Thomas Hauser
Liebeserklärung an einen geschundenen Beruf
Thomas Hauser sagt: "Journalist sein zu dürfen ist ein Privileg, aber auch eine große Verantwortung". (Foto: Michael Bamberger)

Thomas Hauser, langjähriger Chefredakteur der Badischen Zeitung und seit 2016 Herausgeber des Blatts, macht dem Journalismus eine Liebeserklärung. Er sagt: „Journalismus ohne Demokratie ist Propaganda. Und Demokratie ohne unabhängigen Journalismus nur eine Behauptung.“ Wir dokumentieren seine Rede zur Verleihung der Ralf-Dahrendorf-Preise am 17. Juni 2019.

von Thomas Hauser

Es ist Zeit für ein Geständnis. Ich arbeite für die Systempresse. Ich bin ein Gesinnungstäter. Unser System ist die Demokratie. Journalisten stehen  aufseiten der Bürgergesellschaft, nicht aufseiten der Mächtigen. Unser bevorzugtes Blickfeld ist weder die Steillage noch die Halbhöhenlage.

Journalist sein zu dürfen ist ein Privileg, aber auch eine große Verantwortung. Dieser Beruf ist immer in Gefahr, missbraucht zu werden. Von vielen Seiten, auch von der eigenen Zunft. Und Zeiten wie diese sind eine besondere Prüfung. Journalismus ohne Demokratie ist Propaganda. Und Demokratie ohne unabhängigen Journalismus nur eine Behauptung. Zeit also für eine Liebeserklärung an einen geschundenen Beruf.

Was sollte man heute jemandem raten, der Journalist werden will? Dass er Neugier braucht, aber auch hartnäckig und gründlich sein muss? Dass er bereit sein muss, unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen? Gewiss. Braucht er oder sie eine gute Allgemeinbildung? Es gibt ja schließlich Google. Wenn ich Sie jetzt geschockt habe, besteht noch Hoffnung. Vorsicht Ironie! In Internetzeiten wäre ein Emoji fällig gewesen. Das sind die Piktogramme für stilistische und empathische Analphabeten. In diesem Fall das augenzwinkernde Gesicht.

Sicher braucht er oder sie auch Verständnis dafür, wie Kommunikation im Internetzeitalter funktioniert. Die technischen Fertigkeiten werden heute schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ich freilich würde jedem und jeder vor allem zu Misstrauen raten. Das war für Journalisten schon immer eine Tugend. Sie wussten: Keiner mag Journalisten, aber jeder will sie benutzen. In einer Welt, in der PR und Propaganda aber auch gezielte Desinformation zunehmend unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit prägen, ist Misstrauen eine Kardinaltugend. Es gilt die Philosophie der Fische: Nur wer die Haken kennt, entgeht den Anglern.

Was sagen Sie jemandem, der irgendwas mit Medien machen will? Schmeißen Sie ihn oder sie raus – unverzüglich. Medien haben schon immer narzistische Typen angezogen. Die Branche ist voll von Menschen mit dem Drang zur Selbstdarstellung. Mach dich selbst zur Marke, ist das Credo des modernen Internet-Marketings. Für die ist ein solches Motto die Rechtfertigung, sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen. Fälle, wie die des Kollegen Claas Jan Relotius, sind da nicht mehr Unfälle, sondern systemimmanent. Welch ein Irrweg.

Wir brauchen selbstbewusste, nicht selbstverliebte Journalisten. Die Strahlkraft einer journalistischen Persönlichkeit kann Ergebnis einer erfolgreichen Karriere sein. Selbstzweck ist sie nicht. Zweck ist der Dienst an der Bürgergesellschaft. Journalisten suchen Bürgerinnen und Bürgern aus den tosenden Nachrichtenfluten die Informationen heraus, die er oder sie wissen muss, um seine oder ihre Aufgaben als Bürgerin oder Bürger wahrzunehmen. Früher galt es, Informationsquellen zu erschließen, die nicht jeder hatte. Journalisten sind – so betrachtet – vom Brunnenbohrer zum Perlentaucher geworden. Ja, journalistische Angebote, ob Print oder Digital dürfen auch unterhalten, aber sie sind kein Unterhaltungsmedium. Dieser Spagat gelingt nur dann, wenn Journalisten nicht ihre Leser quälen, sondern sich selbst. In diesem Beruf ist man eben kein normaler Angestellter mit 8-Stunden Tag und Work-Life-Balance. Und eine Redaktion ist auch keine Verlagsabteilung, wie jede andere.

In einer Welt, in der viel Geld, aber auch Politik mit Propaganda und Desinformation gemacht wird und Gesellschaften immer stärker beeinflusst werden, ist dieses Handwerk wichtiger denn je. Sichten, sortieren, prüfen, auswählen und die eigene Arbeit transparent machen, die gründliche Recherche und die Unterscheidung von Fakten, Gerüchten und Meinungen, sie müssen geübt und gepflegt werden. Geschichten und Unterhaltung sind die Kür. Information ist die Pflicht. Ganz nebenbei ist genau dies auch der Auftrag von Artikel 5 des Grundgesetzes und nur dessen Erfüllung rechtfertigt die dort gewährten Privilegien. „Es gibt keine Abkürzung für guten Journalismus“, sagte Arthur Gregg Sulzberger, der Verleger der New York Times in einem Interview mit dem Spiegel. Warum nur suchen dann so viele nach ihr?

Was aber machen Sie mit jemandem, der gerne gute und fundierte Nachrichten, Hintergründe und Analysen schreibt, Menschen porträtiert? Weil er oder sie gerne auf Menschen zugeht, den Dingen hartnäckig auf den Grund gehen und die Gesellschaft aufklären mag, sich an Fakten, nicht an Stimmungen oder Meinungen orientiert? Den müssten Sie vor sich selbst schützen und behutsam an die Realität heranführen. Er wird sonst verzweifeln. Die Masse der Jobs sieht nämlich anders aus. Redakteure bei Regionalzeitungen sitzen heute die meiste Zeit hinter Computern oder bei Meetings, recherchieren meist nur telefonisch oder im Internet, sind Producer, Grafiker, fürs Marketing und für den Verkauf zuständig – und das 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ihr Job ist Produktion und Vermarktung von „Content“.

Dass dies so ist, hat viel mit einem Paradigmenwechsel zu tun. Sich informieren ist ein Bürgerrecht. Informationen sind aber auch eine Ware und ein Machtinstrument, wenn sie als Propaganda missbraucht werden. Und dieser Warencharakter rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Die Ökonomisierung des Journalismus führt zu einem Austausch der Adressaten. Nicht mehr der Bürger wird angesprochen, sondern der Medienkonsument. Das klingt harmlos, hat aber weitreichende Folgen. Die erste: Google, Facebook und Amazon saugen den Sauerstoff aus den Newsrooms der Informationsmedien. Die parasitäre Wirkung der Strategie der Internetoligopole entzieht dem Informationsjournalismus die ökonomische Basis und zwingt diesen auf den Like-Button-Laufsteg. Wichtig ist nicht mehr das, was der Bürger wissen muss, sondern was er konsumieren will.

Um dies herauszufinden, wird derzeit kräftig aufgerüstet. Es soll Redaktionen geben, die mehr Zeit darauf verwenden, um herauszufinden, was Konsumenten als nächstes lesen wollen, als zu recherchieren, was er wissen muss, um seine Bürgerrechte wahrnehmen zu können. Der entfesselte Markt ist der Gott der nachrationalen Gesellschaft. „Big Data“, sein Prophet. Er verbreitet nicht nur dessen Gesetze, sondern vermarktet erbarmungslos alles, was Nutzer ihm sorglos anvertrauen. Die hohen Priester des Systems, die Influencer, wollen, der Name ist da transparent, nicht informieren, sondern Einfluss nehmen – bevorzugt auf jüngere Zielgruppen. Deren Gesinnung und ihre Bereitschaft zum Konsum sollen erst gar nicht von Zweifeln angekränkelt werden.

Marketing-Strategen schwärmen von einer Persona-Strategie. Ihr Traum: In die Redaktionsstuben werden Puppen gesetzt – nein, nicht als Roboter, die gibt es auch. Diese Puppen, in 3-D-Druckern zu Menschengestalt geformte Algorithmen, sollen die Redakteure permanent daran erinnern, was ihre User angeblich von ihnen erwarten. Journalismus mutiert zur Peep-Show. Relevant ist, was bezahlt wird. Wen wundert, wenn das Ergebnis nicht befriedigt. Weder die Macher, noch die Konsumenten. Die Mainzer Langzeitstudie „Medienvertrauen“ sieht 2018 zwar ein recht stabiles Vertrauen in die klassischen Medien, verzeichnet aber eine wachsende Entfremdung. Der naheliegende Schluss, je intensiver sich Medien an ihre Leserinnen und Leser heranrobben, desto stärker gehen die auf Distanz, erweist sich bei näherer Prüfung als zu einfach. Aber die Wirklichkeit ist nicht viel erfreulicher: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger vertrauen zwar den Informationen klassischer Medien mehr als denen in sozialen Netzwerken. Sie lesen, hören und sehen sie aber trotzdem nicht.

Auch der zweite Trend ist Folge einer Ökonomisierung des journalistischen Denkens, wird aber als Boulevardisierung beklagt. Hier wird skandalisiert, emotionalisiert, moralisiert und sprachlich überzeichnet. Das sind Symptome eines medialen Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS). Guter Journalismus schlägt dort Alarm, wo der wirklich geboten ist, und beruhigt die erhitzten Gemüter durch Aufklärung und Einordnung immer dann, wenn Aufwallungen unbegründet sind. Eine starke Geschichte braucht keine starken Worte. „Benutze gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge“. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat das gesagt. Aber wer erinnert sich noch an diesen Influencer einer längst untergegangenen Zeit?

Der Superlativ ist die Sprachform der Marktschreier in Marketing und Propaganda. Wer jede Maus als Elefanten beschreibt, hat für den großen Dickhäuter keine Worte mehr. Was ist das für ein Land, in dem Springers „Bild“ das meistzitierte Medium ist, ihr Verleger als BDZV-Präsident die Branche ermahnt, sich selbst aber einen großen amerikanischen Finanzinvestor ins Haus holt und in dem der Philosoph Peter Sloterdijk vom Magazin „Cicero“ zum einflussreichsten Intellektuellen des Jahres 2018 ausgerufen wird – streng wissenschaftlich ermittelt, versteht sich.

Die dritte Linie ist eine rasante Konzentrationswelle. Zeitungshäuser wie DuMont oder Springer steigen aus dem Markt der Regionalzeitungen aus, renommierte Zeitungstitel verschwinden hinter Dachmarken wie Redaktionsnetzwerk Deutschland, Funke-Mediengruppe oder der Südwestdeutschen Medienholding. In deren Newsrooms wird die überregionale Berichterstattung für jeweils Dutzende Zeitungstitel produziert. Das soll Synergien schaffen, um die regionale Kompetenz zu stärken, aber allzu oft werden diese nur gebraucht, um die Häuser rentabel zu halten. Das alles folgt dem Geschäftsmodell der Internetwirtschaft – kleine Marge, große Stückzahlen – aber auch dem Streben nach nationaler Größe. Wer groß ist, so die Logik, kann sich im anschwellenden medialen Grundlärm besser Gehör verschaffen, Themen setzen. Agendasetting heißt das im Marketingssprech. Je weniger Stimmen aber zu vernehmen sind, desto monotoner wird die Kommunikation und desto schwieriger wird es, Irrtümer zu korrigieren.

Dabei bräuchte es angesichts einer moralisch emotionalen Aufladung in der Gesellschaft mehr denn je medialer Sorgfalt und Gelassenheit. Die verzweifelte Suche nach einem Geschäftsmodell für das Internet kann deshalb für Verlage und Gesellschaft fatale Folgen haben: Medienpopulismus und politischer Populismus profitieren voneinander. Politische Populisten aber werden sich nur so lange dieser Medien bedienen, wie sie diese für ihre Strategie brauchen.

Das Netz selbst bietet nämlich längst andere, effizientere Möglichkeiten für Propaganda, von denen die Diktatoren des 20. Jahrhunderts nicht einmal träumen konnten. Selbst Donald Trump ist da mit seinem Government by Twitter ein Dilettant. In China, aber auch in Singapur kann derzeit beobachtet werden, wie ökonomistisches Denken, Big Data und ein totalitärer Machtanspruch verknüpft werden können, um Menschen auf eine Weise zu entmündigen, die diese oft sogar als angenehm empfinden; zumindest führt sie nicht zu Rebellion.

Ralf Dahrendorf spricht in diesem Zusammenhang von einer autoritären Technokratie, in der das Wohlstandsversprechen des Marktes mit einer autoritären Perfektionierung des Plans verbunden wird. Wohlstand ohne Politik. Die Faszination eines solchen Systems speist sich aus der Integration von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in einem System. Es ist also das Gegenbild zum demokratischen Pluralismus. Eine solche Gesellschaft nimmt den Menschen die Qual der Wahl ab. „Menschen, die dank der aufgeklärten Geschichte der letzten Jahrhunderte ihre individuelle Identität gefunden haben, wollen diese nun wieder abgeben. Sie haben Angst vor der Freiheit.“

Der alte Mann greift angesichts solcher Szenarien im Bücherregal nach Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und ist von jeder Zuversicht geheilt. Der ewige Widerspruchsgeist in ihm aber sucht nach Alternativen, schärft seinen Blick, vergräbt sich in den Einsendungen für den diesjährigen Dahrendorf-Preis und findet dort zwar ebenfalls alarmistische Texte, aber auch glänzende Beispiele für einen aufklärerischen Journalismus im Dienst der Bürgergesellschaft. Es gibt sie also auch weiterhin die selbstbewussten, handwerklich versierten Journalistinnen und Journalisten. Solche, die eine demokratische und humane Haltung haben, aber keine Mission. Wir sollten diese Spezies pflegen. Wir brauchen sie dringend.

Und wir brauchen auch all die, die gerne so arbeiten würden, wenn man sie ließe oder sie selbst sich trauen würden. Traut Euch, kann man denen nur raten. Es ist gar nicht so schwer, aber außerordentlich befriedigend. Denn auch die in journalistischen Salons hitzig diskutierte Frage, ob Journalisten eine Haltung haben sollen, ist letztlich akademisch. Es ist nicht möglich, keine Haltung zu haben. Auch wer neutral bleiben will, verhält sich. Aber er leugnet die Basis seiner Existenz: Denn die besteht darin, für das System zu arbeiten – für die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger in einer offenen, demokratischen Gesellschaft. 

Thomas Hauser (64) hat seine berufliche Karriere bei der Badischen Zeitung in Freiburg verbracht. Angefangen als Volontär wurde er 1995 Leiter der Heimatredaktion und übernahm im Jahr 2002 die Chefredaktion. Seit 2016 ist Thomas Hauser Herausgeber der Zeitung. Im Juli wird er seine berufliche Tätigkeit als Herausgeber beenden. Hauser ist Träger des Theodor-Wolff-Preises und Biograf des 2009 gestorbenen Sozialphilosophen Ralf Dahrendorf – dem Namensgeber des alle zwei Jahre verliehenen Journalistenpreises.

 

Die Redaktion - 20.6.2019