70 Jahre DJV
Wie werden wir wieder sexy?

Der Deutsche Journalisten-Verband will und muss sich neu aufstellen, um auch in Zukunft die relevante Stimme der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland zu sein. Nach vielen Reformen und Reförmchen wird er nun erstmals eine von einem professionellen Coach begleitete Zukunftswerkstatt veranstalten.

von Monika Lungmus

Mit der Zukunft ist das so eine Sache. Man kann sie nicht vorhersehen, aber man kann sie vielleicht gestalten. Beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV) ist derzeit viel von Zukunft die Rede. Oder besser von Zukunftsfähigkeit. Der Verband, ein Riesentanker mit derzeit 17 Landesverbänden und weit mehr als 30.000 Mitgliedern, ist – wie viele Gewerkschaften – in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft: Rentner scheiden aus, Berufsanfänger rücken nicht im gleichen Umfang nach – was zwangsläufig auch Auswirkungen auf die finanziellen Ressourcen hat. Zudem hat sich auch die Medienwelt rasant verändert: Festanstellungen, zumal mit Tarifgehalt, sind eine Seltenheit; rund um den Redaktionsschreibtisch sind aber neue Jobs entstanden, und digitale Kanäle bestimmen längst auch die Taktung im Journalismus.

Wie kann, soll, muss sich die größte journalistische Interessenvertretung in Deutschland verändern, um weiterhin eine wichtige Rolle in der Branche zu spielen und als relevante Stimme der Journalistinnen und Journalisten in Gesellschaft und Politik wahrgenommen zu werden? Wie schafft es der Verband, trotz der knapperen Kasse für seine Mitglieder attraktiv zu bleiben? Wie muss er sich aufstellen, damit sich mehr neue Mitglieder organisieren und auch engagieren? Oder, wie Kajo Döhring, Hauptgeschäftsführer des DJV, es im Gespräch mit dem journalist formuliert: „Wie werden wir wieder sexy?“

Über diese und andere Fragen wird im Deutschen Journalisten-Verband schon seit einiger Zeit nachgedacht und diskutiert. Um Kosten zu sparen, wurde bereits der Verbandstag, das höchste Entscheidungsgremium des DJV, verkleinert; in Jahren, in denen keine Wahlen des Bundesvorstands anstehen, sind zudem nur noch zwei Tage für die Diskussionen der Delegierten vorgesehen. Beim diesjährigen Verbandstag wird auch über eine Verkleinerung des Bundesvorstands von sieben auf fünf Mitglieder abgestimmt. Die Bundesgeschäftsstelle ist bereits verkleinert worden: Sie muss mit weniger Personal versuchen, nahezu die gleiche Arbeit zu leisten.

Kajo Döhring, DJV-Hauptgeschäftsführer (Foto: Frank Sonnenberg)

„Unser Anspruch ist es, von Flensburg bis zum Bodensee den gleichen Service anzubieten. Wir müssen unseren logistischen Aufwand reduzieren; wir müssen mit weniger Geld einen besseren Job machen.“

„Der neue DJV“
Dass derlei Sparmaßnahmen den DJV noch nicht zukunftsfähig machen, ist keine neue Erkenntnis. Viele im Verband wissen, dass der Versuch, ausschließlich Kosten zu sparen, nicht die Lösung sein kann. Aber wie bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen sind es vor allem die Jüngeren, die jetzt Druck machen und den Impuls geben, endlich aus diesem Klein-Klein herauszukommen. Sie fordern einen radikalen Umbau des Verbands. In einem Positionspapier hat der Fachausschuss Zukunft, in dem sich die jungen DJV-Mitglieder engagieren, im vergangenen Jahr seine Ideen zusammengefasst, wie er sich diesen Umbau vorstellt, damit der DJV „auch in Zukunft bestehen“ kann.

„Der neue DJV“ lautet der Titel des Zukunftspapiers. Und neu ist in der Tat vieles: So schlagen die Jungjournalisten beispielsweise vor, „die föderalistische Struktur des Verbandes weitestgehend abzuschaffen“ und „einen deutlichen Schritt zur Zentralisierung“ zu vollziehen, allerdings „ohne die lokale Arbeit zu vernachlässigen“. Die Landesverbände sollten sich zu Regionalverbänden mit entsprechenden Geschäftsstellen zusammenschließen. Kräfte sollten gebündelt, überflüssige Parallelstrukturen abgeschafft werden. Stattdessen: einheitliche Mitgliedsbeiträge, einfache Onlineanmeldung beim Bund, eine zentrale DJV-Website. „Unser DJV ist zu kompliziert. Wir müssen ihn vereinfachen und ihm ein noch klareres Profil verpassen“, heißt es im Papier.

Der DJV brauche auch ein moderneres Image. Er komme zu oft „verbissen“ daher, „mit erhobenem Zeigefinger“, kritisiert der Fachausschuss. Der DJV müsse positiver werden, müsse zudem stärker die Lebenswirklichkeit der jungen Generation abbilden, sprich: sich auch für Podcaster, Youtuber oder Datenaufbereiter in Onlineredaktionen öffnen. Und um mehr junge Journalistinnen und Journalisten fürs Mitgestalten in einem Ehrenamt zu interessieren, müsse der DJV projektbezogene Angebote jenseits der bisherigen Gremienstruktur unterbreiten. Weil gerade von jungen Journalistinnen und Journalisten viel Flexibilität im Berufsleben erwartet werde, falle es ihnen nämlich „schwer, sich jahrelang in ihrer Freizeit für eine Aufgabe im DJV zu verpflichten“.

Maurizio Gemmer, Mitglied im Landesverband Hessen und Vorsitzender des Fach-ausschusses Zukunft (Foto: Sebastian Glowinski)

„Ich wünsche mir, dass der DJV seinen Markenkern sichtbarer macht. Dass er auch seine Erfolge besser kommuniziert. Und dass er Synergien schafft, damit er seinen Mitgliedern den besten Service anbieten kann. Der DJV wird gebraucht. Und mit 80 Jahren wird er agiler sein. Er wird ein anderes Gesicht haben. Die Mitglieder werden wissen, wofür der DJV steht.“

Das Positionspapier wurde beim vergangenen Verbandstag in Dresden präsentiert. Und es fand bei den Delegierten offenbar reges Interesse. „Viele sprachen uns in den Pausen darauf an, sagten uns, was sie gut oder schlecht finden“, sagt Jana Mundus, Mitglied im Fachausschuss Zukunft. „Wir hatten den Eindruck, dass viele sich einbringen und mitreden wollen bei der Gestaltung der DJV-Zukunft. Und so ist dann letztlich die Idee mit der Zukunftswerkstatt gereift.“ Eine Zukunftswerkstatt, so wie sie auch die Stadt Dresden damals eingerichtet hat. Sie hat ihre Bürger eingeladen, Konzepte zur „Stadt der Zukunft“ zu erarbeiten. Und so ähnlich soll das jetzt auch beim DJV laufen.

Die Zukunftswerkstatt, die beim Verbandstag 2018 beschlossen wurde, wird voraussichtlich im Frühjahr 2020 stattfinden. Und sie ist bereits ein erster Schritt, den DJV zukunftsfähig zu machen. Denn im Gegensatz zu den Strukturkommissionen, die in den vergangenen Jahren Reformvorschläge erarbeiteten, aber nach Ansicht vieler DJV-Mitglieder wenig effektiv waren, ist die Zukunftswerkstatt so etwas wie ein großer Workshop, zu dem ein möglichst breit und bunt zusammengesetzter Teilnehmerkreis geladen ist: vom einfachen Mitglied bis zum Bundesvorstandsmitglied. „Wir brauchen das ganze Spektrum von Meinungen im DJV – ob Befürworter oder Gegner. Wir brauchen Feste und Freie, Männer und Frauen, Junge und Alte“, erklärt Jana Mundus. Der Teilnehmerkreis solle möglichst divers sein.

Gute Mischung
Für den Fachausschuss Zukunft war und ist es vor allem wichtig, dass sich „einfache Mitglieder, die nicht in Gremien sitzen, an der Zukunftswerkstatt beteiligen können und nicht nur Funktionsträger“, erklärt der Vorsitzende Maurizio Gemmer. „Denn die haben ja noch mal einen ganz anderen Blick auf die Dinge, die wir vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben.“ Und tatsächlich hat sich die Vorbereitungsgruppe auf eine gute Mischung festgelegt: Etwa die Hälfte der rund 70 Teilnehmer sollen „einfache Mitglieder“ sein, den Rest der Plätze teilen sich Geschäftsführer, Mitarbeiter und Vorsitzende der Landesverbände, Vorsitzende der Fachausschüsse und Kommissionen, Vertreter aus der Bundesgeschäftsstelle und des Bundesvorstands sowie die Mitglieder aus dem Organisationsteam der Zukunftswerkstatt.

Jana Mundus, Vorstandsmitglied im DJV Sachsen und Mitglied im Fachausschuss Zukunft (Foto: Stefan Mundus-Weichert)

„Ich hätte gerne einen DJV, der strukturell entschlackt ist. Der nicht mehr so kompliziert ist wie jetzt. Der transparent ist und bei dem jeder weiß, wo er den richtigen Ansprechpartner findet und wie man sich hier einbringen kann. Der Innovatives für die Medienbranche auf den Weg bringt, weil er Kraft und Ideen hat. Ich wünsche mir einen Verband, dessen Stimme in der Politik Gehör findet.“

Strukturiert und geleitet wird eine Zukunftswerkstatt in der Regel von einem ausgebildeten Prozessbegleiter. Dass ein solcher Coach auch in der DJV-Zukunftswerkstatt für einen strukturierten Ablauf sorgt, dafür hat sich Jana Mundus, die letztlich die zündende Idee mit der Zukunftswerkstatt hatte und jetzt auch im Organisationsteam mitmischt, von Anfang an eingesetzt. „Wir müssen jemanden von außen holen, der Ordnung in die Diskussion bringt. Gerade Journalisten haben ja ein ausgeprägtes Ego, hören sich gerne selber reden.“ So ihr Argument. In der Zukunftswerkstatt komme es aber auch aufs Zuhören an. Es gehe darum, einen Konsens zu finden. „Und da müssen Leute zurückstecken und andere müssen einen Schritt nach vorne machen.“

Im Fall des DJV wird Axel Flinker von der Agonda - Agentur für Dialog und Zukunftsprozesse den Part des Moderators übernehmen. Er gestaltet seit fast 20 Jahren Dialog- und Zukunftsprozesse und legt, wie er dem journalist erklärt, sein Augenmerk bei solchen Prozessen besonders auf einen Austausch auf Augenhöhe. „Alle Teilnehmer sind gleich wichtig und haben gleiche Redezeit.“ Es gehe um Meinungsbildung, nicht um die üblichen Diskussionen. „Kein Überzeugen, keine Argumentschlachten. Kein endloses Hin- und Hergezerre.“ Der Fokus liege „auf Gemeinsamkeiten statt auf Unterschieden, auf Möglichkeiten statt auf Hindernissen“.

Kathrin Konyen, derzeit Vize-Vorsitzende des DJV und zuständig für den Fachausschuss Zukunft, ist, was die Zukunftswerkstatt betrifft, guter Dinge. „Ich bin sehr von diesem Instrument überzeugt“, sagt sie. „Axel Flinker versteht sich darauf, große heterogene Gruppen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Daher habe ich die Hoffnung, dass wir es schaffen, mit dieser Zukunftswerkstatt klare Ziele zu definieren und auch ein klares Profil des DJV herauszuarbeiten.“ Das sei unbedingt notwendig. Denn der DJV mache zwar viel, habe auch viele Ideen, aber es fehle eben das große Ganze. „Wir müssen uns stärker fokussieren. Wir sind nicht in der finanziellen Situation, alles machen zu können“, sagt sie. „Wir müssen auch deutlicher machen, wer wir sind und wofür wir stehen.“

Nicht alle im Verband teilen den Zuspruch für die geplante Zukunftswerkstatt, zumal der DJV dafür eine Menge Geld in die Hand nimmt. Kritiker wie beispielsweise Michael Rediske, Geschäftsführer beim Journalistenverband Berlin-Brandenburg, zweifeln, ob so ein Workshop den Verband wirklich nach vorne bringt. „Der DJV hat kein Ideendefizit“, sagt er, „sondern er hat seit langem ein Defizit bei der Umsetzung von Strukturreformen.“ Ein Workshop wie die Zukunftswerkstatt könne zwar die Debatte um Reformen neu beleben. „Ein Wochenende mit der geplanten heterogenen Beteiligung allein wird allerdings keine umsetzungsfähigen Resultate bringen. Dazu bräuchte es im Vorfeld schon das Konzept für einen moderierten Change-Prozess über mindestens ein Jahr.“

Testballon
Dass die Zukunftswerkstatt kein Zaubermittel ist, wissen allerdings auch die Befürworter. Für Maurizio Gemmer ist sie ein „Testballon“. Kathrin Konyen meint: „Der Ausgang ist in der Tat ungewiss. Aber wenn es gelingt, die Heterogenität des Verbandes in den Ergebnissen der Zukunftswerkstatt abzubilden, dann sind wir doch ein ganzes Stück weiter.“
 

Kathrin Konyen, Mitglied im Landesverband Baden-Württemberg und Vize-Vorsitzende des DJV (Foto: Blende 22)

„Mein Wunsch ist, dass wir den DJV so aufstellen, dass es cool ist, hier Mitglied zu sein. Weil es Spaß macht, hier mitzumachen. Weil man hier gemeinsam Dinge bewegen kann. Weil man hier ein Miteinander erlebt und so etwas wie eine emotionale Bindung zum Verband entwickelt. Es muss einfach wieder zum guten Ton gehören, Mitglied im DJV zu sein.“

Möglicherweise wird beim Verbandstag 2020 schon der eine oder andere Antrag zur Abstimmung vorliegen. Insgesamt aber wird es ein längerer Prozess sein. „Und es wird in jedem Fall anstrengend“, so Jana Mundus. „Aber ich glaube, wir kriegen das mit einem fairen Ton hin, etwas Zukunftsfähiges auf die Beine zu stellen.“ Im Verband habe sich inzwischen das Bewusstsein durchgesetzt, „dass wir nicht weitermachen können wie bisher“. Die verbandsinterne Debattenkultur habe sich verbessert.

„Ich glaube, wir sind jetzt auf dem richtigen Weg, um die Riesenaufgabe der Umgestaltung anzugehen“, sagt Maurizio Gemmer. Einiges hat der DJV ohnehin bereits angeschoben, wie Hauptgeschäftsführer Kajo Döhring betont. Er verweist auf die Harmonisierung des DJV-Webauftritts: Zwölf Landesverbände sind inzwischen an die technische Plattform des DJV-Bundesverbands angedockt; ein Relaunch ist in Vorbereitung. Zudem gibt es innerhalb des Verbands weitere Schritte, den DJV auch in Social-Media-Kanälen sichtbarer zu machen. Heidje Beutel, Vorsitzende des DJV Thüringen und Mitglied in der jüngst eingerichteten Arbeitsgruppe Mitgliederwerbung, postet beispielsweise kleine Videos auf Instagram, Facebook und Youtube, so etwa vom Streik beim MDR. Sie möchte dazu anregen, mehr zu experimentieren, auf allen Kanälen.

Auch in Sachen einheitlicher EDV tut sich was. „Einige Landesverbände haben sich bereits mit einer identischen Software ausgerüstet, andere befinden sich noch im Prozess der Umsetzung“, so Kajo Döhring. „Ziel ist eine einheitliche Mitgliederverwaltung. Bundesweite Kampagnen lassen sich so schneller und besser steuern“, sagt er.  „Unser Anspruch ist es, von Flensburg bis zum Bodensee den gleichen Service anzubieten. Wir müssen unseren logistischen Aufwand reduzieren; wir müssen mit weniger Geld einen besseren Job machen.“

Die Zukunft wird zeigen, ob dies gelingt.

Monika Lungmus ist Redakteurin beim journalist. Twitter: @MLungmus

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Die Redaktion - 1.11.2019