Werkstatt Web-Reportagen
Drei Perspektiven aus einem polarisierten Land
"Ich war im Vergleich zu den Leuten dort wahnsinnig privilegiert. Ich bin da reingegangen mit meinem Diktiergerät, was sich dort niemals jemand leisten könnte", erzählt Benedikt Peters über seine Recherche im Armenviertel. (Foto: journalist)

Kolumbien ist ein polarisiertes Land. Ein Land, das zwischen Frieden und Krieg taumelt. Benedikt Peters hat eine Armensiedlung, ein Aktivistencamp und ein Gefängnis besucht und drei Schicksale kennengelernt. Aus den Gesprächen mit Kriegsopfern und Kriegskämpfern formte er eine Web-Reportage für die Süddeutsche Zeitung. Teil 15 unserer Werkstatt-Serie zu Web-Reportagen.

von Marie Schiller

Mehr als 50 Jahre hat die linke Rebellengruppe Farc, eine Abkürzung für Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Krieg gegen die Regierung geführt. „Mindestens 220.000 Menschen haben den Krieg mit dem Leben bezahlt, 160.000 verschwanden und mehr als sieben Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben“, schreibt Benedikt Peters, Online-Redakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Politik, in seiner Web-Reportage „Ausbruch aus der grünen Hölle“.

2016 soll damit endlich Schluss sein und Frieden in das Land kehren. Die Farc-Rebellen sollen die Waffen niederlegen, die Regierung soll mit ihnen verhandeln und die Bevölkerung soll vergeben. Zu dieser Zeit ist Peters noch Volontär bei der SZ. „Das war eine riesige Sache in Lateinamerika. Der Bürgerkrieg ging nach 50 Jahren zu Ende. Da wollte ich etwas Großes machen.“ Im Rahmen einer Pressereise des Vereins Journalists Network reist der Nachwuchsjournalist im November 2016 für die SZ nach Kolumbien.

Rodolfo Oviedo ist der Protagonist der Reportage. Peters lernt den vom Krieg gezeichneten Mann in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá zufällig kennen. Auf einem Plastikstuhl sitzt Oviedo auf der Plaza Bolivar, in einem Aktivistencamp mitten im Herzen der Stadt. Er hat seine Familie während des Bürgerkriegs verloren und wurde selbst von einer Kugel in den Rücken getroffen. Seither kann Oviedo sein rechtes Bein nicht mehr bewegen. Trotzdem will er für den Frieden kämpfen. 

Pressereise und eigene Recherchen 

Die Pressereise bietet Peters ein gutes Rahmenprogramm: Hintergrundgespräche in der Botschaft, Treffen mit Arbeitern auf einer Kaffeeplantage. Dadurch kommt der Volontär an Leute aus Kolumbien. Freie Tage nutzt er zur eigenen Recherche. „Die Reportage ist letztendlich ein Mischung aus freier Recherche und Informationen aus dem Rahmenprogramm der Pressereise“, sagt Peters. 

Vom Lateinamerika-Korrespondent der SZ bekommt er den Tipp, sich in der Armen- und Flüchtlingssiedlung Ciudad Bolívar umzuhören. An einem dieser freien Tage betritt der Journalist mit einem Sozialarbeiter die Siedlung, die von Gewalt, Drogen und Perspektivlosigkeit geprägt ist. „Der Sozialarbeiter – ich glaube, er hieß Miguel – kennt die Leute und weiß, wer gut reden kann. Er gibt dir aber auch Sicherheit. Ciudad Bolívar ist so  ein Ort, da sollte man als weißer Europäer, der offensichtlich mehr Geld hat als die Menschen, die dort leben, nicht allein hingehen“, berichtet Peters. Miguel gibt den Polizisten vor der Siedlung ein Zeichen. Sie eskortieren den Journalisten und den Sozialarbeiter auf ihrem Weg durch die Armensiedlung und bleiben auch während der gesamten Recherche und den Interviews in der Nähe. „Da fühlt man sich schon unwohl. Man fragt sich, warum das überhaupt nötig ist, unter Polizeischutz zu recherchieren.“ 

In Ciudad Bolívar trifft Peters auf Juliana Prado. Sie erzählt ihm ihre Geschichte, die er so ähnlich auch von anderen Kriegsopfern hört. Genau wie Rodolfo hat sie ihre Heimat verloren, musste fliehen. Anders als Rodolfo kann sie nicht nach vorn schauen, das Positive fehlt. „Es gibt viele unter den Kriegsopfern, die den Friedensprozess infrage stellen. Juliana ist eine von ihnen. Sie sollte in der Geschichte für die Kritiker stehen“, erinnert sich Benedikt Peters. Die Recherche in der Armensiedlung ist für ihn etwas Besonderes: „Ich war im Vergleich zu den Leuten dort wahnsinnig privilegiert. Ich bin da reingegangen mit meinem Diktiergerät, was sich dort niemals jemand leisten könnte. Ich bin aber zu dem Schluss gekommen, dass ich einen positiven Teil dazu beitrage, dass die Leute in Ciudad Bolívar Aufmerksamkeit bekommen. Ich mache auf Missstände aufmerksam. Das ist meine Aufgabe als Journalist.“ 

Gefängnisbesuch bei Farc-Kämpfern

Den dritten Protagnisten trifft Peters während eines Termins von Journalists Network. Eine Reiseleiterin organisiert einen Besuch in einem Gefängnis der Stadt Medellín, in dem Dutzende Farc-Kämpfer inhaftiert sind. Medellín ist eine Stadt, die nord-westlich der Hauptstadt Bogotá liegt.

Das Problem: Die Gruppe besteht aus 15 Journalisten, aber nur fünf von ihnen dürfen in das Gefängnis. „Ich wollte das unbedingt machen, in das Gefängnis gehen und mit Farc-Kämpfern reden. Dann hatte ich einfach Glück. Wir haben gelost und ich habe dann ein Los gezogen“, erzählt Peters.

Im Gefängnis trifft er Durián. Mit elf Jahren hat der sich der Farc angeschlossen und im Dschungel gelebt. Durián erzählt dem SZ-Volontär, dass er keine Wahl gehabt habe. Die Paramilitärs töteten wahllos. Auch seine Brüder wurden Opfer. Durián verschweigt, was er genau bei der Farc gemacht hat. „Ich halte es zumindest für möglich“, so Peters, „dass er Leute umgebracht hat. Das war eine krasse Situation für mich. Aber als ich mit den Leuten im Gefängnis geredet habe, habe ich auch gemerkt, dass ganz viele verschiedene Leute auch Opfer sind in diesem Konflikt.“

Zur richtigen Zeit am falschen Ort

Innerhalb der gut zwei Wochen in Kolumbien plant der Journalist eine Pause: zwei Tage im Dschungel. Eine kleine Journalisten-Gruppe in einer abgelegenen Finka, direkt am Strand – und ohne Internet. Doch eine plötzliche Nachricht wirft den Plan von der ruhigen Auszeit über den Haufen. Genau an einem dieser Abende gibt nämlich der damalige Präsident Juan Manuel Santos bekannt, dass die Friedensverhandlungen mit den Farc stattfinden sollen, obwohl eine knappe Mehrheit bei einer Volksabstimmung dagegen gestimmt hatte – für Lateinamerikajournalisten eine wichtige Nachricht. „So wie bei uns damals die Flüchtlingskrise dominiert hat, war es dort der Friedensprozess“, sagt Peters.

Die Heimatredaktionen in Europa freuen sich, weil sie Kollegen vor Ort haben, die darüber einen größeren Artikel schreiben könnten. „Genau das war aber nicht so. Wir hielten uns ja in diesem Dschungel auf, wo niemand war, wirklich niemand, den wir hätten fragen können und Internet gab es auch nicht“, erinnert sich Peters. Auf dem Weg zur Finka halten die Journalisten an einer Kneipe und befragen die Kolumbianer dort. „Dann haben wir mit Hilfe eines Stromgenerators unsere Laptops zum Laufen gebracht und schnell in die Tasten gehackt. So haben wir es geschafft, am nächsten Morgen einen Text abzuschicken.“

Eine große Online-Reportage

Etwa vier Monate arbeitet Benedikt Peters an seiner Reportage. Bilder und Videos macht er zum Teil selbst, er wird aber auch von Kollegen unterstützt, die mit ihm auf der Recherchereise gewesen waren. Peters entwirft ein Konzept, überlegt sich Grafiken, Text und Aufbau der Geschichte. Das Ergebnis ist ein Long-Read mit Loop-Videos, Fotos und Grafiken, den Peters mit dem Entwicklungsteam der SZ produziert hat. „Das ist der Grund, wieso ich mit dieser Geschichte so zufrieden bin. Es ist eben nicht eine Online-Geschichte, die mit einem 08/15 Redaktionssystem gemacht und dann irgendwo online versendet wurde“, betont der heutige Online-Redakteur.

Eine Auswertung zeigt: Etwa 5.000 Menschen lesen die Geschichte. Das ist nicht besonders viel, aber die Leser haben die Geschichten von Rodolfo Oviedo, Juliana Prado und Durián sehr weit gelesen. Benedikt Peters erklärt: „Ich bin nicht traurig, dass ich mit dieser Geschichte nicht auf die Seite drei der Printausgabe gekommen bin. Das war nicht mein Ziel. Es ist meine erste große Reportage für die SZ aus Lateinamerika, und ich finde, dass der Long-Read sehr hochwertig aussieht.“

Zurück zur Werkstatt-Übersicht: Wie Web-Reportagen entstehen
 

Die Redaktion - 29.4.2019