Werkstatt Web-Reportagen
Wie die Spinne im Netz
"Das ist ja gerade das, was wir erzählen wollten, wie unterschiedlich das ist. Dass es nicht DEN Flüchtling gibt oder DAS Flüchtlingslager“, sagt Spiegel-Journalist Bernhard Riedmann. (Foto: journalist)

Etwa drei Millionen Syrer leben 2014 in den Nachbarländern Irak, Jordanien, Libanon und Türkei. Der Spiegel hat das Flüchtlingsthema damals in einer Multimedia-Geschichte aufgegriffen. Bernhard Riedmann erzählt die Hintergrund-Geschichte in Teil 9 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Loki Maring

Mai 2014. Der syrische Bürgerkrieg hat vor drei Jahren begonnen. Von 21 Millionen Syrern sind neun Millionen auf der Flucht. Viele sind auf dem Weg ins Innere des eigenen Landes. Etwa drei Millionen sind in die Nachbarländer Türkei, Irak, Jordanien und Libanon geflohen. Erst in ein bis zwei Jahren werden überdurchschnittlich viele Geflüchtete nach Deutschland kommen. Doch beim Spiegel ist das Thema längst angekommen.

Die Redaktion entscheidet sich für eine Reportage, die über die verschiedenen Bedingungen informiert, die die Flüchtlinge in den Nachbarländern finden. Da an jeder Station auch ein Fotograf vor Ort ist, will man nicht nur eine Printreportage veröffentlichen. Für Spiegel Online soll eine zusätzliche Geschichte gebaut werden. „Mit dem selben Inhalt, aber eben nicht textbasiert“, erzählt Spiegel-Redakteur Bernhard Riedmann, der als Foto-, Film- und Multimediajournalist im Team dabei ist.

Im irakischen Flüchtlingslager Kawergosk interviewen die Spiegel-Journalisten den elfjährigen Abd al-Chani Jaldas, der in einem Zelt lebt. Andere Geflüchtete wohnen in Containern in Jordanien, wieder andere haben Unterschlupf in Gebäuden in der Türkei gefunden. „Das ist ja gerade das, was wir erzählen wollten, wie unterschiedlich das ist. Dass es nicht den Flüchtling gibt oder das Flüchtlingslager“, sagt Riedmann. „Es ist ein Unterschied, ob man Flüchtling im Libanon ist und dort als Köchin arbeitet. Oder ob man als Flüchtling in der jordanischen Wüste in der Zeltstadt lebt. Das sind unterschiedliche Leben und Perspektiven.“

Zu den Erlebnissen in den Flüchtlingslagern kann Riedmann aber nicht so viel erzählen. Denn er blieb in Hamburg, wo er das Multimedia-Projekt umgesetzt hat. „Ich war gemeinsam mit Ullrich Fichtner sozusagen die Spinne im Netz.“ Anders ausgedrückt: Bei den großen Spiegel-Geschichten sitzt der Autor des Projekts oft in der heimischen Redaktion und verarbeitet die Informationen der Korrespondenten und anderen Kollegen vor Ort. Fichtner war im konkreten Fall für die Printreportage zuständig, Riedmann gemeinsam mit Guido Mingels für die Multimedia-Geschichte. Riedmann hat dafür gesorgt, dass die Gewichtung des eingehenden Materials stimmt, dass alle Beiträge einen ähnlichen visuellen Stil tragen. Gleichzeitig hat er die Videos geschnitten und die einzelnen Informationen, die Fotos und Karten so arrangiert, dass sich daraus eine Geschichte ergibt. So entstand innerhalb von drei Wochen die Web-Story „Exodus – Flucht aus Syrien“.

Von allen interviewten Flüchtlingen hat es nur ein Teil in das fertige Produkt geschafft. Einer, der im Beitrag erwähnt wird, heißt Mustafa – sein Nachname wird in der multimedialen Reportage nicht genannt. Seine Familie ist aus Aleppo geflohen, unter anderem weil Mustafa dort nicht mehr zur Schule gehen konnte. Nun befindet  er sich in Kilis in der Türkei, darf aber immer noch nicht zu Schule. Er fühlt, dass er nicht erwünscht ist. Deshalb will er nicht in der Türkei bleiben, sondern weiter nach Schweden ziehen. Die Auswahl und damit die Entscheidung, Mustafas Geschichte im Multimedi-Stück größer zu erzählen, hat Riedmann gemeinsam mit Guido Mingels getroffen. „Wir haben versucht, die Aspekte, die wir abbilden wollen, über die Protagonisten zu erzählen.“      

Um überhaupt starten zu können, mussten die Journalisten natürlich Visa haben. Das war vor allem für den Irak schwierig. Ansonsten sei das größte Problem für das Multimedia-Stück die technische Umsetzung gewesen: Das Tool, mit dem die Geschichte erzählt wird, musste erst einmal gebaut werden. Der Spiegel hatte sich davor vor allem auf das digitale iPad-Magazin konzentriert, Spiegel Online auf die eigene Website. Das Ergebnis der Zusammenarbeit der beiden Redaktionen war ein Tool, das auch auf Mobiltelefonen gut funktionierte, was 2014 noch fast ein Alleinstellungsmerkmal war. Die technische Grafik von Spiegel Online hat dafür alles per Hand gecodet. „Eine ziemliche Herausforderung in dieser kurzen Zeit, da mussten wir beim Design einige Abstriche machen“, so Riedmann.    

Der Grund, alles selber zu programmieren, war einfach: Der Spiegel hat einen eigenen Stil bei multimedialen Geschichten. Und der sollte wieder erkennbar sein, sich also nicht von Projekt zu Projekt verändern. Außerdem benutzt Spiegel Online ein komplexes Redaktionssystem, mit dem das Tool vernetzt sein musste. Andere Programme sind dort nicht so ohne Weiteres integrierbar.

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Die Redaktion - 29.4.2019