Mein Blick auf den Journalismus
Das Fragezeichen passt besser zu unserem Beruf als das doppelte Ausrufezeichen
Journalisten müssen sich auf Qualitätsstandards besinnen, sagt Georg Mascolo. Und auf eine ehrlichere Fehlerkultur. (Foto: WDR/Oliver Ziebe, Bearbeitung: journalist))

In unserer neuen Serie "Mein Blick auf den Journalismus" fragen wir die klugen Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen. Teil 3: Georg Mascolo. Er sagt: Gäbe es keinen Journalismus, dann müsste man ihn genau für diese Zeiten erfinden. Denn wenn die Beunruhigung steigt, suchen die Menschen nach Orientierung. Für Journalisten heißt das, sich wieder mehr auf Qualitätsstandards zu besinnen: Fragen stellen, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, mit den Menschen sprechen. Und einen kühlen Kopf bewahren.

von Georg Mascolo

Was mich in diesen Zeiten bewegt, ist vermutlich nichts anderes als das, was auch viele Kolleginnen und Kollegen umtreibt. Warum gibt es so viel Misstrauen gegenüber unserer Arbeit? Warum haben wir so viel von dem eingebüßt, was doch die unabdingbare Voraussetzung für unsere Arbeit ist: das Vertrauen unseres Publikums?

Dabei sind es gerade Zeiten, in denen es auf unsere Arbeit ankommt. Großes droht ins Rutschen zu kommen. Es scheint, als würde die einzige Staatsform, in der wir frei arbeiten können, die Demokratie, einem Stresstest unterzogen. Die Lüge gilt Politikern, längst nicht nur in den USA, als zulässiges und erfolgreiches Instrument. Die Unterschiede zwischen „wahr“ und „unwahr“ verschwimmen. Oder besser: Sie werden bewusst verwischt. Populistische Parteien haben Zulauf und Erfolg, und ihre Methoden sind immer das Gegenteil von dem, was guten Journalismus ausmacht: Sie spitzen zu, lassen weg, unterschlagen notwendige Fakten und setzen auf Emotionalisierung. Ihr Publikum erreichen sie heute direkt. Vorbei die Zeiten, in denen die Verbreitung von Nachrichten – und all dem, was sich heute als solche ausgibt – an erhebliche wirtschaftliche Investitionen gebunden war: Es braucht keine Druckerpresse mehr, keine Radiostation, keinen Fernsehsender. Es gibt ja das Internet.

Und doch müssten es eigentlich großartige Zeiten sein für uns Journalistinnen und Journalisten. Wenn die Beunruhigung steigt, suchen die meisten Menschen nach einem Ort der verlässlichen Orientierung: Was muss mich besorgen? Was kann ich getrost ignorieren? Wofür und wogegen lohnt es sich zu engagieren? Es ist unser Beruf, darauf Antworten zu geben: sorgfältig recherchiert, überprüft und mit dem Versprechen „Stimmt“ ausgeliefert. Wir entlarven Gerüchte; wir liefern Kontext, Verständnis, Einordnung. Erste und vornehmste Aufgabe des Journalismus ist es, den Bürgern dabei zu helfen, ihre Entscheidungen zu treffen. Er ist keine vierte Macht im Staat, aber das Gegenmodell zur Filterblase, und eben diese Aufgabe macht ihn unersetzlich. Einzigartig. Gäbe es keinen Journalismus, man müsste ihn genau für Zeiten wie diese erfinden.

Unsere Kritiker teile ich in zwei Gruppen: Da sind diejenigen die das hässliche Wort der „Lügenpresse“ skandieren oder sogar auf Berichterstatter einprügeln. Mit ihnen ist keine Diskussion möglich. Was sich vor allem Journalistinnen und Journalisten mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund anhören müssen (warum eigentlich nicht auch wir Italiener?), ist unerträglich. Und doch liegt immer ein Risiko darin, sich an seinen radikalsten Gegnern auszurichten, denn sie radikalisieren die Diskussion. Man kann sich leicht an ihnen vergiften. Mich beschäftigt daher viel mehr, wie wir jene überzeugen, die ebenfalls Fragen haben, auch harte Kritik, die gehört werden wollen – aber auch zuhören. Es liegt eine Chance darin, mit ihnen das Gespräch zu suchen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen oder neu zu begründen.

Jeder muss seine Verantwortung tragen

Vertrauen ist ein großes Wort. Es beschreibt den Verzicht auf die letzte Gewissheit. Wir schenken es den Piloten, wenn wir in ein Flugzeug steigen oder der Ärztin, die uns behandelt. Wir verlassen uns darauf, dass sie ihre Sache so gut wie möglich machen, nach festen handwerklichen und ethischen Regeln. In unserem Beruf gibt es zugegeben eine ziemliche Spanne. Es gibt solche, die in ein Kriegsgebiet reisen, um unter Lebensgefahr von dort zu berichten. Und es gibt solche, die nach dem Unfalltod eines Kindes versuchen, ein Bild des Opfers aufzutreiben. Niederschmetternd ist es, wenn Journalisten wie Claas Relotius ganze Geschichten fälschen – und das ausgerechnet bei einem Magazin wie dem Spiegel.

Fehler machen wir alle, fälschen ist eine eigene Kategorie. Wer dies tut, verrät unseren Beruf. Gut und notwendig, dass der Spiegel die Sache nun aufklären will. Relotius steile Karriere begann, als ich nicht mehr Chefredakteur war, aber seine ersten Texte unter der Marke Spiegel habe ich verantwortet. Waren wir blind, waren wir, war ich zu begeistert von allzu perfekten Texten? Jeder muss seine Verantwortung in der Causa Relotius tragen.

Seit mehr als 30 Jahren bin ich nun im Beruf. Meine Arbeitgeber waren und sind das, was man „Qualitätspresse“ nennt. Aber ich habe nicht immer „Qualität“ abgeliefert. Manche meiner Fehler erinnere ich bis heute schmerzlich, vor allem, weil ich sie meinem Publikum verschwiegen habe. Ich komme darauf zurück.

Wenn wir also Vertrauen zurückgewinnen wollen, dann tun wir es, indem wir die Regeln, die wir an alle anderen anlegen, zuerst an uns selbst anlegen. Wer dem Souverän dienen will, muss selbst souverän sein. Auch wenn es weh tut.

In meinen ersten Berufsjahren lernte ich den Begriff der Zuspitzung. Damals galt zumeist noch eine strenge Trennung zwischen Nachricht und Meinung, einzig Blätter wie der Spiegel und einige wenige andere ignorierten dies. Der Gedanke dahinter war, dass nach langer und gründlicher Recherche eine besondere Stilform zulässig sei.

Heute wird an zu vielen Orten zu wenig getrennt. Und ständig zugespitzt. Dazu kommt die inzwischen ungeheure Beschleunigung: Es wird geurteilt, bewertet, ausgedeutet, bevor der Sachverhalt überhaupt verstanden werden kann. Langsamer und zurückhaltender, so glaube ich, muss Journalismus heute wieder werden, ein Ort der Mäßigung und des zweiten Gedankens. Er macht nicht Kleines groß und lässt Großes liegen. Wenn etwas abends keine Bedeutung mehr hat, dann war es vermutlich tagsüber auch nicht so wichtig. Und manchmal gehen ein Teil der Politik und ein Teil der Medien eine gefährliche Symbiose ein – ein Spektakel, in dem es nur noch darum geht, wer möglichst laut ist. Die Leisen haben es dann schwer, selbst wenn sie Kluges zu sagen haben. In den USA hat dies dazu beigetragen, dass der Präsident dort Donald Trump heißt. Das Fernsehen konnte von diesem Kandidaten gar nicht genug bekommen. Wie sagte doch der damalige Chef des Senders CBS: „Trump mag nicht gut für Amerika sein. Aber er ist verdammt gut für CBS. “ Deutschland ist hier anders als Amerika. Achten wir darauf, dass es auch nicht so wird.

In unserer Welt verlangen und benötigen wir langfristiges Denken, vorausschauendes Handeln und Souveränität. Eine Politik, die auf die Belohnung durch das Geschichtsbuch setzt. Und nicht nur in der abendlichen Zusammenfassung. Achten wir darauf, dass wir denjenigen, die dieses Ideal anstreben, die Räume nicht zu eng machen. Trauen wir uns, erst wieder über Dinge zu schreiben, wenn wir sie selbst verstanden haben. Journalismus ist Reduktion, aber es ist wie in der Küche: Eine gute Soße machen auch nur die Besten am Herd. Das Internet ist nicht das erste Echtzeit-Medium, das Radio und das Fernsehen sind es auch. Seine erste große Bewährung erlebte das Radio beim Überfall auf Pearl Harbour. Weil zuverlässige Informationen fehlten, schwadronierten Journalisten darüber, dass es sicher die Deutschen gewesen seien, die Japaner seien zu einem solchen Präzisionsschlag gar nicht in der Lage. Ein Augenzeuge wollte ganz sicher das Hakenkreuz am Leitwerk eines der Bomber erkannt haben. Nichts gegen Geschwindigkeit. Die zweitwichtigste Regel unseres Berufs ist es, eine Geschichte als Erster zu haben. Aber die erste Regel heißt, dass sie stimmen muss.

Die sozialen Medien haben eine fiebrige Aufregung geschaffen, von ihr muss sich der Journalismus abgrenzen. Das fängt schon beim Ton an. Gleich zwei Mal habe ich in den vergangenen Jahren vom „Failed Freistaat“ Sachsen gelesen. Ein hübsches Wortspiel – außer, dass ein „Failed State“ einen Zustand beschreibt, der mit Sachsen nichts zu tun hat.

Warum schreiben selbst Nachrichtenagenturen vor einer entscheidenden politischen Weichenstellung von der „Nacht der langen Messer“, einem Begriff aus der Nazi-Zeit? Vor dem Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Berlin berichteten praktisch alle deutschen Medien unter Berufung auf eine Meldung aus der Türkei über eine übergebene Liste von Staatsfeinden, die ausgeliefert werden sollten. Aus dem Konjunktiv wurde im Laufe des Tages ein Indikativ. Aber es gab keine Liste. Fragt man im Kanzleramt, im Bundespresseamt, im Innenministerium, so heißt es dort: So gut wie niemand hat gefragt, ob die Meldung überhaupt stimmt. Das ist keine Zeitnot. Das ist unentschuldbare Bequemlichkeit und das Ignorieren zwingender handwerklicher Standards. Inzwischen gibt es übrigens eine Liste. Sie kam nach dem Besuch.

Selbstbewusst und fordernd

Die steilsten Thesen bekommen oft die meiste Aufmerksamkeit, dabei wissen wir, dass sie oft falsch sind. Zu unserem Beruf passt das Fragezeichen besser als das doppelte Ausrufezeichen. Ich war in meinem Leben an so vielen falschen Vorhersagen beteiligt, dass ich den Satz „Ich weiß es nicht“ lieben gelernt habe. Unser Publikum hat ein gutes Gedächtnis. Es erinnert sich, wenn wir ihnen die Unmöglichkeit eines Brexits vorhersagen. Oder dass die Jamaika-Koalition auf jeden Fall kommt und uns Trump erspart bleibt. Manche von uns, die Trump für unmöglich erklärten, wussten am Tag danach genau, was nun von seiner Präsidentschaft zu erwarten war. Unser Publikum vertraut uns dann, wenn wir Urteilsvermögen beweisen. In einer Welt, in der die Argumente für eine Sache oft nicht viel besser sind, als die dagegen, ist daher der ruhige Ton der Zwilling des kühlen Kopfs. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu jener Polarisierung beitragen, die wir dann so laut beklagen. Dauererregung ist der Boden, auf dem Populismus gedeiht.

Ein „Jahrhundertversagen“ haben unsere amerikanischen Kollegen die Wahl Trumps genannt. Es war die Unfähigkeit, zu erkennen, was im eigenen Land möglich sein würde. Wie ist es bei uns? Sind wir nah genug dran, kennen wir die Wirklichkeit außerhalb von München, Hamburg und Berlin gut genug? Wer hat den Aufstieg der AfD kommen sehen, wer kennt die Verhältnisse auf dem Land oder in den schon gar nicht mehr so neuen Bundesländern? Wer reist und hört sich um, auch wenn nicht gerade Nazis durch die Straßen von Chemnitz ziehen? Der Schreibtisch ist der gefährlichste Ort für uns Journalisten. Wir sollten uns weniger mit der AfD beschäftigen, aber mehr mit den Menschen, die sie wählen. Es ist in unserem Beruf immer gut, mit denjenigen zu sprechen, die wir am wenigsten verstehen.

Die Umstände, um das auch zu sagen, unter denen viele Journalistinnen und Journalisten heute arbeiten, sind schwierig. Manchmal sind sie unwürdig. Verleger, Intendanten und Chefredakteure verlangen ihnen zu recht viel ab, das Publikum ist fordernder, die Zeiten schneller, die Konkurrenz so groß wie nie. Aber sie schulden ihnen auch etwas: Eine gute Ausbildung etwa, denn sie müssen auch können, was sie dürfen. Eine faire Bezahlung und vor allem die Zeit, die es nun einmal braucht, um guten Journalismus abzuliefern. Seien Sie selbstbewusst und fordernd: Sie sind im Unternehmen das einzige existierende Produktionsmittel.

Wenn ich Kolleginnen und Kollegen frage, welche journalistische Marke sie am meisten bewundern, dann fällt der Name der New York Times. Ich bewundere sie auch. Am meisten für diese zwei Dinge: Sie sind der Zukunft zugewandt, mit Videos, Podcasts und neuen Erzählformen. Aber die neue Technik verändert nie die Substanz des Journalismus. Die New York Times liefert einen Journalismus ab, der der Journalismus der New York Times ist. Nichts anderes. Die New York Times ist der Marktführer auf dem Markt der Klugheit. Sie verlangt Mäßigung von ihren Angestellten, übrigens auch auf Twitter. Als Faustregel gilt: nichts zu schreiben, was nicht auch in der Zeitung stehen könnte. Sie fordert Geld für guten Journalismus, sie hat die Entscheidung früher getroffen als die meisten anderen Medienunternehmen. Ich halte dies für den richtigen Weg. Es war ein Jahrhundertfehler, Journalismus im Netz zu verschenken und zugleich zu glauben, dass man ihn weiter würde verkaufen können. Hoffentlich können wir das Rad noch zurückdrehen.

Und ebenso sehr bewundere ich die Times für etwas, was ich selbst viel zu lange nicht getan habe. Fehler als Fehler zu benennen, sie zu korrigieren. Nicht weil man erwischt worden wäre. Sondern von sich aus, aus Pflichtgefühl gegenüber dem Publikum und aus Liebe zum Beruf. Lange bevor ich in den Beruf kam, gab es bereits den Pressekodex. Ziffer 3 beschreibt dies als Pflicht: „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch herausstellen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtigzustellen.“

"Machen Sie es besser"

Als ich Redakteur beim Spiegel wurde, gab es für solche Richtigstellungen nicht einmal einen Ort. Niemand korrigierte seine Fehler. Ich war ganz froh, ich war jung, hatte Angst und war dankbar, meine eigenen Fehlleistungen verstecken zu können. Diejenigen, die nach mir kamen, nahmen sich ein Beispiel an meinem schlechten Beispiel.

Eine staatliche Kontrolle der Medien kann und darf es nicht geben. Also müssen wir uns selbst kontrollieren. Inzwischen hat sich manches gebessert, Fehler werden berichtigt, aber meist nur eine Jahreszahl oder ein falsch geschriebener Name. Echte Fehlleistungen räumt kaum jemand ein – oder? Ich habe das Vertrauen meiner Leserinnen und Leser betrogen. Ich schäme mich dafür. Bitte machen Sie es besser.

Georg Mascolo arbeitete ab 1988 zunächst für Spiegel TV, bevor er 1992 zum Spiegel-Magazin wechselte. Von 2008 bis 2013 war er dort Chefredakteur. Seit 2014 leitet er den Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Er besitzt die deutsche und italienische Staatsbürgerschaft und ist für die ARD als Terrorismus-Experte tätig.

Bisher erschienen:

Teil 1: Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland
Teil 2: Carline Mohr, Social-Media-Expertin
Teil 3: Georg Mascolo, Leiter des WDR/NDR/SZ-Rechercheverbunds
Teil 4: Hannah Suppa, Chefredakteurin Märkische Allgemeine
Teil 5: Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de
Teil 6: Georg Löwisch, taz-Chefredakteur
Teil 7: Stephan Weichert, Medienwissenschaftler
Teil 8: Julia Bönisch, Chefredakteurin von sz.de
Teil 9: Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin
Teil 10: Barbara Hans, Spiegel-Chefredakteurin
Teil 11: Sascha Borowski, Digitalleiter Augsburger Allgemeine
Teil 12: Richard Gutjahr, freier Journalist, Start-up-Gründer und -Berater
Teil 13: Benjamin Piel, Chefredakteur Mindener Tageblatt

Die Redaktion - 4.2.2019