Daniele Ganser
Ein Star der Gegenöffentlichkeit
Seine Thesen sind umstritten, aber seine Fangemeinde ist groß: Historiker und Bestseller-Autor Daniele Ganser. (Foto: Michael Peter)

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser sorgte ab dem Jahr 2005 mit seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen für Aufsehen. Sogar der Spiegel griff seine Forschung auf. Inzwischen wird Ganser in der Wissenschaftswelt gemieden, seine Thesen gelten mindestens als fragwürdig. Dafür ist er ein Star der sogenannten Gegenöffentlichkeit geworden. Auch bei Auftritten und Vorträgen zieht der 46-Jährige ein großes Publikum an. Der journalist hat Daniele Ganser getroffen. Ein Porträt.

von Matthias Holland-Letz

Bologna, am 2. August 1980. Im Bahnhof explodiert eine Bombe – und tötet 85 Menschen, mehr als 200 werden verletzt. Ein Terroranschlag, zu dem der Spiegel 25 Jahre später Hochbrisantes veröffentlichte: Das Attentat von Bologna sei organisiert oder unterstützt worden „von Menschen in Institutionen des italienischen Staates und Männern, die mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA in Verbindung standen“. Der Spiegel zitiert zudem einen geständigen Rechtsterroristen mit den Worten: „Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten.“

Der Spiegel stützte seinen Bericht auf die Doktorarbeit eines jungen Historikers aus der Schweiz: Daniele Ganser. Der hatte zu der sogenannten „Operation Gladio“ und Nato-Geheimarmeen geforscht – und viel Anerkennung erhalten. Etliche Redaktionen griffen das Thema auf, zitierten Ganser als Experten. Seine Doktorarbeit wurde als Buch publiziert, auch auf Englisch, Französisch und Spanisch.

2006 erschien ein weiterer Medienbericht, der Aufsehen erregte. Doch dieser Text läutete das Ende von Gansers Hochschulkarriere ein: „Der erbitterte Streit um den 11. September“, abgedruckt im Schweizer Tages-Anzeiger. Hier hatte Daniele Ganser die Theorie veröffentlicht, dass die US-Regierung vom bevorstehenden Anschlag auf das World Trade Center in New York unterrichtet war – und bewusst nichts unternahm. Warum? „Um eine Serie von Kriegen zu legitimieren, von denen jene in Afghanistan und im Irak nur die ersten zwei seien“, heißt es in dem Text. „Ich hatte lange gedacht, inszenierten Terror kann es nicht geben“, sagt Daniele Ganser rückblickend. Doch als er zur „Operation Gladio“ forschte, „legte sich bei mir ein Schalter um. Klick“.

Er wisse heute, sagt Ganser im Gespräch mit dem journalist, „dass man durch Terrorismus die Bevölkerung täuschen kann“. Der Artikel zum 11. September 2001 (kurz: 9-11) zeigte Wirkung. „Sofort hat der amerikanische Botschafter interveniert und mich als Verschwörungstheoretiker diffamiert“, sagt Ganser. Sein Vertrag an der ETH Zürich wurde nicht verlängert. Auch sein Doktorvater distanzierte sich laut Presseberichten inzwischen von ihm. Doch Ganser erfuhr auch Zuspruch. Von vielen Menschen habe er E-Mails erhalten. Tenor: „Bleiben Sie dran. Wir brauchen Historiker wie Sie.“ Heute gibt Ganser den unerschrockenen David im Kampf gegen Goliath: „Wenn Sie Kriegslügen auf den Grund gehen, werden Sie angegriffen. Das wird immer so sein.“ Inzwischen leitet er in Basel sein eigenes Institut SIPER („Swiss Institute for Peace and Energy Research“). Geld verdient er mit seinen Büchern – und mit Vorträgen, der Eintritt kostet 25 Euro und mehr.

Denkverbote?

Freiburg im Breisgau, ein spätsommerlicher Abend. Langsam füllt sich der Paulussaal an der Dreisamstraße. Ganser, blauer Anzug, offenes Hemd, betritt um 19 Uhr die Bühne. Sein Thema: „Illegale Kriege. Der Imperialismus der USA und das Gewaltverbot der Uno“. Vieles, was der Schweizer erzählt, ist weder neu noch strittig. Im Irak habe es Schätzungen zufolge „eine Million Tote“ seit 2003 gegeben, seit dem Angriff der USA und der Briten. Es handele sich um einen illegalen Krieg. Denn laut Uno seien Kriege nur erlaubt, wenn es sich um Selbstverteidigung handelt oder wenn der Uno-Sicherheitsrat zugestimmt hat. Der Beamer wirft ein berühmtes Foto an die Saalwand: US-Außenminister Colin Powell im Jahr 2003, als er die Welt vor den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins warnte. Ganser erinnert daran, dass Zeitungen wie Bild oder New York Times diese gefälschte Story verbreiteten. „Wenn wir nicht so viele Lügen hätten, hätten wir auch nicht so viel Gewalt“, betont Ganser.

Sein Publikum erreicht Ganser auch per Facebook. Gut 100.000 Menschen haben seine Seite abonniert. Wer ihr folgt, liest mitunter höchst Geschmackloses. Etwa über Tote, die es in Wirklichkeit nie gegeben habe. Am 19. Dezember 2017 postete der Schweizer die Empfehlung, einen Artikel des Onlineportals Rubikon zu lesen, das sich selbst als „Gegenöffentlichkeit“ sieht. In diesem Text schwadroniert ein Mann namens Elias Davidsson über den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Damals starben zwölf Menschen, 67 wurden verletzt. Doch Davidsson, ein Musiker und Programmierer, der ein Buch über 9-11 veröffentlichte, schreibt: „Die Angehörigen zeigen nicht das geringste Interesse an einer Aufklärung der Todesumstände ihrer Verwandten.“ Noch heftiger: „Niemand hat die Anwesenheit der mutmaßlichen Todesopfer am Breitscheidplatz bestätigt.“ Es bestehe „ein dringender Verdacht, dass das Berliner Ereignis vom 19.Dezember 2016 eine Staatsoperation gewesen war“. Wie kann Ganser, der sich als seriöser Historiker präsentiert, so einen Text bewerben?

An einem Detail festgemacht

Der Schweizer stimmt einem Interview zu. Warum er Elias Davidsson für seriös halte? „Ich weiß, dass er angefeindet wird“, antwortet Ganser. „Alle, die sich kritisch mit 9-11 befassen, werden angefeindet.“ Ganser lobt Davidsson. „Ich habe den Eindruck, er ist ein sehr hartnäckiger Forscher.“ Wie er auf die Idee kam, dessen Text über das Berliner Attentat zu posten? „Weil ich der Meinung bin, man muss jeden Terroranschlag genauer anschauen.“ Aber es sei doch makabrer Unsinn, zu bezweifeln, dass auf dem Breitscheidplatz Menschen getötet wurden. Wer so etwas schreibe, sei der nicht indiskutabel? „Das ist Ihre Sicht“, entgegnet Ganser. „In Italien hat man auch immer gesagt, es sei indiskutabel, dass es Gladio gibt, dass Gladio mordet.“ Er sehe „Denkverbote“. Und Denkverbote „habe ich immer eingerissen“.

Daniele Ganser fordert auch, den Pariser Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erneut zu untersuchen. Und in seinem Buch „Illegale Kriege“ verbreitet Ganser den Verdacht, das Video von der Enthauptung des US-Journalisten James Foley durch den IS sei gefälscht.

Zurück in den Paulussaal. Hier gibt sich der Schweizer locker. „Sind Sie noch da? Mögen Sie’s?“, fragt er die Anwesenden. Zwischendurch bringt er Anekdoten. Da habe er zuhause mal die Tochter angeschnauzt. Die Zwölfjährige parierte: „Papa, du musst nicht rumbrüllen. Du bist doch der Friedensforscher!“ Der Saal lacht. Dann spricht Ganser über 9-11: Neben den Zwillingstürmen sei ein drittes Gebäude zerstört worden, das Hochhaus WTC 7. Nach dem Einsturz der Türme fing das Gebäude Feuer, am Nachmittag fiel es zusammen. Schweizer Baustatiker hätten ihm gesagt, der Brand könne nicht die Ursache für den Einsturz gewesen sein. Es sei „mit großer Wahrscheinlichkeit fachgerecht gesprengt worden“. Die US-Behörden widersprechen. „Und wie berichten die Medien?“, fragt Ganser das Publikum. Er präsentiert eine Ausgabe des Spiegels aus dem Jahr 2003. Von „Konspirationsfanatikern“ ist hier die Rede, von einem „Panoptikum des Absurden“. Dann zeigt er das Foto eines Rubikon-Artikels von 2018. „Der 9-11-Fake“, lautet die Überschrift. „Tenor des Artikels“ sei, „alle drei Türme wurden kontrolliert gesprengt“, erläutert Ganser. Anders sei der Einsturz „aus rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten“ nicht zu erklären. Ganzer betont: „Ich finde den Rubikon-Artikel besser.“ Das Publikum wirkt beeindruckt.

Es ist das typische Vorgehen von Daniele Ganser. Es ist das typische Vorgehen, um dubiose Welterklärungsthesen zu verbreiten. Man pickt sich einen Aspekt heraus, der umstritten ist, möglicherweise falsch oder unvollständig dargestellt wurde. Hier die Ungereimtheiten bei dem Einsturz des WTC 7. Und daraus entwickelt man ein großes Ganzes: Alle drei Türme des World Trade Centers kontrolliert gesprengt?

Es sind Portale eben jener sogenannten „alternativen“ Medien wie Rubikon oder KenFM, die Daniele Ganser eine Plattform bieten. Dass manche seiner Positionen – neben vielem Unbestreitbarem und Unbestrittenem – absurd, unhaltbar oder verbogen sind, disqualifiziert ihn in den Augen seiner Anhänger nicht. Im Gegenteil, es macht diese Positionen fast noch wertiger, wenn sie von seriösen Medien abgelehnt und abgestoßen werden. „Falsch“ scheint kein Kriterium zu sein, wenn es gegen vermeintliche „Denkverbote“ geht.

„Nato-konforme Blätter“

Meinungsstark präsentiert sich der Historiker auch bei anderen Themen. „Deutschland ist natürlich ein besetztes Land“, sagte er einem Reporter der Website cashkurs.com. „Ein besetztes Land zeichnet sich dadurch aus, dass man fremde Truppen auf dem eigenen Boden hat.“ Bei einer Protestveranstaltung gegen die US-Air-Base Ramstein im September 2017 behauptete Daniele Ganser: „Deutschland wird immer noch niedergedrückt mit dem Stichwort Hitler/Nationalsozialismus. “Das sei „psychologische Kriegsführung“. Es handele sich um einen „Trick, um Sie runter zu bügeln“. Das sieht die NPD genauso.

Auch diese Aussagen rechtfertigt der Schweizer im Interview. Deutschland, ein besetztes Land? Aber ja. „Warum ist die Bundeswehr in Afghanistan? Weil das Besatzungsland von Deutschland, die USA, gesagt hat, wir müssen nach Afghanistan“, argumentiert Ganser. Aber Deutschland habe sich doch weigern können, bei den Kriegen im Irak und in Libyen mitzumachen – wie passe das zu seiner Theorie? „Es heißt ja nicht, dass ein besetztes Land immer mitmachen muss.“ Ganser bleibt dabei: „Ich benenne den US-Imperialismus so, wie er wirklich ist.“ Und zum Stichwort Hitler: „Die Verbrechen des Dritten Reiches sind unstrittig.“ Aber Deutschland sei ja auch das Land der Dichter und Denker. Das werde „völlig untergebuttert“. Er habe „immer wieder in Gesprächen gehört, wir haben Kriegsschuld“. Ganser findet: „Die Deutschen trauen sich nicht, die Missstände im US-Imperialismus anzusprechen. Weil es sofort heißt: Was kritisierst du? Du hast keine moralische Autorität! Der Deutsche darf nichts sagen!“

Im Paulussaal geht es nun um Medienkunde. Der Mann im blauen Anzug zählt Spiegel, Bild und die Neue Zürcher Zeitung zu den „Nato-konformen“ Blättern. „Alternative“ Medien im Internet, etwa KenFM, NachDenk-Seiten oder Rubikon seien dagegen Nato-kritisch. Ganser gibt gerne den Studiogast bei KenFM, dem Portal des umstrittenen Berliner Medienmachers Ken Jebsen. Dort darf sich auch der rechtslastige Autor Gerhard Wisnewski ausbreiten oder der nordrheinwestfälische AfD-Politiker Christian Blex. Ganser lässt sich auch von NuoViso.TV einladen. Ein Portal, das die Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman als seriöse Gesprächspartnerin präsentierte, Werbung für den Kopp-Verlag macht und Esoterik-Themen wie „Kornkreise“ und „Nachtodkontakte“ bringt.

Daniele Ganser hat damit kein Problem. „Ich möchte zu den Punkten kritisiert werden, zu denen ich eine Aussage mache.“ Und nicht, „was KenFM oder Rubikon an Themen bringen, die vielleicht anders sind als ich das wünsche“. Ganser weiß, wem er Dank schuldet. „Die alternativen Medien haben mir die Möglichkeit gegeben, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.“

In der Tat. Sein Vortrag über den 11. September, gehalten 2014 in Tübingen, wurde von KenFM mitgeschnitten und auf YouTube veröffentlicht. Das Video erzielte bislang über eine Million Aufrufe. Auch über die NachDenkSeiten, gegründet vom SPD-Mann Albrecht Müller, erreicht Ganser Zehntausende. Sein Buch „Illegale Kriege“ verkaufte sich mehr als 60.000 Mal – ein Bestseller. Im August 2018 hielt er Vorträge in Leipzig und Erfurt, vor 800 und 900 Menschen. In den Freiburger Paulussaal kamen 600 Frauen und Männer, Alte und Junge, Studierende, Friedensbewegte - die Inhaberin eines Fitness- Studios brachte ihrem 15-Jährigen Sohn mit. „In der Schule haben wir noch nie über Kriege geredet“, erzählt der Junge.

Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen, gehört zu den Ganser-Gegnern. „Seine Methode ist, Fragen zu stellen“, sagte Butter der Schweizer Zeitung Blick. So nehme er sich aus der Verantwortung. Aber Ganser suggeriere, „dass die offizielle Version falsch ist und es sich um eine Verschwörung handelt“. Und Markus Linden, Politikwissenschaftler an der Universität Trier, sagt: „Die pauschale Diffamierung von Daniele Ganser wird ihm nicht gerecht.“ Ganser bringe einzelne Aspekte in die öffentliche Debatte ein, „die wichtig sind“. Man könne ihn nur knacken, „indem man einzelne Aussagen widerlege“. Markus Linden sagt aber auch: „Eine wissenschaftliche Herangehensweise würde ich ihm nicht attestieren.“

Matthias Holland-Letz ist freier Journalist, er arbeitet unter anderem für SWR2, WDR5 und den Deutschlandfunk.

 

 

Die Redaktion - 12.12.2018