Werkstatt Web-Reportagen
Reise zum (fast) südlichsten Punkt der Erde
"Die Landschaft ist beinahe außerirdisch", sagt FAZ-Redakteur Ulf von Rauchhaupt über seine Eindrücke von der Antarktis. (Foto: journalist)

Die Antarktis hatte ihn schon immer interessiert. Im Januar 2015 bot sich dem FAZ-Redakteur Ulf von Rauchhaupt die Gelegenheit, für etwa vier Wochen selbst dorthin zu reisen. Und wenn er die Chance hätte, würde er noch einmal in die eisige Kälte zurückkehren. Teil 10 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Lea Kraft 

Pinguine, Kälte und weite Schneelandschaften – das verbinden die meisten Menschen mit der Antarktis. Viele wissen nicht, dass das ganze Jahr über auch dort Forscher arbeiten, die sich mit dem Klima, dem Eis oder der Geologie beschäftigen. Um den eisigen Kontinent den Lesern etwas näher zu bringen, ist Ulf von Rauchhaupt, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), im Januar 2015 für ungefähr vier Wochen in die eisige Kälte geflogen. Das Ergebnis seiner Recherche ist die Webreportage „Im Land der Pinguine“.

„Die Antarktis hatte mich schon immer interessiert“, sagt von Rauchhaupt, der bereits vor seiner Reise einige Artikel über den Kontinent verfasst hatte. „Als ich dann gehört habe, dass Journalisten manchmal die Möglichkeit bekommen, dorthin zu fliegen, habe ich einfach mal beim Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven angefragt.“ Große Hoffnungen habe er sich anfangs allerdings nicht gemacht. „Ich musste ein Exposé einreichen, in dem ich beschrieb, was genau ich eigentlich plane.“ Wichtig sei dabei gewesen, dass das Projekt einen neuen Aspekt beleuchtet. „Artikel über die Antarktis im Allgemeinen gab es natürlich schon mehrere. Ich wollte aber in erster Linie über die Menschen und ihren Alltag dort berichten.“

Nach Angaben der deutschen Internetseite goruma.de befinden sich in der Antarktis aktuell 80 Forschungsstationen, die unterschiedlichen Nationen angehören. Einige von ihnen werden ganzjährig betrieben, während andere nur im Sommer besetzt sind. Sie beherbergen insgesamt rund 1.000 Bewohner im Winter und 4.000 im Sommer, die meisten von ihnen sind Forscher und Mediziner. Die deutsche Forschungsstation „Neumayer III“ wird vom AWI betrieben und ist ganzjährig besetzt. Hier wollte FAZ-Wissenschaftsjournalist von Rauchhaupt seine Recherche durchführen.

Aber ein Besuch in der Antarktis ist nicht einfach mal kurz umzusetzen. Von der ersten Idee für den Artikel im Jahr 2014 bis zum tatsächlichen Besuch sollte ein Jahr vergehen. „Zuerst wurde ich im Frühjahr nach Bremerhaven zum AWI eingeladen“, berichtet der Mittfünfziger. „Dort habe ich mit verschiedenen Wissenschaftlern und dem Leiter der ‚Neumayer III‘ gesprochen und noch einmal erzählt, warum ich diese Reise antreten möchte.“ Außerdem musste er einen Arzt aufsuchen, der ihn für expeditionstauglich erklärt. „Das ist allerdings nicht so streng wie bei Astronauten“, erinnert sich von Rauchhaupt. 

Anschließend habe er bereits seine Polarkleidung zugeteilt bekommen. Bei einem weiteren Bremerhaven-Besuch im Oktober 2014 musste der Redakteur sich dann noch einmal einer Umweltbelehrung unterziehen, da Deutschland 1979 den Antarktis-Vertrag unterzeichnete und seit 1981 zu den Konsultativstaaten gehört. „Bei der Belehrung ging es darum, dass man nichts im Eis zurück lassen darf und um ähnliches, bis auf wie viele Meter man sich einem Pinguin nähern darf“, so von Rauchhaupt.

Doch es gab noch mehr zu regeln. Um die Kosten für die FAZ gering zu halten, sollte die Zeitung nur den Flug nach Kapstadt und die Versicherung bis in die südafrikanische Hauptstadt übernehmen. Danach galt von Rauchhaupt offiziell als Expeditionsmitglied und war als solches über das AWI versichert. Und auch mit den Kollegen in Deutschland musste der Wissenschaftsredakteur einige Dinge absprechen: „Ich war vier Wochen abwesend, in der Zeit konnte ich keine Artikel schreiben.“ Die Zeit in der Antarktis habe er sich als Urlaub anrechnen lassen: „Weiteren Urlaub habe ich in dem Jahr dann nicht mehr genommen.“ Als Betriebsreise zählte also nur der Flug nach Kapstadt. „Außerdem musste ich mir eine Kamera kaufen und fotografieren lernen, ich konnte ja keinen Fotografen mitnehmen. Aber es scheinen ja immerhin ein paar gute Bilder dabei rausgekommen zu sein“, meint er lachend.

Im Januar 2015 ging es endlich los – zuerst nach Kapstadt, zwei Tage später weiter zur russischen Nowolasarewskaja-Station, in der schwere Maschinen landen können. Da es passieren kann, dass das Flugzeug unterwegs notlanden muss, war auf dieser Strecke die Polarkleidung bereits Pflicht. Nach einem wetterbedingten dreitägigen Aufenthalt, konnte von Rauchhaupt dann mit einem Zubringerflug zur „Neumayer-III-Station“ gebracht werden. „Ich wusste, dass das Wetter unberechenbar sein kann und die Flüge daher schwer zu planen sind, aber geärgert habe ich mich trotzdem“, erinnert er sich. 

Abgesehen von der kurzen Verzögerung auf dem Hinweg habe das Wetter ihm aber erstaunlich wenige Probleme bereitet. „Die Kälte war überraschend aushaltbar.“ Im Januar ist Hochsommer auf der Südhalbkugel. „Da sind die Temperaturen nur knapp unter null Grad“, so der Journalist. Schwieriger seien die kurzen Nächte gewesen. „Wenn es nicht dunkel wird, muss man aufpassen, dass man genügend Schlaf bekommt“, weiß er jetzt.

Ulf von Rauchhaupt hat der Aufenthalt in der Antarktis gut gefallen: „Die Landschaft ist beinahe außerirdisch. Wenn man sich für fremde Welten interessiert, ist das der Ort, der einem fremden Planeten auf der Erde am nächsten kommt.“ Der Schnee sei viel trockener als in Deutschland und der Wind ungewöhnlich stark. „Besonders gut haben mir die feinen Eiskristalle gefallen, die manchmal in der Luft schweben.“ In der Nähe der Nowolasarewskaja-Station habe er die Möglichkeit gehabt, eine Oase zu besichtigen, in der die Steine unter dem Eis hervorschauen. „Fast überall sonst sieht man nur Eis und Himmel.“ Alles andere sei entweder ein Tier oder von Menschen mitgebracht.

Eines dieser mitgebrachten Dinge ist auch die Gedenkplakette, circa zwei Kilometer von der russischen Station entfernt, wo sich früher die „Georg-Forster-Station“ der DDR befand – von Rauchhaupt durfte sie auf seiner Reise besichtigen. Außerdem hatte er die Möglichkeit, Motorschlitten zu fahren und in einem Flugzeug mitzufliegen. „Ich hätte auch gerne eine Traverse mitgemacht, aber das war leider nicht möglich.“ Von der „Neumayer-III-Station“ war er fasziniert. „Ich hatte nicht erwartet, dass sie so komfortabel sein würde“, erzählt der Journalist. „Aber tatsächlich ist sie eine der modernsten und luxuriösesten in der Antarktis.“

Wenn sich die Gelegenheit bietet, würde der Redakteur gerne noch einmal auf den eisigen Kontinent zurückkehren. „Damit es den Aufwand rechtfertigt, würde ich dann vielleicht andere Aspekte des Lebens dort betrachten oder eine andere Station besuchen.“ Und auch einige der einzigartigen Landschaftsformen in der Antarktis hat von Rauchhaupt noch nicht gesehen.

Wer nicht wie Ulf von Rauchhaupt die Möglichkeit hat, selbst in die Antarktis zu reisen, konnte sich unter anderem bis zum 28. April 2019 auf der multimedialen Ausstellung „Antarctica“ im Übersee-Museum Bremen über den eisigen Kontinent und seine Bewohner informieren. Oder eben in von Rauchhaupts Web-Reportage „Im Land der Pinguine“.

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Die Redaktion - 29.4.2019