme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern Anzeigenblätter und Gratiszeitungen und vor allem unzählige Internetauftritte eben jener Blätter, Programme und Sender sowie Webauftritte von allen möglichen Institutionen oder von Journalist*innen selbst. Und überall: „News“ und „Content“, Zeitdruck und Getriebensein. Wenn alle Welt über Trump twittert, wie er Grönland kaufen oder Hurrikane per Atombombe auflösen will, dann brauchen wir das auch auf unserem Portal. Klickt gut!

Aus meiner Sorge wird hier fast schon wieder Zorn über die Preisgabe journalistischer Standards und Ideale. Liebe frühere Kolleginnen und Kollegen: Merkt ihr nicht, wie ihr selbst die Maschinerie anheizt und zur Verbreitung von „Fake News“ beitragt?!

We dit it, too!

Mitgefühl hilft gegen Zorn. Ich erinnere mich, wie der Kollege vom „Vermischten“ der Berliner Zeitung Ende 2001 mit einer englischen Tabloid-Zeitung auf mich zukam. Auf dem Titel ein Fleck, könnte eine Galaxie oder eine Supernova sein. War aber ein Zellhaufen, angeblich ein Menschen-Klon im Embryonalstadium, die Schlagzeile schrie „They did it!“ – „Müssen wir da was machen?“, fragt mich der Kollege. Ich erinnere mich und finde eine Meldung aus der Wissenschaftsredaktion, die wir zuvor gebracht hatten. Zellen eines Menschen sollten zu Stammzellen umprogrammiert und in eine entkernte Eizelle verpflanzt werden, um zu sehen, ob sie sich teilten. Meine Antwort: „Hatten wir schon, sehr speziell, ist noch Grundlagenforschung, die übertreiben.“ Am nächsten Tag ist es in der Bild-Zeitung und in den Fernsehnachrichten, und ich kann mir in der Redaktionskonferenz anhören, wie verpennt die Wissenschaftsredaktion sei. Was soll ich sagen? We did it, too! Am übernächsten Tag brachten wir eine Seite 2 mit Hintergrund dazu.

Mir kommt es vor, als prasselten auf die Redaktionen heute ausschließlich „They did it!“-Meldungen ein; eine ganze politische Industrie (Trump, Brexit/Johnson, AfD) basiert auf diesem Geschäftsmodell von Tabu-Brüchen; mit Facebook, Twitter und YouTube haben sie Vertriebskanäle. Und ihr, liebe frühere Kolleginnen und Kollegen, mittendrin. Macht ihr mit, ist es blöd. Macht ihr nicht mit, ist es erst recht blöd.

So, gut 8.000 Zeichen rum, und ich hab‘ noch nicht von der Steinzeit erzählt. Wie wir ohne Internet recherchierten und produzierten. Damals, als Journalistenanfänger hätte ich weit eher mit einem Redakteur aus Egon Erwin Kischs Zeiten fachsimpeln können als mit einer Redakteurin von heute. Deren technische Möglichkeiten und Arbeitsweise wären mir wie absurde Science Fiction vorgekommen. Auf meinem Schreibtisch standen noch Schere und Leim, um die Manuskripte von Freien zu zerschneiden und die Absätze auf Blankopapier neu sortiert zusammenzukleben („cut and paste“, ich schwör!). Ein Bote fuhr zwischen Redaktion und Druckerei hin und her. Was den Kisch-Redakteur verwundert hätte, war das Fax. Meistens war es ohnehin unbrauchbar, weil wir die Manuskripte in die Setzerei faxten, bevor der Kleber getrocknet war. Die Papiereinzugsrolle war chronisch mit Leim verstopft.

Es gab ein Korrektorat und das, was in der Zeitung stand oder aus dem Fernsehapparat kam, hatte wirklich Gewicht. Paradoxerweise waren Nachrichten zugleich „flüchtiger“, denn kaum jemand hortete alte Zeitungen oder hatte die technische Möglichkeit, Rundfunksendungen zu archivieren. „Das versendet sich“, sagten die Rundfunkleute. Im Print hieß das „nichts ist älter als die Zeitung von gestern“ und „der Leser hat kein Archiv“.

Das Weltarchiv Internet

Dieser technikhistorische Hintergrund beeinflusst meines Erachtens noch heute Rezeptionsgewohnheiten und journalistische Traditionen: Hier eine Branche, die es gewohnt ist, als vierte Gewalt gesehen zu werden und die Fehler kaum zugeben will. Dort die Mediennutzer*innen, die „Wahrheit“, basierend auf Qualitätsstandards und Expertise, erwarten.

Beides kollidiert mit dem Weltarchiv Internet, mit der Empörungsmaschine Internet, mit der „Fake-News“-Massenanfertigung Internet. Es kollidiert auch mit systematischer Überforderung von Kolleginnen und Kollegen in Redaktionen und mit einem Verlust an Erfahrungswissen, hervorgerufen sowohl durch das Zusammenbrechen der Geschäftsmodelle, die Journalismus bislang trugen, als auch durch das Aufblähen von Nachrichtenportalen, die stets neuen Content brauchen.

Immer wieder erlebe ich, wie völlig unvorbereitete Journalist*innen anrufen oder per Mail anfragen und erst einmal in die Grundlagen des Themas eingeführt werden wollen. Oft erfahre ich das erst nach einem Anruf einer Forscherin oder eines Forschers, die sich bei mir beschweren, dass sie bei Adam und Eva anfangen mussten und eineinhalb Stunden verbrachten, von denen zwei Drittel nichts mit dem aktuellen Thema, sondern mit Grundlagenwissen zu tun hatten.

Dann aber staune ich immer wieder aufs Neue darüber, was heute möglich ist, gerade wenn ich an die mediale Steinzeit denke. Wie ich sofortigen Zugriff auf Wissen und Fakten habe und Kontakt mit Expertinnen und Experten in aller Welt aufnehmen kann. Wie Journalismus international zusammenarbeitet, wie er in Nischen blüht und gedeiht. Die RiffReporter sind so ein Beispiel. Den Stücken aus den „Riffen“ sieht man die Expertise und Zeit an, mit denen sie angefertigt wurden. Ich verfolge die Qualitätsdebatten im Journalismus mit, und ich sehe auch, wie sich das deutsche „Science Media Center“ etabliert, das nach britischem Vorbild Redaktionen unterstützt, die sich keine eigenen Wissenschaftskolleg*innen mehr leisten können oder noch nie welche hatten. Es ist wohl mit der technischen Revolution in den Medien genauso wie mit einer politischen: Der Prozess ist hoch turbulent, der Ausgang ist nicht vorhersehbar, und hinterher haben es alle schon immer gewusst.

Offenlegung: Einen Teil des Beitrags habe ich in einem Blogbeitrag im Februar veröffentlicht, und das Deutsche GeoForschungsZentrum, für das ich arbeite, ist Förderer des Science Media Centers.

Josef Zens ist Diplom-Geograf und ausgebildeter Tageszeitungsjournalist, seit 2016 leitet er die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen GeoForschungsZentrums in Potsam.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin
Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine
Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater
Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt
Teil 14: Josef Zens, Deutsches GeoForschungsZentrum

Die Redaktion - 13.11.2019