Werkstatt Web-Reportagen
Mit den Füßen am Abgrund
"Man steht davor und denkt: ‚Wie um alles in der Welt soll ich dort hochkommen?‘", sagt Titus Arnu über den "Berg der Berge". (Foto: journalist)

Teil 12 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen: Titus Arnu wollte den „Berg der Berge“ erklimmen, das 4.478 Meter hohe Matterhorn im schweizerischen Zermatt. Zusammen mit einem Bergführer machte er sich auf den Weg zum Gipfel. Doch ihre Tour sollte früher enden, als geplant.

von Laura Beigel

25 Zelte aus Aluminium, errichtet unter freiem Himmel auf einem kargen Felsplateau. In 2.880 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Hier werden der passionierte Hobbybergsteiger Titus Arnu und sein Bergführer Jörn Heller die Nacht verbringen, bevor sie am nächsten Tag mit dem Aufstieg beginnen. Ihr Ziel: der Gipfel des Matterhorns, dem „Berg der Berge“.

Die Pyramide aus Granit, Eis und Schnee hat es Arnu angetan: „Man steht davor und denkt: ‚Wie um alles in der Welt soll ich dort hochkommen?‘“ Über seine Tour zum Gipfel will der Journalist eine Geschichte schreiben, die auch als Digitalreportage für die Süddeutsche Zeitung dienen soll. Später wird er sie „Mythos Matterhorn“ nennen. Anlass ist das 150-jährige Jubiläum der Erstbesteigung durch Edward Whymper, Reverend Charles Hudson, Douglas Robert Hadow, Lord Francis Douglas, mit den Bergführern Michel Auguste Croz, Peter Taugwalder und dessen Sohn Peter. Arnu will es ihnen gleichtun: den Gipfel erklimmen.

Der Journalist hatte sich gezielt auf die Besteigung des Matterhorns vorbereitet. Regelmäßig trainierte er in den Bergen, um nicht aus der Übung zu kommen. Schließlich braucht ein Bergsteiger eine gute Kondition, um sich in großen Höhen zu bewegen. Als Arnu im schweizerischen Zermatt ankam, lernte er seinen Bergführer Jörn Heller kennen. Einen hageren, aber durchtrainierten Mann mit schwarzer Kurzhaarfrisur und Nickelbrille. Er ist seit mehr als 20 Jahren als staatlich geprüfter Berg- und Skiführer tätig. Um einschätzen zu können, wie geschickt sich Arnu beim Klettern anstellt, musste dieser nach seiner Ankunft erst einmal einige Trainings- beziehungsweise Akklimatisierungstouren absolvieren. Unter anderem am Kastor, einem anderen Viertausender, an dem es eine kleine Stelle gab, die in etwa mit dem Terrain des Matterhorns vergleichbar ist. Arnu überzeugte durch seine Kletterkenntnisse in Eis und Schnee, so dass Heller schließlich mit ihm zum Basislager aufbrach.

Um 3 Uhr morgens beginnt der Aufstieg

Skeptisch begutachten Arnu und Heller ihre Übernachtungsstätte – „mehr oder weniger eine Notunterkunft“. Die eigentliche Unterkunft für Bergsteiger, die Hörnlihütte in 3.260 Höhenmetern, ist zu diesem Zeitpunkt geschlossen. Statt hölzerner Betten erwartet die Männer im Aluminiumzelt eine Matte, ein Schlafsack sowie ein kleines Betthupferl: ein Mini-Matterhörnli aus Schokolade.

Zeit für süße Träume bleibt jedoch nicht. Mitten in der Nacht, kurz vor 3 Uhr, brechen sie wieder aus dem Basislager auf. Da sich ihre Zelte knapp 400 Meter unterhalb der Hörnlihütte befinden, müssen die beiden Frühaufsteher einen zusätzlichen Fußweg von einer Stunde bis zur Einstiegswand auf sich nehmen. Bergführer Jörn Heller geht voran und leuchtet mit seiner Stirnlampe den ausgetretenen Pfad entlang bis zur Einstiegswand. Nur fünf oder sechs andere Seilschaften sind an diesem Morgen unterwegs, sodass Arnu und Heller vergleichsweise freie Bahn haben. Sorgfältig seilt Heller seinen Gast an und macht sich dann mit ihm auf den Weg nach oben.

Der Hörnligrat, die meist genutzte Route zum Gipfel, hat schon einige Bergsteiger in die Knie gezwungen. Lange, fast senkrechte Passagen bereiten auch Arnu zeitweise konditionelle Schwierigkeiten. Erst in 3.820 Höhenmetern machen die beiden ihre erste, längere Verschnaufpause.

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen und scheint auf den Grat. Mütze, Handschuhe und zwei Jacken kann Arnu trotzdem gut gebrauchen. 

Bisher sind sie recht schnell unterwegs. „Vielleicht schaffen wir es auf den Gipfel“, sagt Heller. Den vergangenen Sommer über war kaum jemand bis ganz nach oben gekommen, wusste Arnu aus seinen vorherigen Recherchen. Doch an diesem Tag, Anfang September 2014, scheint der Gipfel zum Greifen nah. Motiviert gehen sie deshalb weiter, kämpfen sich durch den Schnee, der zwischen den Felsen liegt. Schon frühzeitig müssen sie ihre Steigeisen anziehen, um überhaupt voranzukommen, da in diesem Jahr besonders viel Eis und Schnee vorhanden ist.

Mit jedem Meter wird die Luft dünner. Und der Weg umso beschwerlicher. Immer wieder klettert Bergführer Jörn Heller vorweg und sichert, ehe Arnu vorsichtig folgt. Oftmals blickt Arnu in die Ferne, betrachtet die „unglaubliche Landschaft“. Es ist eine Mischung aus „Einsamkeit und totaler Abhängigkeit“, die ihn in so einem Moment überkommt. Einige Male ertappt er sich dabei, wie er herunterschaut. Auf die Stelle, in 1.500 Meter Tiefe, wohin er im schlimmsten Fall hinabstürzen würde. Arnu hatte schon immer einen „Riesenrespekt vor dem Matterhorn“. Denn vor allem psychologisch sei der Berg für ihn immer noch eine immense Hürde.

Die letzte Seilschaft kämpft sich nach oben

Ziemlich genau in 4.000 Metern Höhe steht ein kleines Holzhäuschen, die Solvayhütte, in der Titus Arnu und Jörn Heller den zweiten Zwischenstopp einlegen. Noch knapp 500 Meter liegen vor ihnen. Inzwischen spielt nicht nur die Erschöpfung gegen sie, sondern auch das Wetter. Skeptisch blickt Bergführer Heller in den Himmel: Schwarze Wolken schwappen von Italien aus herüber. „Ich bin schon mal vom Blitz getroffen worden“, erzählt er, „und ich habe es überlebt. Ein zweites Mal brauche ich diese Erfahrung nicht unbedingt.“

Nur noch wenige Höhenmeter trennen Titus Arnu vom Gipfel. Sein Gang auf dem mit Schnee und Eis bedeckten Felsboden wird zunehmend unsicherer. Vorneweg geht sein Bergführer, der sich immer wieder vergewissernd umschaut, ob sein Gast noch bei Kräften ist. Innerhalb kürzester Zeit verdunkeln sich über ihnen die Wolken. Ein Gewitter zieht auf. Im Kopf von Arnu fliegen die Gedanken hin und her. „Ich habe gespürt: Leute, das wird nichts. Was mache ich hier eigentlich?“ Titus Arnu und Jörn Heller befinden sich inzwischen in mehr als 4.200 Höhenmetern. Hier oben gibt es keinen Schutz. Wenn der Blitz einschlägt, dann trifft er auch.

Die Männer sind so ziemlich die letzte Seilschaft, die sich nach oben kämpft. Alle anderen sind inzwischen vorsichtshalber umgekehrt. Dann bricht auch Jörn Heller die Tour ab und schlägt vor umzukehren. „Okay. Lassen wir es lieber sein und drehen um“, entgegnet Arnu, den allmählich nicht nur die Kräfte, sondern auch die Motivation verlassen. Nach gut zehn Stunden sind sie wieder an der Hörnlihütte und erreichen schließlich nach einem kräftezehrenden Abstieg das Tal.

Trotz der intensiven Vorbereitung müssen sich Heller und Arnu geschlagen geben. Doch Arnu hält weiter an seinem Ziel fest. Zwar plagen ihn derzeit einige Knieprobleme, aber sobald diese abgeklungen sind, möchte er das Matterhorn noch einmal besteigen. Möchte sich Eis und Schnee entgegenstellen, um aus eigener Kraft endlich den Gipfel zu erreichen.   

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Die Redaktion - 29.4.2019