Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
"Ohne Öffentlich-Rechtliche würde mir etwas fehlen“
Leonhard Ottinger: "Es gibt bestimmte Themen und Formate, die sich nur die Öffentlich-Rechtlichen leisten und die auch nur sie machen können." (Foto: Falko Wenzel)

Brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Was ist seine Aufgabe in Abgrenzung zu den Privatsendern? Darüber hat Leonhard Ottinger, Geschäftsführer der RTL-Journalistenschule im 5. Teil unserer Serie zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gesprochen.

Interview von Kendra Roth

journalist: In England haben Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks neun Tage lang keine BBC-Programme zu sehen und zu hören bekommen. Zwei Drittel wollten danach die BBC zurück. Wie würde das in Deutschland aussehen?
Leonhard Ottinger: Ich denke nicht, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach einem solchen Experiment zurückhaben möchte. Privates Fernsehen und privates Radio sind heutzutage so vielfältig, dass auch wir alles - von Unterhaltung bis Information - bieten können.

Könnten Sie komplett auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verzichten?
Ich möchte nicht verzichten. Es gibt für mich einfach bestimmte Themen und Formate, die sich nur die Öffentlich-Rechtlichen leisten und die auch nur sie machen können. Mir würde definitiv etwas fehlen. Und wenn ich nicht nur von meinem eigenem Fernsehverhalten ausgehe: Es ist auch berechtigt, die ein oder andere Volksmusiksendung zu übertragen oder eine Helene-Fischer-Show zu zeigen.

Welche öffentlich-rechtlichen Programme schauen Sie denn?
Ich schaue mir am liebsten Newsformate und Serien an. Aktuell mag ich die Serie Professor T. im ZDF. Absolut begeistert bin ich von der Heute-Show und Böhmermanns Neo Magazin Royal. Den beliebten Tatort schaue ich eher weniger.

Spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Ihrem Leben eher eine Nebenrolle?
Ich schaue berufsbedingt sehr viel Fernsehen. Das Verhältnis zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen ist bei mir sehr ausgeglichen. Wenn ich nach Unterhaltung suche, schalte ich bei den Privaten ein. Regionalprogramme und regionale Informationen nutze ich zum Beispiel überwiegend über den WDR.

RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt kritisierte kürzlich das Unterhaltungsprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit seinen Quizshows und Krimis. ARD und ZDF sollten sich wieder auf ihren Kern besinnen.
Es geht um das Maß. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll sich nicht komplett aus Krimi und Unterhaltung herausziehen, aber er sollte das private Fernsehen nicht zu sehr kopieren. Das ist eine Entwicklung, die ich auch kritisch sehe. Die Öffentlich-Rechtlichen kopieren aufgrund des Wettbewerbs und der Quotennotwendigkeit die Privaten zu sehr. Die Soap-Formate der ARD haben sich eine Weile lang in keiner Weise von den privaten Soaps unterschieden. Das hat sich zum Glück wieder etwas geändert. Man kann nicht per se sagen: Raus aus der Unterhaltung. Aber man kann an den Alternativprogrammen ansetzen, die nicht allzu sehr dem privaten Fernsehen ähneln.

Denken Sie, der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat zu wenige Ideen?
Nein, ich denke, dass Ideen da sind. Doch erstens schafft es die ein oder andere Idee aufgrund der Strukturen nicht, genügend Befürworter zu finden. Und auch in Programminnovationsphasen und Entwicklungsrunden hat man nicht immer den Mut und scheut sich manchmal, kreative Ideen umzusetzen. Zum anderen schaut der öffentlich-rechtliche Rundfunk zwar nicht auf Quoten, um Profit zu machen – aber um seine Gebühren zu legitimieren. Ich glaube, aus der Not heraus, ein großes Publikum ansprechen zu müssen, hat die Experimentierfreude zumindest in den Hauptprogrammen nachgelassen.

Wie sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk verändern?
Er sollte eine Programmstruktur entwickeln, mit der er auch jüngere Zuschauer erreicht, damit er wirklich für die gesamte Gesellschaft da ist. Man müsste in der bestehenden Struktur und mit dem bestehenden Gebührenaufkommen inhaltlich und wirtschaftlich anders agieren. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich auf ihre Stärken besinnen. Sie können aufgrund des geringeren wirtschaftlichen Drucks mehr Nischenprogramme und experimentelle Formate anbieten und sie müssen diese nicht immer nur nach Mitternacht in den Dritten zeigen. Da könnten sie auf jeden Fall freier und mutiger agieren.

Wo genau sehen Sie die Stärken von ARD und ZDF?
Eine absolute Stärke ist auf jeden Fall der Informationsbereich. Das liegt an den Ressourcen. Weltweit gibt es keinen anderen Sender, außer vielleicht der BBC, der so ein großes Korrespondentennetz hat. Die zweite Stärke sind die sehr guten Fernsehfilme, Spielfilme und auch große Serien, die es zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten gibt. Der Tatort zum Beispiel ist ja eine Erfolgsgeschichte – vor allem mit der Idee, ihn zu regionalisieren.

Wie präsent müssen die Öffentlich-Rechtlichen im Internet sein? Laut Anke Schäferkordt werden Internetriesen mit Beitragsgeldern gestärkt.
Das ist ein Dilemma. Auf der einen Seite wird ein aus Gebühren finanziertes Programm auf YouTube und andere Plattformen gestellt und stärkt damit die amerikanischen Internetkonzerne. Auf der anderen Seite kann man dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch nicht rigoros verbieten, auf diesen Plattformen aktiv zu sein. Öffentlich-rechtliche Medien müssen dort stattfinden, wo der Zuschauer ist – sprich auf Facebook, Instagram, Twitter und YouTube. Ich kann ja einem Menschen, der sich für die Tagesschau interessiert, aber keinen Fernseher mehr besitzt, nicht sagen: Kauf dir einen Fernseher! Natürlich muss öffentlich-rechtlicher Inhalt online verfügbar sein. Die Tagesschau-App ist ja auch entsprechend beliebt. Klar, es ist eine andere Frage, ob die Öffentlich-Rechtlichen ihre teuer eingekauften Filmpakete auch noch dauerhaft in die Mediatheken stellen müssen …

… für 30 Tage.
… und die Bemühungen von ProSieben und RTL damit quasi zunichte machen. Das ist eine andere Geschichte.

Sie sprechen von den Lizenzproduktionen?
Ja. Da kann ich der Argumentation von Frau Schäferkordt zustimmen. Hier werden für viel Geld Filmrechte eingekauft, die einmal am Samstagabend ausgestrahlt werden und dann kostenlos auf Video-on-Demand-Portale gestellt werden. Das ist meiner Meinung nach wettbewerbsverzerrend. ARD und ZDF dürfen auch nicht selbst eine Art öffentlich-rechtliches, kostenloses Amazon werden. Das wäre ebenfalls wettbewerbsverzerrend. Aber niemals können wir einer Tagesschau verbieten, online unterwegs zu sein. Da muss man tatsächlich fiktionale Unterhaltungsware anders betrachten als Information.  

Und was ist mit den Mediatheken?
Aus Zuschauersicht kann man da natürlich sagen, dass ARD und ZDF mit unserem Geld ihre Programme finanzieren. Warum dürfen wir die Produkte dann nur 30 Tage schauen? Das müsste doch eigentlich länger zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite gibt es die Produktionsfirmen, die sagen: Wenn das jetzt ewig in euren Mediatheken zur Verfügung steht, können wir uns nicht langfristig refinanzieren. Da bringt sich die Produzentenallianz ja auch ein, was die Verfügbarkeit von sieben oder 30 Tagen in den Mediatheken betrifft. Hier muss auf jeden Fall ein Kompromiss gefunden werden – zwischen den Belangen der Privaten, der Produzenten, der öffentlich-rechtlichen Kollegen und dem Zuschauer.

Sie haben einmal gesagt, dass es mehr denn je notwendig ist, dass wir auch in Zukunft gute Journalisten und seriöse Informationen haben. Warum wird RTL oftmals nicht für seriös gehalten?
Das hat natürlich mit der Geschichte von RTL zu tun. In den Anfangsjahren hat man versucht, sich vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen abzusetzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Da ging es deutlich bunter und schriller zu. Tatsächlich haben wir mittlerweile viele seriöse Formate und Programme: RTL aktuell, Extra, Team Wallraff, n-tv, Vox-Nachrichten, das Nachtjournal und so weiter. Der Informationsbereich von RTL ist gerade in den letzten Jahren sehr gewachsenen und hat an Profil gewonnen. Da ist natürlich ein Format wie Team Wallraff sehr hilfreich.

Könnten die Privaten allein die mediale Grundversorgung in Deutschland stemmen?
Das würde mit einem Geschäftsmodell, das rein auf Werbung basiert, nicht funktionieren. Das ist ja der Vorteil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass er für manche Themen, Inhalte, Programmfarben eben nicht auf die Werbeeinnahmen schauen muss. Journalismus generell und unser duales System insbesondere ist eine demokratiestärkende Einrichtung. Nicht umsonst sagt man, dass Deutschland eines der besten Fernsehsysteme hat. Im internationalen Vergleich können wir uns glücklich schätzen, welche Vielfalt und Pluralität wir besitzen.

Klagen über das System heißt also: Jammern auf hohem Niveau.
Ja, in der Tat. Beide Seiten des dualen Systems sind mit mehreren Milliarden Euro gut ausgestattet. Hier die Werbegelder, dort die Gebühren. Es arbeiten viele tausend Menschen für dieses System. Natürlich gibt es immer noch Verbesserungspotenzial, immer noch die Möglichkeit, hier und da eine schärfere Abgrenzung zu vollziehen. Aber wir bewegen uns auf einem hohen Niveau.


Leonhard Ottinger ist seit 2000 Leiter der RTL-Journalistenschule. Zuvor verantwortete er als Projektleiter der Bertelsmann-Stiftung die Konzeption und Durchführung von Modellprojekten zur Professionalisierung in den Bereichen Journalismus, Redaktionsmanagement und Fernsehproduktion.

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Die Redaktion - 4.9.2018