Werkstatt Web-Reportagen
Reden ist Gold
"Niemanden mit der Einsamkeit allein lassen" - die Spiegel-Web-Reportage "Schweigen ist der Tod" (Foto: journalist)

Die Journalistin Christina Schmidt und die Fotografin Maria Feck sind für den Spiegel nach Grönland gereist. Sie wollten der hohen Suizidrate auf den Grund gehen. Teil 7 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen: Die Geschichte hinter „Schweigen ist Tod“.  

von Chiara Thies 

Wir sollen nicht über Suizid schreiben! Oder vielleicht etwa doch? Die Fotografin Maria Feck und die Journalistin Christina Schmidt sind dieser Frage nachgegangen. Sie sind nach Grönland gereist, wo sich jährlich zwischen 35 und 50 Menschen das Leben nehmen. Damit hat Grönland die anteilig höchste Suizidrate weltweit. Wie kann das sein? 

Auf einer Recherchereise haben Feck und Schmidt im Juli 2015 nach Antworten gesucht. Dabei entstand die Geschichte „Schweigen ist Tod“ für den Spiegel. Die Multimedia-Reportage war eine der ersten des „Weitwinkel“-Formats. Dadurch hatten die beiden Journalistinnen viele Freiheiten, denn die Form des Endprodukts war völlig offen. 

Kennengelernt haben sich Maria Feck und Christina Schmidt bei einer Hospitanz. Schmidt war damals im Gesellschaftsressort des Spiegels, Feck in der Bildredaktion. Sie hatten bereits vorher gemeinsam eine Reportage in Dänemark für Spiegel Online realisiert. 

Das Thema lag ihnen nah. Christina Schmidt war schon zuvor in Grönland, hatte sich dort mit einer Lehrerin unterhalten und erfuhr so von den Problemen der Jugend. Auch Maria Feck war sich der Problematik bewusst. Sie studierte unter anderem in der dänischen Stadt Aarhus, wo sie in Kontakt mit zugezogenen Grönländern und deren Geschichten kam. 

Die beiden Journalistinnen sind in Grönland sehr analytisch an das Thema herangegangen. Sie haben zu der jüngeren Geschichte von der Kolonialisierung durch Dänemark bis hin zu dem daraus entstandenen Kulturwandel recherchiert. Besonders die Änderungen durch das Internet standen im Fokus. Junge Leute können ihre Situation mit der von Gleichaltrigen auf der ganzen Welt vergleichen. Das führe bei ihnen laut Feck zu der Frage: Wo stehe ich in all dem?  

In Grönland selbst hatten die beiden Journalistinnen nur zehn Tage Zeit. Zehn Tage, in denen sie durch das ganze Land reisten. Mit Fischerbooten gelangten sie durch das nebelige Eismeer zu abgelegenen Inseln, fuhren mit Schlittenhunden und flogen von einem Ort zum anderen.  

Die Reportage hat sich organisch bei der Reise ergeben. In der Vorrecherche sind Feck und Schmidt auf Paninnguaq gestoßen. Paninnguaq hat neben ihrem Suizidversuch eine Alkoholsucht hinter sich. Sie überlebte und erstellte eine Website, um anderen zu helfen. Selbstmordgefährdete und verzweifelte Menschen können sich anonym bei ihr und ihrem Team Hilfe holen. Oft gehe es nur darum, ihnen das Gefühl zu nehmen, allein zu sein. Feck und Schmidt interviewten sie, machten sie zur Protagonistin der Geschichte.  

In Nuuk, der Hauptstadt, haben sich die Journalistinnen zur Hintergrundrecherche mit Soziologen getroffen. Die hatten ihnen den Tipp mit den Jugendzentren gegeben. Und so haben Feck und Schmidt Henrik kennengelernt. Der damals 19-jährige Rapper setzt sich in seinen Songs mit den Selbsttötungen von Freunden auseinander, versucht zu verarbeiten. Auf seinem YouTube-Channel ist er noch immer aktiv, vergibt „Likes“ an Eminem-Videos und grönländischen Volkspop. Nur neue Musikvideos von ihm, die gibt es nicht.  

Vor Ort interviewten Maria Feck und Christina Schmidt auch Vertreter der Polizei. Die Idee haben sie von dem italienischen Fotojournalisten Piergiorgio Casotti. Er war einer der ersten, der ein Fotobuch über die grönländische Jugend angefertigt hat. Auf der Wache trafen Schmidt und Feck auf Poul Petersen. Der Polizist war teilweise völlig überfordert von den häufigen Suizid-Fällen. In seiner Ausbildung habe ihn niemand darauf vorbereitet, erzählte Petersen den beiden Journalistinnen. Oft löst ein solcher Fall eine Kettenreaktion im Familien- und Bekanntenkreis aus. Besonders in den ländlicheren Gebieten sei das ein Problem. 

Hoch im Norden lernten Feck und Schmidt Aviaq kennen. Im Boot auf dem Weg dorthin taucht Feck ihre GoPro-Kamera über Kopf ins Eismeer. So entstanden die Unterwasseraufnahmen, die sich als verbindendes Element durch die Reportage ziehen. In Aviaqs Dorf leben 30 Menschen, neben ihr gibt es nur zwei weitere Teenager: ihre beiden Cousinen. Vor drei Jahren beneidete sie noch Menschen, die in der Stadt wohnen. Mittlerweile ist Aviaq zum Studieren nach Dänemark gezogen.  

Fecks und Schmidts Reportage endet positiv, berichtet von Paninnguaqs Erfolgen. Mit Hilfe ihrer Facebook- und Website gewinnt die junge Frau Aufmerksamkeit für das Thema, bekommt weltweit mehr und mehr Unterstützer. Ihr ist es wichtig, den Menschen zu zeigen wie schön es ist, auf der Welt zu sein. 2017 haben sich in Grönland erstmals sechs Menschen weniger das Leben genommen als noch 2016, nämlich 41. Gleichzeitig stieg die Zahl der Leute, die mit Suizid drohten.  

Vielleicht sollten wir das scheinbar in Stein gemeißelte journalistische Gebot, nicht über Suizid zu berichten, nochmal überdenken. Es ist wichtig, über die Selbsttötung zu sprechen, niemanden mit der Einsamkeit allein zu lassen. Weder Maria Feck noch Christina Schmidt hatten für die 2016 veröffentlichte Reportage vor, einen Suizid zu dokumentieren. Den beiden Journalistinnen gelingt es, in dem Spannungsfeld eine reflektierte Position einzunehmen. Wie sich jemand das Leben nimmt, bleibt dabei auch weiterhin nicht wichtig, die Frage nach dem Wieso schon.     

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Die Redaktion - 29.4.2019