Werkstatt Web-Reportagen
Sie nannten sie Schwester
"Beim zweiten Einsatz war das ganz anders. Das Boot sank bereits, es brach eine Massenpanik aus", berichtet Kristin Hermann. (Foto: journalist)

Auf einer Kapitänsveranstaltung hörte Kristin Hermann von der Aquarius, die Geflüchtete vor dem Tod im Mittelmeer rettet. Kurz darauf entschloss sich die Journalistin, mit an Bord zu gehen, um eine Reportage für den Weser-Kurier zu produzieren. Dann wurde aus der Beobachterin selbst eine Helferin. Teil 14 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Jenny Häusler

Zwei Wochen auf einem Rettungsschiff für Geflüchtete zu verbringen, das macht man nicht mal eben so. Es ist schließlich keine Kreuzfahrt. Und doch gibt es sie - Menschen, die freiwillig mehrere Tage, Wochen und sogar Monate auf dem Mittelmeer verbringen und Ausschau halten. Ausschau nach Menschen in Seenot. Die, die auf dem Weg in ein besseres Leben in ihrem kleinen, meist nicht im besten Zustand befindlichen Schlauchboot die Überfahrt gewagt haben. Von Libyen nach Europa, hinein in eine bessere Zukunft, als die, die sie in ihrem alten Heimatland hatten. Ein Land, das geprägt von Gewalt ist und in dem es fast keine Gesetze gibt.

Zwei Wochen verbrachte die Journalistin Kristin Hermann auf dem Flüchtlingsrettungsschiff Aquarius, das bis vor Kurzem von den Hilfsorganisationen „SOS Méditerranée“ und „Ärzte ohne Grenzen“ betrieben wurde. Zwei Wochen, in denen die Autorin lernte, wie Hoffnung aussieht, und auch, wie Leichen riechen.

Kristin Hermann, ehemalige Redakteurin des Weser-Kuriers und jetzt freie Journalistin, entschied sich kurz nach ihrem Volontariat bei der in Bremen erscheinenden Zeitung zwei Wochen auf einem Flüchtlingsrettungsschiff zu verbringen. Auslöser war eine Kapitänsveranstaltung im Bremer Rathaus, zu der sie als Berichterstatterin geschickt wurde. „Im Rathaus traf ich auf Klaus Vogel, selbst Kapitän aus Berlin und einer der Gründer der Hilfsorganisation SOS Méditeranée“. Im Gespräch berichtete der Kapitän ziemlich eindrücklich, wie die Autorin erzählt, von der Situation im Mittelmeer und auch von seinen Erlebnissen auf der Aquarius. „Immer wieder wies er daraufhin, dass auch Journalisten mit an Bord dürfen“, sagt Hermann.

Auch wenn sie bereits über die Situation der Geflüchteten auf dem Mittelmeer geschrieben hatte, war das, was zu der Zeit auf dem Mittelmeer vor sich ging, für sie selbst weit weg. Deshalb beschloss sie, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. Kurz nach der Begegnung mit dem Kapitän erzählte sie Chefredakteur Moritz Döbler von ihrer Idee. „Für mich war es die erste große Reportage dieser Art, deshalb war ich sehr dankbar dafür, die Chance zu bekommen.“ Und so entstand ihre Reportage „Sie nannten mich Schwester“, die im Dezember 2016 veröffentlicht wurde.

Unterstützung für ihr Vorhaben bekam Hermann auch aus der Familie, die sie weitestgehend und so gut es ging unterstützt hat „Natürlich spielte am Anfang auch eine gewisse Sorge eine Rolle, einfach, weil keiner wusste, was mich dort erwartet und wie ich zurechtkomme“. Auf dem Schiff selber funktionierte der Kontakt zur Familie Hermanns gut. So konnte die Journalistin ihre Familie an ihren Erfahrungen teilhaben lassen.

Bevor Kristin Hermann auf das Schiff ging, las sie viel über die Einsätze und die Problematik. „Doch auf eine Rettung an sich kann man sich nicht vorbereiten“, sagt sie. Zwar wurden während der Fahrt zur libyschen Grenze Übungsszenarien an Bord durchgespielt, doch auf den Ernstfall können diese nur begrenzt vorbereiten. „Man lernt durch solche Situationen aber auch viel über sich selbst“, stellte sie im Nachhinein fest.

Angespannte Stimmung an Bord

„Eigentlich wusste ich gar nicht, was da überhaupt auf mich zukommt“, schreibt die Autorin in ihrer Reportage. Bevor der erste Notruf einging, war die Stimmung auf dem Schiff angespannt, da alle auf den ersten Einsatz warteten. „Meine erste Rettung erlebte ich am frühen Morgen“, erzählt Hermann. „Es war noch dunkel, und ich stand mit einer anderen Autorin vorne an Deck und habe mitten auf dem dunklen Meer das Schlauchboot gesehen, das von der Aquarius angestrahlt wurde.“ Das Gefühl, das Hermann dabei hatte, als sie das viel zu kleine Boot mit viel zu vielen Menschen mitten auf dem Meer sah: „Schwer zu beschreiben“. Für sie sei es eine völlig „surreale Situation“ gewesen. „In den Schlauchbooten drängen sich meistens 100 bis 150 Personen aneinander, und ihr Schicksal hängt davon ab, ob ein Schiff sie entdeckt oder eben nicht.“ 

Während der zwei Wochen auf dem Schiff erlebte die Autorin insgesamt zwei Rettungen. Bei der ersten Rettung ging es den meisten Geflüchteten noch gut, da sie noch nicht lange unterwegs waren. „Beim zweiten Einsatz war das ganz anders. Das Boot sank bereits, es brach eine Massenpanik aus, und viele sprangen ins Wasser, in dem schon Tote schwammen.“ Eine schreckliche Erfahrung für die junge Journalistin. Für sie war es am schlimmsten, selbst nicht eingreifen zu können, als die Menschen ins Wasser sprangen und um ihr Überleben kämpften.

Und obwohl sie ja nur als Beobachterin an Bord war, entschied sie irgendwann, selbst mit zu helfen. Der ausschlaggebende Moment war, als sie einen kleinen Jungen auf dem Wasser hat treiben sehen, mit dem Gesicht schon unter der Wasseroberfläche. „Spätestens danach fällt es wohl den meisten Journalisten schwer, einfach zu fotografieren oder ihre Interviews zu führen. Man will einfach auch einen Beitrag leisten- und sei er noch so klein.“ Den zweiten Einsatz überlebten 114 Menschen.

Trotz der vielen schlimmen Dinge, die der Autorin im Gedächtnis geblieben sind, gibt es auch viele schöne Situationen, an die sie sich gerne zurückerinnert. „Viele der Geretteten, die noch Kraft hatten, sangen und tanzten, um ihrer Erleichterung Ausdruck zu verleihen“, erzählt Hermann. Doch die Hilflosigkeit während der Massenpanik und der Anblick der Ertrunkenen, die aus dem Boot geborgen wurden, und der vielen traumatisierten Überlebenden, hat sich tief eingeprägt.

Noch immer Kontakt zu Geflüchteten

Noch heute hat Hermann Kontakt zu einigen der Geflüchteten. Während der zwei Wochen hat sie zu einigen ein ganz besonders enges Verhältnis aufgebaut und sich die Geschichten der Menschen angehört. Dass sie Journalistin ist, die über ihre Zeit auf dem Schiff und über die Geschichten der Menschen eine Reportage schreibt, wussten alle Geretteten. Vor jedem Interview sagte sie ihrem Gesprächspartner, wer sie ist, wo sie herkommt, wo die Geschichte veröffentlicht werden soll. Dafür hat auch die Hilfsorganisation gesorgt. „Doch die meisten  Geretteten wollten ihre Erfahrungen von allein erzählen, weil ihnen daran gelegen ist, von der Situation in Libyen zu berichten“, erinnert sie sich.

Für Kristin Hermann war es schwer vorstellbar, einfach wieder zu Hause anzukommen. Doch nach ihrer Ankunft fuhr sie vom Flughafen aus direkt zum 90. Geburtstag ihrer Oma. Auch in der Redaktion setzte der Alltag wieder ganz normal ein. „Ich habe viel mit meiner Familie und meinen Freunden über das Erlebte gesprochen. Auch die Redaktion hat sich nach meiner Rückkehr sehr rücksichtsvoll verhalten und Hilfe angeboten, falls ich seelsorgerische Unterstützung benötige.“

Reportage aus der Ich-Perspektive

Erst im Nachhinein entschied Hermann gemeinsam mit der Chefredaktion, aus dem Erlebten eine sogenannte Ich-Reportage zu schreiben, also aus der Sicht der Reporterin. „Wir haben uns dafür entschieden, weil wir dachten, dass das Erlebte vielleicht noch intensiver wahrgenommen wird, wenn ich es auch anhand meiner Person erzähle.“ Und es kam bei den Lesern gut an.

An Bord selbst hatte sich Hermann mehr auf das Beobachten und Helfen konzentriert, als auf das Schreiben. Lediglich die Einleitung schrieb Hermann in ihrer Kabine, die sie sich mit einer französischen Autorin teilte. Die Einleitung einer Geschichte, in der sich Menschen wie die Besatzung der Aquarius gegen den täglichen Tod im Mittelmeer stemmen.

Noch heute, nach ihrem Einsatz, beschäftigt sich Kristin Hermann viel mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte. Sie verfolgt regelmäßig die Einsätze der Aquarius und anderer Rettungsschiffe. Und es macht sie betroffen, wie sehr die Arbeit der Retter auf dem Mittelmeer inzwischen kriminalisiert wird. Ihrer Meinung nach sollte an der Fluchtursache gearbeitet und ein faires Verteilungssystem für alle europäischen Länder geschaffen werden. Doch stattdessen werden diejenigen verurteilt, die Menschen vor dem Ertrinken retten. „Das ist natürlich absurd“, sagt Hermann. „Den Vertretern der AfD rate ich, selbst einmal zwei Wochen an Bord eines dieser Schiffe zu gehen.“

Trotz alledem gibt es durchaus Punkte, die auch die Autorin an der Flüchtlingspolitik kritisieren würde. Immer noch vegetieren viele der 2016 geretteten Flüchtlinge in italienischen Camps vor sich hin, ohne dass sie wissen, ob sie bleiben dürfen oder welche Perspektive sie in dem Land haben. „Das ist übrigens auch häufig in Deutschland der Fall“, sagt die Autorin.

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Die Redaktion - 29.4.2019