Werkstatt Web-Reportagen
Ein Wahnsinn ohne Straßennamen
"Beirut ist auf den ersten Blick eine sehr laute, sehr chaotische, sehr abweisende Stadt. Den Charme entdeckt man erst, wenn man auch gedanklich richtig angekommen ist", sagt Hans-Ulrich Brandt (Foto: journalist)

Drei Wochen lang verfolgt Politikredakteur Hans-Ulrich Brandt vom Weser-Kurier das Geschehen in der libanesischen Stadt Beirut. Als Gastredakteur arbeitet er im April 2015 bei der Zeitung As-Safir. Zurück in Bremen erzählt er in einer Multimedia-Reportage von seinen Eindrücken. Teil 13 unserere Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Gina Briehl

Es fängt mit dem Angebot an, an einem Journalistenaustausch des Goethe-Instituts teilzunehmen. Genauer: am Projekt „Nahaufnahme“. Auf der einen Seite Ibrahim Sahara von der libanesischen Zeitung As-Safir, der als Gastredakteur zum Weser-Kurier kommt, auf der anderen Seite Hans-Ulrich Brandt vom Weser-Kurier, der wiederum als Gastredakteur bei der As-Safir arbeiten soll. Brandt erinnert sich: Als er gefragt wird, ob er bei diesem Austausch mitmachen möchte, zögert er keine Sekunde. „Das war für mich wie ein Sechser im Lotto“, erzählt er begeistert. Das mulmige Gefühl wegen der kritischen Situation vor Ort war für ihn erst einmal zweitrangig.

Bei einem langen Vorgespräch erklärt ihm der Leiter des Goethe-Instituts, worauf er sich in Beirut einstellen muss: „Er hat mir klipp und klar gesagt, dass ich nicht so ganz machen kann, was ich möchte, da das Goethe-Institut eine gewisse Verantwortung für mich trägt.“ Dazu gehört vor allem, dass Brandt sich während seines Gastaufenthalts nur in jenen Gegenden bewegen darf, die für Journalisten sicher sind – alle anderen Bereiche soll er absolut vermeiden. „Auch wenn das meinen Radius von vornherein etwas eingeschränkt hat, war das natürlich nur zu meinem Besten“, meint er im Nachhinein.

„Ich komme nachts um kurz nach drei Uhr an. Flughäfen sind zwar nie dazu angetan, eine Stadt von Anfang an zu mögen, um diese Zeit aber fühle ich mich wie irgendwo ausgesetzt. Lost in Beirut, sozusagen. Mit dem Taxi fahre ich über leere Stadtautobahnen, durch düstere Viertel. Eine bedrohlich erscheinende, fremde Welt.“

Das sind Brandts erste Eindrücke bei seiner Ankunft am Rafic-Hariri-Airport in Beirut. Das Taxi bringt ihn zu einem kleinen Apartment mitten im multikulturellen Hamra-Viertel, in dem er die nächsten drei Wochen wohnen wird. „Am Anfang war es etwas gewöhnungsbedürftig, weil es unheimlich laut, stickig und auch unkomfortabel war. Aber es passte eben zur Situation. Es hätte überhaupt nicht gepasst, wenn ich in irgendeinem Hotel gewohnt hätte.“

Sich im Hamra-Viertel zurechtzufinden ist vor allem anfangs eine Herausforderung. Brandt entdeckt die Stadt Straße für Straße, Tag für Tag immer mehr. „Beirut ist auf den ersten Blick eine sehr laute, sehr chaotische, sehr abweisende Stadt. Den Charme entdeckt man erst, wenn man auch gedanklich richtig angekommen ist“, berichtet er.

„Dort drängeln sich die Autos durch die Hamra-Street, den alten Boulevard. Eng ist es auf den Bürgersteigen. Immer wieder muss man Menschen ausweichen, die aus Asien, Afrika, Europa, ja von überall herzukommen scheinen.“

Sein journalistischer Auftrag besteht vor allem darin, den Mikrokosmos der Stadt zu schildern: Wie erlebt man den Alltag als jemand, der dort nicht lebt und vollkommen fremd ist? „Es waren Alltagsgeschichten darüber, wie man sich in diesen Straßen ohne Namen, in die man sich gar nicht hineintraut, überhaupt orientiert.“ In einer seiner Geschichten mit dem Titel „Die Suche nach dem Meer“ beschreibt Brandt zum Beispiel die Urbanität Beiruts: „Man nimmt das Meer in Beirut nicht wahr, selbst wenn man davorsteht. Es versteckt sich hinter Beton. Deshalb fand ich das eine zwingende Geschichte, die erzählt werden muss.“

Eine ruhige und höfliche Atmosphäre in der Gastredaktion

Beim Weser-Kurier ist Brandt Politikredakteur. Der Jahrestag des libanesischen Bürgerkriegs oder die zahlreichen syrischen Flüchtlinge sind Themen, über die er berichtet oder zu denen er einen politischen Kommentar verfasst. Solche Geschichten finden am Ende auch Platz in der Multimedia-Reportage, die er später in Bremen produzieren wird. Die Arbeit als Gastredakteur bei As-Safir betrachtet Brandt als ganz besonderes Erlebnis: „Ich habe mich die ganze Zeit über als Teil der Redaktion gefühlt. Alle waren sehr höflich, im Alltag auch unheimlich offen und hilfsbereit. Das war eine tolle Erfahrung“, erinnert er sich.

Verglichen mit Deutschland unterscheidet sich der journalistische Alltag in Beirut sehr deutlich. Das Tempo sei dort wesentlich ruhiger, Zeitdruck spiele nicht so eine große Rolle. „Es war eine ganz andere Arbeitsatmosphäre, wie ich sie hier aus den 70er oder 80er Jahren kannte. Die Menschen sind abgrundtief gelassen, die bringt so schnell nichts aus der Ruhe“, berichtet Brandt.

Die Artikel, die Brandt und sein libanesischer Austauschkollege während ihres Gastaufenthalts schreiben, werden auch immer in den jeweiligen Partnerzeitungen veröffentlicht. „So konnten die Menschen in Beirut auch an meinen Eindrücken teilhaben. Was sehr schön war, weil sie die Dinge, die ich beobachtet habe, gar nicht mehr so wahrnehmen.“ Diese seien schon längst hinter dem Alltag verschwunden.

Brandts Geschichten finden große Resonanz – sowohl in Beirut als auch in Bremen. Einerseits finden sie Beachtung bei Kollegen, andererseits wird Brandt von Menschen in beiden Städten auf seine Artikel angesprochen. Dazu kommen unzählige Mails und Leserreaktionen. Nach seiner Rückkehr aus Beirut nach Bremen berichtet Brandt auch auf einer Veranstaltung ausgiebig über seine Reise. „Das Ganze ist auf unheimliches Interesse gestoßen“, erzählt er.

Es ist nicht alles positiv, was Brandt erlebt. In der libanesischen Stadt musste Brandt auch mit Schwierigkeiten und Unsicherheiten umgehen. So können die Bettler auf der Straße recht unangenehm werden – sie sind ein Grund, warum er zum Teil andere Strecken gegangen ist. „Es hieß eben auch immer: Sei vorsichtig und überleg' dir in welche Straßen du gehst.“ Vor allem in der Anfangszeit fühlte sich der Journalist unsicher.

Freies Fotografieren am Strand – Fehlanzeige

Hinzu kommt, dass Brandt in den Straßen nicht frei fotografieren darf – weder Menschen noch Häuser. Für einen Mann der Presse ein großes Manko: „Das hat mich am Anfang sehr gehemmt. Ich hätte gerne wahnsinnig viel fotografiert, habe mich aber kaum getraut.“ Als Brandt für seine Geschichte „Die Suche nach dem Meer“ unterwegs ist, macht er am Strand Foto- und Videoaufnahmen. Weit entfernt sitzt eine libanesische Familie – der Vater bekommt mit, dass Brandt Aufnahmen macht. „Er kam zu mir, wollte mir die Kamera wegnehmen und schrie mich an“, berichtet er. „Ich habe ihn dann irgendwie beruhigt und gesagt, dass ich ihn nicht auf meinen Aufnahmen draufhabe.“ Möglichst schnell versucht er, der Situation zu entfliehen. „Das sind schon Momente, wo man sich nicht wohlfühlt.“

Auf den Straßen sind das Militär und die Polizei präsent, bestimmte Bereiche sind komplett abgesichert, um vor Terroranschlägen zu schützen. „Daran merkt man, dass diese Gefahr, dass etwas passieren könnte, immer da ist.“

Multimediales Erzählen eine ganz neue Herausforderung

Von Anfang an war klar, dass Brandt seine Eindrücke später auch in einer Multimedia-Reportage erzählen soll. Die Zeitung testete damals gerade das Tool Pageflow – Brandts Multimedia-Reportage „Brandt in Beirut“ ist eine der ersten, die beim Weser-Kurier umgesetzt wird. Als Printredakteur empfindet er das als besondere Herausforderung.

Auf das Equipment musste Brandt sich im Voraus einstellen: Er bekommt eine Digitalkamera, mit der gute Foto- und Videoaufnahmen gemacht werden können. „Ich brauchte Videoschnipsel, Audios, Fotoserien und so weiter. Das heißt, ich musste mich von der Arbeit her ein bisschen darauf einstellen, dass es nicht nur etwas ist, was ich mit einem Artikel abdecke.“ Brandt ist sich schnell bewusst, dass er eine Geschichte erzählen möchte, die nah an den Menschen dran ist. Am Beispiel von mehreren jungen Libanesen will er zeigen, wie sie die Situation in Beirut betrachten – ob sie in Beirut bleiben oder die Stadt verlassen wollen.

Bei seiner Suche nach geeigneten Ansprechpartnern helfen ihm seine Kollegen in Beirut und der Verlag der As-Safir. „Die Suche war nicht ganz so einfach, wenn man da als westeuropäischer Journalist hinkommt. Das ist auch ein sensibles Thema gewesen, da möchte nicht jeder offen drüber sprechen.“ Dank der Unterstützung finden sich nach und nach Protagonisten, die überwiegend aus dem Umfeld der Zeitung As-Safir kommen. Mit jedem spricht Brandt etwa eine Stunde. Zusätzlich macht er Tonaufnahmen, Videos oder Fotostrecken, um Abwechslung in das Format zu bringen. Stück für Stück bereitet er die Web-Geschichte während seiner Zeit in Beirut vor.

In Bremen konzipiert der Journalist das Pageflow gemeinsam mit seinem Online-Kollegen Klaas Mucke. „Insgesamt war es eine Herausforderung. Ich kannte das Format schon, war halt nur im technischen Umgang nicht geschult. Das war eine sehr schöne kooperative Zusammenarbeit und ein kreativer Prozess“, erinnert sich Brandt.

Insgesamt dauert die Umsetzung mit Pageflow ungefähr eine Arbeitswoche. „Ich habe nicht rund um die Uhr dabeigesessen, aber es waren auch für mich etliche Arbeitsstunden. Mal eben ein Pageflow machen – das funktioniert nicht.“ Doch am Schluss hat sich sowohl die Reise als auch die harte Arbeit an den Geschichten ausgezahlt – die Multimedia-Reportage wurde mehr als 17.000 Mal geklickt.

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Die Redaktion - 29.4.2019