Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Der Begriff Staatsjournalismus als "polemische Zuschreibung"
Michael Hanfeld: "Fragen Sie gleich auch noch, ob ich irgendwelche Befehle bekomme, bei dem, was ich schreibe?" (Foto: FAZ/Frank Röth)

Der Medienjournalist Michael Hanfeld ist für seine spitze Zunge bekannt. Besonders mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk setzt sich der FAZ-Redakteur regelmäßig kritisch auseinander. Im 6.Teil unserer Serie zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks spricht Hanfeld über „das Finanzgebaren" der Sender und darüber, wie ARD und ZDF aussehen müssten, damit er keinen Grund mehr hätte, Kritik an ihnen zu üben.

Interview von Theresa Templin

journalist: Sie setzen sich sehr kritisch mit dem öffentlich-rechtlichen System auseinander. Warum?
Michael Hanfeld: Ich setze mich mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk genauso kritisch auseinander wie mit unserer gesamten Medienlandschaft. Nämlich immer dann, wenn ich denke, dass inhaltliche Kritik notwendig ist – sei es Kritik am Programm oder an der Medienpolitik der Senderverantwortlichen, die sie in eigener Sache oder auch ganz allgemein betreiben.

Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders negativ auffällt?
Nein. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass gerade Medienkritik von Kollegen als etwas Negatives aufgefasst wird, wo doch kritische Begleitung ein Wesensmerkmal des Journalismus ist. Warum sollte man ausgerechnet da aufhören, wo es um andere Journalisten und Medienhäuser geht? Aber es stimmt schon, dass das Finanzgebaren der öffentlich-rechtlichen Sender ein nicht enden wollendes Thema ist. Darum widme ich ihm besonders viel Aufmerksamkeit.

Die Präsenz der Öffentlich-Rechtlichen im Internet ist für viele Verlage ein großes Thema. Ist es nicht naiv zu glauben, dass das ARD und ZDF am Internet vorbeikommen?
Dass die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet sein müssen, ist vollkommen klar. Gerade die audiovisuellen Inhalte kann man locker eins zu eins ins Internet übertragen. Die werden ja auch gestreamt und stehen in der Mediathek. Bei Texten wäre eine Beschränkung des öffentlich-rechtlichen Angebots aber schon wünschenswert. Ich finde das ist ein Punkt, an dem man sich einigen muss. Meiner Meinung nach gehen die Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen im Netz über den Auftrag von ARD, ZDF und Deutschlandradio hinaus.

Hintergrundinformationen gehören Ihrer Meinung nach also allesamt in den Hör- oder Videobeitrag?
Ich kann nicht nachvollziehen, dass Fernsehnachrichten inzwischen nur noch Stichworte nennen und zum Schluss der Satz kommt: Alles weitere erfahren Sie bei tagesschau.de oder heute.de. Obwohl das bei tagesschau.de deutlich häufiger passiert. Da werden Inhalte hinzugefügt, die es im Programm nicht gibt, weder im Fernsehen noch im Radio.

Im März gab es in der Schweiz eine Abstimmung über die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems, die No-Billag-Initiative. Die Abschaffung wurde abgelehnt, Reformen aber gewünscht. Welche Reformen braucht das deutsche System?
ARD, ZDF und Deutschlandradio behaupten stets, sie hätten zu wenig Geld. Ich glaube, das Geld reicht doppelt und dreifach. Es wäre möglich, noch mehr gutes öffentlich-rechtliches Programm zu machen, wenn die Anstalten effizienter organisiert wären. Das geloben sie seit Jahr und Tag, aber ich kann nicht erkennen, dass eine Strukturreform stattgefunden hätte.

Würden Sie sich eine Zusammenlegung von ARD und ZDF wünschen?
Nein. Aber ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass ein gemeinsames WM-Studio von den beiden Sendern wie jetzt in Baden-Baden nicht als Besonderheit herausgestellt wird. So etwas sollte die Regel sein. Es wäre auch schon viel geholfen, wenn man nicht alle Kanäle verdoppeln und verdreifachen würde. Phoenix genügt als Nachrichtenkanal von ARD und ZDF, darüber hinaus braucht man keine weiteren digitalen Kanäle, die ebenfalls Nachrichten bringen, die schon in den Hauptprogrammen enthalten sind.

Sollten die Öffentlich-Rechtlichen Ihrer Meinung nach im Hinblick auf die Presse stärker reguliert werden?
Ich wünsche mir, dass es eine formale Unterscheidbarkeit gibt zwischen dem, was öffentlich-rechtliche Sender im Internet machen, und dem, was Presseverlage im Internet machen. Ich finde es wichtig, dass im Rundfunkstaatsvertrag steht, dass die Angebote der Öffentlich-Rechtlichen nicht presseähnlich sein dürfen. Andernfalls werden Zeitungen und Zeitschriften langfristig nicht mehr überleben.

In der Schweiz sollen nun keine Texte der Öffentlich-Rechtlichen ohne eine Verknüpfung zu Audio oder Video im Internet veröffentlicht werden. Diesen Schritt hatte WDR-Intendant Tom Buhrow vor einigen Monaten auch in Erwägung gezogen. Wäre dies ein Schritt zur Lösung?
Das halte ich für einen sinnvollen Schritt.

Für Ihre kritischen Beiträge erhalten Sie selbst viel Kritik. Können Sie das nachvollziehen?
Na klar kann ich das nachvollziehen. Wenn man sich kritisch äußert, muss man auch damit rechnen, von anderen kritisiert zu werden, und zwar von A bis Z und von allen Seiten. Das finde ich auch in Ordnung. Was nach meinem Dafürhalten eher weniger sinnvoll ist, sind persönliche Angriffe. Aber das gehört auch mit zum Geschäft.

Also Kritik gerne, aber nicht persönlich?
Polemisch gerne. Aber besonders auf Twitter wird das schon mal zu einem persönlichen Ping-Pong. Das ist nicht mein Fall.

2010 sorgte einer Ihrer Kommentare für Aufsehen. Es ging um eine ARD-Studie und die Nutzung des Internets. Sie verwendeten Begriffe wie „Staatsjournalismus“ und verkündeten „einen totalen Machtanspruch und das Ende der freien Presse“. Dafür ernteten Sie nicht nur von den Öffentlich-Rechtlichen viel Kritik. Würden Sie heute noch einmal so weit gehen?
Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht so genau daran erinnern. Aber dass ich im Tonfall nicht zimperlich bin, stimmt. Das müsste ich mir jetzt nochmal genau angucken.

Wie stehen Sie denn zu den Begriffen „Staatsjournalismus“ und dem „totalen Machtanspruch“ aufseiten der Öffentlich-Rechtlichen?
Es kommt darauf an, in welchem Zusammenhang man den Begriff „Staatsjournalismus“ verwendet. Wenn ich den Eindruck habe, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu nah an der Regierungspolitik ist, kann ich mir das als polemische Zuschreibung vorstellen. Ich würde mir das nicht komplett vom Munde absparen.

Wenn man Ihre Kommentare regelmäßig liest, könnte man meinen, dass Sie ein persönliches Problem mit den Öffentlich-Rechtlichen haben. Ist das so?
Haben Sie den Eindruck?

Von Zeit zu Zeit, ja. Besonders, wenn ich solche Begriffe und die Kontinuität der Beiträge betrachte.   
Also, ich habe keine persönlichen Probleme mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich bin auch nicht auf einem persönlichen Rachefeldzug. Wenn man zwei-, dreimal in dieselbe Kerbe haut und das vielen Leuten nicht passt, bekommt man schnell einen Stempel aufgedrückt. Das ist im Journalismus gang und gäbe.

Hat Ihre Themensetzung und Kontinuität mit Ihrem Arbeitgeber zu tun? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) streitet sich ja schon länger mit den Öffentlich-Rechtlichen über deren Internetauftritt.
Fragen Sie gleich auch noch, ob ich irgendwelche Befehle bekomme, bei dem, was ich schreibe?

Nein, aber Sie haben bei der FAZ Karriere gemacht. Und da gibt es ja auch so etwas wie Tendenzschutz.
Die Antwort lautet: nein.

Wie würden Sie sich die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Budget auch künftig auskommt. Und dass er seinem Grundversorgungsauftrag mit Information, Kultur, Bildung und Unterhaltung nachkommt. Dazu gehört, eine große Meinungsvielfalt abzubilden und Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Wenn das der Fall wäre, hätte ich überhaupt keinen Grund mehr, Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen zu üben.

Finden Sie, dass die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen zu einseitig ist?
Ja.


Zur Person:
Michael Hanfeld leitete seit 1998 zunächst das Medienressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), nachdem er zuvor drei Jahre lang Redakteur der Medienseite war. Seit Dezember 2013 ist der Medienjournalist stellvertretender Feuilletonchef der FAZ. Er gilt als scharfer Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems.

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Die Redaktion - 4.9.2018