Werkstatt Web-Reportagen
Einen „Unsichtbaren“ finden
"Zwischenzeitlich musste ich zurück nach Deutschland. Ich gab aber die Hoffnung nicht auf", sagt die Journalistn Vanessa Schlesier über ihre Recherchen. (Foto: journalist)

Ein Mann sitzt am Hotelpool und spricht am Telefon über das Schleusen von Menschen. Wöchentlich schickt er Flüchtlinge für ein kleines Vermögen über das Meer nach Europa. Er versteht es, immer wieder der Polizei zu entgehen. Wie stehen da die Chancen einer jungen deutschen Journalistin, diesem „Unsichtbaren“ auf die Spur zu kommen? Teil 11 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Cornelia Bertram

Im September des Jahres 2012 ging die Reporterin Vanessa Schlesier nach einem Volontariat für 14 Monate nach Israel. Sie erlebte, wie die Flüchtlingsströme in Richtung Europa stärker wurden. Während ihrer letzten Monate in Israel reiste sie mehrere Male nach Jordanien, wo sie erste Einblicke in das Leben der syrischen Flüchtlinge erhielt. „In dieser Zeit wuchs mein Interesse an den Schicksalen der Menschen. Ich musste einfach mehr über die illegalen Machenschaften der Schleuser und die Abläufe der Überfahrten erfahren“, erinnert sich Schlesier.

Nachdem sie sich ein knappes Jahr in Deutschland aufgehalten hatte, zog es die Journalistin wieder ins Ausland. Im Jahr 2014 reiste Schlesier vier Mal in die Türkei, auf der Suche nach Informationen und Hinweise zu den Schleuserbanden. Diese schickten mittlerweile regelmäßig Boote an die italienischen und griechischen Küsten. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, dass es wirklich ein knappes Jahr dauern sollte, bis sich meine Anhaltspunkte verfestigen würden.“

Angewiesen auf fremde Hilfe

Wie viele ausländische Journalisten war auch Schlesier von ortsansässigen Helfern und deren Kontakten abhängig. Über die Jahre haben sich in den sozialen Medien Foren gebildet, über die sich Reporter mit „Fixern“ bestimmter Länder vernetzen können. Als „Fixer“ bezeichnet man Personen, meist sind es lokale Journalisten, die für ausländische Reporter die passenden Ansprechpartner finden. Ohne „Fixer“ wäre es oft unmöglich, an wichtige Informationen zu gelangen. Zudem übernehmen sie die Rolle des Übersetzers, führen Gespräche mit den Informanten. Dabei kommt es oft auf viel Feingefühl an. „Der Fixer muss über eine hohe emotionale Intelligenz verfügen, da nur so eine Bindung zum Gesprächspartner aufgebaut werden kann“, weiß Schlesier. „Der Informationsfluss und die Entwicklung der Geschichte sind von diesem Aspekt abhängig. Damit können ganze Themen stehen und fallen.“

Vanessa Schlesier hat damals in einer entsprechenden Facebook-Gruppe ihr Anliegen geschildert, „dass ich auf der Suche nach jemanden sei, der mich mit einem Schleuser in Verbindung bringen könnte.“ Einige Tage später meldete sich der Journalist Munzer Al-Awad, der sich schon länger in der Türkei aufhielt. Er kam aus Syrien und hatte in Istanbul schnell Kontakte mit geflüchteten Landsleuten geschlossen. Auch Personen aus dem illegalen Schmuggler-Milieu waren ihm nicht fremd. Munzer erklärte er sich bereit, der Reporterin bei den Recherchen zu helfen.

Geschäfte hinter verschlossener Tür

Nach der Kontaktaufnahme reiste Schlesier nach Istanbul, um Munzer zu treffen. Vor Ort erfuhr sie von dem Gerücht, dass es in der Stadt einen Platz gebe, auf dem sich Flüchtlinge und Schleuser begegnen und die Bezahlungen abwickeln. Der Platz sei direkt im Zentrum des Drogen- und Rotlichtviertels Aksaray. „Natürlich erhofften wir uns, dort einen passenden Ansprechpartner zu finden.“

Mehrere Tage beobachteten Schlesier und ihr „Fixer“ in Aksaray, wie Menschen in sogenannten Büros ein- und ausgingen. Hinter verschlossener Tür wickelten Mittelsmänner die Bezahlung für die Schleuser ab. „Für mich kam es nicht infrage, selbst in die Büros zu gehen. Das wäre als ausländische, blonde Frau zu auffällig und zu gefährlich gewesen“, schildert die Reporterin die Situation.

Über Munzer und einige gesprächige Flüchtlinge erlangte sie aber Auskünfte über die geheimen Abläufe der Bezahlung. In Aksaray an einen Schleuser zu gelangen, gestaltete sich jedoch zu diesem Zeitpunkt als unmöglich. Denn obwohl die Schleppergeschäfte vor Ort bekannt waren, kannte niemand die Identität der Drahtzieher. „Wir waren tagelang auf der Suche und konnten trotzdem in Istanbul keinen passenden Ansprechpartner finden“, so Schlesier. „Zwischenzeitlich musste ich sogar zurück nach Deutschland. Ich gab aber die Hoffnung nicht auf, dass Munzer dennoch schnell erfolgreich wäre.“ Doch es sollte mehrere Monate dauern, bis sich der richtige Kontakt finden ließ.

Das „Geisterschiff“ vor Italien

Kurz nach Neujahr 2015, Schlesier hielt sich gerade für Recherchen in der Türkei auf, kam es vor der Küste Italiens zu einem Vorfall, der viel Aufsehen erregte. In den nationalen Gewässern trieb ein großes Containerschiff führerlos und manövrierunfähig auf das Festland zu. Im Laderaum: Hunderte Flüchtlinge, die hofften, nach Europa zu gelangen.

Der Einsatz von Frachtern als Schmugglerboote war zu diesem Zeitpunkt nicht weit verbreitet und stellte im Fall einer Kollision eine erhebliche Gefahr dar. Folglich berichteten viele Medien über das „Geisterschiff“ - und das Interesse der Öffentlichkeit wurde geweckt. Schlesier hatte das Gefühl, „dass dies endlich unsere große Chance wäre, eine betroffene Person finden zu können!“ Gemeinsam mit Munzer versuchte sie nun, an Informationen über die Hintermänner zu gelangen.

Die sozialen Gepflogenheiten sowie die Kommunikation vor Ort kamen der Reporterin zugute. „Es herrscht eine andere Art von Netzwerk, man redet mehr miteinander, unterstützt sich solidarisch und stellt, wenn möglich, auch für Fremde Kontakte her“, sagt Schlesier. Dies traf auch auf einen neuen Informanten von Munzer zu. Dieser wusste tatsächlich, wer für das führerlose Schiff verantwortlich war. Nachdem er bei dem „Geisterschiffer“ für die beiden ein gutes Wort einlegte, erklärte sich dieser zu einem Treffen bereit. Sie sollten in den Küstenort Mersin kommen, von wo aus er seine Schiffe starten würden. Dort angelangt folgte jedoch schnell die Ernüchterung: Abu Ahmad, so nannte sich der Drahtzieher hinter dem Flüchtlingsschiff, war nicht anzutreffen.

All-Inclusive Hotels und Menschenschmuggel

Er meldete sich einige Tage später. „Er entschuldigte sich, dass er uns einen falschen Treffpunkt genannt hatte, aber er müsse vorsichtig sein. Er würde in Side auf uns warten“, erzählt Vanessa Schlesier. Nach einer längeren Fahrt erreichten die Reporter ein All-Inclusive Hotel in dem Ferienort. „Das Bild, das sich uns bot, war sehr kontrastreich und wirkte fast gestellt.“ In der Anlage saßen deutsche Familien und Urlauber. Zwischen ihnen am Pool: Abu, der gerade am Telefon mit einer potenziellen Kundin über die verlangte Bezahlung sprach.

An den folgenden Tagen durften sie den „Geisterschiffer“ begleiten. Abu erklärte, er habe ein Boot in internationalen Gewässern, auf das er warten müsse. Die Flüchtlinge, für welche dieses bestimmt war, hielten sich seit mehreren Tagen in einem nahen Hotel auf. Da Abu befürchtete, die Angestellten würden Verdacht schöpfen und um kein Aufsehen zu erregen, wollte er in der Anlage weder gefilmt noch fotografiert werden. „Obwohl er gestresst war und unauffällig bleiben wollte, redete Abu bereitwillig mit uns über seine Geschäfte“, erzählt Schlesier. „Er wollte zeigen, wie ‚verantwortungsvoll’ er schmuggelt. Dass er nicht skrupellos vorgeht und alles nur des Geldes wegen macht.“

Nachdem sie Abu zwei Tage lang begleitet hatten, verschwand dieser spurlos. Einige Tage später kam ein Lebenszeichen per Telefon: Er müsse arbeiten. „Womöglich war das Schiff angekommen, auf das er gewartet hatte“, schlussfolgert Schlesier.

Nachdem sie tiefe Einblicke in die Geschäfte des Schmugglers erhalten hatte, galt es nun, die Kehrseite der Geschichte auszuleuchten. Vor Ort und in den Medien war bei den Containerschiffen immer von einer skrupellosen und gefährlichen Schleusermethode die Rede. Eine Person, die sich schon an Bord eines dieser Schiffe befunden hatte, sollte nun Klarheit bringen. Es dauerte mehrere Tage und etliche Besuche bei deutschen Behörden, bis Schlesier einen solchen Mann ausfindig machen konnte.

„Abdo“ war mit einem der Geisterschiffe nach Europa gekommen und hatte die Überfahrt mit dem Handy gefilmt. Er konnte also über die Verhältnisse an Bord berichten. „Der Kontakt zu ‚Abdo‘ war ein echter Glücksgriff, da seine Videos einige Aussagen von Abu tatsächlich bestätigten“, so Schlesier. Auch wenn die Überfahrt keine gute Fahrt war und von Luxus schon gar nicht die Rede sein konnte, boten Abus „Geisterschiffe“ immerhin mehr Sicherheit, als Schlauchboote es getan hätten.

Für Schlesier hat sich der mehrmonatige Rechercheaufwand gelohnt. Sie hat nicht nur Einblick in sonst unsichtbare Milieus erhalten, sondern sie wusste am Ende auch die Aussagen des Menschenschmugglers richtig einzuordnen. Es entstanden zwei Web-Reportagen für welt.de – „Der Geisterschiffer“ (Mitarbeit: Florian Flade und Munzer Al-Awad) und „Die Massenflucht" (zusammen mit Florian Flade, Marc Neller, Munzer Al-Awad).


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Die Redaktion - 29.4.2019