Werkstatt Web-Reportagen
Eine Jugenderinnerung zum Leben erweckt
"Diese Geschichte in ihrem ganzen Umfang und in dieser Form so detailliert und facettenreich zu erzählen, wäre bei keinem anderen Medium möglich gewesen", sagt Thomas Deterding über seine Reportage. (Foto: journalist)

Als im Oktober 2016 seine Story „Rückkehr ins Leben“ veröffentlicht wurde, fiel Thomas Deterding ein Stein vom Herzen. Denn um den wohl größten Umbruch in der Vereinsgeschichte von Hannover 96 als Multimedia-Geschichte zu erzählen, musste er durch viele Höhen und Tiefen gehen. Teil 17 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Ben Kendal

Für Hannover 96 hätte es zum 100. Geburtstag kein mieseres Geschenk geben können: 1996 stiegen „die Roten“ aus der zweiten Bundesliga in die Regionalliga-Staffel Nord-Ost ab. Vier Jahre zuvor gelang 96 noch der sensationelle Pokalsieg, doch nun drohte dem Verein der sportliche und wirtschaftliche Untergang. Der Vorstand, die Mannschaft und ihre Fans stellten sich die Frage: Kann sich der Klub aus der Amateurklasse zurückkämpfen und dem finanziellen Aus entkommen? Die darauffolgenden Spielzeiten würden es zeigen.

Es ist nicht die bekannteste Geschichte des deutschen Fußballs. Trotzdem oder gerade deshalb wollte Thomas Deterding als Multimedia-Redakteur der Fußballplattform Transfermarkt.de die vielleicht spannendste Phase in der Geschichte des Fußballclubs als Multimedia-Story erzählen. Sein Werk „Rückkehr ins Leben“ zeigt die vielen Facetten des Vereins in der entscheidenden Saison 1997/1998 mit Texten, Videos und Bildergalerien auf.

Nicht ohne Grund widmete sich Deterding diesem Projekt: „Es war nicht nur für den Verein, sondern auch für mich eine wichtige Zeit“, sagt Deterding. „1996 nahm mich mein Vater zum ersten Mal mit ins Niedersachsenstadion, die Heimstätte von Hannover 96“, erinnert sich der Sportjournalist. „Damals mit 14 begann ich mich für den Verein 96 zu begeistern.“ Deterding besuchte häufig mit Freunden die Spiele des Traditionsclubs. So erlebte er den Abstieg in die dritte Liga hautnah mit.

Erinnerungen an eine bewegende Zeit

Schon am Anfang seiner Zeit bei Transfermarkt.de (2015) spielte Deterding mit dem Gedanken, den heute fast vergessenen Umbruch von Hannover 96 als Multimedia-Story nachzuerzählen. Er wollte seine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit unter Einbezug zahlreicher anderer Perspektiven zum Leben erwecken. „Die Website war schon immer eine Plattform für Geschichten im Fußball, die sich abseits des ‚Mainstream-Konsums‘ abspielen“, so Deterding. Auf dem Fußballportal machen Oberliga-Vereine und Amateur-Fußballer ebenso Schlagzeilen wie Bayern München und Cristiano Ronaldo. „Diese Geschichte in ihrem ganzen Umfang und in dieser Form so detailliert und facettenreich zu erzählen, wäre bei keinem anderen Medium möglich gewesen.“

Im April 2016 begann der damals 34-Jährige mit seiner Recherche und suchte zunächst nach den richtigen Protagonisten. Spieler aus dem damaligen Kader seien besonders wichtig gewesen. „Es waren damals ja auch einige Spieler bei 96 vertreten, die sich später in der ersten Bundesliga oder der Nationalmannschaft einen Namen machten“, so Deterding. Gerald Asamoah, Otto Addo und Fabian Ernst beispielsweise legten allesamt eine steile Karriere im Profifußball hin – wenn auch nicht mehr bei den Roten. Die drei Ex-96er waren von der Idee Deterdings begeistert.

„Eigentlich alle, mit denen ich im Vorfeld über das Projekt sprach und die ich anfragte, signalisierten sofort, dass sie dabei sind. Man spürte, dass diese Zeit auch für sie eine besondere gewesen war, an die sie sich gerne zurückerinnern wollten.“ Seinen ursprünglichen Plan, alle Protagonisten vor die Kamera zu kriegen, musste Deterding allerdings aufgeben. „Leider war das logistisch schwierig, da sie mittlerweile quer durch Europa verteilt lebten“, bedauert er.

Viele Gegentore …

Die Gespräche waren zwar schnell im Kasten, jedoch fehlte es Deterding zunächst an multimedial einsetzbarem Material. Die Telefoninterviews beispielsweise mit Addo, Asamoah, Ernst und auch dem damaligen Coach Reinhold Fanz konnte er nicht als Tonspuren in die Story integrieren. „Einerseits war das von meinen Gesprächspartnern nicht erwünscht, andererseits ließ es die Soundqualität auch nicht zu“, sagt Deterding. Mit Jörg Sievers konnte er zumindest den damaligen Torhüter für ein Videointerview verpflichten und so die ersten eigenproduzierten Bewegtbild-Elemente für seine Geschichte sammeln.

Deterding wollte in seiner Story aber nicht nur den sportlichen Aspekt thematisieren. In der Saison 1997/1998 war Hannover 96 mit sieben Millionen Mark verschuldet. Im Verein hieß es: Sollte man nicht den Wiederaufstieg in die zweite Spielklasse schaffen, würde der Kub womöglich Bankrott gehen. Um die finanzielle Situation zu verbessern, wurde der Unternehmer Martin Kind 1997 zum Präsidenten gewählt. Kind, der auch heute noch das Amt bekleidet, leitete den Umbruch des Vereins ein: „Unter Kinds Ägide passte sich der Verein den Gegebenheiten des modernen Profi-Fußballs an und fand zurück in die Spur“, schrieb Deterding in seiner Multimedia-Story. Auch Kind konnte der Journalist für ein ausführliches Videointerview gewinnen.

Anfang Mai 2016 hatte Deterding trotz einiger Rückschläge genügend Interviews, Videos und Archivmaterial zusammen, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Zwei Wochen lang schrieb er mit viel Herzblut über die Kehrtwende von Hannover 96 – über die Rückkehr ins Leben. Anschließend stand ihm aber die wohl größte Hürde ins Haus: Das Content Management System (CMS), also die Software zur Organisation der Website, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgefeilt genug, um die Geschichte in ihrer Fülle und mit all ihren Elementen auf eine angemessene Art und Weise erzählen zu können. Sprich: Die Story konnte im CMS nicht nach den Vorstellungen Deterdings und seiner Kollegen online gestellt werden.

Es gab einen Weg, die Multimedia-Story dennoch publik zu machen – doch er ließ sich weder schnell, noch einfach umsetzen. „Ein einziger Programmierer sorgte dafür, ein Umfeld zu programmieren, in dessen Rahmen die Geschichte funktionierte“, so Deterding. „Dafür musste er abseits seines eigentlichen Tagesgeschäfts viel einzeln programmieren.“ So dauerte die Online-Umsetzung noch mehrere Monate. „Vom Anfang meiner Arbeit bis zum Veröffentlichungsdatum verstrich ein halbes Jahr“, sagt Deterding.

… aber am Ende steht der Sieg

Am 12. Oktober 2016 war es dann soweit – die Multimedia-Story ging online. Mit acht Kapiteln und insgesamt mehr als 115.000 Zeichen Text war der Umfang weitaus größer, als Deterding anfangs beabsichtigt hatte. „Viel hatte sich ja erst im Prozess selbst entwickelt, immer wieder kamen neue Mosaiksteinchen dazu. Aber: Die Geschichte kam sehr gut bei den Usern an“, erzählt Deterding. „An den Klickzahlen gemessen, stand der Ertrag natürlich rückblickend in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand“, so der heute 36-Jährige.

Dennoch: Neben der gewonnen Erfahrung in Sachen multimediales und digitales Storytelling konnte sich Deterding am Ende auch noch über eine Auszeichnung freuen. Mit der 96-Story belegte Transfermarkt.de den dritten Platz beim Großen Online-Preis des Verbands Deutscher Sportjournalisten (VDS). „Nur zwei Beiträge von FAZ und Spiegel Online wählte die Jury bei mehr als 50 Einsendungen vor unsere Geschichte – das war für uns und Transfermarkt.de natürlich ein großartiges Ding“, so Deterding.

Trotz dieses positiven Ergebnisses ärgert sich der Journalist rückblickend vor allem über die aus seiner Sicht etwas zu kurz geratenen digitalen Features wie Videos, Soundspuren und Co: „Ich hätte gerne den Textanteil reduziert und die Story dafür mit mehr eigenen Bewegtbildern oder anderen Features angereichert “, sagt er. „Für eine Multimedia-Story hatte der Beitrag letztlich auch in den Augen manches Kritikers zu wenige multimediale Elemente“, gesteht Deterding ein. „Allerdings war das den Umständen und daraus resultierenden begrenzten Möglichkeiten verschuldet. Um beispielsweise mit Otto Addo in seinem damaligen Wohnort in Dänemark vor Ort und nicht ‚nur‘ telefonisch zu sprechen, fehlten die zeitlichen Kapazitäten.“

Ähnlich wie die Rückkehr von Hannover 96 in den Profi-Fußball, war auch Thomas Deterdings Story ein langer, harter Weg voller Hindernisse. „Je länger der Prozess dauerte, desto mehr Zweifel kamen auf: Habe ich mich übernommen? Würde die Story überhaupt noch veröffentlicht werden?“ Am Ende gab es aber auch für Deterding ein Happy End.

Deterding, der heute beim Medienunternehmen NOZ Medien in der Hamburger Zentralredaktion Digital als Chef vom Dienst arbeitet, möchte künftig weitere große Multimedia-Geschichten verfassen. „Ich bin natürlich auch ein Stück weit stolz, dass ich dieses Projekt damals mit all seinen Begleiterscheinungen auf die Beine gestellt habe“, sagt er. „Schließlich ist mir die Story auch persönlich sehr wichtig. Auch wenn ich mittlerweile anders an eine Geschichte dieser Größenordnung rangehen würde.“

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Die Redaktion - 29.4.2019