Floskel des Monats: freiwillige Ausreise

Es erinnert in der Logik an das Gedicht, das jeder kennt: „Dunkel war‘s, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Wagen blitzeschnelle langsam um die Ecke fuhr.“ Die freiwillige Ausreise ist verdient preisgekrönt als Unwort des Jahres 2006. Schon daran lässt sich erkennen, wie lange diese Begriffskaperung in Umlauf ist.

Dabei ist die Mechanik hinter dieser Umetikettierung leicht durchschaubar: Selbst Tütensuppen verkaufen sich besser, wenn mit dem Aufdruck neue Rezeptur über die schlechteren Inhaltsstoffe hinweggeblendet wird. Kaum einer hinterfragt, was an der freiwilligen Ausreise denn freiwillig sein soll, wenn abgelehnte Asylbewerber ihrer Abschiebung zuvorkommen und Deutschland verlassen.

Einen ganz besonderen Beigeschmack steuerte die jüngste Plakatkampagne des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge bei. Völlig unabhängig von der politischen Einschätzung der freiwilligen Rückkehr fällt eines sofort auf: Die Freiwilligkeit wird hier sogar erkauft durch Reisekostenhilfe und andere finanzielle Anreize.

Ein bezahlter Wille zur zwingend vorgeschriebenen Ausreise also, der vielleicht in der Sache praktikabel ist, aber mit dieser absichtlich irreführenden Bezeichnung einen der oberen Plätze in der Euphemismus-Hitparade verdient hat. Die freiwillige Ausreise ist eben kein Gedicht, über das man milde lächeln könnte.

Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt   Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.

Die Redaktion - 4.12.2018