Werkstatt Web-Reportagen
Einlaminierte Tote lügen nicht
"Das Thema war in den deutschen Medien nicht stark vertreten", sagt Patrick Weinert. (Foto: journalist)

Als 2017 Hundertausende Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch flüchteten, wollten die Filmemacher Dennis und Patrick Weinert mit einer Webreportage auf deren Schicksal aufmerksam machen. Deshalb reisten sie nach Bangladesch. Getarnt als Touristen ging es an die Grenze. Teil 16 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportage.

von Jan Sadler

Allein von August bis November 2017 sind mehr als 600.000 Menschen aus Myanmar geflohen. Grund sind ethnische Säuberungen des burmesischen Militärs sowie der Polizei. Das Militär brennt Dörfer nieder und tötet und vergewaltigt deren Einwohner. Es rechtfertigt sich mit einem Angriff der Rohingya auf Soldaten. Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit im mehrheitlich buddhistischen Myanmar; sie werden schikaniert – nicht nur von Soldaten, auch von ihren Nachbarn. Im Oktober 2017 sitzen Hunderttausende vor der Grenze zu dem überforderten Nachbarland Bangladesch fest.

Ein Thema, das die „Weinert Brothers“ bereits seit Anfang 2017 auf dem Schirm hatten. Die Brüder Dennis und Patrick Weinert produzieren Reportagen für das Y-Kollektiv, einem Onlinekanal der ARD-und ZDF-Tochter Funk. Während die Weltpresse noch kein Interesse am Völkermord der Rohingya zu haben schien, entschieden die Zwei, auf eigene Faust sich ein Bild von der Lage zu machen. „Das Thema war in den deutschen Medien nicht stark vertreten. Da wussten wir, wenn wir das jetzt nicht machen, dann wird es untergehen“, war sich Patrick Weinert damals sicher.

An die Grenze nach Myanmar

Eine Reise nach Myanmar gestaltete sich jedoch schwierig. Eine freie Berichterstattung konnte von dort aus nicht gewährleistet werden. Das Risiko, selbst zwischen die Fronten zu geraten, wurde nach reichlicher Überlegung als zu groß eingestuft. Also ging es nach Bangladesch. Nachdem die Weinert-Brüder nach Dhaka geflogen waren, ging es weiter mit dem Bus nach Cox’s Bazar. Getarnt als Touristen konnten sie unbehelligt an die Grenze zu Myanmar reisen. Ungewiss war jedoch, ob sie ohne Zugehörigkeit zu einer NGO überhaupt in die dortigen Flüchtlingscamps kommen würden. Wie sich herausstellte: Alles kein Problem. In den Camps angekommen, knüpften die Weinerts Kontakte zu Rohingyas mit Englischkenntnissen.

Bereits nach kurzer Zeit kamen Flüchtlinge auf sie zu, die ihnen ihre Geschichte erzählen wollten. Und diese Geschichten hatten es in sich. Einer von ihnen hatte das Foto seines hingerichteten Bruders einlaminiert, um die Gräueltaten auf ewig festzuhalten. Damit umzugehen fiel auch den Weinert-Brüdern schwer. Um diese Bilder zu verarbeiten, brauchte es Zeit. „Es ist wichtig, darüber zu sprechen, damit sich sowas nicht in einen reinfrisst“, weiß Dennis Weinert. Zum Ende ihrer Reise tauchten auch die etablierten Medien auf.

Zweigeteilte Resonanz

Die Onlinereportage sammelte auf Facebook eine halbe Million Klicks und wurde auch von der ARD geteilt. Zudem auf Youtube mehr als 82.000 Aufrufe. Mit einem Q&A-Video standen Patrick und Dennis Weinert zudem noch der Onlinecommunity Rede und Antwort. Doch die Schattenseiten des Social-Media-Zeitalters wurden auch hier deutlich. Im Schutze der Anonymität gesellten sich rasch rechtsextreme User dazu und äußerten sich zu dem Thema.

Das war für Dennis Weinert nicht hinnehmbar: „Es kam uns vor als wäre die Kommentarspalte von einem rechten Mob gekapert worden. Es sind in der Zahl wahrscheinlich gar nicht viele, aber es sind die Lautesten. Das war halt ein Problem, weil da auch einfach viel verfassungsfeindliche Hetze dabei war“, erzählt er. „Viele Kommentare mussten wir löschen, was uns definitiv gezeigt hat, dass es da ein Spektrum der Gesellschaft mittlerweile gibt, was sich dann schnell formiert und gerade solche Themen mit rechtsradikaler Hetze für sich zu vereinnahmen versucht“.

Während frühere Formate den Zuschauer vor vollendete Tatsachen gestellt haben, haben neue Formate, wie zum Beispiel das Y-Kollektiv, die Aufgabe, ihre Beiträge zu untermauern, zu verteidigen und Diskussionen anzuregen. Für ihre Reportage unter dem Titel „Gehasst und gejagt: Rohingya – Myanmars verfolgte Muslime“ wurden die Weinerts für den Webvideopreis 2018 nominiert.

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Die Redaktion - 29.4.2019